sagte Baron Silberglanz, ebenfalls aufstehend. »Fräulein von Zahbern hat
recht, es ist Zeit, daß wir gehen.«
»Aber ich bitte Sie, Baron.«
»Auf ein andermal, mein lieber Zühbig. Wenn jemand von einer größeren
Reise zurückkommt, tut ihm Ruhe wohl. Gnädige Frau, ich habe die Ehre.«
»Wenn Sie also nicht anders wollen, bon soir, Baron,« sagte Herr von
Zühbig, »hoffentlich haben wir bald wieder das Vergnügen, Sie bei uns zu
sehen. Mein gnädiges Fräulein, kommen Sie gut nach Hause, Sie haben
ja nicht so weit. -- Aber noch einmal bitte ich in der bewußten
Angelegenheit um Ihre Diskretion. Herr von Geyfeln hat mich selber
gebeten, hier in *** nichts von dem Zusammentreffen zu erwähnen, und
ich werde auch darüber schweigen wie das Grab. -- En famille ist es
natürlich eine andere Sache.«
»Nicht eine Silbe!« rief Baron Silberglanz beteuernd.
»Gute Nacht, meine liebe Franziska,« sagte Frau von Zühbig, die
aufgestanden war und Fräulein von Zahbern zärtlich umarmte und küßte,
»gute Nacht, mein liebes Herz. Verwahren Sie sich nur ja recht gut,
daß Sie sich nicht erkälten; es ist entsetzlich rauh draußen und Ihre
Gesundheit überdies so zart.«
»Gute Nacht, meine liebe Amelie,« erwiderte die junge Dame, »haben
Sie keine Angst um mich; ich bin vortrefflich eingepackt, und die paar
Schritte lauf' ich schnell hinüber. -- Gute Nacht, Herr Intendant.
Morgen müssen Sie uns noch mehr von Ihren Reisen erzählen.«
Frau von Zühbig begleitete die Freundin bis zur Tür, und hier umarmten
sich die beiden Damen nochmals auf das Herzlichste; der Baron empfahl
sich ebenfalls, und die beiden Gatten blieben allein.
»Die arme Zahbern dauert mich,« sagte Frau von Zühbig, indem sie
zu ihrem Platze auf dem Sofa zurückkehrte, »sie hatte sich so feste
Rechnung auf den jungen Russen gemacht.«
»Auf den Selikoff?«
»Gewiß. Einmal glaubte sie ihn auch schon ganz sicher im Netz zu haben;
er war ihr aber zu klug. Hast du nicht gesehen, wie sie ordentlich gelb
vor heimlichem Aerger wurde, als ich ihr erzählte, daß die Verbindung
fest beschlossen sei?«
»Das glaub' ich, daß ihr die Partie recht gewesen wäre,« lachte ihr
Gatte, »ein solcher Goldfisch!«
»Irgend eine, bester Freund,« versicherte Frau von Zühbig nachlässig.
»Lieber Gott, Franziska ist nun einmal in den Jahren, in denen sie einen
Mann bekommen muß -- wenn sie sich nicht ihr übriges Leben ohne einen
solchen behelfen soll, und ich glaube kaum, daß sie sehr wählerisch
darin sein würde. Natürlich ist ihr der beste der liebste. -- Aber was
war denn das, worüber du dich noch mit Silberglanz besprechen wolltest?«
»Ich? -- mit Silberglanz?«
»Wegen der Donna.«
»Ach so,« lachte der Intendant, »weiter nichts als ein Scherz, liebes
Kind. Der arme Silberglanz war bis über die Ohren in jene Kunstreiterin
verliebt, und rein toll vor Eitelkeit, wie er einmal ist, glaubt er
alles, was dem Nahrung gibt. Ich werde mir einen Scherz mit ihm machen
und ihm erzählen, daß sich Georgine angelegentlich nach ihm erkundigt
und mir unter der Hand zu verstehen gegeben habe, daß ich ihn wissen
lassen möchte, wo sie schmachte.«
»Du irrst dich darin doch vielleicht in dem Baron.«
»Gott bewahre, liebes Herz -- ich irre mich nie. Aber ich bin müde,
mein Schatz, und werde heute früh zu Bett gehen. Bitte, laß mir noch die
indessen eingegangenen Briefe und Zeitungen bringen.« Frau von Zühbig
läutete, und ihr Gatte saß bald, behaglich im Sofa zurückgelehnt, hinter
einem Haufen aufgerissener Papiere.
