bald Mühlers letzte Erlebnisse in Schildheim. Ohne daß er eine Frage
danach tat, erzählte ihm der Wirt, wie der »Schwiegervater vom Gute«
heute nachmittag bei ihm vier Flaschen Wein mit dem faulen Tobias
getrunken und -- nicht bezahlt habe, und dann mit einem Bündel in
der Hand den Weg am See entlang marschiert sei. Er wollte dabei vom
Verwalter wissen, ob der Schwiegervater wiederkomme oder nicht; der
Verwalter beruhigte ihn indes darüber, denn seines Wissens hatte Mühler
allerdings nur eine kleine Reise vor, von der er vielleicht schon in
zwei oder drei Tagen zurück wäre. Vom Krug aus ging der Verwalter, ehe
er nach dem Gute zurückkehrte, am Bache hinauf. Er hatte dort in der
letzten Woche Weiden schneiden lassen und wollte sehen, was da noch
zu tun wäre. Der Bach war durch die letzte milde Witterung ziemlich
angeschwollen. Das Wetter änderte sich aber; seit Mittag wurde die Luft
auffällig kälter, und einzelne Flocken aus dem grauen Himmel verkündeten
einen Schneefall für die Nacht. Der Verwalter schritt rasch am Bache
entlang, ohne sich länger als irgend nötig an den einzelnen Stellen
aufzuhalten, und dort angelangt, wo das schmale Wasser eine scharfe
Biegung nach Norden machte, wollte er sich eben wenden und in gerader
Richtung wieder nach dem Gute hinaufschneiden, als seine Aufmerksamkeit
auf einen in seinem Wege liegenden Gegenstand gelenkt wurde. Es war ein
alter Hut, der dort, unter einem Weidenbaume auf der Wiese, etwa drei
oder vier Schritt vom Wasser entfernt, lag. Er blieb einen Augenblick
dabei stehen und drehte ihn mit dem Fuße um; die fragliche Kopfbedeckung
sah aber so schäbig und abgenutzt aus, daß er sich nicht zu wundern
brauchte, wenn den der Eigentümer in Ekel fortgeworfen hatte -- eher
war es ein Rätsel, daß er ihn noch so lange getragen. Die Schneeflocken
wurden auch schärfer, der Wind setzte mit größerer Härte ein, und
seine Hände in die Taschen schiebend, eilte er, so rasch er konnte, den
schützenden Gebäuden des Gutes wieder zu.
In der Nacht fiel ein tüchtiger Schnee. Der Förster schickte allerdings
einen Boten aufs Gut, daß er zwei Füchse stecken habe, und ob der Herr
Baron nicht herauskommen wolle, diese zu schießen; Georg aber hatte
seine Abreise auf neun Uhr festgestellt, und der Schlitten hielt zur
bestimmten Zeit vor der Tür.
Georg hatte mit seiner Frau schon am vorigen Abend seine Reise und die
Zeit seiner Abwesenheit besprochen. Als er an diesem Morgen von ihr
Abschied nehmen wollte, war sie gerade mit Ankleiden beschäftigt und
ließ sich nicht darin stören. Georg ging zu Josefinen hinüber, um ihr
Adieu zu sagen. Die Kleine saß bei ihrer Erzieherin am Schreibtisch und
arbeitete fleißig. Der Vater nickte ihr freundlich zu und trat dann,
während Mademoiselle Adele aufstand, näher zum Tische.
»Es tut mir leid, daß ich Sie störe, Mademoiselle! bitte, behalten Sie
Ihren Platz -- aber ich werde drei oder vier Tage in Geschäften abwesend
sein und wollte nur Josefinen Adieu sagen. Leider bin ich gerade in
der letzten Zeit gar zu sehr beschäftigt gewesen, mich viel mit ihr
abzugeben. Sind Sie noch zufrieden mit ihr?«
»Recht sehr zufrieden,« antwortete das junge Mädchen aus vollem Herzen.
»Josefine ist ein braves Kind und macht mir viel, viel Freude; ich darf
das wohl in ihrem Beisein sagen.«
»Sie glauben nicht, Mademoiselle, wie große Freude Sie mir mit dieser
Nachricht machen, und dir, Josefine, danke ich besonders dafür. Leid
hat es mir bis jetzt auch immer getan, daß du so allein, ohne
Spielgefährtin, besonders den langen Winter hier verbringen mußtest, und
ich will dir jetzt zeigen, daß ich auch dankbar für dein gutes Betragen
sein kann. Sie werden bald noch einen Zögling bekommen, Mademoiselle.
