Hauses -- Kinder müssen lernen, denn ihre Jugend ist die einzige Zeit,
in der sie noch lernen können, und nicht bloß Lesen und Schreiben, was
in jetziger Zeit jeder Tagelöhner kann, sondern alles, was sie später
einmal im Leben brauchen können, und was sie, wenn sie selber einmal
Kinder vom lieben Gott bekommen, diese wieder lehren sollen. Bei einem
solchen Leben aber können sie das nicht; sie verfehlen also den Zweck,
zu dem sie hier auf Erden bestimmt sind, und wenn sie dann einmal älter
werden, fühlen sie es und sind unglücklich. Darum sollen alle Kinder,
die nicht nötig haben, schon in so zartem Alter ihr Brot in solcher
Weise zu verdienen, dem lieben Gott recht von Herzen danken, daß er sie
in Verhältnisse gebracht hat, in denen sie mit anderen guten Menschen
leben und sich heranbilden können, und sollen die Zeit, die ihnen also
zu ihrer Pflege und Erziehung geboten wird, recht fleißig benutzen --
das, mein Kind, meint der Satz, den du nicht verstanden hast.«
Josefine schwieg eine lange, lange Weile; endlich stand sie langsam auf,
legte das Buch hin, ging zu ihrer Erzieherin, und das Köpfchen an deren
Schulter schmiegend, sagte sie leise: »Und glauben Sie, daß auch ich dem
lieben Gott dafür dankbar sein müsse?«
»Wenn du fühlst, mein liebes Kind,« erwiderte gerührt Adele, »daß du
gute Menschen um dich hast, die dich lieben und bemüht sind, dein Bestes
zu wollen und dein einstiges Glück zu gründen, gewiß.«
Josefine schmiegte sich fester an sie an, legte den Arm um ihre
Schulter, und während sie das Antlitz daran barg, quollen ihr ungesehen
die großen, hellen Tränen aus den Augen.
20.
In der Residenz *** hatte die so plötzliche Auflösung des Zirkus
Bertrand -- besonders nach so glänzenden Erfolgen -- im Anfange nicht
geringe Sensation erregt, und die Tagesblätter füllten ihre Spalten fast
eine Woche lang mit den verschiedensten Vermutungen und Gerüchten. Dann
kam anderes, was ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, und der Zirkus
mit all seinen Angehörigen war vergessen -- und doch ließ er in einem
Herzen eine tiefe und böse Narbe zurück.
Graf Geyerstein hatte in derselben Zeit, in welcher sich der Zirkus
damals trennte, einen mehrwöchentlichen Urlaub erbeten und angetreten,
über das Wohin seiner Reise aber strenges Stillschweigen beobachtet. Er
war indessen stets in seinem ganzen Wesen ernst und zurückhaltend, und
sein Schweigen fiel deshalb nicht besonders auf. Trotzdem gaben
sich aber doch verschiedene Personen nicht unbedeutende, wenn auch
vergebliche Mühe, den Zweck seines Urlaubs und besonders das Ziel seiner
Reise heraus zu bekommen, unter diesen ganz besonders Fräulein von
Zahbern -- aus Gründen, die ihr selber am besten bekannt waren. Graf
Geyerstein nahm aber nicht einmal seinen Burschen mit unterwegs, und
ehe man eigentlich recht wußte, wann er reisen wolle, war er plötzlich
spurlos verschwunden, und ebenso unerwartet, drei Tage noch vor
abgelaufenem Urlaub zurückgekehrt.
In der Zwischenzeit hatte beim Kriegsminister von Ralphen ein großer
Ball sein sollen, wenigstens sprach man schon in der Stadt davon und
unterhielt sich über die wahrscheinlichen Einladungen. Die älteste
Tochter Melanie war aber sehr leidend gewesen, und da die Feier
eigentlich ihrem Geburtstag galt, konnte sie natürlich nicht
stattfinden, wenigstens nicht zu der bestimmten Zeit. Es hieß, daß sie
aufgeschoben wäre.
Die »höheren Schichten der Gesellschaft« beschäftigen sich in dieser
Zeit überhaupt viel -- vielleicht mehr als nötig -- mit der Ralphenschen
Familie, bei der jedenfalls eine auffallende Veränderung in einer
Hinsicht stattgefunden hatte, wenn auch die Ralphensche Familie selber
das nicht zu bemerken oder zu beachten schien.
