Ueberredungskünste dem Knaben den Entschluß des Fortlaufens auszureden,
aber vergeblich. Karl, mit dem neuen, freien Leben vor sich, und des
Zwanges, dem er sich hier hätte fügen müssen, lange müde, beharrte nicht
allein fest auf seinem einmal gefaßten Vorsatze, sondern überredete
sogar den Alten, daß er ihn bis nach Schildheim hinter begleitete, um
dort selber seine neugefundenen Freunde zu treffen. Das mußte natürlich
heimlich geschehen; der Präzeptor störte sie dabei nicht, da dieser die
Sonntagnachmittage gern zu seinen Studien benutzte und Karl dann immer
auf seines Onkeln Stube war. Ueberdies konnte die Zusammenkunft nur eine
kurze sein, denn mit der Dämmerung machten sich die »Künstler« schon
wieder auf den Weg, um im nächsten Dorfe zu übernachten und den andern
Morgen rechtzeitig die nächste Bahnstation zu erreichen. Georg erfuhr
Karls Flucht auch erst am andern Morgen, und zwar durch den Hauslehrer,
der seinen Zögling vergebens zur Stundenzeit erwartete und ihn dann
ebenfalls ohne Erfolg bei seinem Onkel suchte. Der alte Mühler machte
sich nun allerdings darauf gefaßt, eine heftige Szene mit seinem
Schwiegersohne bestehen zu müssen, denn daß er um Karls Flucht gewußt,
lag auf der Hand. Sehr erstaunt und nicht unangenehm überrascht war er
aber sowohl wie Georgine, daß Georg keine Silbe davon erwähnte. Dieser
ritt allerdings, gleich nachdem er die Nachricht erhalten, fort und
kehrte erst gegen Abend zurück -- war er ihm gefolgt, in der Absicht,
ihn wieder einzufangen? Wenn das der Fall gewesen, sprach er mit
niemandem darüber, und selbst beim Abendessen erwähnte er des
Flüchtlings mit keiner Silbe. Georgine glaubte nicht mit Unrecht, daß
er selber froh war, den lästig werdenden Knaben, ohne eigenes Zutun, aus
seiner Nähe entfernt zu wissen.
So vergingen die nächsten Wochen. Der Kandidat, dessen Zögling auf so
seltsame Weise abhanden gekommen, war entlassen worden, und das Leben
auf dem Gute ging wieder im alten, stillen Gleise. Allerdings suchte
jetzt Georg seine Frau in mancher Weise zu zerstreuen und führte sie
wieder mehr als im letzten Monat auf die benachbarten Güter, deren
Insassen auch Schildheim manchmal aufsuchten -- aber Georgine fand keine
Freude mehr daran. Die alte Sehnsucht war in ihr erwacht; es drängte
sie jetzt mehr, allein und ungestört zu sein, um ihre eigenen Pläne und
Träume zu überdenken, als sich durch fremde, gleichgültige und ihr oft
langweilige Menschen zerstreuen zu lassen, und während Georg dieses
Zurückziehen von der Gesellschaft mit Freuden sah und zu seinen Gunsten
deutete, brütete der Geist der Frau über Trennung -- Flucht von ihm.
Nicht so bald hatte der alte Mühler den Knaben vergessen, an den er sich
einmal gewöhnt -- an dem sein Herz hing. Er fehlte ihm auf Schritt und
Tritt -- Tag und Nacht mußte er an ihn denken, und um die Zeit zu töten,
mit der er jetzt weniger anzufangen wußte als je, ging er nun häufiger
in den »Stern« hinunter, in des alten Tobias' Gesellschaft, seine
eigenen mürrischen Gedanken zu vergessen.