Der Geistliche in Sostheim ist gestorben. Sie wissen, er war schon ein
Jahr Witwer und hat ein Töchterchen in Josefinens Alter hinterlassen.
Das arme kleine Wesen ist dort von der Gemeinde einer Familie zugeteilt
worden, in der es sich nicht wohl fühlt, sich nicht wohl fühlen kann.
Ich habe deshalb beschlossen, es zu mir zu nehmen und mit meinem Kinde
zu erziehen. Meine Frau ist allerdings noch nicht damit einverstanden
und glaubt vielleicht, daß wir dadurch zu große Verantwortlichkeit auf
uns nehmen. Sie wird sich aber leicht darein finden, wenn sie die liebe
kleine Marie erst kennen lernt.«
»Marie heißt sie?« rief Josefine rasch und errötend.
»Ja, mein Kind.«
»Und ich will ihr gern,« sagte Adele herzlich, »die Mutter zu ersetzen
suchen, soweit das in meinen Kräften steht. Ich glaube auch mit Ihnen,
Herr Baron, daß solche Gesellschaft einen glücklichen und segensreichen
Einfluß auf Ihre Tochter ausüben wird -- nicht gerechnet das gute Werk,
das Sie an der verlassenen Waise üben.«
»Ich komme jetzt dort in die Nähe,« fuhr Georg fort, »und werde das
Kind wahrscheinlich gleich mitbringen. Haben Sie die Güte, alles
vorzubereiten, daß es hier eine freundliche Heimat findet. Und du wirst
gut mit deiner neuen Schwester sein, Josefine?«
»O gewiß, Papa, gewiß,« rief die Kleine, die Hände zusammenschlagend,
»ich freue mich so sehr -- so sehr auf die -- Marie!«
»So bleibe denn hübsch brav, bis ich wiederkomme, und folge der
Mademoiselle in allen Dingen. Sie meint es gut mit dir. Ich selber,«
wandte er sich dann an die Erzieherin, »werde in drei, spätestens
vier Tagen zurück sein, leben Sie wohl bis dahin.« Und seiner Tochter
freundlich zunickend, verließ er das Zimmer.
»Wird der Schlitten gehen?«
»Gewiß,« sagte der Kutscher, »trotz dem Tauwetter ist doch noch alter
Schnee genug liegen geblieben, und heute nacht hat es eine tüchtige
Partie frischen darauf geworfen. Jedenfalls geht es besser als der
Wagen.«
Georg stieg ein und warf noch einen Blick nach den Fenstern hinauf.
Die Georginens waren verhängt, und Fräulein Adeles Zimmer lag nach dem
Garten hinaus, aber sie war mit der Kleinen in die dem Hofe zunächst
liegende Stube gekommen, um den Vater abfahren zu sehen. Das Fenster
wurde geöffnet, und Josefine bog sich heraus und winkte fröhlich herab.
Der Vater grüßte hinauf, und der Schlitten klingelte lustig zum Tor
hinaus der breiten, weißgedeckten Straße folgend, und zwar in der
entgegengesetzten Richtung von Schildheim fort.
Etwa eine Stunde vom Gute entfernt, begegnete der Schlitten einem
leichten Reisewagen. Ein einzelner Herr saß darin, aber so bis unter
die Augen in Pelz eingehüllt, daß man seine Züge nicht erkennen konnte.
Georg achtete auch nicht auf ihn, denn andere Dinge gingen ihm im Kopfe
herum, als sich um gleichgültige Reisende zu bekümmern. Der Fremde aber
bog sich, als er an ihm vorüber war, rasch aus dem Wagen hinaus und sah
ihm nach, so lange er den Schlitten noch erkennen konnte, dann sich zu
seinem Kutscher wendend, sagte er: »Kanntest du den Herrn, der da eben
an uns vorüberfuhr?«
»Das war der Baron vom nächsten Gute Schildheim,« erwiderte der Mann.