Jenen Kreisen hatte es nämlich kein Geheimnis bleiben können, war auch
nicht als solches betrieben worden, daß Graf Geyerstein sehr häufig das
Ralphensche Haus besuche, von dem alten Kriegsminister sowohl, wie
von seiner Tochter Melanie sehr gern gesehen sei, und infolge davon
natürlich die letztere heiraten würde. Man hatte sich in der Tat schon
daran gewöhnt, die beiden jungen Leute als ein Paar zu betrachten, so
wenig sie sich selber vielleicht darüber klar geworden. Da plötzlich,
nach dem Urlaub des jungen Grafen, änderte sich die ganze Sache, und
zwar so auffallend, daß Geyerstein das Ralphensche Haus fast gar nicht
mehr oder doch nur selten betrat. Ein desto häufigerer Gast dagegen
wurde der junge Graf Selikoff, und wenn dieser selber auch recht gut
fühlen mochte, daß er dem Herzen Melanies noch sehr fern stand --
obgleich sich seine Bemühungen dahin nicht verkennen ließen, -- übernahm
die überhaupt zu allen Zeiten sehr rasch mit ihrem Urteil fertige
»Gesellschaft« den Ausspruch und erklärte sich dahin: die Alliance mit
Graf Geyerstein habe sich aus irgend welchen nicht bekannten Gründen
zerschlagen, und Graf Selikoff sei an dessen Stelle gerückt.
Der alte Herr von Ralphen mochte etwas Aehnliches fühlen, ja, fürchten,
denn er liebte den jungen Geyerstein wie einen Sohn und kannte den, der
an seine Stelle rücken sollte, noch zu wenig, um schon mit einem Urteil
über ihn fertig zu sein. Aber er hatte sich auch fest vorgenommen,
seiner Tochter in einer Herzensangelegenheit keinen Zwang anzutun, noch
ihr sein Urteil aufzudringen. Erst wenn sie selber ihn um Rat fragen
würde, war die Zeit zu sprechen für ihn gekommen. Uebrigens durfte er
seiner Melanie, wie er glaubte, schon vertrauen, daß sie keinen raschen,
unüberlegten Schritt ohne seinen Rat tun würde, und er sah deshalb der
nächsten Zukunft mit vieler Ruhe entgegen. Nicht ganz so gleichgültig
nahm Exzellenz die Frau Kriegsminister die Sache, und zwar von einem,
dem jungen Grafen Geyerstein weniger günstigen Gesichtspunkte aus.
Sie hatte ihn ebenso gern wie ihr Gatte, aber -- im Vergleich mit dem
außerordentlich reichen russischen Grafen, dessen Hilfsquellen wirklich
unerschöpflich schienen, war Geyerstein doch eine minder gute Partie
für ihre Melanie, und den Rücksichten -- der Sorge der Mutter für ihrer
Tochter Wohl -- mußten alle anderen nachstehen. Nicht so zartfühlend wie
der alte Herr dabei, hatte sie allerdings versucht, von Melanie selber
die Ursache in dem Wechsel ihres Betragens, wenn nicht ihrer Neigung,
zu erfahren, doch ohne Erfolg. Melanie konnte und wollte nicht die wahre
Ursache eingestehen, und mit den ausweichenden Antworten, die sie gab,
mußte sich, wohl oder übel, die Exzellenz begnügen.
Wer aber seit einiger Zeit zu den fleißigsten Besuchern des Hauses
gehörte, ohne jedesmal erst eine Einladung abzuwarten, war Fräulein
von Zahbern, und selbst ein minder herzliches Entgegenkommen, als sie
mitbrachte, konnte sie nicht davon zurückschrecken. War Offenheit dabei
eine hervorragende Eigenschaft ihres Charakters, so empfand sie für
Melanie eine tief innige Freundschaft. Sie gestand ihr, daß sie den
Augenblick ordentlich herbeisehne, in dem sie wieder in ihre Arme
fliegen könne, und Melanie müsse ihr es ordentlich angetan haben, denn
sie wäre nicht imstande, vor ihr auch nur das geringste, was auf ihrem
Herzen läge, geheim zu halten. Melanie selber, viel zu gutmütig und
zartfühlend, jemanden, der ihr so herzlich entgegenkam, von sich
abzustoßen, duldete diese Freundschaftsbezeigungen mehr, als daß sie
dieselben erwiderte. Ihr Geheimnis behielt sie aber, und trotz der
jungen Dame direkten und indirekten Anspielungen darauf, für sich, und
Franziska von Zahbern fand es bei späteren Besuchen im Zühbigschen
Hause eben noch so unerklärlich, weshalb Melanie total mit dem Grafen
Geyerstein gebrochen habe, wie früher. Daß dem aber wirklich so sei,
ließ sich nicht verkennen, und so oft Fräulein von Zahbern den Grafen
Selikoff bei Ralphens traf, ebenso oft kehrte sie auch mit vermehrter
Verachtung gegen das Menschengeschlecht im allgemeinen und einzelne
Individuen insbesondere in ihre eigene stille und einsame Wohnung
zurück.
