Nachher jedoch ließ er das Singen, und pfiff lieber; denn er

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Hinweise zur Transkription

Das Buch ist in Fraktur gesetzt.

Im Original gesperrter Text ist hier +so ausgezeichnet+.

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des

Buches.

DER JUNGBRUNNEN.

Neue Märchen von einem fahrenden Schüler.

Berlin.

Verlag von Alexander Duncker,

Königl. Hofbuchhändler.

1850.

Vorwort.

Es wird sich Mancher wundern, in der traurigen Zeit lustige Märchen

auftauchen zu sehn und ein lachendes Gesicht zu gewahren, nachdem

kaum die Meduse des Bürgerkriegs den Blick gesenkt hat, mit dem sie

die Furcht auf allen Wangen versteinerte. Auch den lachlustigen Mund

des fahrenden Schülers hatte das Gespenst starr gemacht, daß sich nur

noch ein schmerzlicher Spott darauf regen mochte, und der wäre diesen

Märchen übel zu Gesicht gestanden. Es sei daher bemerkt, daß sie schon

im Jahr 1847 geschrieben wurden, wo der Humor noch im Stande der

Unschuld war und im Flügelkleide harmlos herumlaufen durfte. Der gute

Junge hat schnell ein Mann werden und sich an die Waffen gewöhnen

müssen.

Daß aber das kleine Buch jetzt dennoch in die Welt tritt, bedarf kaum

der Rechtfertigung, wenn es überhaupt je würdig war, vor so Vieler

Augen zu kommen. Schnitzt man doch an den Stock, mit dem man auf Berge

wandert und sich in bösen Händeln durchhilft, ein Pfeiflein, und wenn

es eine ordentliche Flöte ist, um so besser! -- Dann aber das junge

Geschlecht, deren unschuldigen Augen die Gorgo noch nichts anhaben

konnte! Wißt ihr nicht, daß der Wein, der feurig gedeihen soll, viel

Sonnenscheins in seiner Jugend bedarf?

Beiläufig noch ein Wort über gewisse kluge Leute, die auch im Märchen

ihrem Lieblingswild, der sogenannten Idee, nachjagen und es der

Phantasie nie vergeben können, wenn sie von ihr noch so lieblich auf

irren Wegen hin und her gelockt werden. Und doch führt nun einmal das

Märchen nicht in der Ebene, wo das Ziel weit aus der Ferne winkt,

sondern verschlungene, vielfach gewundene Bergpfade hinab und hinauf.

Die Dame Moral, die das ewige ~haec fabula docet~ philisterhaft im

Munde führt, reitet auf ihrem Grauthierchen gerade so weit vorauf, daß

der Wanderer sie immer um die Krümme des Wegs hinter die Felsen biegen

sieht, wenn er sie zu erreichen meint, und nur zuweilen ihr wehendes

Schleierchen oder des Esels Schwanz gewahr wird. Jene klugen Leute

stolpern ihr hastig nach, gerathen in fruchtlosen Schweiß und büßen die

Aussicht ein in die bunte Landschaft und in die frischen Waldgründe

voll Vogelsangs und rauschender Quellen. -- Lieber Leser, wonach

gelüstet dich mehr, nach der fröhlich wuchernden Natur, oder nach jenes

Esels Schwanz?

Unter den heitern Geschichten ist eine betrübte, die zu den übrigen

nach Stil und Stimmung nicht wohl zu passen scheint. Sie ist die

älteste Schwester, entstanden in einer Zeit, da der fahrende Schüler

von einem schwülen Liebesgewitter tief verschattet war. Und die

Vögel singen ja ängstlich und wunderlich, wenn ein Wetter aufzieht.

Er hat aber dies Lied nicht zurückhalten wollen, um seinem Herzen

Genüge zu thun, und wenn es einem schönen dunkeln Augenpaar begegnet,

möge es einen freundlichen Gruß sagen und an Einen erinnern, der gern

vergeßlicher wäre.

Geschrieben in der Schweiz, am 6. Sept. 1849.

Inhalt.

Seite

Das Märchen von der guten Seele 1

Glückspilzchen 15

Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod 71

Veilchenprinz 125

Das Märchen von Blindekuh 141

Fedelint und Funzifudelchen 163

Epilog 217

Das Märchen von der guten Seele.

Es war einmal ein blutarmes, verlassenes Ding, das hieß die gute Seele,

und war schlank und fein gewachsen und hatte rechte Elfenbeinchen,

die aber leider barfuß laufen mußten. Verwandtschaft hatte sie auf

der ganzen Welt nicht; nur einen Bierbruder und eine Kaffeeschwester,

die gingen mit ihr um, als wäre sie das Aschenputtel, und gaben ihr

kein gutes Wort. Das stand die gute Seele eine Zeitlang aus, bis sie

vom Herrn Pastor eingesegnet war. Nun, dachte sie, hab' ich Schuh'

und Strümpfe, da geh' ich in die Fremde, weit weit weg. Aber weil

sie doch einmal die gute Seele war, brachte sie's nicht übers Herz,

fortzulaufen, ohne ihrem Bierbruder und ihrer Kaffeeschwester was davon

zu sagen. Alle die eingesegneten Mädchen, sprach sie, haben sich einen

Schatz angeschafft, und meine Freundinnen schauen sich nicht mehr

viel nach mir um. Ich will sehen, ob ich auch irgendwo einen Liebsten

aufgabele, oder eine neue Freundin. -- Ja, du Zeisig, erwiederte der

Bierbruder, meinethalb magst du nach Lappland gehn, wo du hingehörst!

Aber dein schwarzes Abendmahlskleid lass' ich dir nicht; das Bairische

wird mir immer theurer. -- Und mir geht der Zucker auf die Neige und

der Stippzwieback, sagte die Kaffeeschwester. Gieb flink deine Schuh'

und Strümpfe her! wir müssen Alles wieder auf den Trödel geben. --

Da zogen sie der guten Seele ohne Mitleid ihre alten Fetzchen wieder

an, gaben ihr eine trockne Brotrinde und ließen sie laufen. -- Das

ging langsam genug; denn alle Augenblick kam ein Käfer über den Weg

gelaufen, den konnte sie doch nicht todt treten; oder eine Blume stand

todtmüde oder gar halb ohnmächtig auf der Seite, da mußte sie geschwind

die Händchen in den Bach tauchen und ihr ein bischen Wasser ins Gesicht

spritzen, daß sie wieder zu Athem kam. Das hat man davon, wenn man die

gute Seele ist, sagte sie vor sich. Man wird gar nicht fertig.

Nun kam sie in einen Wald, da standen Erdbeeren in Fülle und sie labte

sich recht daran. Sie werden doch gepflückt, entschuldigte sie sich

dabei, ob ich sie esse oder ein Anderer. Dann setzte sie sich, weil ihr

die zarten Füße weh thaten, holte ihr Tagebuch heraus und beschrieb

ihre bisherigen Reise-Abenteuer, und wie sie damit fertig war, dachte

sie: Singst du jetzt ein Lied, oder nicht? Am Ende weckt es ein krankes

Vöglein, das eine Stunde geschlummert hat. Aber wenn dich gerade eine

sterbende Lerche hört, meint sie, sie vernähme schon den Gesang der

Engel im Himmel und du machst ihr letztes Gebet fröhlich. -- Also fing

sie an zu singen, und das klang recht ordentlich so, als ob eine gute

Seele sänge:

Der Tag wird kühl, der Tag wird blaß,

Die Vögel streifen übers Gras;

Ei wie die Halmen schwanken

Vor ihrer Flügel Wanken,

Und leise wehn ohn' Unterlaß.

