vorher bei dir, und du weißt, daß er in Familienangelegenheiten nach
Petersburg muß. Wie lange er sich dort aufhalten wird, hängt allerdings
von Umständen ab; er hofft aber doch in sechs bis acht Wochen spätestens
wieder zurück zu sein, und hat mich indessen feierlich um mein Fürwort
bei dir gebeten.« Melanie ließ die Hand mit der Nadel, die sie gehoben
hatte, um in ihrer Arbeit fortzufahren, wieder sinken und sah still vor
sich nieder, und die Mutter, die sie kurze Zeit beobachtete, fuhr
mit langsamer, aber eindringlicher Stimme fort: »Ich brauche dir die
Vorteile nicht auseinanderzusetzen, die für dich wie für uns alle aus
einer Verbindung mit einem so edlen und angesehenen Hause entstehen
würden; Vorteile sollen auch keinen Einfluß bei meiner Tochter auf die
Wahl eines Gatten haben, denn, Gott sei Dank, wir können und dürfen die
höchsten Ansprüche machen und stehen keinem nach. Aber Selikoff ist auch
ein liebenswürdiger und braver Mensch, mit dem eine Frau schon hoffen
darf, glücklich und angenehm zu leben, und ich möchte dir die Sache
hiermit warm und dringend ans Herz gelegt haben. Eine Zeitlang glaubte
ich einmal -- und ich meine sogar, ich hätte Ursache dazu gehabt --
daß Graf Geyerstein sich um dich bewerbe, und daß du selber ihm nicht
abgeneigt wärest. Ich hätte allerdings nicht das geringste gegen
Geyerstein einzuwenden; er ist aus edlem Geschlecht, ein braver und
wackerer Mann, und der Vater hat ihn besonders gern und hält große
Stücke auf ihn, aber -- Selikoff ist denn doch eine bessere und
schicklichere Partie für dich, und ich habe mit Genugtuung gesehen,
daß du selber so zu denken scheinst. Graf Geyerstein mag das auch wohl
fühlen, denn er hat sich in letzter Zeit fast auffallend zurückgezogen.«
Die Mutter schwieg eine kleine Weile, um die Wirkung zu beobachten, die
ihre Worte auf die Tochter machen würden. Melanie aber erwiderte
keine Silbe, regte sich nicht, und die alte Exzellenz fuhr fort:
»Graf Selikoff hofft, daß er dir nicht ganz gleichgültig sei. Er hat
schüchtern, wie er ist -- freilich noch nicht gewagt, dich selber darum
zu fragen, er ist aber bei mir gewesen, und hat mich ohne Umschweife
offen und ehrlich gebeten, ein Fürwort für ihn bei dir einzulegen,
also förmlich und in aller Ordnung bei mir, der Mutter, um deine Hand
geworben. Ebenso einfach und ohne alle Umschweife frage ich also dich
jetzt, Melanie, willst du die Gattin des Grafen Selikoff werden?«
»Liebste, beste Mutter...«
»Laß mich eine einfache Antwort haben, Ja oder Nein; Selikoff selber hat
dir noch Zeit mit der Antwort gelassen, bis er zurückkommt, nur für mich
verlange ich sie, um darüber beruhigt zu sein; denn diese Ungewißheit
reibt mich auf, und das vertragen meine Nerven nicht. Hast du etwas
gegen ihn einzuwenden?«
»Nein!«
»Also darf er hoffen, daß du ihm deine Hand reichst, dich wenigstens mit
ihm verlobst, sobald er zurückkehrt, denn die Vorbereitungen zu einer
Vermählung sind nicht so im Nu beendet, wie die jungen Leute gar nicht
selten glauben. Also: Ja oder Nein?«
»Ja!« hauchte Melanie.