»Vom Dorfe Schildheim, wohin ich Sie fahren soll, liegt es kaum zehn
Minuten oder ein Viertelstündchen entfernt. Sie wollten wohl den Herrn
Baron besuchen?«
»Nein,« sagte der Fremde, »überdies bleibe ich einen Tag in Schildheim,
und wenn ich ja noch hinübergehen wollte, ist er bis dahin jedenfalls
zurück. Er wird wohl nur auf die Jagd gefahren sein.«
Die Sache interessierte den Kutscher zu wenig, und er antwortete nichts
darauf, hieb dagegen auf seine Tiere ein, um sobald wie möglich aus dem
ihm immer schärfer entgegenwehenden Nordwinde und in die warme Stube zu
kommen, wo er die Gewißheit eines Rasttages hatte. Die Pferde griffen
tüchtig aus, und bald konnten sie von weitem die roten Dächer des
kleinen freundlichen Ortes und die weite Fläche des Sees durch die Bäume
herüber schimmern sehen. Der Wagen rollte jetzt in dem flachen Tale hin,
und der Kutscher, nach links hinauf deutend, sagte: »Da drüben liegt das
Gut, das der Herr Baron gepachtet hat.«
»So? -- das ist Schildheim?« sagte der Fremde mit großem Interesse,
»also sind wir jetzt auch gleich im Dorfe?«
»Wird nicht mehr lange dauern -- da vorn liegt's schon,« sagte der
Kutscher, und während er mit leisem Schnalzen die Peitsche schwang,
legten sich die Pferde von selber mehr in den Zug, als ob sie den ihrer
wartenden Hafer und den warmen Stall schon witterten. Es dauerte auch
nicht lange, so erreichten sie die ersten Außengebäude, und bald darauf
hielt das leichte Fuhrwerk vor dem Stern, an dem sie der Wirt mit
abgezogenem Käppchen bewillkommnete und Gast wie Pferden vortreffliches
Unterkommen versprach. Zu gleicher Zeit kam von der andern Seite die
Briefpost durch das Dorf, hielt am Wirtshause, um die Briefe für Dorf
und Gut abzugeben, und rasselte dann weiter. Ein Knecht aber, der um
diese Zeit immer vom Gute herabgeschickt wurde, etwa eingetroffene
Briefe und Zeitungen in Empfang zu nehmen, tat die erhaltenen Papiere in
einen hierzu bestimmten ledernen Beutel und wollte damit ungesäumt nach
Hause zurückkehren, als er von jemandem angerufen wurde. Er drehte sich
nach der Stimme um und sah den Schulzen mit dem Müller und noch zwei
anderen Bauern, die ihm winkten und dann zu ihm herankamen.
»Hör' einmal, Gottlieb,« sagte der erstere, als sie nahe genug waren,
sich verständlich zu machen, »was habt Ihr denn gestern auf dem Gute mit
dem Tobias angefangen?«
»Wir?« lachte der Knecht, »an die Luft haben wir ihn gesetzt, wie es uns
der gnädige Herr geheißen!«
»Wieso, an die Luft gesetzt?«
»Nun, vors Tor gebracht und laufen lassen. Er war so betrunken, daß er
kaum stehen konnte. Hat er uns verklagt?«
»Nein, das nicht,« sagte der Schulze, »habt Ihr ihm weiter nichts
zuleide getan?«
»Nicht das geringste,« erwiderte der Knecht. »Er schimpfte wohl und
räsonnierte in einem fort; aber was ist mit einem besoffenen Menschen
anzufangen?«
»Und was machte er, als Ihr ihn vor das Tor setztet?«
»Erst schimpfte er und wollte wieder zurück, dann aber, als wir ihm
drohten, drehte er sich um und torkelte seiner Wege. Wir haben uns nicht
weiter um ihn bekümmert.«
»Und der Baron auch nicht?«
»Der Baron?«
»Hat sich auch nicht weiter um ihn bekümmert?«
»Wird sich der mit dem betrunkenen Menschen einlassen!« lachte der
Knecht. »Was ist denn aber los, daß ihr alle miteinander so lange
Gesichter schneidet?«
»Weiter nichts,« sagte der Müller, »als daß mein Schwiegervater, seit
Ihr ihn oben aus dem Gute gejagt habt, nicht wieder, weder hier im Dorfe
noch irgendwo anders gesehen worden ist.«
»Und er wäre die Nacht nicht nach Hause gekommen?«