Und Abends spät die Liebe weht

Ob meines Herzens Blumenbeet.

Das ist ein heimlich Beben,

Und süße Gedanken weben

Sich in mein tiefstes Nachtgebet.

Du fernes Herz, komm zu mir bald!

Sonst werden wir Beide grau und alt,

Sonst wächst in meinem Herzen

Viel Unkraut und viel Schmerzen;

Da wird's den Blumen gar zu kalt!

Wie sie aufsah, gewahrte sie eine große Tafel am Wege, da stand drauf:

Reitweg. Ach Gott, sagte sie, da muß ich nur wo anders gehn; der arme

Weg wird ohnehin genug von den Hufschlägen zu leiden haben; was soll

ich noch mit meinen dünnen Elfenbeinchen drauf herumstapeln! Sie wollte

eben fort, da hörte sie Einen daherreiten im Schritt, eine prächtige

zerrissene Fahne in der Faust, denn es war der schwarzbraune Fähnrich

mit dem wunderschönen Schnurrbart. Wie den die gute Seele sah, blieb

sie stehn, faßte an ihr Herz und sagte: Gottlob! eben verliebe ich

mich. Der Fähnrich aber ritt heran und sagte: Liebe gute Seele, wo geht

der Weg nach Küssemich? -- Darauf antwortete die gute Seele ganz fix:

Lieber schwarzbrauner Fähnrich mit dem wunderschönen Schnurrbart, es

ist ganz nah, vom Rößlein herab, drei Schritte zu mir, dann ein bischen

gebückt, weil ich eine gar zu kleine Person bin. -- Ach was! sagte der

Reiter, versteh mich recht; ich meine das Dorf Küssemich, das drei

Stunden südlich von Lieberose liegt. -- Da weiß ich den Weg bei Gott

nicht, erwiederte die gute Seele; aber sag, schwarzbrauner Fähnrich,

willst du nicht mein Schatz sein? siehst du, ich bin eben eingesegnet

und habe noch keinen und auch keine Busenfreundin. -- Wie der zu Roß

das hörte, fing er an zu lachen, ritt ohne Antwort weiter und sang:

Nun stehn die Rosen in Blüte,

Da wirft die Lieb' ein Netzlein aus.

Du schwanker, loser Falter,

Du hilfst dir nimmer heraus!

Und wenn ich wäre gefangen

In dieser jungen Rosenzeit,

Und wär's die Haft der Liebe,

Ich müßte vergehen vor Leid.

Ich mag nicht sehnen und sorgen;

Durch blühende Wälder schweift mein Lauf.

Die lust'gen Lieder fliegen

Bis in die Wipfel hinauf.

Wie die gute Seele den Fähnrich so schnöde davonreiten sah, ging sie

auch traurig mitten in den Wald hinein und seufzte dabei: Ach aber er

hat doch einen gar zu schönen Schnurrbart! Wo krieg' ich nun geschwind

so einen Schatz wieder! Indem sie ganz schwermüthig darüber nachdachte,

begegnete ihr ein alter Herr, gar wohl parfümirt, in schönem grünem

Frack, der hieß Waldmeister. Guten Tag, gute Seele, sagte er. Hast du

nicht den schwarzbraunen Fähnrich reiten sehn? Sein Rößlein ist bei mir

eingekehrt und hat mir meine besten Kräuter gefressen, und ist dann

auf und davon, ohne die Zeche zu bezahlen. -- Ach der! sagte die gute

Seele, der ist nach Küssemich geritten. -- Danke schön, erwiederte der

Waldmeister. Nun will ich dir auch einen Gefallen thun. Gehe noch ein

Weilchen, bis wo der Wald hell wird, da wirst du eine Hütte finden, in

der wohnt die Busenfreundin. -- So ließ er die gute Seele auf einmal

allein und wartete ihr Bedankemich gar nicht ab. Die gute Seele aber

war wie im siebenten Himmel, lief was sie konnte und kam richtig an die

lichte Stelle, wo das Hüttlein stand. Da klopfte sie höflich an, und

innen rief's: Nur immer herein, du gute Seele! Das ließ sie sich nicht

zweimal sagen und fand innen wahrhaftig die Busenfreundin, die ihr

gleich einen Kuß gab und sagte: Dein bis in den Tod! Und noch länger

bis in alle Ewigkeit! fügte die gute Seele hinzu, und die Busenfreundin

sagte: Ja freilich!

Nachdem sie einander recht das Herz ausgeschüttet und jede der andern

ihr Tagebuch vorgelesen hatte, zeigte die Busenfreundin der guten Seele

all ihre Herrlichkeiten. Nun war das Hüttchen gar eng, und stand nur

Ein Tisch und Ein Stuhl und Ein Bett darin, aber ein großer großer

Glasschrank, der war ganz voll von Stammbüchern, alle in rothem Sammt

mit Goldschnitt. Da setzten sich die Beiden hin, nahmen ein Stammbuch

und schrieben den halben Tag lang Stammbuchverse; zum Exempel: Nie

verlösche die Flamme der Freundschaft! oder: Rosen und Nelken, alle

diese Blumen welken, aber meine Liebe nicht; lebe wohl, vergiß mein

nicht! und noch eine Menge andrer. Das schrieben sie aber Alles,

weil sie so unzertrennlich waren, mit einer einzigen Feder, weiß der

Himmel, wie sie's gemacht haben, aber wahr ist es. Zu Mittag aßen

sie Sonnenstäubchen mit Freundschaftskalteschale, und schrieben dann

eilig weiter, denn es waren ja noch so sehr viel leere Stammbücher im

Glasschrank.

Plötzlich hörten sie draußen Pferdegetrappel, und die gute Seele sah

zum Fenster hinaus und erblickte den schwarzbraunen Fähnrich auf

seinem Rößlein. Ach Gott! seufzte sie, denke nur, liebe Busenfreundin,

in den habe ich mich vorhin verliebt und er mag mich nicht! Die

Busenfreundin hatte den schmucken Reiter mit dem wundervollen

Schnurrbart wohl bemerkt und sagte: Er ist auch viel zu gut für dich,

du armes Barfüßerchen. Damit stand sie auf und trat zur Hütte hinaus.