In diese Zeit fiel es, daß Herr von Zühbig seinen Ausflug nach dem
Norden machen mußte, wohin ihn seine Frau begleiten sollte. Frau von
Zühbig hatte dazu allerdings nicht die geringste Lust, würde ihrem Manne
aber doch dieses Opfer gebracht haben, wenn nicht gerade ein heftiges
Nervenleiden einen Tag vor seiner Abreise sie an ihr Lager gefesselt
hätte. Herr von Zühbig mußte deshalb allein fort; aber auch hierüber
schien er sich zu trösten, da ihm noch dazu von anderer Seite die
höchste Aufmunterung zuteil ward. Seine königliche Hoheit hatten
nämlich geruht, ihm noch einige spezielle Aufträge -- allerdings höchst
unbedeutender Art, aber doch Aufträge -- zu erteilen, und er verließ
seine Heimat genau mit einem solchen Gesicht und solchen Gefühlen, mit
denen ein anderer an seiner Stelle zurückgekehrt wäre. Herr von Zühbig
war aber nicht allein Mensch, er war auch Kavalier, und es ist
einmal nicht kavaliermäßig, irgend ein Gefühl des Schmerzes oder der
Niedergeschlagenheit -- ausgenommen bei Hoftrauer -- dem Publikum zu
verraten.
Frau von Zühbig erholte sich glücklicherweise gleich nach ihres Gatten
Abreise so vollkommen wieder, um ihre gewöhnlichen Whistpartien mit
Herrn von Silberglanz und Fräulein von Zahbern ohne Zögern aufnehmen
zu können, und da kein Rückfall erfolgte, befand sie sich auch während
ihres Gatten Abwesenheit vollkommen wohl, ja, wie sie erklärte, wohler
als je. Die Heilung aber selber verdankte sie niemandem weiter als dem
Baron von Silberglanz, der nicht unbedeutende magnetische Kraft
besaß und dieselbe in einzelnen speziellen Fällen zum Besten seiner
Mitmenschen anwandte. Er tat es aber, wie er versicherte, nur
ausnahmsweise und selbst dann höchst ungern, da es ihn außerordentlich
angriff und seine eigene Gesundheit darunter litt.
Jedenfalls war der Erfolg hier ein vortrefflicher gewesen, und unsere
kleine Partie saß eines Abends auch wieder fröhlich beisammen, als
draußen die Klingel etwas stark gezogen wurde und Frau von Zühbig, mit
dem freudigen Ausruf: »Mein Mann!« die Karten fallen ließ und die neben
ihr stehende Teetasse vom Tische warf.
Der herbeispringende Bediente hatte noch nicht die Hälfte der Scherben
wieder aufgelesen, als Herr von Zühbig, in Pelz und Mütze, »gestiefelt
und gespornt« in das Zimmer seiner Frau trat -- und wie glücklich war
diese, daß sie den Gatten endlich wieder hatte -- flog sie an seinen
Hals, unbekümmert um die fremden Menschen, um die Dienerschaft! wie half
sie ihm selber, so viel er sich auch dagegen sträuben mochte, Pelz und
Schal ablegen, und ruhte nicht eher, als bis er behaglich hinter einer
Tasse heißen Tees in der Sofaecke saß! Der »Rubber« mußte natürlich erst
ausgespielt werden, Herr von Zühbig drang, als Whistspieler von Fach,
selber darauf. Dann aber wurde der Spieltisch beiseite gerückt, und
der »Reisende« sollte erzählen -- viel erzählen, und zwar alles, was er
gesehen und erlebt, und -- wenn irgend möglich -- ein klein wenig mehr.
