»Nun,« sagte der, »wohin geht denn der Schwiegervater? Ich sah ihn von

weitem, mit einem Bündel in der Hand, aus dem Dorf marschieren -- weißt

du's, Tobias?«

»Was geht mich der Mühler an?« murrte dieser, »ich bin sein Aufpasser

nicht.«

Der Wirt ging zu seiner Frau ans Fenster, faßte sie an der Schulter und

schrie ihr ins Ohr: »Hat der Mühler bezahlt?«

Die Frau schüttelte mit dem Kopfe, und der Wirt warf einen Blick nach

Tobias und der jetzt leeren Flasche hinüber. Der aber regte sich nicht

oder tat, als ob er nicht ein Wort von dem Gesprochenen gehört. Was ging

ihn Mühler an? -- Endlich stand er auf, nahm seinen alten Filzhut und

sagte: »Was bin ich schuldig?«

»Schuldig?« fragte der Wirt, »wenn du alles zahlen wolltest, was du hier

schuldig bist, so hättest du eine lange Rechnung und ich einen guten

Tag. Heute habe ich dir von vornherein gesagt, daß ich dir die paar Glas

Schnaps schenke, damit hört's aber jetzt auf, und von nun an wird dir

hier im Stern nicht eher wieder ein Glas Branntwein hingestellt, als bis

du das Geld auf den Tisch legst.«

»Ich will von Euch nichts geschenkt,« grollte finster der Alte, »und

brauche nichts -- vier Glas Branntwein habe ich gehabt, etwa so viel

wenigstens. Da sind Eure paar lumpigen Schillinge« -- und damit warf er

die Münze auf den Tisch.

»Haha, hast du doch noch etwas in einer Taschenecke aufgehoben?« lachte

der Wirt, »na, mir kann's recht sein; bei dem aber, was ich gesagt habe,

bei dem bleibt's.«

»Will schon wieder Geld kriegen,« lachte der Alte tückisch vor sich hin.

»Ich weiß, was ich weiß, und der Baron muß zahlen.«

»Der wird dich vom Hofe jagen, wenn du da 'nauf betteln gehst.«

»Betteln? habe noch in meinem Leben nicht gebettelt, und werd's auf

meine alten Tage nicht anfangen. Was ich weiß, kauft er mir gern ab.«

»Was du weißt?« lachte der Wirt, »na, höre, Tobias, du machst deinem

Schulmeister zu viel Komplimente. Ja, wenn der verantwortlich wäre für

alles, was du nicht wüßtest!«

»Mein Schulmeister hat nichts damit zu tun,« murrte der alte Mann

verdrießlich.

»Und wer sonst?«

»So fragt man die Narren aus,« erwiderte Tobias trocken, schlug sich

seinen Hut noch einmal fest und verließ das Haus, die Straße nach dem

Gute zu einschlagend.

19.

Tobias hatte sich einen tollen Plan ausgedacht, der ihm aber ganz in

seine verzweifelte Lage paßte, und mit einer Quantität Spirituosen im

Kopfe war er auch gerade in der Stimmung, ihn auszuführen. Ob er

sonst den Mut gehabt haben würde, dem seines ernsten Wesens wegen eher

gefürchteten Gutsherrn auf die eigene Stube zu rücken, muß dahingestellt

bleiben. Noch nicht mit sich im klaren, wie er das Wirtshaus verließ,

verbiß er sich aber mehr und mehr in den einmal gefaßten Gedanken, und

ohne daß er es selber merkte, verringerte er die Entfernung zwischen

sich und dem Gute mit jedem Schritte.