Die gute Seele blieb ganz traurig sitzen und schrieb weiter: »Heiter

und helle riesele die Quelle deiner dich ewig liebenden guten Seele«,

horchte aber immer hinaus. Da vernahm sie, wie der schwarzbraune

Fähnrich der Busenfreundin erzählte, er wäre einem Herrn im grünen

Frack begegnet, der habe ihm die Wege gewiesen nach Küssemich; es wär'

aber ein completter Filou, denn er habe ihn schmählich in die Irre

geführt. Er kenne ihn schon und werd's ihm eintränken. Ei, erwiederte

die Busenfreundin, den Weg nach Küssemich weiß ich wohl. Ihr müßt

aber Hochzeit mit mir halten. Indessen schrieb die gute Seele drinnen

in der Hütte: Ich will hinein und muß hinein, und soll's auch in die

Quere sein! Dann rief sie: Busenfreundin, Busenfreundin! kommst du

bald? -- Gleich! gab die zur Antwort; aber sie saß schon hinten bei

dem schwarzbraunen Fähnrich auf dem Sattel. Wie sie nun immer noch

nicht kam, schaute die gute Seele durchs Fenster und bekam ihren ganz

ordentlichen Schreck. Um Gotteswillen, Busenfreundin, wo willst du

hin? -- Hochzeit machen, gute Seele! -- So laß mich doch wenigstens

deine Brautjungfer sein! -- Das geht nicht, gute Seele, hast ja weder

Strumpf noch Schuh, auch kein sauberes Kleid dazu! -- Was soll ich

nun aber machen so allein? -- Stammbuchverse, gute Seele; alle die

Stammbücher schenk' ich dir; und nun leb wohl, und wirst du einst an

deine Freundinnen denken, denk doch auch an mich zurück! Wirst du

ihnen Stunden schenken, schenke mir nur einen Augenblick! -- Wie sie

das gesagt hatte, machte das Rößlein Kehrt, der schwarzbraune Fähnrich

schwenkte seine Fahne und sang:

Mein Herzblut geht in Sprüngen,

Mein Rößlein geht im Trab.

Das nenn' ich noch ein Reiten!

Wildfremdes Land zur Seiten;

Bergauf da geht's fein sachte,

Und hurrah fliegt's bergab.

Der Gaul kennt alle Schenken,

Da kaut er süßes Gras.

Sein Herr ißt Kraut im Schüßlein

Und giebt dem Mädel ein Küßlein;

Dann trinkt er einen Schoppen --

Ei das gefällt ihm baß.

Damit flogen die zwei in den fernen Forst hinein und es war grabstille

um die Hütte herum, so daß man die Thränen fallen und tropfen hörte,

die die gute Seele weinte. Die aber hatte auch nicht länger Ruh und

Rast in der Hütte der Busenfreundin, schrieb nur noch auf das letzte

Blatt eines Stammbuchs: »Wer dich lieber hat als ich, der schreibe sich

hinter mich«, und nahm's mit zum Andenken; dann ging sie hinaus und

wieder zwischen die Bäume, daß ihr ordentlich gruselte, denn die Vögel

flogen ihr dicht an dem Köpfchen vorbei und alle Augenblick stieß sie

ihre Elfenbeinchen wund. Sie kam auch wieder ins freie Feld, begegnete

aber keiner Seele, als einem Ehemann, der an einem langen Bindfaden

seinen Hausdrachen steigen ließ, und der guten Seele von Herzen

gratulirte, daß ihr der schwarzbraune Fähnrich durchgegangen sei; sonst

wäre sie am Ende auch ein Hausdrache geworden, obwohl sie so eine gute

Seele sei; denn in der Ehe da würden die Allerbesten hochfahrend. Da

bat die gute Seele noch für den Hausdrachen, und wenn der Bindfaden

risse, wär's doch ein halsbrechend Ding, bis der Ehemann endlich

nachgab. Gottlob! dachte die gute Seele und ging ihrer Wege weiter.

Nun kam sie auf einen hohen Berg, drauf im Winter ewiger Schnee lag;

dazumal aber war er schön grün. Oben stand eine Hütte, und man hörte

einen schnarchen drinnen. Da wollte die gute Seele schon wieder weg, um

den Schläfer nicht zu stören; aber auf einmal kam ein Erzengel durch

die Luft daher, und das war der Michael, der rief: Jacob, Jacob! es

ist sieben, Uhr! Wie lange wird's heute mit den Sternen? der Herrgott

hat eben das Psalmbuch weglegen müssen, weil's so dunkel ist. -- Nach

einer Weile kam der alte Jacob richtig herausgewackelt aus der Hütte,

und hatte ziemlich schief geladen, so daß die Himmelsleiter, die er

auf der Schulter trug, gefährlich hin und her schwankte. Laßt einem

doch auch sein bischen Ruhe! brummte er; die alten Knochen sind lahm

genug. Aber sieh da, da ist ja die gute Seele. Ei komm näher, liebes

Kind! wart da ein bischen, bis ich oben die Lampen angezündet habe;

dann sollst du schon dein blaues Wunder sehen. Damit drückte er die

gute Seele auf ein Bänkchen neben der Hütte, stellte dann die Leiter an

die Sterne an, der Reihe nach, und kletterte, für seine Jahre behend

genug, hinauf. Dann macht' er's wie die Laternenputzer sonst, und

rutschte ganz bequem wieder herunter; und das that seinen Beinkleidern

gar nichts, denn die waren von dem Fell des Schafböckleins, mit dem er

seinen Bruder Esau betrogen hatte. Als oben Alles gehörig brannte,

nahm er die gute Seele auf den Arm und stieg mit ihr bis in den Himmel

hinauf; das war noch eine gute Viertelstunde höher, als zu den Sternen.

Am Himmelsthor aber übergab er sie dem heiligen Thürhüter Sankt Peter,

der mit dem Erzengel Michael die gute Seele gar freundlich empfing

und zu einer Menge kleiner Engel schickte, die auf einer großen Wiese

Ringel-Ringel-Rosenkranz spielten. Da lieh ihr gleich eins seine

Flügel, bis der Herrgott ihr neue hatte machen lassen, und gab ihr auch

ein Stückchen Heiligenschein ab, womit sie vorläufig sich behalf. Nun

kann jeder denken, wie froh die gute Seele war, und daß sie geschwind

all ihre Stammbuchblätter vertheilte. Es war auch dafür gesorgt, daß

auf der Wiese weder Blumen noch Gras wuchsen, die sie hätte zertreten

können; und doch war's weich und ihre Elfenbeinchen thaten ihr nimmer

weh.

So lebte die gute Seele alle Tage in lauter Freuden, und lernte sehr

schön Choral singen und Sternschnuppen aus Goldpapier schnitzeln.

Ihren Bierbruder und ihre Kaffeeschwester sah sie nicht wieder,

weil die nicht in den Himmel kamen. Aber einmal, als sie gerade am

Himmelsfenster stand und hinunterschaute, sah sie die Busenfreundin

an einem langen Bindfaden in der Luft schweben; denn sie war auch

ein Hausdrache geworden und sehr hochfahrend, und unten stand der

schwarzbraune Fähnrich mit dem wundervollen Schnurrbart und ließ sie

steigen. Hui! da kam plötzlich ein Windsbräutigam angeflogen und

entführte die Busenfreundin hoch in die Luft, und der schwarzbraune

Fähnrich hielt sich an dem Bindfaden fest und flog seinem Hausdrachen

immer nach. So schwebten sie zwischen Himmel und Erde und konnten

gar nicht wieder Ruhe finden. Wie die gute Seele das sah, fing sie

bitterlich an zu weinen; denn es war doch ihre Busenfreundin. Da trat

plötzlich der Herrgott zu ihr heran und sagte: Es hilft dir nichts,

gute Seele; 's ist ihnen schon ganz recht, und sie müssen noch ein paar

tausend Jahre so herumfliegen. -- Ach Gott, seufzte die gute Seele, und

dann? -- Dann wollen wir weiter sehn, gab der Herrgott zur Antwort;

aber vorläufig ist das Märchen zu Ende.

Glückspilzchen.