»Ich danke dir, mein liebes Kind,« sagte die Mutter mit einiger Rührung,
denn sie freute sich, daß ein Lieblingsplan von ihr zur Wahrheit
geworden war, und fühlte doch auch dabei, daß Melanie noch irgend etwas
auf dem Herzen hatte, das nicht so ganz mit diesem Ja übereinstimmte,
ihr also dadurch vielleicht ein Opfer brachte. Sie hütete sich aber
wohl, danach zu fragen, denn sie fürchtete und haßte jede Aufregung. Die
Hauptsache war überdies erledigt, und alles andere konnte nicht weiter
in Betracht kommen.
»Meinst du da nicht vielleicht,« setzte sie nach einer kleinen Pause
hinzu, »daß wir dem armen Grafen ein paar Zeilen schreiben sollen, um
ihn aus seiner Ungewißheit zu reißen?«
»Nein, ja nicht!« bat Melanie rasch.
»Ich meine nicht eine bestimmte Zusage; nur ein paar freundliche
Worte, die ihm Hoffnung machen und seine Rückkehr zu uns vielleicht
beschleunigen -- wenn er sich überdies nicht schon genug beeilt, um
seine Geschäfte zu beenden.«
»Nein, Mama -- bitte, nein! Ich kann ihm nicht schreiben, ehe er selber
bei mir um meine Hand geworben hat, und -- ich möchte auch weiter keine
Vermittlung in einer so wichtigen Sache haben. Er hat sich selber diese
Frist gestellt, wir dürfen sie auf keinen Fall kürzen.«
»Du hast recht,« sagte die Exzellenz, »das sähe am Ende gar aus, als ob
wir es nicht erwarten könnten. Uebrigens scheint er fast einen Brief zu
erhoffen, denn er hat mir seine Adresse in Petersburg dagelassen.«
»Kehrt er zurück,« sagte Melanie, »so ist es früh genug, und ich selber
brauche die Zeit, mich zu sammeln und -- darauf vorzubereiten. Es ist
ein wichtiger Schritt, den ich zu tun gedenke -- ein Schritt, von dem es
keinen Rückweg gibt. Laß mir, liebe Mutter, die mir dazu gegönnte
Zeit ungeschmälert, damit ich mich nicht vorher schon als gebunden zu
betrachten brauche -- versprich mir das.«
»Von Herzen gern, liebes Kind; guter Gott, die kurze Zeit wird überdies
so rasch verlaufen, daß man am Ende gar nicht weiß, wo sie geblieben
ist, und ich habe noch so erstaunlich viel zu tun! Jetzt mach' mir aber
auch kein so trauriges Gesicht mehr; das ist kein Gesicht, wie es sich
für ein glückliches Bräutchen schickt. Apropos, ich habe der Rosalie
zu ihrem Geburtstage heute Gesellschaft gebeten -- ihre gewöhnlichen
Spielkameraden und Freundinnen aus der Tanzstunde. Komm später ein wenig
zu uns hinüber, das wird dich zerstreuen.«
»Weiß Papa darum?« fragte Melanie, ihre Augen zu der Mutter hebend.
»Um die Kindergesellschaft? -- Ja, so, du meinst Selikoffs Antrag? --
Nein, er war nicht zu Hause. Es wird ihm nicht so ganz recht sein; ich
weiß, er hat sich zu deinem Gatten einen andern ausgedacht, aber er
schätzt den jungen Russen doch auch sehr; er weiß, wie gern ihn der
Fürst hat, und ist außerdem ein viel zu guter Vater, als daß er deinem
Willen Zwang antun sollte. Also beruhige dich darüber nur vollkommen;
ein Einspruch von seiner Seite ist nicht zu befürchten. -- Aber ich
sitze hier und schwatze und schwatze, und drüben warten eine Menge
Geschäfte auf mich. Also adieu, meine liebe Melanie, adieu. Sei wieder
freundlich -- nicht so ernst, mein liebes -- glückliches Bräutchen!«
Und die Tochter umarmend und küssend, nickte sie ihr noch einmal zu und
verließ dann rasch das Zimmer.