21.
Frau von Zühbig kannte ihre Freundin Franziska so genau wie Herr von
Zühbig den Baron, und beide verließen an dem Abend das Zühbigsche Haus
trotz aller Freundschaftsbezeugungen mit einem Stachel im Herzen, der
aber nur die junge Dame wirklich schmerzte. Unterwegs blieb sie auch
außerordentlich einsilbig, trotz aller Bemühungen des Barons, der es für
seine Pflicht hielt, sich liebenswürdig zu machen. Zu Hause angekommen,
sagte sie ihrer Mutter kaum guten Abend, schloß sich dann in ihr Zimmer
ein, warf sich in ihr Sofa, und ihr Gesicht in die Hand stützend,
starrte sie finster brütend vor sich nieder. Fräulein von Zahbern hatte
Augenblicke, in denen sie hübscher aussah als in diesem.
»Also doch,« murmelte sie leise vor sich hin, mit dem Fuße dabei den
Teppich schlagend, »also doch! -- Diese kokette Ralphen, dieses unreife,
eingebildete Ding, voll Kapricen und Launen! Und wie scheinheilig und
unschuldig die -- Person gegen mich tat! ob ihr je ein Wort davon über
die Lippen gegangen wäre! Das ist Freundschaft, das ist Vertrauen --
die kleine giftige Schlange, die! Und was für eine Ursache nur sie und
Geyerstein auseinander gebracht haben mag? -- Sie hat ihn geliebt, ich
weiß es bestimmt, ja, meinen Kopf möcht' ich zum Pfande setzen, daß sie
ihn noch liebt; sie kann sich einmal nicht verstellen, so viel Mühe sie
sich gibt, und als ich ihr neulich nur den Namen nannte, wurde sie bald
blaß und bald rot. Hätte ich damals meinen Vorteil verfolgt, ich glaube,
ich hätte sie zu einem Geständnis bringen können, aber meine alberne
Gutmütigkeit ließ es nicht zu. Gutmütigkeit für solches Entgegenkommen!
-- Doch warte,« setzte sie entschlossen hinzu, als sie aufsprang und mit
raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab lief, »jetzt hab' ich dich!
Liebt sie den Geyerstein wirklich noch, so ist er auch zurückgetreten
und nicht sie, und das zu erfahren, hab' ich jetzt ein prachtvolles
Mittel. Die Zühbigsche Nachricht ist Gold wert, und daß ich ihr das Gift
tropfenweise beibringe, darauf kann sie sich verlassen. Hat sie
Selikoff wirklich so fest umgarnt -- ist die Verbindung beschlossen und
festgesetzt, wie diese boshafte Zühbig behauptet, so kann ich darin so
nichts mehr verderben -- nur meine Rache will ich noch haben. Der Wurm
krümmt sich, wenn er getreten wird, aber die Schlange sticht, und ich
will selber jetzt einmal die Zeitlang die Schlange spielen. Wie sie die
Neuigkeit wohl aufnehmen wird? -- Ich bin neugierig, ob sie sich so weit
verstellen kann! -- Aber nein, dazu fehlt ihr Charakterstärke, denn sie
ist ja noch weiter nichts als eine arme, hilflose Kokette.«
Fräulein von Zahbern hatte sich selber in eine recht fatale, unangenehme
Laune hineingedacht und gesprochen, und würde, um dem Resultate zu
entgehen, wenn andere Personen gegenwärtig gewesen wären, jedenfalls zu
Tränen und Krämpfen ihre Zuflucht genommen haben. Eingeschlossen aber in
ihr Zimmer, dachte sie an nichts derartiges, sondern kleidete sich aus,
ging zu Bett und grübelte unter der warmen Decke über die Rachepläne
weiter.