Es war einmal ein kleines, flachshaariges Schusterjüngelchen, das die

Dorfbuben den Pechhansel nannten, obwohl sein richtiger Taufnamen ein

gar schöner war, nämlich Johannes. Vater und Mutter hatte er nicht

mehr, die waren alle beide todt. Sein Vormund aber hatte ihn geschwind

einsegnen lassen und zu dem Schuster von Gansdorf in die Lehre gethan,

und ihm noch zum Valet und Angedenken an ihn eine wunderschöne

Zieh-Harmonica mitgegeben, mit acht Klappen und drei Luftlöchern, denn

er sollte ein ganzer Schusterjunge werden, und ohne die Harmonica wär'

er doch nur ein halber gewesen. Trotzdem mochte ihn die Frau Meisterin

nicht leiden, denn er war zuweilen ein bischen grob gegen sie; und den

Herrn Meister konnte er wieder nicht ausstehn, denn der war grob gegen

ihn, und wenn er einen Wasserstiefel verschnitten hatte oder einen

Holzpantoffel, war der Meister nicht faul hinterher, machte ihm einen

warmen Umschlag von Prügeln über den Rücken, und dann konnte man auf

selbigem die vier russischen Nationalfarben schauen, nämlich braun und

blau, und grün und gelb, und die Frau Meisterin, die in der Küche

stand, sagte ganz laut: Es muß immer noch besser kommen.

Hansel aber, wenn er wieder beim Leisten auf dem Schemelchen kauerte

und die hellen Thränen ihm vor lauter Aerger immer noch aus den Augen

liefen, dachte bei sich: Bin ich nicht ein schmucker Bursch, und zu

Pfingsten werd' ich sechzehn Jahr alt? Und hören mich die Dorfmädel

nicht für ihr Leben gern auf der Harmonica spielen? Soll ich mir immer

noch den groben Haselstock auf dem Rücken tanzen lassen? Ja, Kuchen!

schloß er jedesmal; aber es blieb dennoch beim Alten, denn draußen lag

Weg und Steg verschneiet, und die Winde hielten ein Wettrennen und

pfiffen dabei so arge Stücklein, daß einem alles Ausreißen verging.

Da mußt' es Hansel denn aushalten bei dem Herrn Meister und der Frau

Meisterin, obwohl es spitzigkalt war in seiner Kammer und in seinem

Magen auch; denn Warmes, wenn's auch nur ein Süpplein gewesen wäre,

bekam der Arme alle heilige Zeit einmal zu kosten. Warum war er auch

grob zu der Frau Meisterin!

Wie es nun Frühling wurde, heizte ihm zwar die Sonne seine Kammer gar

behaglich ein, und der Kirschbaum, der gerade davor stand, hing voll

schneeweißer Blüten, aber mit der Frau Meisterin ihrer Kost sah's

nicht besser aus. Das kam daher, daß ihr Mann statt des Pfriemen die

Schaufel in die Hand nahm und auf sein bischen Acker ging, um die

Saat zu bestellen. Denn die Dorfleute stellten Schuh und Stiefel in

den Kasten und gingen mit splitternackten Füßen umher in dem lieben

Sonnenschein. Wer aber keine Schuh' trägt, zerreißt keine, und an dem

hat der Schuster sein Recht verloren und des Schusters Hansel auch.

Die Frau Meisterin aber dachte: Wozu füttern wir den Faulenzer? --

Denn vom Ackern und Säen verstand er nichts, weil er aus der Stadt

war, und wollte auch nichts anders sein, als ein ganzer Schusterjunge;

das hatte ja auch der Vormund gewollt. Er lief also den ganzen Tag mit

der Harmonica im Walde herum, suchte sich Beeren, so viel er fand,

und wurde leidlich satt. Zuweilen saß er auch daheim und las. Nun war

freilich nur ein einzig Buch im Hause, eine alte vergriffne Bibel

nämlich; die fing er von vorn an, und die Bilder gefielen ihm über die

Maßen, aber die Geschichten nicht minder.

Eines Tages aber, wie er über dem zweiten Buch Mose war, wurde er

plötzlich ganz tiefsinnig und saß eine ganze Stunde und dachte nach.

Dann klappte er das Buch zu, packte seine Siebensachen zusammen in

ein Bündel und trat marschfertig in die Küche zur Frau Meisterin. Die

machte ein verwundertes Gesicht, wie sie hörte, es gefalle dem Hansel

nimmer bei ihr und er wolle fort und nach den Fleischtöpfen Aegypti

wandern. Denn, sagte er, das ewige Beeren-Essen bringt einen ganz von

Kräften, Frau Meisterin, und Ihre Brotrinden und Kartoffeln haben

mich auch nicht fett gemacht, daß Sie's nur weiß! Adjes also, und

empfehl' Sie mich dem Meister. -- Damit machte er linksum Kehrt und

stapelte was er nur konnte zum Hause hinaus und das Dorf hinab, daß die

Hühner und Gänse kaum Zeit genug hatten, ihm Platz zu machen. Denn er

hatte Angst, daß der Meister ihn einholen möchte und seine Glieder so

zurichten, daß damit nichts anzufangen wäre, am wenigsten eine Reise

nach den Fleischtöpfen Aegypti.

Der Meister kam aber nicht, sondern ein Dirnlein über dem andern.

Denn wie sie den Hansel reisefertig vorbeimarschieren sahen, hielten

sie's nicht aus drinnen, ließen alles stehn und liegen und liefen ihm

nach; denn sie wollten ihn gar zu gern noch einmal spielen hören.

Kommet nur mit bis ins Wäldchen, sagte er; hier darf ich nicht, sonst

hört mich der Meister; denn er soll's nicht wissen, daß ich nach den

Fleischtöpfen Aegypti wandere. Jesus! riefen die Mägdlein, so grausam

weit! Der Hansel aber machte eine wichtige Miene und sagte: Am Ende

noch weiter, in die Türkei oder nach den Buschmännern. Die Welt soll

schon noch von mir zu hören kriegen! -- Da kicherten die Mädchen unter

einander und flüsterten: Der Hansel ist irre; er wird Tollbeeren

geschluckt haben!

Wie sie nun im Wäldchen waren, lehnte er an einen Baum, nahm die

Harmonica aufs Knie und fingerte ihnen einen Hopser vor, daß sie's

Tanzen nicht lassen konnten, sondern einander umfaßten und immer um

die Bäume herum durch Dick und Dünn zu springen anhoben. Als sie

endlich alle müde waren, kamen sie gelaufen und baten ihn noch um was

Schmachtendes. Da spielte er das schöne Lied: »Du du liegst mir im

Herzen«, und das war so sehnsüchtig und jeder Ton zitterte fünf Minuten

lang, daß die Vögel in den Büschen ganz still wurden und schluchzten

und seufzten. Die Mägdlein aber waren noch mehr gerührt, gaben dem

Musikanten jede einen schönen Kuß und gingen mit den Schürzen vorm

Gesicht heim. Hansel aber brach einen blühenden Zweig ab, steckte ihn

auf die Mütze zur Erinnerung und sang und spielte im Weitergehen:

Zu Halle an der Saale

Da hat mir's nit gefalle,

Weil da der arme Handwerksbursch

Gar zu viel leiden muß

Von wegen den Herrn Studiosibus.