Wäre er dem Verwalter oben begegnet, so würde ihn dieser, in dem

Zustande, in dem er sich befand und der deutlich genug die in reichem

Maße genossenen Getränke verriet, wohl kaum vorgelassen, sondern rundweg

abgefertigt haben; denn Tobias war ein Mensch, mit dem man sowohl im

Dorfe wie auf dem Gute wenig Umstände machte. So aber traf er nur

einen der Knechte im Hofe, der ihn, da er nach dem Gutsherrn fragte und

vorgab, er habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen, zu der Treppe

brachte, die zu Georgs Zimmer führte. Dort ließ er ihn allein, und

Tobias balancierte sich die breite steinerne Stiege -- jetzt aber gar

nicht mehr so behaglich und zuversichtlich wie unten in frischer Luft

-- hinauf. Er war jedoch einmal da, wie er sich wieder und wieder

vorerzählte -- umkehren half nichts mehr, und deshalb die Zähne fest

aufeinander beißend, kletterte er die wenigen Stufen vollends hinan,

hielt einen Augenblick an der Tür, um Atem zu schöpfen, und klopfte dann

an.

»Herein!« tönte Georgs tiefe und ruhige Stimme, und Tobias wäre

vielleicht in diesem Augenblick doch noch wieder umgekehrt, aber es war

zu spät; seine Hand lag auf dem Drücker, und im nächsten Augenblick sah

er sich dem Herrn selber gegenüber.

»Was wollt Ihr?« fragte ihn mit eben nicht freundlicher Stimme

Georg, denn er sah mit einem Blick, in welchem Zustande sich der alte

Trunkenbold befand.

»Guten Abend,« erwiderte Tobias vor allen Dingen auf die Anrede, nahm

seinen Hut ab und drehte ihn zwischen den Händen.

»Guten Abend -- was soll's?«

»Ich wollte nur...«

»Nun?«

»Ich wollte Sie nur bitten, Herr Baron,« stotterte der Alte.

»Tobias,« fertigte ihn da Georg ab, der ihn vom Dorfe her kannte, »Ihr

seid heut wieder in einem Zustande, bei dem Ihr Euch viel lieber hättet

zu Bette legen sollen, als zu mir heraufzukommen. Ueberdies hasse ich

jede Bettelei, noch dazu von einem Burschen wie Ihr, an den jeder

Schilling rettungslos weggeworfen wäre. -- Marsch! packt Euch, und

macht, daß Ihr nach Hause kommt. -- Ihr riecht bis hierher nach

Spirituosen. -- Wird's bald, oder soll ich Euch fortschaffen lassen?«

Wäre Georg freundlich oder auch nur ernsthöflich mit ihm gewesen, Tobias

hätte nie den Mut gehabt, ein Wort über die Lippen zu bringen. Die

doppelten Vorwürfe des Trinkens und Bettelns aber stachelten ihm die

verworrenen Geisteskräfte zum Widerstande auf, und seinen alten Hut in

den Händen zusammenrollend, sagte er mit einem höhnischen Blick auf den

Gutsherrn: »Halten zu Gnaden, Herr von Geyfeln -- oder wie Sie sonst

heißen mögen, was -- ich trinke, bezahle ich, und das geht niemanden

etwas an -- und zum Betteln -- bin ich ebenfalls -- nicht hierher

gekommen, daß Sie es nur wissen! -- Im Gegenteil wollte ich Ihnen einen

Gefallen tun -- daß Sie wüßten, woran Sie -- woran Sie wären, und nicht

etwa dächten, wir wären alle so dumm und glaubten die Geschichte mit dem

-- Baron...«

Georg horchte hoch auf, denn die Worte des Trunkenen, mit wie schwerer

Zunge er sie auch herausbrachte, verrieten mehr, als sie jetzt noch

eingestehen mochten. »Was ist das, was aus dir spricht, mein Bursche?«

sagte er deshalb ruhig, aber mit wirklich mühsamer Fassung, indem er auf

ihn zuging, »was willst du von mir?«

»Aha!« lachte der Alte still vor sich hin, »werden wir zahm? Ja, ich

hab' es mir wohl gedacht, mein Täubchen. Der alte Tobias ist auch nicht

auf den Kopf gefallen, wie manche Leute ihn wohl gern wollten glauben

machen -- der Sternwirt zum Beispiel -- und dieses Mal an die richtige

Schmiede gegangen.«

»Was willst du von mir, und weshalb bist du heute hierher gekommen?«

wiederholte Georg noch einmal seine Frage; denn ein dunkler Verdacht

stieg über die Absicht des Trunkenen in ihm auf.