»Mit keinem Schritt.«
»Und im Wirtshause ist er auch nicht gewesen?«
»Nein.«
»Dann ist er sicher unter irgend einem Baume umgefallen und
eingeschlafen,« meinte der Knecht, »aber jedenfalls hätte ihn doch heute
morgen die Kälte wecken müssen.«
»Wenn ihn die Kälte die Nacht über nicht umgebracht hat,« sagte der
Schulze. »Weshalb habt Ihr ihn denn vom Hofe gejagt?«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte Gottlieb, »er ist wohl unverschämt gegen
den gnädigen Herrn gewesen, denn er war oben bei ihm im Zimmer und hatte
ein schrecklich großes Maul, wie uns der Baron hinaufrief; der war
aber ganz ruhig und befahl uns nur, wir sollten den Besoffenen vors Tor
bringen und nicht wieder ins Gut lassen.«
»Na, Müller,« sagte der Schulze, »wenn ihm wirklich etwas Menschliches
begegnet wäre, könntet Ihr Euch trösten -- und das Dorf auch. Freude
hätten wir an dem Tobias nicht mehr erlebt.«
»Das ist wohl wahr,« sagte der Müller, »und die Haare würde ich mir
deshalb nicht ausraufen. Es bleibt aber doch immer meiner Frau Vater,
und daß mir die Leute später nachsagten -- wenn's auch nicht wahr wäre
-- daß ich ihn draußen auf der Straße hätte liegen und umkommen lassen,
das könnt Ihr ebenfalls glauben.«
»Dann beruft Euch nur auf uns hier im Dorfe, Müller,« beruhigte ihn der
Schulze. »Ihr habt an dem faulen Strick getan, was kein anderer getan
hätte, und braucht Euch wahrhaftig keine Gewissensbisse darüber zu
machen. Jetzt wollen wir indessen einmal die Gemeinde aufbieten und
sehen, ob wir nicht herausbekommen können, was aus ihm geworden ist.
Weit kann er auf keinen Fall gestern mehr gelaufen sein, und ist ihm ein
Unglück passiert, so müssen wir ihn ganz in der Nähe finden.«
Die Gemeinde wurde zusammengerufen; als Sammelplatz gab es natürlich
keinen andern und passenderen Ort als den Krug, und hier füllte sich
indessen auch die Gaststube mehr und mehr mit eintreffenden und eifrig
debattierenden Bauern. Sobald die Gemeinde vollzählig war, wollte man
ausrücken. Der hatte aber noch dies, jener das zu Hause zu tun; andere
waren auf dem Felde draußen und mußten erst hereingeholt werden, und die
Leute im Wirtshause konnten indessen ihre Zeit nicht besser verwerten,
als daß sie Bier tranken und ihre Pfeifen in Brand hielten.
Das Gespräch drehte sich dabei natürlich ausschließlich um den »faulen
Tobias«, sein früheres und sein jetziges Leben, seine guten und seine
bösen Seiten, und man kam, trotz allen seinen Fehlern, doch zu dem
Resultat, daß man wünschte, es möchte ihm kein Unglück geschehen sein.
-- Im stillen hoffte freilich doch ein jeder, daß er nicht wieder zum
Vorschein käme, denn er war in der letzten Zeit dem Dorfe eine Last
geworden.
Eine volle Stunde war mit solchen Vorbereitungen vergangen, und noch
immer fehlten einige. Der Schulze aber erklärte, daß sie jetzt nicht
länger warten könnten, rief die Leute in der Stube zusammen und wollte
sie eben einteilen, wie sie nach verschiedenen Richtungen hin ausgehen
und ihnen angewiesene Distrikte absuchen sollten, als der Verwalter in
die Stube trat.
»Hört einmal, ihr Leute,« redete dieser die Bauern an, »wie mir eben der
Gottlieb sagt, vermißt ihr den Müllers-Tobias seit gestern. Ist dem so?«
»Ja, Herr Verwalter,« sagte der Schulze, »wir wollen eben fort und ihn
suchen.«
»Dann geht vor allen Dingen einmal am Bache hinauf,« sagte der
Verwalter, »ihr wißt, dort, wo das Wasser die scharfe Biegung macht und
die beiden Steine stehen, auf denen früher einmal eine hölzerne Bank
lag.«
»Ist er dort?« riefen einige durcheinander.