Nachher jedoch ließ er das Singen, und pfiff lieber; denn er wollte ein

ganzer Schusterjunge sein, und die pfeifen bekanntlich.

Wie er nun aus dem Wäldchen wieder herauskam auf die große Landstraße,

stand er auf einmal still und hörte mitten in einer Melodie auf. Zum

Kuckuk! dachte er, bin ich doch ein rechter Holzleisten! Laufe da weg

und weiß den Weg nicht. Geht's nun rechts oder links? Nach einigem

Besinnen ging er doch links; denn rechts mußte man nach der Stadt

gelangen, wo der Vormund wohnte, und da wäre er mit dem Wandern schön

angekommen. Also wandte er sich links, spielte das Lied gerade da

weiter, wo er aufgehört hatte, und die Grillen und Frösche zu beiden

Seiten des Weges sangen zweite und dritte Stimme, daß den Lerchen

droben vor dem Concert angst und bange wurde.

Da begegnete Hansel einem alten Mann mit schlohweißem Kopf, der wie

unsinnig am Wege hin- und hersprang, als ob er Jagd auf etwas am Boden

machte. Als er den Buben daherkommen hörte, richtete er sich auf und

trocknete sich die Stirn. Grüß Gott, alter Vater! sagte der Hansel. Was

treibt Ihr da? Ihr springt ja wie ein Milchlämmchen. -- Ach du lieber

Heiland! erwiederte der Alte, muß wohl, muß wohl! Ich fange Grillen,

lieber Sohn; das ist ein schlimmes Geschäft für so einen alten Rücken.

Sieh, der Topf da ist erst halb voll, und ich bin schon geschlagene

vier Stunden fleißig gewesen. -- Was wollt Ihr aber damit? fragte

Hansel weiter; 's ist doch eine kuriose Arbeit. -- Noth bricht Eisen,

mein Sohn, sagte der Alte. Ich bin mein Lebtag Kegeljunge gewesen

drüben in Hahndorf, und habe eine Frau ernährt und sieben ungezogene

Kinder. Nun haben sie mich abgesetzt, weil mir die Hände zittern und

ich die Kegel schief gestellt habe, und da sitz' ich nun, und meine

sieben Würmer haben kein Brot. Was soll ich anders thun, als Grillen

fangen? -- Wenn's so ist, sagte der Hansel, da wißt Ihr mich wohl auch

nicht nach den Fleischtöpfen Aegypti zu weisen, alter Vater? -- Ich

meine, Ihr ginget am besten direct nach Rom; da könnt Ihr ja gar nicht

fehlen, und von da laßt Euch übersetzen, und fragt Euch weiter. Die

Fleischtöpfe müssen so in der Gegend der Pyramiden stehen, es wird's

Euch jedes Kind sagen. -- Dank' schön, sagte Hansel, und behüt' Euch

Gott, und wenn ich wiederkommen sollt', bring' ich Euch und Euren

sieben Würmern einen Fleischtopf mit, wenn sie ihn durchlassen an der

Grenze. Adjes, Vater! -- Gute Reise, mein Sohn!

Zweites Kapitel.

Wie Hansel gar lustige Reisegesellschaft findet.

So zog der Hansel pfeifend und spielend weiter und war von Herzen froh,

daß er doch nun den Weg wußte. Nun war's schon hoch am Tage und ein

gar appetitlicher kleiner Hunger meldete sich. Wenn doch nur ein paar

vornehme Reisekutschen kämen, damit ich mir was zusammenfechten könnte!

seufzte er heimlich. Es kam aber nichts der Art und Beeren gab's auch

nicht, und die Kienzäpfchen vom vorigen Jahre waren doch gar zu hart.

Da fiel dem armen Hansel das Herz in die Hosentasche; er fuhr mit der

Hand unter die Mütze, stand still und wollte eben Salzwasser spendiren,

als er hinter sich einen singen hörte:

Und die Waldsteige sind dunkel,

Und die Bäume wehn kühl.

Ueberm Felde da funkelt

Die Sonne so schwül.

Wer ein'n Schatz hat im Sommer

Und herzen ihn möcht',

Zum Walde nur komm' er;

Da find't er's nit schlecht.

Die Lieb' und die Sonne

Die sind allebeide schwül,

Und allebeid' auf Einmal

Das brennt gar zu viel.

Hansel sah noch halbweinerlich um nach dem Sänger, aber wie er dessen

kuriosen Aufzug gewahrte, war's mit seiner Trübseligkeit zu Ende. Es

kam nämlich ein langer dünner Mensch auf ihn zu, ein grau Hütchen

auf dem Kopf und einen Schnurrbart auf der Oberlippe, an dem die

gute Hoffnung das Beste war. Gepäck hatte er keins; aber ein kleines

schwarzbraunes Mägdlein trug er auf der Schulter, mit Augen so schwarz

wie die Heidelbeeren und schlanken Gliederchen, um die ein blaues

Kleid flatterte. Sie trug eine große Puppe im einen Arm und den andern

hatte sie um den Kopf des Langen geschlungen, damit sie fest säße.

Beide nickten dem Hansel freundlich zu und der Lange sagte: Lieber

Schusterjunge, wohin des Weges? -- Nach den Fleischtöpfen Aegypti,

erwiederte der. -- Es ist just nicht unser Weg, sagte der Lange darauf.

Aber der Gesellschaft zu Liebe, wollen wir eine Strecke zusammen

wandern, wenn dir's recht ist, und setz' nur deine Mütze wieder

auf, daß du keinen Sonnenstich weg hast, eh du's merkst; brauchst

auch keinen absonderlichen Respekt zu haben. -- Wer seid Ihr denn

eigentlich? fragte Hansel, indem sie weiter gingen. -- Ich bin nur

ein simpler Poet, gab der Lange zur Antwort, und die kleine leichte

Mamsell da oben ist meine Schwester und heißt Glückspilzchen. Nun hör'

aber nur, weßhalb wir auf Reisen sind. Ich bin da gestern Nacht in der

Schenke und trinke mir einen rechtschaffnen Glanz in Maiwein. Da kommt

mir plötzlich ein Gedicht an, daß ich nach Haus laufe und denke, du

willst es gleich warm niederschreiben. Nun war die Nacht kühl, und mir

verging unterwegs das Feuer ein bischen; ich ließ mich's aber wenig

schmerzen, komme in meine Stub' und lange nach dem Kleiderschrank

hinauf, wo mein Männchen aus Tannenzapfen steht, der die Streichhölzer

auf dem Rücken trägt; der sollte mir wieder zu Feuer verhelfen. Der

Spitzbub war aber weg, und weil die Thür offen stand, merkte ich's

gleich, daß er davongelaufen sei in den Wald hinaus. Ich hab's ihm

lange vorher am Gesicht angesehn, daß er Heimweh hatte. Weil ich ihn

aber nicht entbehren kann und ein Poet ohne Feuer nicht fertig wird,

mußte ich gern oder ungern wieder in die Nacht hinaus und ihm nach. --

So war ich kaum zwei Gassen weit gegangen, da sah ich so ein kleines

Pflänzchen auf mich zu hüpfen, und der Mond schien hell genug, daß

ich Glückspilzchen erkennen konnte, die bei den drei Tanten wohnt. Du

Wetterkind, sagt' ich, wo willst du hin in der späten Nacht? Marsch,

mache daß du heim kommst! -- Ach höre nur, rief das liebe Geschöpf;