»Na?« sagte Tobias, der noch immer nicht trunken genug war, die

veränderte Anrede unbemerkt zu lassen, »geduzt haben wir einander

freilich noch nicht, so viel ich weiß, aber das schadet nichts -- was

nicht ist, kann noch werden, und der Mühler, der Schwiegervater, war

auch ein sauberer Mensch und wir nannten uns doch du miteinander. Also,

lieber Bruder, hahaha -- lieber Bruder, ich wollte dir nur sagen, daß

wir -- ne, nicht wir -- im Dorfe drunten sind zu dumm -- die wissen noch

nichts -- aber daß ich, der alte Tobias, herausgekriegt habe, wer du

eigentlich bist -- weißt du wohl?« -- Er versuchte dabei eine Art von

Pantomime zu machen, wie er sie vielleicht einmal von Kunstreitern

gesehen haben mochte, indem er sich auf das eine Bein balancierte und

das andere aushob, den Kopf etwas auf die Seite neigte und seine beiden

Arme, mit dem zerknitterten Hut in der einen, ausstreckte. Dieser

gewagten Position war er aber doch in solchem Augenblick nicht

gewachsen. Er verlor die Balance und wäre auf den Boden geschlagen, wenn

er nicht noch glücklich die Tischecke erwischt hätte, um sich daran zu

halten.

In Georgs Armen zuckte es, den frechen, widerlichen Burschen aus der Tür

zu werfen, aber er bezwang sich trotzdem. Er wollte jetzt erst wissen,

was er eigentlich im Schilde führe, und die Arme fest ineinander

schlagend, wie um sie zu sichern, daß sie ihm nicht unwillkürlich

vorgriffen, haftete nur sein düsterer Blick fest und verächtlich auf

der vor ihm schwankenden schmutzigen Gestalt -- dem Spottbild eines

Menschen.