»Das weiß ich nicht,« sagte der Verwalter, »aber als ich gestern abend
dort hinauf ging, um nach den Kopfweiden zu sehen, fand ich nicht weit
vom Ufer einen alten Hut, der recht gut dem Tobias gehört haben kann.
Ich habe allerdings nichts weiter von ihm gesehen und mich gestern
abend, an keinen Unfall denkend, auch nicht länger dort aufgehalten,
denn das Wetter war mir zu schlecht; aber ich fürchte fast, wenn ihm
irgend etwas zugestoßen ist, war's an der Stelle. Ist's euch recht, gehe
ich mit, und finden wir dort nichts, so könnt ihr euch ja nachher noch
immer einteilen und die Nachbarschaft ordentlich absuchen.«
Gegen den Vorschlag ließ sich nichts einwenden, gab er ihnen doch ein
bestimmtes Ziel, und die ganze Schar brach lärmend auf, den bezeichneten
und nicht sehr entfernten Platz, den sie alle recht gut kannten, sobald
als möglich zu erreichen. Als sie vor das Wirtshaus kamen, sahen sie
einen fremden Herrn, der allein den Weg zum Gute einschlug.
»Wer ist das, Verwalter?« fragte diesen der Schulze.
»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort. »Jedenfalls ein Fremder, der
den Baron zu sprechen wünscht -- da kommt er aber zu spät, denn der ist
heute morgen verreist.«
»Vielleicht ein Bekannter von der Herrschaft?«
»Möglich.«
»Er ist vor etwa einer Stunde aus dem Lande unten heraufgekommen,« sagte
einer der Bauern, »muß auch wohl etwas hier im Orte zu tun haben, denn
sein Kutscher sagt, daß er einen Tag hier bleiben wolle.«
»Dann müßte er aber ja unserm Herrn begegnet sein!«
»Vielleicht ein Getreidehändler -- die reisen jetzt im ganzen Lande
umher, das liebe Gut aufzukaufen, und wenn sie's uns um einen Spottpreis
abgeschwatzt haben, machen sie nachher ihre eigenen Preise und treiben's
in die Million 'nauf.«
Aber die Leute hatten jetzt andere Dinge im Kopfe, als sich diesen
über den Fremden zu zerbrechen. Rechtsab bogen sie von der Straße, dem
Wasserkurs aufwärts folgend, und während einige der jüngeren Burschen
lange Stangen mit Haken trugen, den Bach damit auszufühlen, liefen
andere voraus, um den Hut wiederzufinden und sich damit der genauen
Stelle zu versichern, in deren Nachbarschaft sie den armen Teufel
vielleicht doch noch auf trockenem Boden antreffen konnten.
Mit dem Hute hatte es indessen einige Schwierigkeit. Der in der letzten
Nacht ziemlich dicht gefallene Schnee deckte alles mit seiner weichen,
ausgleichenden Masse, und so genau konnte der alte Verwalter die
Stelle ebenfalls nicht angeben, denn er erinnerte sich nur ungefähr des
Platzes. Während aber einige am Ufer auf und ab liefen und jeden Baum
untersuchten, klopften andere auf jede kleine Erhöhung im Schnee und
stocherten sie auf, bis sie endlich wirklich den alten Hut fanden. Er
wurde von dem Müller augenblicklich als Tobias' Eigentum anerkannt, und
die Arbeiter begannen jetzt den Bach abwärts von dort mit den Stangen
nachzusuchen. Leider bewährte sich hier, was der Müller gleich von
Anfang an gefürchtet. Gleich wo sie begannen, und der Stelle genau
gegenüber, an welcher der Hut gelegen, trafen die eingeworfenen Stangen
auf die Leiche, die von einem Gegenstande unter Wasser festgehalten
wurde. Man mußt sie mit einiger Gewalt ans Ufer ziehen, und dabei hob
sich ein alter Weidenast mit aus dem Wasser, der sich fest in den Rock
des Unglücklichen verwickelt hatte. Die Ursache seines Todes war deshalb
auch allen klar; er mußte, jedenfalls im Trunke, hier den Weg verfehlt
haben und in das Wasser hineingetaumelt sein, dessen Ufer er doch wohl
wieder erreicht hätte, wenn ihn eben nicht der zähe, elastische Zweig
daran verhinderte. Ueberdies seiner Sinne nicht mächtig und mit dem
geschwächten Körper, ließ es sich leicht erklären, daß er selbst in dem
schmalen und eben nicht tiefen Bache ertrinken konnte.