die Pedanterliese, meine böse Schwester! da hat sie mir die Puppe

wegnehmen wollen, meine Käke, die mir Tante Buchstabiria geschenkt hat,

und wie ich sie nicht hergeben wollte, ist sie bitterbös geworden,

noch viel erzböser, als sie gewöhnlich ist. Ich habe die halbe Nacht

im Bette gelegen und geweint, und die Käke hat auch geweint, denn sie

will von der Pedanterliese nichts wissen. Zuletzt aber bekam ich eine

so gewaltige Angst, daß ich leise, ganz leise aufgestanden bin, meine

Sparbüchse mit den blanken Dreiern in die Tasche steckte und zum Hause

hinaushuschte. Und nun will ich nicht mehr zurück, und du mußt mich

beschützen. -- Mich jammerte es, wie ich Glückspilzchen und die Käke

weinen sah, und weil ich noch ganz beglänzt war vom Maiwein, sagte ich,

sie solle gutes Muths sein, wir wollten fort zusammen. Da hab' ich sie

auf die Schulter gehoben, und so sind wir die Nacht durch gewandert und

in den Tag hinein, bis wir dich gefunden haben, geliebter Schusterjunge!

Glückspilzchen drückte ihre Puppe fester an sich und sagte mit einer

ganz feinen Stimme: Ach ja, Hansel, meine Schwester solltest du kennen.

Immer strickt sie und lies't und zankt mich aus, wenn ich ein bischen

mit der Puppe spiele oder im Garten herumlaufe. Und dann verklagt sie

mich bei Tante Buchstabiria oder Strickerina, und ich werde gefitzt.

-- Weine nur nicht, sagte der gute Hansel; ich spiel' dir auch was vor

auf der Harmonica. Da wurde Glückspilzchen ganz fröhlich, holte ihre

Sparbüchse heraus und klapperte den Takt dazu mit den Dreiern, während

Hansel spielte und der lange Poet folgendes Lied sang:

Ein Bruder und eine Schwester --

Nichts Treueres kennt die Welt.

Kein Goldkettlein hält fester,

Als Eins am Andern hält.

Zwei Liebsten so oft sich scheiden;

Denn Minne die ist voll Wank.

Geschwister in Lust und Leiden

Sich lieben ihr Lebelang.

So treulich, als wie beisammen

Der Mond und die Erde gehn,

Als wie der Sternelein Flammen

Alle Nacht bei einander stehn.

Die Engel im Himmel sich's zeigen,

Entzückt bis in Herzensgrund,

Wenn Bruder und Schwester sich neigen

Und küssen sich auf den Mund.

Und als er das gesungen hatte, bog sich Glückspilzchen herunter und

wäre beinah gefallen; aber er fing sie auf in den Arm und sie küßte

ihn dreimal auf den Mund, weil ihr das Lied so gefallen hatte; dann

kletterte sie ihm wieder auf die Schulter und saß und spielte mit der

Puppe. Hansel aber sagte: Was mich wundert, ist, daß Ihr eine so volle

und tiefe Stimme habt und seid doch so dünn und hoch. -- Ja, sagte

der Poet, ich habe mein Lebtag hoch hinaus gewollt, und daß ich so

schmächtig bin, kommt daher, weil ich so oft abgezeichnet bin von Tante

Schönekünstchen; da ist zuletzt nichts mehr an mir geblieben. -- Ich

bin auch abgemagert; das kam aber von der schlechten Kost der Frau

Meisterin, versetzte Hansel. Uebrigens seh' ich dahinten eine einsame

Schenke; wärt ihr wohl so gut, für mich auszulegen? -- All mein Geld

hab' ich zu Hause in dem braunen Ueberrock stecken lassen, sagte der

Poet. Wir müssen mit Glückspilzchen ihrer Sparbüchse Haus halten. Du

hast doch nichts dagegen, Schwesterchen? -- Die Kleine schüttelte

lachend den Kopf und reichte ihm ihre blanken Dreier herunter, die er

freundlich dankend in die Tasche steckte.

Während dem Allen waren sie zu dem einsamen Häuschen gekommen, das aber

in der Nähe nicht wie eine Schenke aussah; denn es hatte kein Schild

vor der Thür, auch keinen grünen Kranz. Innen aber schien eine lustige

Gesellschaft zu hausen und zu schmausen, denn man hörte Gläser klingen

und Gabeln klappern, und die armen Wandersleute vor der Thür wurden

noch einmal so hungrig. Aber der Poet war gar dreist, klopfte kecklich

an die Thür, und als Einer kam und fragte, wer draußen sei, antwortete

er:

Ein Poet mit fixem Züngelchen

Und Glückspilzchen, das feine Dingelchen,

Auch ein blondes Schusterjüngelchen;

Müde sind wir alle Drei,

Ganz verschmachtet auch dabei.

Wollt uns nur um Gottslohn speisen!

Werden eilig weiter reisen.

Oeffne drum die Thüre, Besterchen,

Blanke Dreier hat mein Schwesterchen!

Darauf hörten sie wie ein Riegel zurückgeschoben wurde, und ein

wunderhübsches Mädchen öffnete ihnen. -- Willkommen! sagte sie überaus

freundlich, und tretet nur näher. Des alten Vogelstellers Sohn hält

Hochzeit mit des alten Gärtners Tochter; ihr kommt gerade recht, uns

Musik vorzumachen und hübsche Reime zu sagen. Nachher wär' ohnedies aus

dem Tanzen nichts geworden. -- Da sprang Glückspilzchen dem schönen

Mädchen in die Arme; die trug sie ein paar Stufen hinauf, und sie

traten allzusammen in den großen Hochzeitssaal.

Drittes Kapitel.

Was ihnen auf der Hochzeit begegnet.

Das war aber ein stattlicher Saal, denn inwendig war das einsame Haus

viel größer als von außen. Er war so mit Blumen geschmückt, daß man

fast nichts sah von den Wänden, und oben an der Decke hingen eine Menge

Vögel in Käfigen, die das Laub fast verbarg, und das gab eine schöne

Tafelmusik. Die Eintretenden hatten jedoch kaum Zeit, einen flüchtigen

Blick auf all die Herrlichkeiten zu werfen; denn schon hatte sie das

schöne Mädchen zu dem jungen Paare geführt und Glückspilzchen, den

Poeten und den blonden Hansel vorgestellt. -- Habe ich doch schon immer

einmal einen Poeten zu sehn gewünscht, rief die Braut ganz vergnügt,

und nun kommt gerade einer zu meiner Hochzeit. Ihr seht ja aber ganz

aus wie ein gewöhnlicher Mensch, nur daß Ihr so ungewöhnlich lang und

unmenschlich schlank seid. Ach, aber Ihr müßt mir gleich einen hübschen

Vers machen!

Laß sie doch erst was essen! fiel das schöne Mädchen ein; die armen

Leute sind ganz ermattet und hungrig. Damit führte sie die Drei an das

Trompetertischchen in der Ecke, das unbesetzt war, weil die Trompeter

und die andern Musikanten ausgeblieben waren, und da konnten sie sich

erlaben nach Herzenslust.