»Ha -- hallo,« sagte Tobias dabei, indem er sich gewaltsam im

Gleichgewicht zu halten suchte, »hoppa -- beinahe wären wir gefallen --

Boden ist hier verdammt uneben. -- Ja -- was ich gleich sagen wollte

-- Sehen Sie, Herr -- Herr Baron oder Herr Berthold oder wie Sie

sonst heißen -- ja so -- das wollte ich dir nur sagen -- ich weiß die

Geschichte; ich bin dahintergekommen, hinter den blauen Dunst. -- Mir

macht keiner ein X für ein U -- aber ich kann auch's Maul halten -- wie

Bruder Mühler, der Schwiegervater, ganz richtig gesagt hat -- ich

kann, wenn ich eben will und -- wenn's gut bezahlt wird. Verstehst du,

Bruderherz?«

Georg brauchte nicht mehr zu wissen. Der alte Trunkenbold hatte ihm in

wenigen Worten klar und deutlich gezeigt, daß Mühler ihm sein Geheimnis

verraten und er jetzt in den Händen dieses liederlichen Menschen sei,

der aus seiner Entdeckung den größten Nutzen zu ziehen suchte. Daß

er sich aber mit einer solchen Kreatur nicht weiter einlassen konnte,

mochten sich nun die Folgen stellen, wie sie wollten, fühlte er in dem

Augenblick mehr, als er zu einem klaren Bewußtsein desselben gekommen

wäre. Ohne deshalb ein weiteres Wort an ihn zu richten, öffnete er das

Fenster und rief im Hofe zwei gerade dort beschäftigte Knechte an: »He,

Hans -- Gottlieb! kommt einmal herauf -- rasch!«

»Hans? -- Gottlieb?« wiederholte Tobias etwas erstaunt. »Hans --

Gottlieb? -- Wozu brauchen wir Hans und Gottlieb -- he? -- Wie ist es,

Herr Baron oder Herr Berthold -- hahaha, über die Namen alle wird

man ordentlich konfus! -- Ich kann das Maul halten, und will das Maul

halten, aber« -- und hier machte er mit freundlichem Grinsen eine

Gebärde des Geldzählens -- »hier müssen wir zusammenkommen, wenn ich

nicht...«

Georg hörte die Leute auf der Treppe, riß die Tür auf und sagte: »Den

Burschen da werft mir einmal aus dem Hofe hinaus und das jedesmal, so

oft er sich hier sollte sehen lassen. Schickt mir dann den Verwalter und

den Vogt herauf.«

»Na komm, Tobias,« sagte der eine der Knechte, den Alten ohne weitere

Umstände beim Kragen nehmend, »es hilft dir nichts, weder Strampeln noch

Wehren. Der Herr Baron hat's einmal gesagt.«

»So?« schrie Tobias, aus allen seinen Himmeln geträumter Schätze etwas

unsanft geweckt und über dieses keineswegs erwartete Resultat zugleich

erstaunt, »so? ist das eine Behandlung -- Herr Baron -- wissen Sie --

wenn ich will -- so kann ich...« Alle seine weiteren Reden und Drohungen

wurden durch die beiden handfesten Burschen unterbrochen, von denen der

eine, als sie sahen, daß er nicht gutwillig gehen wollte, ihn unter den

Armen packte. Der andere hob ihm zu gleicher Zeit die Beine aus, und

Tobias wurde, trotz seinem Grimm, der sich jetzt gegen die Knechte

kehrte, ohne weiteres die Treppe hinunter, durch den Hof und bis vor das

Tor getragen, wo ihn die Leute ruhig absetzten und laufen ließen.

Zwar sprudelte er hier noch eine Menge Dinge von Baronen und Lumpen,

Kunstreitern und »Geheimnissen« heraus, die Knechte verstanden aber kein

Wort davon, ließen ihn stehen und gingen an ihre Arbeit zurück.

Tobias wütete, als er aber Miene machte, noch einmal in den Hof

zurückzukehren, drohten ihm die beiden Burschen mit den Fäusten, und

das Herz voll Ingrimm, aber doch zu feige, sich einer weiteren

Handgreiflichkeit auszusetzen, drehte er sich endlich um und taumelte,

rücksichtslos um Weg und Steg, gerade über Wiese und Felder weg, ins Tal

hinab.

* * * * *

Zu derselben Zeit, in welcher Tobias jenen verunglückten Versuch machte,

von Herrn von Geyfeln entweder eine Summe Geldes oder noch lieber

eine fortlaufende Unterstützung zu erpressen, saß Josefine mit ihrer

Erzieherin, fleißig mit Lesen und Arbeiten beschäftigt, in ihrem

Stübchen.

Josefine war jetzt etwa acht Jahre alt und hier auf dem Gute, da sich

die Mutter fast gar nicht oder doch nur sehr selten oder oberflächlich

um sie kümmerte, einzig auf den Umgang mit der Erzieherin angewiesen.

In dieser aber hatte Georg einen glücklichen Fund getan, denn die junge

Dame besaß nicht allein sehr wackere Kenntnisse, sondern auch ein gutes,

für alles Schöne und Edle empfängliches Herz. Praktisch dabei in allem,

was sie anfaßte, und bescheiden und anspruchslos in ihrem ganzen Wesen,

sicherte sie sich in ihrer schwierigen Stellung bald die Liebe des

einen, sowie die Achtung des andern Teiles, und ging dazwischen ruhig

ihre Bahn. Bald hatte Mademoiselle Adele auch den Charakter der Frau und

Mutter durchschaut, mit der sie zusammen lebte, und Georgine besaß in

der Tat keine Eigenschaften, die das stille, einfache Mädchen an sie

hätten fesseln und zwischen beiden ein wirklich freundschaftliches

Verhältnis entstehen lassen können. Vergnügungssüchtig und nur an sich

selber denkend, fehlte Georginen jene ruhige Weiblichkeit, die da im

Stillen wirkt und schafft, und selbst oft mit den bescheidensten Mitteln

imstande ist, den Familienkreis zu einem Paradiese umzuschaffen. Wo aber

hätte sie auch diese Eigenschaften sich erwerben, wo in ihrer ganzen

früheren Lebensweise einen Sinn für Häuslichkeit gewinnen sollen? Ihre

ganze Erziehung lag dem Begriffe zu fern, und wenn ihr auch in der

ersten Zeit ihres Aufenthalts zu Schildheim manchmal dieses stille,

zurückgezogene Leben nicht mehr in so dunklen Farben erschien und sie

die Möglichkeit dachte, sich einst hineinzufinden, verdrängten die

letzten Wochen doch jeden derartigen Gedanken wieder aus ihrem Herzen.