Georg mußte das endlich bemerken, und, um ihn davon abzuziehen, suchte
er den Alten im Gute selber zu beschäftigen. Er wollte ihn nach und nach
an eine geregelte Tätigkeit gewöhnen -- aber das ging nicht mehr. Mühler
hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie nützlich beschäftigt,
und dachte gar nicht daran, auf seine alten Tage etwas derartiges zu
beginnen. War er dem nun früher so viel als möglich ausgewichen, so kam
es ihm jetzt, mit den Gedanken an den entlaufenen Neffen und das
lustige Leben, in dem dieser schwelgte, doppelt zuwider vor. Alles ihm
Aufgetragene führte er deshalb nachlässig oder gar nicht aus, und der
Heftigkeit Georgs begegnete er mit einer störrischen Gleichgültigkeit,
die eben alles über sich ergehen ließ. Nach vierzehn Tagen aber hielt
er selbst das nicht mehr aus. Es war ein Brief von Karl gekommen, und
Georgine hatte ihm den Inhalt desselben mitgeteilt. Die Versprechungen
von dort lauteten dabei so verlockend, daß er ihnen, mit der Sehnsucht
nach dem Jungen, nicht länger widerstehen konnte, und er beschloß, einen
entschiedenen Schritt zu tun.
Das bequeme, bis dahin geführte Leben hatte aber doch auch zu viel
Anziehendes für ihn gehabt, es so ohne weiteres, besonders ohne
Sicherheit, was er dafür eintausche, von der Hand zu weisen -- eine
Hintertür beschloß er sich jedenfalls offen zu halten, noch dazu, da ihm
das zugleich Gelegenheit bot, sich auf friedlichere Weise von Georg zu
trennen. Schnell deshalb mit seinem Plane im reinen, ging er noch an dem
nämlichen Abend zu seinem Schwiegersohne und erklärte ihm, daß ihn die
Angst um den Neffen nicht ruhen noch rasten lasse und er ihn um die
Erlaubnis bitte, einen Versuch zu machen, ihn wieder aufzufinden. Er
verlangte nur vierzehn Tage Zeit dazu, und habe er ihn bis dahin nicht
gefunden, so wolle er ohne ihn zurückkehren.
Georg war klug genug, den Alten zu durchschauen, denn daß dieser den
Aufenthalt des Burschen oder doch wenigstens wußte, wohin er sich damals
gewandt, blieb gewiß. Wollte er ganz fort von ihm? -- hatte er im
Sinne nicht zurückzukehren? -- Vielleicht -- er selber aber hätte Gott
gedankt, den lästigen, fatalen Menschen auf solche Weise loszuwerden;
durfte er dann doch weit eher auf ein friedlich häusliches Leben
rechnen, und wurde noch dazu der steten Angst und Gefahr enthoben, durch
ihn seine eigene Existenz gefährdet zu sehen. Nur daß Georgine bei der
Flucht des Vetters sowohl wie bei der jetzt erklärten Abreise des Vaters
so ruhig und teilnahmlos blieb, war ihm rätselhaft.
Trieb den alten Mann wirklich nur die Sehnsucht nach dem Knaben, an dem
er, wie Georg recht gut wußte, mit ganzem Herzen hing -- und wollte er
in der Tat ihn zurückholen? Oder fühlte Georgine jetzt selber, daß ihr
Vater den alten Possenreißer nicht vergessen, sich nun einmal in seinen
Jahren nicht mehr ändern könnte? Fühlte sie, daß es zu ihrem und ihres
Gatten Wohl und Frieden sei, wenn er sie verlasse? O, dann hätte er
dieses endliche Erkennen ihrer Pflichten, zu ihres und ihres Kindes
Bestem, von ganzem Herzen segnen wollen.
Dem alten Manne gab er natürlich mit Freuden die Erlaubnis zur Reise,
wie Geld, sie zu bestreiten, aber vergebens suchte er Georginen, als
Mühler sie verlassen hatte, zu einem offenen Geständnis ihrer Gefühle
zu bringen. Georgine gab ihm nur ausweichende, ja, fast leichtfertige
Antworten, und hatte es ihn gedrängt, sein übervolles Herz einmal gegen
sie offen ausschütten zu dürfen, so stieß sie ihn jetzt mehr zurück, als
daß sie ihn ermutigt hätte. Er konnte freilich nicht ahnen, daß der alte
böse Geist aufs neue Besitz von der ehrgeizigen Seele der Frau genommen
hatte und sie in ihm, dem Gatten, nur noch den Tyrannen sah, der ihrem
wie ihres Kindes Glück aus elendem Stolz im Wege stand.