Herr von Zühbig befand sich, nach allen ausgestandenen »Beschwerden und
Fährlichkeiten« ausnehmend wohl in der weichen Sofaecke, und ebenfalls
gerade in der Stimmung, sich mitzuteilen. So offen und ausführlich er
aber über alles sprach, was ihn betroffen und was er »durchgemacht«, so
waren seine Zuhörer keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß er noch
etwas -- und gerade die Hauptsache -- verhehle, und konnten den Moment
kaum erwarten, wo er ihnen auch dieses enthüllen würde. Bis jetzt aber
waren die Dienstboten noch ab und zu gegangen; die Gouvernante hatte die
Kinder hereingebracht, dem Papa die Hand zu küssen und ihm »bonne nuit«
zu sagen -- es war noch keine ordentliche Ruhe gewesen. Jetzt schien das
beseitigt; die Tür schloß sich hinter den letzten Friedensstörern, und
Fräulein von Zahbern, die indessen wie auf Kohlen gesessen hatte, rief:
»Und jetzt heraus, mein Intendant! wir wissen, Sie haben noch etwas auf
dem Herzen, und es drückt Sie ausnehmend, es loszuwälzen. Befreien Sie
sich davon -- bitte, bitte, erzählen Sie!«
Die junge Dame schlug dabei die Hände zusammen, wie es die lieben
Kindlein machen, wenn sie die Eltern um etwas ersuchen wollen --
übrigens gehörte sie schon seit längerer Zeit nicht mehr zu den Kindern.
Der Generalintendant sah den kleinen Kreis ihn erwartend umgebender
Menschen innig vergnügt an -- der Moment war gekommen, auf den er sich
schon die ganze Heimfahrt über gefreut, und er erntete jetzt in vollen
Zügen die Belohnung dafür ein, daß er es sich versagt hatte, sein
Geheimnis leichtsinnig -- vielleicht gar durch einen Brief -- zu
verschleudern.
»Also ein Geheimnis glaubt ihr, daß ich habe?« fragte er schmunzelnd.
»Es ist grausam, wie er uns martert,« rief seine Frau.
»Er spannt uns absichtlich auf die Folter,« sagte Baron von Silberglanz,
»und vielleicht ist es nicht einmal der Mühe wert, daß wir uns so
darüber den Kopf zerbrechen.« Diese List, es herauszubekommen, war etwas
plump, aber auf Herrn von Zühbig von vortrefflicher Wirkung.
»Meinen Sie wirklich?« rief der genannte Herr, sich im Sofa rasch
emporrichtend, »aber Sie sollen mir Abbitte tun, Silberglanz -- Sie
vor allen anderen, denn gerade Sie wird es mehr als alle anderen
interessieren.«
»Mich?« rief der Baron erstaunt.
»Tun Sie nicht so unschuldig -- als ob wir nicht wüßten, wie Sie für die
schöne Bertrand geschwärmt hätten.«
»Die Kunstreiterin?« riefen Fräulein von Zahbern und Frau von Zühbig wie
aus einem Munde.
»Georgine Bertrand,« bestätigte der Generalintendant, sich an dem
Genusse ihres Erstaunens weidend, »aber« -- setzte er plötzlich mit
gebrochener Hand hinzu -- »Diskretion, meine Herrschaften! Was ich Ihnen
jetzt mitteile, geschieht wie unter dem Siegel der Beichte. Ich selber
habe versprochen, das Geheimnis zu bewahren, und werde es tun -- hier
natürlich, unter Freunden, darf man sich aussprechen.«
»Versteht sich, versteht sich,« rief Fräulein von Zahbern rasch und
ungeduldig, »aber wo, bester Intendant, wo haben Sie Madame Bertrand
gefunden?«
»Madame?« fragte von Zühbig lächelnd, »Madame nicht allein, Monsieur
Bertrand, Fräulein Josefine, das ganze Nest, und darin wäre nichts
besonders Außerordentliches, aber eben das wo? Das erraten Sie nicht,
und wenn ich Ihnen ein Jahr Zeit dazu gäbe.«
»Nun? -- o, quälen Sie uns nicht länger.«
»Du bist mehr als grausam, Guillaume.«
»Nun gut, so hören Sie denn -- aber noch einmal, stumm wie das Grab!«
»Wie das Grab,« sagten alle drei feierlich.