Noch zu keiner Zeit hatte sie sich dabei, so sehr sie Josefinen liebte,

mit deren Erziehung beschäftigen können und mögen. Sie wußte gar nicht,

wie sie es anfangen müsse, und konnte und wollte sich keine Mühe in

dieser Hinsicht geben. Im Zirkus, ja, dort hätte Josefine keine bessere

Lehrmeisterin haben können, als eben ihre Mutter, aber hier, zwischen

den Büchern und weiblichen Arbeiten, von denen allen sie wenig oder

nichts verstand, fühlte sie sich fremd und überließ das bereitwillig und

allein der Fremden.

Georg fand dieses Wesen seiner Gattin durch ihr früheres Leben, wenn

auch nicht vollständig gerechtfertigt, doch wenigstens entschuldigt, und

ertrug es eben um der Tochter willen; Mademoiselle Adele aber fühlte

ihr Herz dadurch verletzt und wandte sich mit um so größerer Liebe

dem jungen Mädchen zu, dem sie, wie sie recht gut einsah, die Mutter

ersetzen mußte. Und das Kind selber kam ihr dabei mit vollem Herzen und

inniger Liebe entgegen. Von früh an, ja, solange sie eigentlich denken

konnte, an ein wildes, unstetes Leben gewöhnt, in dem sich das junge

Herz nicht wohl fühlen, von rauhen Menschen umgeben, an die es sich

nicht anschließen konnte, hatte es hier zum erstenmal eine Heimat und in

seiner Erzieherin ein Wesen gefunden, das wirklich teil an ihm nahm und

ihm mit mütterlicher Liebe ergeben war.

Wohl hatte es der kleinen Eitelkeit geschmeichelt, mit den mühsam

erlernten Künsten im Zirkus draußen rauschenden Applaus einzuernten,

aber mit heimlichem Neid sah Josefine dabei zugleich unter den geputzten

Zuschauern die vielen anderen kleinen Mädchen, die von den Ihrigen

gehegt und gepflegt und -- nicht gezankt wurden, wenn sie eine

Ungeschicklichkeit auf dem Pferde begangen. Das Kind auch fühlte,

wenn es sich dessen selbst nicht klar bewußt wurde, ein Bedürfnis

nach Pflege. Jene heilige Sympathie, die Mutter und Kind gegenseitig

aneinander zieht, wenn sie auch in Georginens Herzen anderen,

unheiligeren Empfindungen Raum geben mußte -- war in Josefinens Brust

ebensogut gepflanzt gewesen und nur die Zeit über verkümmert und

niedergehalten worden. Jetzt aber, durch ihrer Erzieherin treue Pflege

geweckt, entfaltete sie sich rasch und gewaltig, und bald hing das

kleine Wesen mit unendlicher Liebe an der Pflegerin.

Georgine würde selber erschrocken sein, hätte sie einen Blick in dieses

aufknospende Kinderherz tun können, in dem ihr Bild nicht mehr wie

früher den vollen Raum erfüllte -- aber sie hatte andere Dinge im Kopfe,

als sich um die Einzelheiten, um die kleinlichen Anhängsel der Erziehung

und Pflege ihrer Tochter zu kümmern. Daß sich diese täglich mehr

heranbildete, sah sie wohl, und es erfüllte sie mit Freude; nur aber mit

dem einen Ziel im Auge, Josefinen einst als einen Stern erster Größe an

dem Himmel prangen zu sehen, der allein ihre eigene Welt bildete, dachte

sie nicht daran, ob gerade die Nahrung, die das Kind jetzt für Herz und

Geist empfing, ihm später dienlich werden könnte. Sie sah nur für sich

und die Tochter die Lichtseite des Lebens, dem sie entgegenstrebte, und

so blendete diese ihre Augen, daß sie für alles andere gleichgültig --

blind wurde.