22.
Herr von Zühbig hatte in diesem Morgen außerordentlich lange geschlafen,
um sich von den gehabten Strapazen gehörig auszuruhen, war dann in sein
Bureau gegangen, um die nötigen und laufenden Geschäfte zu ordnen, und
schlenderte danach langsam einem Frühstückskeller zu, eine Erfrischung
einzunehmen.
Es war das ein Platz, der ausschließlich von der Hautevolee besucht
wurde -- Herr von Zühbig wäre auch sonst nicht hingegangen. Besonders
fanden sich die Kavallerieoffiziere gern hier des Morgens zusammen, und
der Intendant hatte viele Freunde unter dem Militär, dem einst selber
angehört zu haben sein Stolz war.
Das höchst elegant eingerichtete Lokal wurde selbst den Tag über von
Gasflammen erhellt, da Tageslicht nie hineindringen konnte; weiche
Plüschsofas zogen sich an den Seiten hin, und kleine, durch schwere
Gardinen abgeschiedene Räumlichkeiten bildeten traulich gemütliche
Plätzchen, in denen sich ein paar Zecher hübsch abgesondert von den
übrigen halten konnten.
Von Zühbig war aber gesellschaftlicher Natur; er gehörte zu den
Persönlichkeiten, die ein stilles, zurückgezogenes Familienleben nur dem
Namen nach kennen -- wenigstens davon gehört hatten, wenn sie auch nicht
daran glaubten, und eigentlich nur, wie der Jäger sagt, »in Rudeln«
gefunden werden. Morgens war er in seinem Bureau oder auf der Promenade,
bei schlechtem Wetter im Café oder Delikatessenkeller, nachmittags hier
und da mit Freunden zusammen, und abends im Theater oder beim Whist.
Aus diesem Grunde verschmähte er auch die kleinen abgeschiedenen
Lokale, nannte sie »Gefangenzellen« und protegierte den langen
Gesellschaftstisch, an dem er hoffen durfte, mit Gleichgesinnten
zusammen zu treffen.
Heute hatte er übrigens dazu eine ungünstige Zeit gewählt. Es war noch
früh oder schon zu spät für die gewöhnlichen Gäste, und von Zühbig
befand sich hinter einem Glas altem Madeira und einem Teller mit Kaviar
ganz allein und keineswegs so gemütlich, wie er es erwartet haben
mochte. Vergebens hatte er auch, in einer Art von Instinkt, dann und
wann nach den Fenstern geschaut, ob nicht etwa Ankömmlinge sein Los
erleichtern wollten. Die Fenster waren nämlich bloß Imitationen
von wirklichen, tatsächlichen Lichtverbreitern; sie bestanden aus
Spiegelglas und warfen ihm stets nur sein eigenes unzufriedenes Bild
zurück.
»Garcon!« rief Herr von Zühbig.
»Zu Befehl, Ew. Gnaden.«
»Der Madeira ist heute abominabel -- der muß auf einem Heringsfaß
gelegen haben.«
»Bitte tausendmal um Verzeihung, Ew. Gnaden -- er hat in Flaschen
dreimal die Linie passiert.«
»So? -- in der Tat? dann ist er oder ich jetzt an der andern Seite vom
Aequator -- aber Sie sprechen wahrscheinlich von dem Kaviar. Der
schmeckt wirklich so, als ob er dreimal die Linie passiert haben könnte.
Er ist ganz ranzig.«
»Der beste russische, der nur zu bekommen war.«
»Ein hartes Brötchen haben Sie mir auch dazu gegeben, und die Zitrone
hier hat wahrscheinlich eine ägyptische Mumie einige tausend Jahre zur
Verzierung in der Hand gehalten. Mit solchen Waren ist es kein Wunder,
daß die Gäste ausbleiben, und ich scheine hier als letzter der Mohikaner
die Reste zu verzehren. Fürchten Sie sich nicht, den Keller hier so
allein zu bewohnen?«
Der Kellner lächelte verlegen, und Herr von Zühbig trank seinen Madeira
aus und schob das Glas von sich.