* * * * *
Melanie saß am nächsten Tage allein mit Luise in ihrem Zimmer und
arbeitete an einer Stickerei. Graf Selikoff hatte sie gerade verlassen,
und ein prachtvolles Blumenbukett lag vor ihr auf ihrem Arbeitstische
-- aber ihr eigenes Antlitz paßte nicht zu den blühenden Rosen und
Kamelien, mit denen es prangte. Sie sah bleich und angegriffen aus, und
ein schmerzlicher Zug umzuckte den feingeschnittenen Mund.
»Ich will ein Glas Wasser holen,« sagte Luise aufstehend, »die Blumen
welken sonst so schnell.«
»Ich danke Ihnen,« erwiderte Melanie, »aber bitte, setzen Sie die Blumen
in das andere Zimmer hinüber, ich habe Kopfschmerzen, und die Rosen
duften mir zu stark.«
»Sie sehen heute leidend aus, Melanie,« sagte Luise, zu ihr gehend und
leise ihre Stirn küssend, »fehlt Ihnen etwas?«
»Nein, nicht das geringste weiter,« lächelte das junge Mädchen, »ein
rheumatischer Kopfschmerz jedenfalls; ich fürchte fast, daß ich mich
gestern beim Nachhausekommen erkältet habe.«
»Sie waren auch so leicht angezogen.«
»Es wird vorübergehen -- da kommt jemand.«
»Es ist Rosalie -- sie wird mich zum Spazierengehen abholen wollen.
Begleiten Sie uns vielleicht ein wenig?«
»Heute nicht -- Ruhe wird mir besser sein. Was hast du, Rosalie? Du
siehst ja so verdrießlich aus! Ist dir etwas geschehen?«
»Mir?« sagte das junge Mädchen, indem sie zu der Schwester ins Zimmer
trat und ans Fenster ging, »was soll mir geschehen sein? Ich ärgere mich
nur über jemanden.«
»Ueber wen? -- wer hat dir die Ursache dazu gegeben?«
»Ueber wen? -- über den Grafen Geyerstein -- es ist recht häßlich von
ihm!«
»Was, mein Herz?« sagte Melanie und fühlte dabei, wie ihr das Blut zum
Herzen zurückschoß.
»Und hast du es denn auch vergessen?« rief Rosalie erstaunt, »ist denn
nicht heute mein Geburtstag, an dem er jedesmal morgens bei mir gewesen,
und den er mit uns gefeiert hat, und habe ich ihn auch heute nur mit
einem Auge zu sehen bekommen? Ja -- vorbei geritten ist er vorhin -- vor
einer Viertelstunde, gerade wie des Grafen Selikoff Wagen vorgefahren
war, aber ob er auch nur heraufgesehen und gegrüßt hätte -- Gott
bewahre! Ich bin so ernstlich böse auf ihn, daß ich ihn recht tüchtig
auszanken werde, wenn er das nächste Mal wieder zu uns kommt. Da ist
Graf Selikoff viel freundlicher -- wenn er nur das Zeichnen verstände!«
»Er wird heute Dienst gehabt haben, Rosalie,« sagte Melanie leise, »und
da, weißt du wohl, kann er nicht abkommen, wenn er auch gern möchte.«
»Ach was,« rief das junge Mädchen, »die ganze Woche, und die ganzen
letzten vier Wochen hat er nicht in einem fort Dienst gehabt, und wenn
er kommen wollte, hätte er gewiß schon einmal Zeit dazu gefunden --
und heute hatte ich mich so darauf gefreut, denn meine große
Schweizerlandschaft hat er noch nicht einmal gesehen. Was macht denn
Graf Selikoff so lange bei der Mama drüben? Ich wollte eben hinüber und
wurde nicht hineingelassen.«
»Ich weiß es nicht; er hat doch wohl etwas mit ihr zu besprechen.«
»Kommen Sie, Komtesse,« sagte Luise, die recht gut fühlte, wie das
Gespräch der Schwester peinlich wurde, »es wird sonst zu spät zu unserm
Spaziergang heute.«
»Ich kann heute nicht gehen,« rief Rosalie rasch, »Mama hat mir Besuch
geladen -- da fährt er fort,« unterbrach sie sich selber. »Gott sei
Dank! jetzt kann ich hinüber und Mama fragen, welches Kleid ich anziehen
soll.« Und mit den Worten huschte sie leicht und fröhlich aus der Tür
hinaus, allen Aerger in dem einen Gedanken ihres Anzuges vergessend.