Die Männer hoben die Leiche schweigend aufs Trockene, und einige der
mitgebrachten Seile quer zwischen die beiden Stangen bindend, machten
sie eine Art von Bahre daraus, auf der sie den alten Tobias ins Dorf und
in die Mühle hinabtrugen.
24.
Georgine war angekleidet und saß über einen Brief brütend in ihrer
Stube, deren Riegel sie vorgeschoben hatte. Wieder und wieder las sie
das Schreiben durch, und dann, als ob ihr der Inhalt keine Ruhe
lasse, sprang sie auf und ging mit festverschränkten Armen und raschen
Schritten in dem Gemache auf und ab.
»Und wer könnte mich tadeln, wenn ich meinem Willen folgte?« murmelte
sie dabei leise vor sich hin. »Liebt das gefangene Tier nicht seine
Freiheit und sucht sie wieder zu erlangen, wie viel mehr denn der
Mensch, dem die Natur nicht umsonst den kühnen Geist gegeben! -- Und bin
ich weniger als eine Gefangene in diesem öden, abgelegenen Hause,
das ich nur wie der an einen Faden gebundene Vogel verlassen darf, um
hierher zurückzukehren, wenn es meinem Herrn gefällt, mich wieder an
dem Faden einzuziehen? Gift und Tod!« zürnte sie, und die dunklen Augen
sprühten Feuer, die Lippen preßten sich zusammen, und der kleine Fuß
stampfte ungeduldig, wild den Boden.
»Und jetzt gerade -- jetzt kommt der Brief, wo Georg -- und ich kann
nicht fort. Ohne Geld -- ohne Paß, eine Frau allein mit ihrem Kinde. An
den Stäben darf ich rütteln, an den Stäben, die mich halten, und meinem
Zorn darf ich Luft machen, heimlich -- heimlich, daß es niemand hört,
und das ist Georgine -- das ist die kühne Reiterin -- das ist die Frau,
die ihr Schicksal nur deshalb an diesen Georg Bertrand fesselte, weil er
noch kühner war als sie, und die sich jetzt von ihm an den Pflug spannen
läßt, den Acker für das tägliche Brot als Bäuerin zu lockern.« Ein
leises Klopfen an der Tür unterbrach sie, und rasch den Kopf danach
umdrehend, rief sie: »Wer ist da?«
»Ich bin's,« sagte die Wirtschafterin, und zu gleicher Zeit versuchte
eine Hand die Tür zu öffnen, was jedoch der vorgeschobene Riegel
verhinderte.
»Was wollen Sie?«
»Ein fremder Herr ist da,« lautete die Antwort, »der erst nach dem Herrn
Baron gefragt hat und dann die Frau Baronin zu sprechen wünschte. Er hat
mir seine Karte gegeben, und ich habe ihn so lange in das Besuchszimmer
geführt, aber es ist dort nicht eingeheizt.«
Georgine ging zur Tür, schob den Riegel zurück und nahm die Karte, die
sie leise las: »Baron Hugo von Silberglanz?«
»In des Herrn Barons Zimmer ist es noch warm,« fuhr dabei die
Wirtschafterin fort, »aber da hinein durfte ich ihn ja doch nicht
bringen, denn da liegen immer so viele Papiere herum, und der Herr Baron
hat's auch nicht gern.«
»Nein -- versteht sich,« sagte Georgine, die Karte noch immer
kopfschüttelnd in der Hand, »schicken Sie mir doch das Mädchen, daß es
hier ein wenig aufräumt, und gehen Sie dann zu dem fremden Herrn hinüber
und bitten ihn, ein wenig zu verziehen -- nachher bringen -- Sie ihn
hier in mein Zimmer.«
»Soll gleich besorgt werden, gnädige Frau,« sagte die Wirtschafterin,
indem sie geschäftig nach ihrem Schlüsselbund griff, »und doch wohl ein
bißchen Frühstück besorgen, wenn es ein alter Bekannter ist?«
»Frühstück? -- ich weiß es nicht -- warten Sie damit, bis ich klingeln
und danach verlangen werde -- ich kenne den Herrn gar nicht.«
Die Wirtschafterin ging, und Georgine blieb in einem eigenen Zustande
von Zweifel und Staunen zurück.