»Geben Sie mir noch einen Schnitt, aber aus einer andern Flasche; ich
fürchte, diese ist aus Versehen irgendwo zurückgeblieben, als ihre
Kameraden auf Reisen gingen.«
»Herr von Zühbig -- richtig wie ich gehofft,« sagte in diesem Augenblick
eine feine Stimme, und durch die halbgeöffnete Tür schaute das vergnügte
Gesicht des Baron Silberglanz, während er jetzt ins Zimmer glitt und,
von dem Kellner unterstützt, Hut und Paletot ablegte.
»Wirklich noch ein Mensch!« rief der Intendant. »Mein guter Baron,
Sie sind wohl auf einer Entdeckungsreise begriffen, mich, als einen
Verschollenen, irgendwo an den unwirtlichen Ufern des Eismeeres
aufzusuchen. Sie kommen zur rechten Zeit -- eine Hundekälte herrscht
überhaupt hier, und ich habe mich in Ermangelung eines Bessern die
letzte Zeit über schon mit Fischeiern und Tran, welchen jener junge
scherzhafte Mensch Madeira nennt, ernähren müssen.«
»Ich habe Sie in der Tat gesucht, bester Intendant,« sagte der Baron,
indem er sich neben Herrn von Zühbig niederließ. -- »Garcon, mir auch
von diesen Fischeiern und Tran -- und war schon auf Ihrem Bureau, um Sie
dort zu finden.«
»Aus reiner Anhänglichkeit oder aus einem andern Grunde?«
»Beides -- zuerst wollte ich mich erkundigen, wie Ihnen die Fahrt
bekommen ist.«
»Vortrefflich, wie Sie sehen; ich habe sogar eine so robuste
Konstitution mitgebracht, daß ich imstande bin, die Kost hier zu
vertragen. Darüber also beruhigt, mit was kann kann ich Ihnen weiter
dienen?«
»Ja, mein bester Herr von Zühbig -- Sie -- Sie wissen doch, daß ich
Sie schon früher gebeten hatte, mir sicher für die neue Oper eine Loge
reservieren zu lassen?«
»Allerdings.«
»Das wollte ich Ihnen gern noch einmal ans Herz legen, daß Sie es ja
nicht vergäßen. Ich habe es einer befreundeten Familie fest versprochen
und möchte nicht wortbrüchig werden.«
»Das ist allerdings viel Aufopferung,« versicherte Herr von Zühbig, »daß
Sie sich, nur um ein Versprechen zu halten, dem hiesigen Madeira und
Kaviar aussetzen. Weiter war es nichts?«
»Weiter? -- nein -- nicht daß ich wüßte -- Ihre Gesellschaft allerdings
ausgenommen« -- von Zühbig verbeugte sich leicht und lächelnd. »Allein
schmeckt mir der Wein auch nicht,« fuhr der Baron fort, »und es plaudert
sich am besten zu zweien. Apropos, haben Sie auf Ihrer letzten Reise
einige Jagden mitgemacht?«
»Nein, Sie wissen ja, ich hatte keine Zeit dazu.«
»Sonst -- haben Sie keine Bekannten unterwegs getroffen?«
»Sonst? -- ah so, Sie meinen außer dem Monsieur Bertrand und seiner
schönen Frau,« erwiderte Herr von Zühbig, und ein eigenes Lächeln zuckte
um seine Lippen. Er wußte jetzt, wo hinaus sein teilnehmender Freund
wollte, und mit einigem trocknen Humor, den er besaß, fühlte er sich
gerade in der Stimmung, ein halb Stündchen Zeit damit zu töten, Herrn
von Silberglanz ein wenig zu dupieren. Er konnte ihn außerdem nicht
leiden -- vielleicht nur weil ihn Frau von Zühbig protegierte
-- vielleicht, weil er im stillen den neugebackenen Adel mit
Geringschätzung betrachtete. Viele, sehr viele der Hautevolee, Herr von
Zühbig nicht ausgenommen, würden sich auch wenig um den jungen Baron
mit seinem unangenehm eitlen Wesen gekümmert und ihn vollständig links
liegen gelassen haben, wenn -- sie ihn eben hätten entbehren können.