»Fräulein von Zahbern läßt fragen, ob es der gnädigen Komtesse
genehm wäre,« meldete in dem Augenblick die Kammerjungfer durch die
halbgeöffnete Tür.
»Lieber Himmel,« sagte Melanie erschreckt, »gerade heute!« aber es blieb
ihr nicht einmal Zeit, den Satz zu vollenden, denn Fräulein von Zahbern
hüpfte auf Melanie zu, und sie umarmend und küssend, sagte sie lachend:
»Ich konnte mir die Freude nicht versagen, unserer kleinen Rosalie
zu ihrem Geburtstage zu gratulieren -- und wo steckt denn der kleine,
liebe, wilde Engel?«
»Rosalie, liebe Franziska, ist eben zu ihrer Mutter gegangen; sie wird
aber jedenfalls bald zurückkehren. Bitte, nimm so lange Platz.«
»Du siehst auch heute wieder angegriffen aus,« sagte Fräulein von
Zahbern, indem sie der Gouvernante, ohne diese selbst nur eines Grußes
zu würdigen, Mantel und Muff überließ, den Hut dann auf einen nahen
Stuhl legte und sich die Locken vor dem Spiegel ordnete, »fehlt dir
etwas, mein Herz?«
»Etwas Migräne, mein altes Leiden, vielleicht auch nur eine Erkältung,
die ich mir gestern abend beim Nachhausegehen zugezogen.«
»Ach ja. Ihr hattet ja euer Kränzchen bei Schodens gestern. Nun, was
macht unsere überschwengliche Euphrosyne? schmachtet sie noch? -- Ich
begreife wahrhaftig nicht, wie sie bei dem Vater auf diese Weise hat
ausarten können. Sie webt und lebt und schwebt immer in einer höheren
Welt, und kommt mit uns anderen armen Sterblichen eigentlich nur bei
Kaffeegesellschaften zusammen -- hahaha!«
»Euphrosyne,« sagte Melanie gutmütig, »ist ein sehr liebes, braves
Mädchen, und wenn sie kleine Eigenheiten hat, dürfen wir die recht gern,
ihrer anderen vortrefflichen Eigenschaften wegen, übersehen oder müssen
sie doch wenigstens milde beurteilen. Sie spricht zum Beispiel nie ein
böses oder gehässiges Wort über einen andern hinter dessen Rücken, und
das ist doch gewiß schon viel wert.«
»Weil sie unsere Schwächen nicht sieht,« lachte Fräulein von Zahbern,
»ihr Auge hängt ja immer an den Wolken und ihren Idealen. Bei Zühbigs
hat sie neulich geschwärmt, daß mir Amelie versicherte, es sei gar
nicht mehr zum Aushalten gewesen. -- Apropos, Zühbig, der Intendant, ist
gestern von seiner nordischen Reise, wie er es nennt, zurückgekehrt und
hat eine ganze Tasche voll Neuigkeiten mitgebracht.«
»Das läßt sich denken,« lächelte Melanie, »und er ist jetzt gewiß recht
in seinem Element.«
»Er hat auch eine Entdeckung gemacht.«
»Wirklich? -- einen neuen Stern am Theaterhimmel entdeckt? Der wird nach
ihm benannt werden müssen. Doch hoffentlich einen Planeten, den wir in
dem Falle auch einmal auf seiner Wanderung bewundern dürfen.«
»Nein, einen alten Stern,« sagte Fräulein von Zahbern, »einen Stern, der
nur eine Zeitlang vom Horizont verschwunden war -- einen Stern erster