Unterdessen kam das junge Volk, lauter Vogelstellerbursche und

Gärtnermägdlein, und sah ihnen zu; denn sie waren gar neugierig zu

wissen, wer die wunderliche Gesellschaft sei. Da sputete sich der lange

Poet mit dem Essen, schenkte sich dann vom Frischen ein und trat mit

dem Glase vor das Paar. Darauf ward alles ringsum mausstill und der

Poet sprach folgenden Vers:

Gärtnerin, von allen Vögeln

Fingst du heut den Schönsten ein.

Vogler, unter allen Arten

Blumen in dem Erdengarten

Ward die wundersamste dein.

Vogler, mußt dein Blümlein hüten,

Daß sich's recht ans Herz dir schmiegt;

Und +du+ mußt des Vogels pflegen,

Mußt ihn warm am Busen hegen,

Daß er nicht von dannen fliegt!

Jedes mag vom Andern lernen,

Was das Herz beglücken kann;

Auf der Erde froh zu blühen,

Und nach allen ird'schen Mühen

Sich zu schwingen himmelan!

Es lebe das edle Paar! Vivat hoch! rief der Poet, und Alle stießen

jubelnd mit den Gläsern an und waren gar guter Dinge. Die Braut aber

konnte des Danks und Lobes kein Ende finden über die schönen Verse und

hätte sie sich gar zu gern ins Stammbuch schreiben lassen. Der Poet

aber entschuldigte sich, er habe sie schon wieder vergessen, weil sie

aus dem Stegreif gedichtet wären; auch sei nicht viel dran; er könne es

weit besser, wenn er nur sein Feuerzeug habe, dem er eben nachlaufe.

Nun sollte sich die Gesellschaft aber was vortanzen lassen von seiner

kleinen Schwester Glückspilzchen, und der blonde Schusterjunge würde

dazu aufspielen. -- Freilich, das waren Alle zufrieden, rückten die

Tische beiseit und Jeder suchte sich seinen Schatz und setzte sich

mit ihm an ein heimliches Plätzchen, und wer keinen Schatz hatte, saß

allein. Der Poet aber gab Glückspilzchen ihre Kupferdreier wieder

in die Büchse, damit sie was zu klappern hätte beim Tanzen; dann

setzte er sich selbst zu dem schönen Mädchen, das sie herein gelassen

hatte; denn die Beiden mochten sich gut leiden, und es war als ob sie

alte Bekannte wären, denn sie hatten hinter den Rosengewinden viele

heimliche liebliche Dinge mit einander zu reden.

Wie nun Glückspilzchen zu tanzen anfing und dabei wieder den Takt mit

der Sparbüchse klapperte und der Hansel seinen allerschönsten Hopser

spielte, da konnte man sein blaues Wunder sehn. Denn sie tanzte so

allerliebst, daß sie allen die Köpfe verdrehte und die Liebespärchen,

die Brautleute an der Spitze, nicht lange sitzen blieben, sondern

lustig drauf los walzten; aber es konnt' es Keiner so gut. Auch

der lange Poet hatte das schöne Mädchen umarmt und hopste mit den

Spinnebeinen mitten unter den andern, und die Vögel oben in den

Käfigen stießen sich fast die Köpfe entzwei, so eifrig waren sie,

es Glückspilzchen nachzumachen. Die Blumen hätten auch gar zu gern

mitgehalten, aber sie konnten nicht von den dummen Stengeln loskommen;

dafür zitterten und tanzten die Fensterscheiben desto besser und das

ganze Haus wackelte; aber Glückspilzchen tanzte doch besser, als alle.

Da ging mit einem Male die Thür auf, und der alte Vogelsteller und der

Vater der Braut, die nebenan geraucht und gekannegießert hatten, traten

ganz verbrümmelt in den Saal. Was ist das für eine tolle Wirthschaft!

rief der alte Vogelsteller. Soll uns das Haus überm Kopf einfallen? --

Da stand Glückspilzchen still und plötzlich auch all die Andern, und

der blonde Hansel hörte auf zu spielen. Oben aber die Vöglein lagen

mit blutigen Köpfchen halbtodt und sagten kein Pieps mehr, und die

Blumen waren von der Anstrengung welk und bleich geworden. Wie das die

beiden Alten gewahr wurden, erbos'ten sie sich immer mehr. Wie ist das

Hexenpack hier herein gekommen? schrie der alte Gärtner. Hinaus damit!

-- Und so schoben sie eifrig scheltend trotz aller Reden und Bitten der

jungen Leute Glückspilzchen, den blonden Schusterjungen und den langen

Poeten zur Thür hinaus.

Draußen war's abendlich und der Thau fiel. Da standen die Drei ziemlich

niedergeschlagen; nur der Poet hatte noch ein bischen Humor übrig.

Er hob Glückspilzchen, die die weinende Käke tröstete und beruhigte,

wieder auf seine Schulter, summte ein Liedel in seinen hoffnungsvollen

Schnurrbart hinein und schritt voran. Der Hansel zottelte wie im Traum

hinterher, und wie die Käke mit Weinen fertig war, fing Glückspilzchen

an und lamentirte ganz herzbrechend. Ach was werden die drei Tanten

sagen, wenn sie mich nicht finden! jammerte sie. Und in der Schule,

da werde ich so viel Schelte bekommen, daß ich nicht da bin! -- Dem

Langen fiel's auch aufs Herz wegen der Tanten. Daran hatte er nimmer

gedacht, weil er ein leichtsinniger Patron war, wie die Poeten alle;

aber er suchte sein Schwesterchen zu beruhigen und sagte: Die werden

froh genug sein, daß sie uns los geworden; und umkehren thu' ich einmal

auf keinen Fall, bis ich mein Feuerzeug wieder habe. Weine nur nicht!

ich schreibe dir schon einen Entschuldigungszettel für die Schule. --

Da wurde Glückspilzchen ein wenig stiller; aber der Hansel seufzte

immerfort: Ach wann komme ich nun nach den Fleischtöpfen Aegypti! Ich

dummer Holzleisten! Warum bin ich von Gansdorf fortgelaufen, wo ich

doch Nachts ein Bett hatte und ein Obdach! So klagte er, und da wollte

alles Zureden des langen Poeten nichts helfen.

Es war nun schon völlige Nacht geworden, da kamen sie in einen

großmächtigen Wald, darinnen das Mondlicht sein Wesen trieb. Der Poet

ward ganz fidel, als er die prächtigen Eichen rauschen hörte und die

schlanken Rehe und Hirsche vorbeiwandeln sah. Er wäre gern die ganze

Nacht so herumgestrichen; aber Glückspilzchen war eingeschlafen auf

seiner Schulter vor Betrübniß und Angst, und da hob er sie sachte herab

und nahm sie in den Arm, aber er wollte sie nicht aufwecken. Darum

legte er sie leise ins Gras gerade unter einer steinalten Eiche, gab

ihr die Käke in den Arm, die auch schon schlief und deckte sein Hütchen

über seiner kleinen Schwester Gesicht, damit kein Käfer drüber weg

laufen könnte. Der Hansel hatte sich auch gleich ins Gras gestreckt und

schlief im Umsehn, und da wußte der lange Poet auch nichts besseres,

als sich schlafen zu legen. Wie er aber so auf dem Rücken lag und zu

dem Monde hinaufsah, fiel ihm eins seiner alten Lieder ein, das sang

er ganz leise; denn er konnte nie einschlafen, ohne was gesungen zu

haben. Das Lied lautete so:

Waldesnacht, du wunderkühle,

Die ich tausend Male grüß',

Nach dem lauten Weltgewühle

O wie ist dein Rauschen süß!