Herr von Silberglanz war aber sehr reich und gegen den hohen Adel --
zu dem zu gehören er den größten Stolz fühlte -- sehr liberal, und die
Konsequenz daraus ist leicht zu ziehen.
Herr von Zühbig brauchte ebenfalls sehr häufig Geld, und je nachdem
dieses Bedürfnis stieg oder sank, stieg und sank auch zugleich sein
Freundschaftsthermometer für den Baron. Ganz fallen lassen konnte er ihn
aber nie, und unter vier Augen oder im kleinen Familienkreise war er die
Herzlichkeit selber; öffentlich jedoch machte er keinen Staat mit ihm
und vermied ihn, wo es nur irgend schicklicherweise geschehen konnte.
»Nein, lieber Freund,« setzte von Zühbig deshalb, wie sich besinnend,
hinzu, »nicht daß ich wüßte. Keinesfalls irgend eine hervorragende
Persönlichkeit, für die Sie sich besonders interessieren würden.«
»Eigene Sache das, mit jenem Monsieur Bertrand und seiner Frau!« sagte
Silberglanz nach einer kleinen Pause, in der er an seinem Madeira
langsam gesogen.
»Höchst eigen, in der Tat!« erwiderte von Zühbig, seinem Beispiele
folgend.
»Daß sich der Mann zu einer solchen Rolle hergibt!«
»Er wird es bald satt bekommen.«
»Und die Frau?«
»Hat es schon lange satt.«
»Glauben Sie wirklich?«
»Lieber Silberglanz, von glauben kann keine Rede mehr sein, wenn es
einem mit dürren Worten gesagt wird.«
»Aber das erwähnten Sie doch nicht?«
»Weil ich vor meiner Frau von jener Georgine so wenig wie möglich
sprechen wollte, denn das arme Kind ist fabelhaft eifersüchtig und oft
ohne den geringsten Grund; wahrhaftig, Baron, ohne den geringsten Grund.
Apropos, Silberglanz, Sie Schelm Sie! ich habe ja gar nicht gewußt, daß
Sie in so genauer Verbindung mit der Bertrand gestanden haben.«
»Ich, lieber Zühbig? Bitte, sprechen Sie nicht so laut, der Kellner da
drüben spitzt die Ohren schon, das -- war auch gar nicht der Fall.«
»Bst, bst, Männchen, keine Flausen!« drohte ihm von Zühbig lächelnd mit
dem Finger, »wenn eine Frau einmal das eingesteht, was mir die schöne
Georgine eingestanden hat, da ist's nachher nicht mehr richtig, und mir
machen Sie in der Hinsicht nichts mehr weis. Aber was geht's mich an!
das ist eine Sache, die jeder mit sich selber auszumachen hat, und ich
wäre der letzte, der Sie deshalb tadelte.«
»Aber was hat sie Ihnen nur gesagt?« flüsterte der Baron, dem jetzt
selber daran lag, etwas zu erfahren, von dem er fast überzeugt war,
daß es ein Mißverständnis sein müsse, hätte ihn von Zühbigs Ruhe und
Sicherheit nicht wieder irre gemacht. »Was kann sie Ihnen um Gottes
willen gestanden haben?«
»Daß sie sich unglücklich in dem Verhältnis fühle, und daß ihr ein
Freund fehle!« flüsterte von Zühbig.