Mademoiselle Adele hatte indessen im steten Umgange mit Josefinen die

Vergangenheit des Kindes kein Geheimnis bleiben können. Die unbewachte

Aeußerung der Kleinen, als das Pferd durchging, entdeckte ihr auch

nichts Neues, sondern bestätigte nur den schon früher gefaßten Verdacht.

Aber nur noch inniger, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre, fühlte

sie sich dadurch zu dem Kinde hingezogen, dem sie solcher Art ein neues

Leben verschaffen half; noch mehr aber wachte sie über all seine kleinen

Unarten und Fehler, deren Quelle ihr kein Geheimnis mehr war, und die

sie jetzt desto leichter beseitigen oder heben konnte, und dabei durften

weder Josefine noch ihre Eltern ahnen, welchen tiefen Blick sie in ihre

früheren Verhältnisse getan. Es war ihr genug, daß sie es wußte, dem

Kinde zum Nutzen, und das Geheimnis ruhte sicher in ihrer Brust.

Josefine hatte zum Weihnachtsfeste unter anderen Sachen auch mehrere

Jugendbücher bekommen, in denen kleine Erzählungen mit hübschen Bildern

standen. Das junge Mädchen, das eigentlich hier erst ordentlich lesen

gelernt -- denn wo wäre ihm früher die Zeit dazu geworden? -- verschlang

gierig die frische Nahrung, die ihrem Geiste geboten wurde. Eine neue

Welt erschloß sich ihr dadurch, und ihrer Erzieherin liebevolle Geduld

gehörte dazu, ihr all die tausend und tausend an sie gerichteten Fragen

zu beantworten. Eine kleine Erzählung stand aber in dem Buche, die

Josefine wieder und wieder durchgelesen, und doch noch keine Frage

deshalb an ihre Erzieherin gerichtet hatte. Dieselbe war überschrieben:

»Das gestohlene Kind.« Josefine hatte das Buch vor sich auf den

Knien und las darin, und zwar wieder und wieder die eine Seite, und

Mademoiselle Adele, die lange schon, wenn auch von ihm unbemerkt,

die Augen auf dem Kinde haften ließ, wußte, was es las und was seinem

kleinen Kopfe nicht recht erklärlich werden sollte. Und dennoch

fürchtete sich Josefine zu fragen, die Erzählung berührte für sie

verbotenen Grund -- ihr eigenes früheres Leben, und von dem gegen andere

Leute zu sprechen, hatte ihr die Mutter verboten, und der Vater sie

gebeten, es nicht zu tun, und des Vaters Bitte wog in ihrem kleinen Herz

viel mehr noch selbst, als das Verbot. Ueber die Worte aber, die sie

hier oft und immer wieder durchgelesen, schüttelte sie auch ebenso oft

den Kopf. Es war ihr etwas darin nicht klar, aber Mademoiselle Adele --

so lieb sie dieselbe hatte, konnte sie nicht darüber fragen -- wenn sie

einmal wieder mit dem Vater spazieren ginge, sollte der ihr Aufschluß

darüber geben. Endlich riß sie sich von der sie fesselnden Seite los und

schlug eine andere Erzählung auf.