Größe noch dazu. Die Frau des Georg Bertrand.«
»In der Tat?« sagte Melanie ruhig, »aber ich glaube, die Entdeckung
wird im öffentlichen Zirkus und mit Hilfe des Programms nicht so
außerordentlich schwer gewesen sein.«
»Sie reitet ja nicht mehr, schon seit sie von hier fort ist,« rief
Fräulein von Zahbern rasch, »hat sich auch in ihren Verhältnissen, ja
selbst in ihrem Namen sehr gebessert und heißt jetzt Frau von Geyfeln.«
»Von Geyfeln?«
»Und selbst das ist noch nicht das Merkwürdigste,« setzte das gnädige
Fräulein still vor sich hin lachend hinzu. »Du rätst gewiß nicht,
Melanie, auf wessen Gut sie sich befindet.«
»Wie soll ich das raten?« sagte Melanie, die sich alle Gewalt antun
mußte, ihre Fassung zu bewahren; sie schöpfte dabei viel Atem, denn es
war, als ob eine eiserne Hand ihr die Brust zusammenschnüre, »Land und
Leute dort sind mir vollkommen fremd.«
»Wer hätte das dem stillen Grafen zugetraut!« fuhr Fräulein von Zahbern
fort, und ihr Blick hing lauernd an den Zügen der Gepeinigten, »Amelie
hat aber ganz recht: Stille Wasser sind tief, und die Ruhigen haben es
oft faustdick hinter den Ohren.«
»Von welchem Grafen sprichst du?« fragte Melanie. Sie wußte, welcher
Name folgen würde und mußte, aber sie hatte einen von der Freundin
unbewachten Blick aufgefangen; sie fühlte, daß sie beobachtet wurde,
welchen Eindruck die Nachricht auf sie mache, sie wußte, daß Franziska
im Innern triumphieren würde, wenn sie sich schwach zeigte, und ihre
ganze Kraft zusammenraffend, dem zu begegnen, sah sie ruhig in der
Redenden Auge.
»Von welchem Grafen?« lächelte Fräulein von Zahbern, ihres Sieges jetzt
gewiß, »von welchem könnt' ich reden als von unserem unvergleichlichen
Ritter Bayard ohne Furcht und ohne Tadel, dem Grafen Geyerstein!«
»In der Tat?« erwiderte Melanie, aber so ruhig, als ob Fräulein von
Zahbern ihr eben erzählt hätte, daß irgend eine Modehandlung in ***
einen neuen Kleiderschnitt erhalten hätte. »Hat sich Madame Bertrand
von ihrem Gatten scheiden lassen? dann dürfen wir bald einer
Verlobungsanzeige in den Zeitungen entgegensehen.«
»Aber du bist gar nicht erstaunt darüber?« rief Fräulein von Zahbern,
die eine stärkere Wirkung erwartet hatte.
»Und warum erstaunt? Graf Geyerstein ist sein eigener Herr und hat
niemandem von uns Rechenschaft über seine Handlungen abzulegen. Wenn
er mit seiner Familie wegen einer solchen Mesalliance übereinkommt, wen
sonst dürfte und würde es kümmern?«
»Von einer Heirat ist vorderhand wohl noch keine Rede,« rief die junge
Dame, die ihr, wie sie beabsichtigt, das Gift tropfenweise zumaß, »denn
der Graf hat den Herrn Bertrand ebenfalls mit dort hingenommen, und
er wie seine Schöne sind angeblich die Pachtersleute auf dem Gute.