»Ein Freund?«
»Ja -- noch einer,« sagte der Intendant. »Zwei hat sie, die scheinen ihr
aber noch nicht genug zu sein -- sie sagte, sie müßte jemanden haben,
der es ehrlich mit ihr meinte.«
»Ehrlich?«
»Nun, das sind die Redensarten.«
»Aber was habe ich damit zu tun?«
»Sie sagte mir ferner,« fuhr von Zühbig fort, »daß sie hier in der
Residenz eine Bekanntschaft gemacht habe -- aber Verhältnisse wären
damals störend dazwischen getreten -- sie nannte keinen Namen, aber sie
versicherte mir, das sei ein Ehrenmann gewesen.«
»Da war ja aber von mir noch immer keine Rede.«
»So? aber kurz vorher hatte sie mich gefragt, ob ich einen gewissen
Baron von Silberglanz in der Residenz kenne, und als ich es bejahte und
ihr versicherte, daß er zu meinen speziellen Freunden gehöre, wurde sie
so rot, wie Blut nur machen kann.«
»In der Tat?«
»Und als ich fortging und uns ihr -- Mann einen Augenblick verlassen
hatte, trug sie mir wohl keinen Gruß an Sie auf, he? und hat mir wohl
nicht dabei freundlich gesagt, ich möchte den Namen ihres stillen
Aufenthalts Schildheim nicht vergessen?«
»Hat sie das in der Tat?« sagte von Silberglanz, und wie in Gedanken
leerte er sein Glas Madeira und schlug mit dem Messer daran, es von dem
herbeischnellenden Garcon wieder füllen zu lassen.
»Ich denke doch,« sagte von Zühbig, als der Kellner mit dem Glase durch
die Büfettür verschwunden war, »daß eine Dame eigentlich nicht gut mehr
zu verstehen geben könnte.«
Baron von Silberglanz schüttelte lächelnd mit dem Kopfe. »Und doch haben
Sie die Donna falsch verstanden,« sagte er, »sie hat mich auf keinen
Fall damit gemeint -- wahrscheinlich den Grafen selber. Sie weiß, daß
Sie mit ihm befreundet sind, und wünscht, allem Vermuten nach, ihn auf
eine feine Weise wissen zu lassen, daß sie -- eben Langeweile hat.«
»Lieber Freund!«
»Ich gebe Ihnen mein Wort, nicht anders. Und wenn's wirklich anders
wäre, was hilfe es mir. Jener Ort -- Schildheim nannten Sie ihn?«
»Jawohl.«
»Nun ja, jener Ort liegt Gott weiß wie weit von hier entfernt -- im
Mecklenburgischen, nicht wahr?«
»Allerdings.«
»Nun sehen Sie, und vielleicht weit von einer Eisenbahn?«
»Etwa sechs Stunden zu fahren.«
»Entsetzlich -- aber das ist ja kaum möglich. Da irren Sie sich, lieber
Zühbig. In letzter Zeit sind mehrere Eisenbahnen dort gebaut, daß man
wohl kaum sechs Stunden von einem Gleis zum andern hat. Sechs Stunden
vielleicht zu gehen.«
»Bitte um Verzeihung; zu fahren.«
»Wie heißt denn die nächste Station?«
»Kolbendorf,« erwiderte von Zühbig, und mußte sich Mühe geben, das
Lächeln zu verbergen, das ihm wider Willen um die Lippen zuckte.
Er durfte natürlich nicht merken, daß von Silberglanz alle nötigen
geographischen Kenntnisse unter der Hand zu sammeln wünsche.
»Lauter fremde Namen,« sagte der Baron gleichgültig. »Ja, wenn der Ort
auf meinem Wege nach Paris läge, machte ich vielleicht des Spaßes halber
auf der Hin- oder Rückreise einen Abstecher da hinüber.«
»Wollen Sie nach Paris, Baron?«
»Ich muß dahin -- in Geschäften für meinen Papa, den alten Baron. Die
Zeit ist aber noch nicht bestimmt und hängt eben von Umständen ab.