»Auf dem Gute des Grafen von Geyerstein.«
»Es ist nicht möglich,« platzte Fräulein von Zahbern heraus, während
Herr von Silberglanz ebenfalls einen Ausruf des Staunens nicht
unterdrücken konnte.
»Nicht möglich, meine Gnädige?« lächelte von Zühbig. »Ich gebe Ihnen
mein Wort, und es ist das Wort eines Mannes, der Erfahrung in der Welt
gesammelt hat. Es existiert außerordentlich viel Unmögliches in eben
dieser Welt.«
»Und ich sehe daran eben gar nichts Außerordentliches,« bemerkte seine
Frau. »Geyerstein hat sich in die Bertrand vergafft -- das wußten wir
schon damals, nur daß er den Mann mit auf das Gut nimmt, ist etwas
außergewöhnlich -- und selbst das vielleicht nicht einmal,« setzte sie
achselzuckend hinzu.
»Bertrands auf dem Gute des Grafen Geyerstein,« wiederholte noch einmal
Fräulein von Zahbern, als ob sie die Worte in einer Verzückung spräche
-- was Frau von Zühbig gesagt, hatte sie gar nicht gehört -- »und wissen
Sie das ganz gewiß?«
»Ich weiß nicht, ob Sie das gewiß wissen nennen können, meine Gnädige,«
erwiderte lächelnd Herr von Zühbig, »aber ich habe mit ihnen zu Abend
gespeist, habe dort übernachtet und gefrühstückt, und bin von Monsieur
Bertrand oder vielmehr Baron von Geyfeln noch ein Stück begleitet
worden.«
»Baron von Geyfeln?« fragte Frau von Zühbig, »wer ist das nun wieder?
Den Namen kenne ich ja gar nicht.«
»Nun, ma chere, die Sache ist sehr klar. Den Namen Bertrand braucht die
Familie nicht mehr und nennt sich einfach jetzt: von Geyfeln.«
»Monsieur Bertrand?« rief die gnädige Frau entrüstet, »aber das darf er
ja gar nicht. Wie kann sich der Mensch Baron nennen?«
»Liebes Herz,« beschwichtigte sie ihr Gatte, »wer fragt dort danach, wen
kümmert oder geniert es? und es nennen sich so viele Menschen Baron,
die -- hm, noch eine Tasse Tee, mein Schatz. Ich bin wirklich ganz
ausgetrocknet angekommen. -- Nun, Silberglanz, Sie sitzen ja ganz
versteinert da! An was denken Sie?«
»Ich? sonderbare Frage! an diese unerwartete Nachricht -- dieser stille
Duckmäuser, dieser Graf Geyerstein!«
»Ja, stille Wasser sind tief, lieber Freund,« bemerkte Frau von Zühbig,
»mir haben Sie immer nicht glauben wollen.«
»Aber, gnädige Frau!« rief von Silberglanz, »kein Mensch hat doch eine
Ahnung haben können, daß Geyerstein...«
»Kein Mensch?« unterbrach ihn die Dame lächelnd, »wir sind nicht alle
so kurzsichtig wie Sie. Fragen Sie die Zahbern, was wir schon vor langen
Wochen miteinander besprochen haben.«
»Ich kann noch gar nicht wieder zu mir selber kommen,« stöhnte die
Genannte, »es ist zu unglaublich. Und deshalb der lange Urlaub!«
»Er übt noch Entsagung genug,« lächelte Frau von Zühbig, »und wird
selber über die Dauer seines Urlaubs ganz das Gegenteil gedacht
haben, liebe Franziska.«
»Aber wie geht es den -- Leuten?« fragte von Silberglanz, »fühlt sich
denn die Dame in solchem Doppelverhältnis wohl?«
»Was kann das uns interessieren!« bemerkte die gnädige Frau.
»Es ist doch immer interessant in psychischer Hinsicht,« sagte von
Silberglanz.
»Da hat der Baron recht,« bestätigte von Zühbig, »und nur aus diesem
Grunde war auch mir das Begegnen dieser Leute -- ich wurde genötigt,
dort zu übernachten, weil ich ein Rad zerbrochen hatte -- höchst
interessant.«
»Gott, wie romantisch!« rief Silberglanz.