Eigentlich ist es ein wunderliches Verhältnis, in dem sich die beiden
Herren da einander gegenüberstehen; aber dort in der Wildnis kann man
sich über manches hinwegsetzen, und Monsieur Bertrand wird wohl schon
seinen Nutzen dabei finden.«
»Herr von Zühbig hat sich wohl sehr auf seiner Reise amüsiert?«
»Außerordentlich, und eine Menge Fährlichkeiten dabei erlebt. Einmal
brach ihm ein Rad, gerade in der Nähe des Baron Geyfeln, wie Monsieur
Bertrand ja jetzt, ich weiß nicht, von wem geadelt, heißt, und er
übernachtete dort. Uebrigens hat er mich gebeten, keinen Gebrauch davon
zu machen; Baron Geyfeln hat ihn selber darum ersucht, hier in ***
nichts davon zu erwähnen, daß er ihn gefunden hätte. -- Doch Rosalie
bleibt lange. Ist sie noch immer bei der Mama drüben?«
»Wahrscheinlich -- sie wird später herüberkommen, um sich ankleiden zu
lassen.«
»Dann werde ich doch lieber einmal zur Mama hinüber springen und auch
gleich der lieben Exzellenz meinen Glückwunsch zu dem heutigen Tage
bringen. Sie ist doch wohl?«
»Ganz wohl.«
»Und was stickst du da Schönes? -- das ist ja ganz prachtvoll, ein
reizendes Muster. Was wird denn das?«
»Eine Zigarrentasche.«
»Also nicht für den Papa, denn der raucht nicht.«
»Nein.«
»Aha -- ein Geheimnis -- nun auf Wiedersehen, mein süßes Herz --
auf Wiedersehen, ich habe dich lange genug gestört.« Und ihre vorhin
abgelegten Garderobestücke mit Hilfe Luisens, die ein stummer, aber
erregter Zuhörer des ganzen Gespräches gewesen war, wieder anlegend,
rauschte Fräulein Franziska aus dem Zimmer, in dem sie bitteres Weh,
weit ärger, als sie wohl je geahnt, ausgesäet hatte.
Melanie war schweigend aufgestanden, sie bis zur Tür zu begleiten -- ihr
Kuß brannte noch auf ihren Lippen, und ebenso still wollte sie wieder
zurück zu ihrem Stuhle gehen, als ihr Blick auf das mitleidsvolle,
teilnehmende und für sie ängstlich besorgte Gesicht Luisens fiel.
»Meine liebe, liebe Melanie,« flüsterte die Gouvernante, »glauben Sie
um Gottes willen nicht, was das Fräulein Ihnen erzählt hat. Fräulein von
Zahbern ist nicht wählerisch in ihren Neuigkeiten, und der Stadtklatsch
zieht alles in den Staub, was er erreichen kann.«
Melanie streckte die Hand aus, als ob sie ihr etwas erwidern wollte --
aber sie vermochte es nicht. Bis hierher hatte ihre Kraft gereicht,
und die Arme um den Nacken des treuen Mädchens schlingend, barg sie das
Antlitz an ihrer Schulter und weinte still. Luise störte sie auch
nicht darin; sie wußte aus Erfahrung, daß Tränen den wildesten Schmerz
lindern, lösen können, und ließ sie sich ruhig ausweinen. Dann aber, als
Melanie ihren Platz am Stickrahmen wieder eingenommen hatte und nur
noch den Kopf in die Hand gestützt nach den ziehenden Wolken am Himmel
hinaufschaute, sagte sie freundlich: »Es ist nicht wahr. Ich habe die
feste, innige Ueberzeugung: es ist nicht wahr. Was Herr Zühbig -- sollte
die Kunde wirklich von ihm ausgehen -- veranlaßt haben kann, ein solches
Gerücht auszusprengen, weiß ich nicht, daß aber Graf Geyerstein sich
mit dieser Frau so weit einlassen sollte, in ein solches, ihrem Manne
gegenüber entwürdigendes Verhältnis zu treten, das glaube ich nicht, und
wenn« -- Luise mochte selber über das Feuer erschrecken, mit dem sie
den Grafen verteidigte, denn ruhiger setzte sie plötzlich hinzu --
»wenn selbst ein anderer Mund es bestätigte, als der des Fräuleins von
Zahbern.«
»Doch, Luise -- doch -- es ist wahr,« flüsterte leise Melanie, »jedes
Wort, das sie gesagt, ist wahr, so oft sie sonst auch übertreiben mag.