Träumerisch die müden Glieder

Berg' ich weich ins Moos,

Und mir ist, als würd' ich wieder

All der irren Qualen los.

Fernes Flötenlied, vertöne,

Das ein weites Sehnen rührt,

Die Gedanken in die schöne,

Ach! mißgönnte Ferne führt.

Laß die Waldesnacht mich wiegen,

Stillen jede Pein!

Und ein seliges Genügen

Saug' ich mit den Düften ein.

In den heimlich engen Kreisen

Wird dir wohl, du wildes Herz,

Und ein Friede schwebt mit leisen

Flügelschlägen niederwärts.

Singet, holde Vögellieder,

Mich in Schlummer sacht!

Irre Qualen, lös't euch wieder;

Wildes Herz, nun gute Nacht!

Als er den letzten Ton gesungen hatte, fielen ihm leise die Augen zu

und da hatte er sich selbst in Schlaf gesungen.

Viertes Kapitel.

Wie Glückspilzchen gar seltsam gebettet wird.

Wie sie nun eine Weile so gelegen hatten, fing der blonde Hansel auf

einmal laut an zu schnarchen, und dann schwätzte er wieder unsinniges

Zeug aus dem Traum, als: O ich Pechvogel! Fleischtöpfe! Holzleisten!

Sie ist ein knauseriges Weibsbild, Frau Meisterin! O ich Pechvogel! --

Davon wachte Glückspilzchen auf, richtete sich in die Höhe und warf

das graue Hütchen vom Gesicht. Sie war recht traurig, denn sie hatte

von den drei Tanten geträumt und von der Pedanterliese, und ihre Käke

wär' ihr gestohlen worden. Damit war's aber nicht so schlimm; die

Käke lag schlafend in ihrem Arm. Es war schaurig und kühl unter den

Bäumen, und Glückspilzchen gruselte vor dem Mondlicht und dem blonden

Schusterjungen, der aus dem Schlaf faselte. Da stand sie endlich leise

auf, legte ihrem Bruder den Hut hin und küßte ihn auf die Stirn. Er

mußte es gemerkt haben, denn er sagte halblaut:

O du Grashupferchen,

Du Sachtschlupferchen

Mit den blanken Dreiern von Kupferchen,

Hol' dir von der Kühle kein Schnupferchen!

Glückspilzchen mußte im Stillen lächeln, band sich aber doch ihr

seidnes Halstuch fester, nahm die Käke unter die Schürze und kletterte

behend wie ein Kätzchen den alten Baum hinauf, bis sie den blonden

Hansel nicht mehr hörte. Da suchte sie sich einen schönen breiten Ast

aus, legte sich zum Schlafen zurecht und sang, bevor sie die Augen

schloß:

Englein mit den Flügeln hold,

Mit dem Haar aus eitel Gold!

Wenn ich etwa fallen sollt',

Seid viel tausendmal gebeten,

Unten auf das Gras zu treten

Und die Aermchen auszubreiten,

Daß ich sanft mag niedergleiten.

Nehmet auch, o seid so gut,

Meine Käke recht in Hut!

Daß sich keines Schaden thue,

Schenkt uns eine sanfte Ruhe.

Und so schlief sie sorglos ein.

Es dauerte gar nicht lange, da ließ sie die Puppe wirklich los, die

sie vor dem Einschlafen fest an sich gedrückt hatte, und sie fiel

unter der Schürze weg von dem hohen Ast hinab. Ein Glück war's nur,

daß Glückspilzchen die Engel gebeten hatte, ein wenig Achtung zu

geben; sonst hätte sich die Käke den kleinen Kopf elendiglich an

den Eichenwurzeln zerschlagen. So aber legten sie die Englein unter

Vergißmeinnicht und Veilchen ins Gras, und da schlief sie den Schreck

vom Fall gar sanft und ruhig aus.

Nun will ich aber erzählen, wie wunderlich es mit Glückspilzchen

zuging während der Nacht. Wie sie nämlich so auf dem Ast der Eiche

schwebte, das Köpfchen an die Rinde gedrückt, die kleinen Arme um

das Holz geschlungen, kam auf einmal eine ganze Eichkätzchenfamilie

dahergehüpft, die zu Besuch gewesen waren bei ihrer Sippschaft und sich

verspätet hatten mit dem Heimweg. Ganz lustig und ein wenig bespitzt

von dem vielen Eichelschnaps, den sie hatten trinken müssen, hüpften

sie ihres Wegs, obwohl die Nachtwächterin, die Frau Nachtigall, schon

längst die Polizeistunde geflötet hatte. Hie und da saß noch in einem

Vogelnest ein gelehrter Spatz oder Fink und schaute hinauf nach den

Sternen, oder eine Lerche probirte mit halber Stimme die Arie, die sie

morgen beim Frühconcert singen sollte; sonst war Alles zur Ruhe. Die

Eichkätzchen aber sputeten sich, denn sie hatten den Hausschlüssel

vergessen, und wenn die alte Großmutter schon schlief, konnten sie

im Freien übernachten. Da kamen sie zufällig über den Ast, auf dem

Glückspilzchen lag und schlief, und waren zu Tode verwundert über das

zierliche Geschöpfchen. Nein, was für ein liebes Thierchen! riefen

sie unter einander. Was sie für hübsche Zöpflein hat und so blanke

Lederschuh'! Ach aber sie ist ganz feucht von dem Thau, und wird am

Ende krank, oder fällt gar, weil sie keine scharfen Nägel hat an Händen

und Füßen! -- Da hielten sie flink Rath über das schlafende Mägdlein,

und beschlossen dann allezusammen, sie nach ihrer Wohnung zu tragen

und die Nacht über bei sich zu behalten. Vorher fuhren sie ihr mit den

weichen rothen Schwänzchen über Wangen und Stirn und das blaue Kleid

und fegten alle den Thau herab. Dann hoben sechs der stärksten sie

sacht in die Höhe, zwei gingen voran, zwei hinterdrein, und nun ging

die Reise behutsam, aber geschwind den Ast entlang, und Glückspilzchen

lag so weich auf den Schultern ihrer kleinen Freunde, als wie zu Haus

bei den drei Tanten in ihrem Federbettchen. Oben mußte der Mond gar

herzlich über den seltsamen Zug lachen, und die Frau Nachtwächterin

wunderte sich auch, aber sie schwieg ganz still, so daß man nichts

ringsum hörte, als die Winde, die in den Wipfeln die Runde machten,

und die leisen Schritte der Eichkätzchen und das Klappern der blanken

Kupferdreier in Glückspilzchens Sparbüchse.

So kamen sie allgemach an den großen, dicken Stamm, darin die

Eichkätzchen ihr Quartier hatten; es war aber schon zugeschlossen. Nun

klopfte der Vorderste, den sie Springinslaub nannten, gar manierlich an

und rief:

Liebe braune Großmama,

Deine Enkel sind nun da,

Bringen dir ein Kind zu Gaste,

Das da schlief auf unserm Aste.

Mond scheint kühl und Thau fällt naß;

Großmama, bedenke das!

Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler · 第 1 / 11 段