Wahrscheinlich werde ich den Rest des Winters dort zubringen.«
»Ach, da beneide ich Sie; wer da mit könnte!« seufzte von Zühbig, indem
er von seinem Sitze aufstand und an sein Glas schlug.
»Sie wollen schon fort?«
»Ja, ich werde nervös, wenn ich noch länger hier in dem einsamen Keller
sitzen bleibe. Ich habe schon jetzt ein Gefühl, als ob wir durch irgend
einen tückischen Zufall verschüttet wären und nun erst, nach einigen
tausend Jahren, bei gelegentlicher Bohrung eines Brunnens als
getrocknete Ueberreste eines vorsündflutlichen Menschengeschlechts
wieder an die freie Luft gebracht würden. Hier, Garcon, für Ihren
frischen Madeira und alten Kaviar der Sündenlohn -- das für Sie, für
schlechte Behandlung -- au revoir.«
»Danke untertänigst,« lächelte der Kellner.
»Aber so warten Sie doch nur einen Moment!« rief von Silberglanz, seinen
Wein rasch austrinkend, »ich begleite Sie.«
»Sehr wohl,« sagte von Zühbig, dem daran nicht einmal besonders viel
lag; der Baron war aber bald an seiner Seite, und die beiden Männer
stiegen zusammen die Kellertreppe hinauf, die sie wieder in Licht und
Sonnenschein und an die frische, wenn auch kalte Luft führte.
Als sie das Trottoir betraten, ritt ein Kürassieroffizier im Schritt
vorüber, ohne sie jedoch zu sehen. Er hielt den Zügel locker in der Hand
und sah ernst und schweigend, den Kopf weder rechts noch links drehend,
vor sich nieder.
»Graf Geyerstein,« flüsterte der Baron seinem Begleiter zu, und als ob
der Graf seinen ausgesprochenen Namen gefühlt habe, denn die Klänge des
gelispelten Wortes konnten sein Ohr nicht erreichen, drehte er langsam
den Kopf nach ihnen um. Die beiden Herren lüfteten die Hüte; der Graf
erwiderte den Gruß, indem er seinen Arm nur etwas hob, und ritt vorbei.
»Wetter auch,« sagte von Zühbig, »wie blaß und elend Geyerstein geworden
ist, seit ich ihn nicht gesehen habe! Ich hätte ihn fast gar nicht
wiedererkannt.«
»Sehnsucht nach Urlaub vielleicht,« schmunzelte Silberglanz. »Es geht
doch nichts über eine freie, ungebundene Existenz.« Und seinen Arm
vertraulich in den von Zühbigs legend, wollte er mit ihm die breite
Hauptstraße hinaufschlendern. Daran lag aber diesem nichts.
»Sie wollen dort hinauf?« sagte er.
»Wohin Sie gehen; die Richtung ist mir vollkommen gleichgültig. Bis zum
Diner habe ich weiter gar nichts vor.«
»Aber ich desto mehr, bester Freund,« erwiderte der Intendant. »Sie
haben recht, es geht nichts über eine freie, ungebundene Existenz, ich
aber gehöre mit zu jenen armen, geknechteten Menschenkindern, die nicht
einmal eine eigene Zeit besitzen. Ich muß noch einmal auf mein Bureau,
um einige Briefe zu beantworten.«
»Schön, dann begleite ich Sie wenigstens bis zur Tür,« sagte der nicht
so leicht abzuschüttelnde Silberglanz, und dagegen konnte Herr von
Zühbig nichts einwenden. Das Theater lag aber nur eine sehr kurze
Strecke von dort entfernt, und hier verabschiedete sich denn
wirklich der Baron, irgendwo auf der Promenade einen andern Bekannten
aufzutreiben, dem er sich in Ermangelung Zühbigs anhängen konnte.
23.