»Baron Silberglanz?« sagte sie leise, »ist das nicht derselbe fade
Mensch, der mich in *** mit seinem zudringlichen Wesen verfolgte, und
was hätte den hierher zu uns geführt? Soviel ich weiß, kennt ihn Georg
gar nicht -- und sollte er mich suchen? aber woher wüßte er, daß ich
hier bin? -- Ha, vielleicht ist er ein Bekannter des Grafen Geyerstein
und bringt Aufträge oder Briefe von ihm. -- Geyerstein,« sagte sie,
sich auf ihr Sofa werfend und den Kopf in die Hand stützend, »dieser
rätselhafte Mensch -- ernst und kalt in seinem ganzen Aeußern, und doch
so herzlich gegen Georg. Und sollten die beiden wirklich -- doch welchen
Grund könnten sie haben, es mir zu verheimlichen -- mir, der Frau des
einen -- aber in welcher Verbindung stehen sie dann zusammen?«
Das Hausmädchen kam herein, räumte die Stube auf und verließ das Zimmer
wieder, während Georgine ihren Gedanken nachhing, bis sie durch Stimmen
auf dem Gange zu sich selber gebracht wurde. Es war der Fremde, den ihr
die Haushälterin zuführte.
»Bitte, treten Sie nur hier ein, Herr Baron; die gnädige Frau erwarten
Sie schon.«
»Danke, liebe Frau,« sagte der Fremde, »ich finde mich jetzt schon
zurecht.« Und er klopfte leise an die Tür.
»Herein!«
Die Tür öffnete sich, eine elegant gekleidete, sehr schmächtige Gestalt,
die den Paletot schon draußen abgelegt hatte, glitt herein und schloß
sie augenblicklich wieder, und die feine, schwächliche Stimme des
zierlichen Männchens sagte: »So habe ich mich nicht geirrt -- Glück ist
heute meinen Augen widerfahren, denn sie dürfen die holde Georgine, die
Königin der Amazonen, wieder schauen. Gnädige Frau, ich lege mich nicht
nur in der leeren Phrase Ihnen zu Füßen« -- und den Worten die Tat
folgen lassend, hüpfte er auf Georgine zu, ergriff ihre Hand, die er
an das zierliche Schnurrbärtchen drückte, und ließ sich vor ihr auf ein
Knie nieder.
»Herr von Silberglanz!« sagte Georgine, die ihn jedoch mit der noch
immer gehaltenen Hand emporhob, »das ist in der Tat eine Ueberraschung
-- aber bitte -- Sie vergessen, daß wir hier nicht in der Residenz,
sondern auf dem Lande sind, und Sie es außerdem nicht mit der holden
Georgine, sondern mit der Pachtersfrau, Baronin von Geyfeln, zu tun
haben. Ich bedaure übrigens, daß Sie meinen Mann nicht zu Hause treffen,
dem doch jedenfalls Ihr Besuch gilt.«
»Soll ich aufrichtig gegen Sie sein, schöne Frau,« sagte Herr von
Silberglanz, indem er aufstand, sich sein rechtes Knie mit dem Hute
abwischte und den angebotenen Stuhl neben Georginen einnahm, ohne jedoch
ihre noch immer gefaßte Hand loszulassen, »wollen Sie mein ganzes Herz
offen, ohne ein Fünkchen Falschheit vor sich ausgelegt haben?«
»Ich bin kein Anatom, bester Baron,« sagte Georgine, ihm ihre Hand
langsam entziehend, »und doch wäre es vielleicht von Interesse,« setzte
sie lächelnd hinzu, »einmal das Herz eines so vollständig zivilisierten
Herrn genau studieren zu können, wenn man nur eben auch wüßte, daß man
nicht angeführt würde.«
»Göttliche Frau...«