»Wenn man mit so vielen Menschen zu tun hat, wie unsereiner,« fuhr der
Intendant fort, »so gewinnt man einen raschen Ueberblick über Charaktere
und Seelenzustände, und ich glaube, ohne mir zu schmeicheln, daß ich
mich darin als Autorität betrachten darf. Ich weiß wenigstens seit
langen Jahren kein Beispiel, daß ich mich nach solchem gefaßten Urteil
geirrt hätte. Demzufolge schien sich Monsieur Bertrand, oder besser
gesagt: Baron von Geyfeln, außerordentlich behaglich in seiner neuen
Würde zu fühlen.«
»Und seine Frau?«
»Aber was für Interesse nehmen Sie an dem Seelenzustand der Frau?«
»Nur ein allgemeines, meine Gnädigste, auf Parole; nur ein allgemeines.
Herr von Zühbig wird mir darin recht geben.«
»Vollkommen, lieber Silberglanz,« lächelte Herr von Zühbig, und der
Blick, den er dabei heimlich dem Baron zuwarf, hatte etwas von einem
Faun, »die Frau schien sich übrigens, wie ich fest überzeugt bin, nicht
glücklich in diesen Verhältnissen zu fühlen. Sie sprach mit Entzücken
von ihren früher gefeierten Triumphen, sobald der Herr Gemahl nur einmal
den Rücken wandte -- was, beiläufig gesagt, sehr selten geschah.«
»Gemahl,« sagte Frau von Zühbig verächtlich, »ich glaube gar nicht, daß
die beiden miteinander getraut sind.«
»Ist auch gar nicht notwendig, mein Schatz,« lächelte ihr Gatte, »und,
wie du ganz richtig bemerkst, unter den stattfindenden Verhältnissen
in der Tat unwahrscheinlich. Desto mehr gerechtfertigt bleibt aber dann
meine Behauptung, daß sie sich nicht behaglich unter solcher Aufsicht
fühlen könnte -- wenn nicht Bertrand doch immer ein sehr hübscher,
stattlicher Mann wäre.«
»Ich begreife aber nicht, daß Graf Geyerstein sie zusammenläßt.«
»Wird es nicht hindern können; es gäbe auch sonst zu viel Aufsehen. So
verläuft die Sache ganz ruhig und gleichmäßig, denn Herr von Geyfeln ist
dem Namen nach der Pachter seines dortigen Gutes, und daß der Eigentümer
seine Pachtersleute dann und wann besucht und nach der Wirtschaft
sieht, ist nicht mehr wie in der Ordnung, kann wenigstens keiner Seele
auffallen.«
»Eine schöne Wirtschaft, die sie dort mitsammen führen werden!«
»Allerdings,« lächelte Herr von Zühbig, »Madame Georgine bleibt immer
eine schöne Frau.«
»Es war sehr rücksichtslos von ihrem Gatten, euch so wenig allein zu
lassen,« bemerkte etwas boshaft Madame.
»Mein bester Engel, du glaubst doch nicht etwa, daß...«
»Daß Monsieur Bertrand eifersüchtig wäre? -- nein. Die Leidenschaft
scheint er wenigstens nicht zu kennen. Aber weshalb sollte sich die
Donna da unbehaglich fühlen?«
»Aus Langerweile, ma chere, jedenfalls aus Langerweile; denke nur, wie
lange Graf Geyerstein schon wieder in der Stadt ist, und für eine
Frau, die an ein solches Leben, wie das frühere, gewöhnt war, mag es
wahrhaftig kein Spaß sein, auf einem Fleck in einer quasi Wildnis zu
hocken.«
»Warum ist sie nicht bei ihrer Kunst geblieben?«
»Das ist mir auch unerklärlich,« versicherte Silberglanz.
»Aber bildschön ist sie, das muß man ihr lassen,« versicherte von
Zühbig, vielleicht nur, um seine Frau damit zu necken. »Ich gebe
Ihnen mein Wort, Baron, in dem kleinen Morgenhäubchen sah sie rein zum
Anbeißen aus« -- und er küßte dabei auf das zarteste die Spitzen des
dritten Fingers und Daumens seiner linken Hand.
»Du bist immer sehr leicht entzündet, mon cher,« sagte seine Frau, »sie
hat ein ganz alltägliches Gesicht, und nur hübsche Augen.«
»Was?« fuhr ihr Gatte erstaunt nach ihr herum, »Silberglanz, ich bitte
Sie um Gottes willen, nehmen Sie meine Partei -- Georgine nicht schön?