Wir haben Georg verlassen, als damals der alte Tobias auf seinen Befehl
aus dem Hofe gejagt wurde. Damit war er allerdings für den Augenblick
den Burschen los; daß dieser aber, über die Behandlung wütend und
von Branntwein und Aerger aufgeregt, ins Dorf hinabgehen und dort sein
Geheimnis ausschreien würde, ließ sich voraussehen -- und was dann? Wie
unangenehm mußte selbst hier auf dem Gute Georgs Stellung werden, wenn
die Bauern von Schildheim, ja, seine eigenen Knechte erfuhren, daß
er unter einem angenommenen Namen hierher gekommen wäre! und wie erst
sollte sich sein Verhältnis zu den benachbarten Gutsbesitzern stellen,
wenn aus dem Baron von Geyfeln der frühere Kunstreiter Monsieur Bertrand
wurde? Er selber hätte sich vielleicht darüber hinweggesetzt, aber würde
Georgine dieses einsame Leben ertragen, wenn sie von da an nur auf ihre
eigene Familie angewiesen blieb?
Selbst der frühere Besuch von Zühbigs -- wenn auch seit der Zeit Wochen
vergangen waren -- kam ihm wieder ins Gedächtnis und zeigte ihm mehr
und mehr, daß sein Geheimnis bald kein Geheimnis mehr bleiben würde. Die
Bosheit des alten Possenreißers und der Zufall hatten sich in die
Hände gearbeitet, und er sah mit recht bitteren, sorgenden Gefühlen der
Zukunft entgegen.
Vor allem mußte er aber jetzt erfahren, was unten im Dorfe vorgefallen
sei oder noch geschehe, und er schickte deshalb den Verwalter mit
einem gleichgültigen Auftrage zum Sternenwirt hinunter. Dort sollte er
nebenbei anfragen, ob Mühler im Krug noch eingekehrt oder seinen Weg
gleich weiter gezogen sei.
Das abgemacht, setzte er sich hin und schrieb einen ausführlichen Brief
über die Erlebnisse der letzten Wochen, besonders über sein Begegnen
mit Herrn von Zühbig, an Wolf und sprach darin die Befürchtung aus, daß
seine Stellung hier nicht lange mehr haltbar sein würde; denn zogen
sich die benachbarten Gutsbesitzer von ihm zurück, so sah er voraus,
wie unglücklich sich Georgine fühlen und ihm das Leben dann auf jede Art
verbittern würde. In dem Briefe teilte er aber auch dem Bruder mit, daß
ihn Karl, der Neffe des Alten, heimlich verlassen habe und er jetzt fest
entschlossen sei, nach dem Vorhergegangenen, möge sich Georgine darüber
gebärden, wie sie wolle, den alten Mühler selbst nicht wieder bei sich
aufzunehmen.
Den Brief sandte er durch einen besonderen Boten auf die nächste
Postexpedition, sagte aber Georginen noch nichts von dem Vorfalle mit
ihrem Vater. Da der Alte, wie es nicht anders sein konnte, das Geheimnis
Georgs ausgeplaudert hatte, so war es mehr als wahrscheinlich, daß er
selber gar nicht beabsichtigte, zurückzukehren, und in dem Falle vermied
Georg eine fatale Erörterung mit der überhaupt leicht reizbaren Frau.
Solange das umgangen werden konnte, sollte es geschehen.
Ungelegen kam ihm in dieser Zeit gerade eine kleine Reise, die er in
Geschäften machen mußte. Diese betraf aber seinen Getreideverkauf und
ließ sich nicht länger aufschieben, und die Abreise war schon auf den
nächsten Morgen angesetzt. Die Vorbereitungen dazu nahmen auch jetzt
seine Zeit in Anspruch, und damit beschäftigt, suchte er das unangenehme
Gefühl zu bewältigen, das ihn immer und immer wieder beschleichen
wollte, wenn er an den letzten Auftritt mit dem alten Trunkenbold
zurückdachte.