»Nun, Josefine?« fragte die Erzieherin, die sich die Gelegenheit nicht

wollte entgehen lassen. »Was hattest du da, worüber du nicht recht einig

warst? Kann ich dir helfen? Hast du vielleicht irgend ein schweres Wort

nicht ordentlich verstanden?«

»O nein,« sagte die Kleine, »ich verstehe alle die Worte, die hier im

Buche stehen, aber da -- da war eine Erzählung...«

»Was für eine Erzählung, mein Herz?«

»Eine Geschichte, wo von einem Kinde erzählt wird, das böse Menschen

seinen Eltern gestohlen haben, und zuletzt -- finden es die Eltern

wieder und freuen sich so darüber.«

»Nun, das ist doch eine sehr erfreuliche Sache, daß die Eltern ihr Kind

wiedergefunden haben.«

»Ja -- gewiß -- aber...«

»Wer waren denn die Leute, die es gestohlen hatten?«

»Kunstreiter,« zögerte das Kind, »und das sind doch keine bösen

Menschen?«

»Nein, gewiß nicht,« erwiderte Mademoiselle Adele. »Es gibt wohl auch

böse Leute unter ihnen, wie in allen Ständen, aber im ganzen ein solches

Urteil über sie zu fällen, wäre höchst ungerecht und sogar schlecht. Das

ist doch wohl auch nicht in dem Buche gesagt?«

»Nein -- nein, sicherlich nicht -- es war auch gewiß ein großes Glück,

daß die armen Eltern ihr Kind wiedergefunden haben, aber...«

»Aber? mein Herz? -- was ist dir noch darin aufgefallen?«

»Eigentlich wollte ich den Papa darum fragen.«

»Und kann ich es dir nicht auch sagen?«

»Doch nicht so gut wie Papa -- der weiß es viel besser.«

»Aber vielleicht kann ich es dir auch erklären, und du magst dann den

Papa noch immer darum fragen.«

»Ja,« sagte Josefine, der das einleuchtete.

»So lies mir einmal die Stelle vor, die dir so viel Kopfzerbrechens

machte.«

Josefine blätterte einige Seiten zurück.

»Soll ich das Ganze lesen?«

»Nein, ich kenne die Erzählung schon, nur das, was du nicht genau

verstehst.«

»Ja -- hier steht: Wie dankbar waren die Eltern gegen Gott, daß sie

nicht allein ihr Kind, ihre liebe Marie, wieder erhalten hatten, sondern

daß die arme Kleine auch dem traurigen Leben unter solchen Leuten

entrissen war! Und wie glücklich fühlte sich Marie, als sie sich endlich

nicht mehr genötigt sah, unter den rohen Menschen zu leben, indem sie

die Schule ordentlich und regelmäßig besuchen und fleißig lernen konnte,

und jetzt doch hoffen durfte, zu einem für sie passenden Leben erzogen

zu werden, zu einem Leben, das sie zu einem braven Mädchen und einer

tüchtigen, wackern Frau heranbilden konnte.«

Das Kind schwieg, als es diese Zeilen gelesen hatte.

»Nun?« fragte Adele, »was ist dir dabei aufgefallen, mein Herz?«

»Das letzte, Mademoiselle,« antwortete die Kleine zaghaft: -- »und jetzt

doch hoffen durfte, zu einem für sie passenden Leben erzogen zu werden,

das sie zu einem braven Mädchen und einer tüchtigen, wackern Frau

heranbilden konnte. -- Konnte sie denn das unter den -- Kunstreitern

nicht auch werden?«

»Mein liebes Herz,« sagte die Erzieherin mit weicher Stimme, und sie

mußte sich Gewalt antun, die Rührung zu verbergen, die jene einfachen,

schüchternen Worte hervorgerufen, »das Leben solcher Leute mag an sich

manches Schöne und Angenehme haben, und besonders die Männer, die da

ihre Geschicklichkeit und Kraft zeigen können, fühlen sich vielleicht

oft wohl darin. Ein junges Mädchen gehört aber nicht in einen solchen

Kreis -- du bist noch nicht alt genug, um zu begreifen, weshalb nicht,

aber du wirst es selber fühlen, wenn du nur einige Jahre älter sein

wirst. Der Tanz und die Kunststücke auf einem Pferde mögen vielleicht --

ich verstehe das nicht -- für einen Mann passend und hübsch sein,

aber die Frau, das junge Mädchen, die Gott geschaffen hat in stiller

Häuslichkeit zu wirken, sind nicht dazu gemacht, sich in solcher

Weise öffentlich zu zeigen. Das Publikum, das dabei sitzt, applaudiert

allerdings und freut sich an den köstlichen Sprüngen, aber im Herzen

denken alle ebenso, und von Tausenden, die in die Hände schlagen und

Bravo rufen, möchte gewiß nicht ein einziger sein eigenes Kind zu

solchem Leben hergeben.«

»Nicht?«

Der Kunstreiter, 2. Band · 第 5 / 10 段