Eine einzelne Lüge läßt sich erfinden und verbreiten, aber nicht ein
ganzes Gewebe von Tatsachen, und daß -- Graf Geyerstein jene Frau liebt
-- des bin ich selber Zeuge.«
»Sie selber?«
»Ja -- fragen Sie mich nicht weiter, Luise, aber -- ich habe die
Beweise, und was mich am meisten schmerzt, ist nur, daß ich noch schwach
genug gewesen bin, das so zu fühlen und -- wie ich fast fürchte -- der
Zahbern verraten zu haben. Jetzt ist das vorbei; ich habe mich selber
wieder, und wenn mein Herz noch törichterweise an jenem Manne hing, dem
es sich in erster Neigung zugewandt, so ist das jetzt vorbei -- vorbei
für immer. Ihnen, Luise, konnte ich das sagen; ich weiß, wie lieb Sie
mich haben, wie gut und treu Sie sind, und daß ich Ihnen vertrauen darf,
wie einer Schwester. Ihnen war ja auch meine unglückselige Neigung kein
Geheimnis, aber jetzt lassen Sie es abgetan -- geschlossen sein zwischen
uns. -- Eine flüchtige Leidenschaft für jene schöne, verlockende Frau
hätte ich ihm vielleicht verzeihen können -- ein Verhältnis aber ihrem
Gatten gegenüber, in das kein Ehrenmann treten würde, mag ihm Gott
vergeben, ich kann es nicht. Wenn von jetzt an der Name des Grafen
von Geyerstein noch zwischen uns genannt wird, so sei es als der eines
fremden -- gleichgültigen Menschen.«
»Und wollen Sie dem Grafen nicht gestatten, sich zu verteidigen?«
»Wie kann er es?« fragte Melanie schnell, »und hat er selbst nur den
Versuch gemacht? Er weiß, daß ich das Verhältnis kenne, wenn er
auch vielleicht nicht ahnt, daß ich jetzt von seinem ganzen Umfange
unterrichtet bin. Von da an mied er selber unser Haus, meine Nähe,
und ich bedurfte fast keines stärkeren Beweises, als dieses stille
Eingestehen seiner Schuld. Lassen Sie es deshalb abgetan sein, es ist
das viel besser so, als wenn wir ihn vielleicht nötigten, Unwahrheiten
und Beschönigungen mir gegenüber zu versuchen. Ich kann ihn nicht mehr
achten -- ich möchte ihn nicht auch noch verachten lernen.«
»Der arme Graf!« seufzte Luise, »und wenn er nun doch unschuldig wäre,
wenn irgend ein unglückseliges Mißverständnis...«
»Beruhigen Sie sich, Luise; das ist es nicht. Hätte ich mich nicht
selber überzeugt -- wüßte ich nicht drei, vier verschiedene Fälle,
in denen er mit jener Frau in Verbindung stand, ja, ich würde es auch
glauben. Madame Bertrand hat ihn aber sogar verkleidet auf seinem Zimmer
besucht -- verlangen Sie einen stärkeren Beweis?«
»Das wäre allerdings stark genug, wenn es erwiesen...«
»Es ist erwiesen und die Sache erledigt. Gott sei Dank, ich habe mich
selbst wiedergefunden, und keine solche Schwäche soll mich je mehr
überwältigen. Aber still; ich glaube, Rosalie kommt zurück und wird
ihren Putz in Ordnung bringen wollen.«
»Es ist die Exzellenz,« sagte Luise, »ich höre ihre Stimme.«
»Meine Mutter?«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Ihre Exzellenz die Frau
Kriegsminister von Ralphen betrat mit Rosalie das Zimmer.
»Fräulein, haben Sie die Güte, Rosalien ankleiden zu lassen,« sagte sie,
zu der Gouvernante gewandt, »ich wünsche mit meiner Tochter etwas zu
besprechen. Geh, mein Kind, und komme nachher wieder hinüber zu mir --
ich erwarte dich in einer halben Stunde.« Die Gouvernante verließ, dem
Winke gehorsam, mit ihrem Zögling das Gemach, und Frau von Ralphen,
langsam zu Melanie tretend, neben deren Stuhl sie sich auf denselben
Fauteuil niederließ, in dem vorhin Fräulein von Zahbern gesessen,
sagte freundlich: »Mein liebes Kind -- aber ich dächte fast, du hättest
geweint; deine Augen sehen so verschwollen aus. Fehlt dir etwas?«
»Nichts, liebste Mutter, nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich, und selbst
den kaum mehr, denn seit der letzten Viertelstunde fühle ich mich um
vieles leichter.«
»Desto besser, denn ich habe ein paar ernste Worte mit dir zu reden.«
»Liebe Mutter!«