Ich gebe dir mein Wort, Amelie, sie ist das verführerischste Weib, das
ich in meinem Leben gesehen habe -- present company, versteht sich,
always excepted.«
»Sie hat auch Anbeter genug gehabt,« seufzte von Silberglanz, während
Frau von Zühbig mit den Achseln zuckte.
»Und über die neuen die alten doch nicht vergessen,« lächelte mit einem
bezeichnenden Blick Herr von Zühbig.
»Wieso?« fragte leicht errötend der Baron.
»Ein andermal,« beschwichtigte ihn der Intendant, und seine Frau sagte:
»Du bist unausstehlich heute -- aber, liebe Franziska, Sie sprechen
ja kein einziges Wort mehr und sitzen da, stumm wie ein Fisch; doch
natürlich, solches Interesse können wir nicht an der Dame nehmen, wie
die beiden Herren da, die nur in der Erinnerung an sie in einer wahren
Verzückung schwimmen.«
»Sie tun mir unrecht, gnädige Frau,« verteidigte sich von Silberglanz,
»aber das Interesse, das wir an einer bekannten Persönlichkeit nehmen,
noch dazu, wenn sie uns in solcher Art ins Gedächtnis zurückgerufen
wird, ist wohl erklärlich. Fräulein von Zahbern wird ganz meiner Meinung
sein.«
Fräulein von Zahbern war es in der Tat, ja, so überrascht durch die
Nachricht geworden, daß sie im ersten Augenblick wirklich nur daran
dachte, auf welche Weise sie dieselbe am besten verwerten könne. Durch
Frau von Zühbigs Anrede kam sie auch erst wieder zu sich selbst und
erwiderte darauf: »Nein, natürlich nicht -- interessant bleibt es
allerdings immer, aber was gehen uns eigentlich die Leute weiter an.
Lieber Gott, man hat so viel mit sich selber zu tun, daß man sich
wahrhaftig nicht auch noch um andere Menschen zu bekümmern braucht.«
»So laßt denn Monsieur Bertrand und seine Donna ruhen, wenn ich bitten
darf,« sagte Frau von Zühbig, der das Gespräch unangenehm wurde. »Ich
hätte dem Grafen Geyerstein einen besseren Geschmack zugetraut, aber
über Geschmack läßt sich nicht streiten. Apropos, Geyerstein -- die
Alliance mit Melanie und Selikoff ist also so gewiß wie arrangiert.«
»Natürlich,« sagte von Zühbig, »das war vorauszusehen.«
»Ich bitte um Verzeihung!« rief Fräulein von Zahbern rasch, »so ganz
bestimmt und ausgemacht ist die Sache doch noch nicht. Ich bin fast
täglich im Ralphenschen Hause und müßte da auch etwas davon erfahren
haben.«
»Liebe Franziska,« sagte Frau von Zühbig gutmütig, »ereifern Sie sich
nicht; die Sache ist in der Tat so gut wie geschehen. Ich gebe Ihnen
mein Wort darauf, und ich habe sehr sichere Quellen. Die Verlobung
wird in drei Wochen bei Gelegenheit des Hochzeitstages der Exzellenzen
bekannt gemacht werden, und der große Ball ist auch bis auf jenen Tag
verschoben worden. Sie sehen, daß ich ganz genau unterrichtet bin.«
»Und Sie glauben wirklich?«
»Von glauben ist da gar keine Rede mehr, liebe Franziska, die Sache
ist geschehen, und ich denke, Melanie macht an dem Russen eine bessere
Partie, als an dem armen Grafen Geyerstein.«
»Nun, mein Kind, Geyerstein ist doch nicht so arm?«
»Er braucht dann sehr viel, mein liebes Herz, denn hier in der
Stadt wissen wir genau, daß er sich, in der letzten Zeit besonders,
außerordentlich eingeschränkt und nur das Allernötigste ausgegeben hat.
Lieber Gott, so etwas kann ja in den Verhältnissen, in denen wir nun
einmal leben, kein Geheimnis bleiben und spricht sich aus. -- Aber was
ist das, Sie wollen schon fort?«
»Mama erwartet mich,« sagte Fräulein von Zahbern, die aufgestanden war
und ihren Schal festigte, »es ist auch schon spät, und nach so langer
Abwesenheit werden Sie mit Ihrem Herrn Gemahl noch manches zu besprechen
haben.«
»Aber Sie können doch nicht allein gehen?«