Georg war, das sah sie klar, seit jener Zusammenkunft mit dem Grafen ein
durchaus anderer geworden. Wo war der todesverachtende Mut geblieben,
mit dem er sich früher den verwegensten Künsten entgegenwarf? wo die
frische, fröhliche Lebenslust, die ihn den Augenblick genießen ließ,
eben des Augenblicks wegen, und nicht der nächsten Stunden gedachte,
viel weniger der nächsten Jahre? So hatte sie ihn kennen gelernt, so
geliebt, und jetzt? -- Sie haßte die Bücher, über denen er halbe Tage
grübelte, sie haßte die friedliche Beschäftigung, in der er seinen
Frieden fand, und mit keinem solchen Ziele vor sich, wie er, in
diesem Leben ein verlorenes Glück wiederzugewinnen, zürnte ihr Herz im
Gegenteil über das, was er ihr geraubt, und sann und sann darauf, es mit
Gewalt oder mit List sich wieder zu erobern. Aber sie war klug genug,
den Gatten gerade das, was jetzt ihre ganze Seele erfüllte, nicht ahnen
zu lassen. Sie kannte den unbeugsamen, starren Geist des Mannes; hier
aber erst hatte sie dessen Einfluß fühlen gelernt; denn so lange ihre
Bahnen draußen in Licht und Jubel nebeneinander hinflogen, war er ihr
nimmer störend in den Weg getreten. Jetzt dagegen, wo sie ihm gehorchen
sollte, sie, die bis dahin nur gewohnt gewesen, zu befehlen, empörte
sich ihr ganzes Selbst gegen einen solchen Zwang, und kein Wunder, daß
sie den Augenblick herbeisehnte, in dem sie sich und ihr Kind demselben
entziehen konnte.
Der alte Mühler war indessen, nachdem er Abschied von Georginen genommen
und von ihr heimlich mehrere Briefe erhalten hatte, mit seinem treuen
Begleiter, dem Spitz, nach Schildheim hinunter gegangen. Georg erbot
sich zwar, ihn bis zur nächsten Eisenbahnstation fahren zu lassen, aber
er lehnte es ab, und zwar unter dem Vorwande, daß er noch gar nicht
genau wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle. In der Tat
aber wollte er Georg keine Kontrolle geben, wohin er gefahren sei; der
Kutscher konnte ihn, wie er recht gut wußte, nicht leiden, und würde
jedenfalls an der Station aufgepaßt haben, wohin er sein Billett
genommen.
Gepäck führte er übrigens fast gar keins bei sich, sondern hatte das
Nötige deshalb schon mit Georginen besprochen. Georg war oft auf halbe
Tage abwesend, und es fand sich dann leicht eine Gelegenheit, seine
sämtlichen Sachen nachzuschicken.
Mühler nun, seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit einer Summe Geldes
in der Tasche, und mit voller Freiheit, jeden beliebigen Gebrauch davon
zu machen, konnte sich nicht entschließen, trockenen Mundes am »Stern«
vorüberzugehen. Fand er niemanden weiter dort, so war er doch sicher,
»den faulen Tobias« anzutreffen, und seinen Abschiedstrunk nahm er dann
mit dem.
Der faule Tobias saß auch wirklich, nach alter Gewohnheit, dicht neben
dem Ofen hinter einem der kleinen schweren Tische, ein Glas Branntwein
vor sich, und zwar nicht das erste. Das spirituöse Getränk schien aber
keineswegs heute den sonst so belebenden Eindruck auf ihn gemacht zu
haben, und während sich sein faltiges und etwas schmutziges Gesicht
immer aufhellte, wenn er seinen »Freund« Mühler entdeckte, und nun
sicher war, ein paar Stunden angenehm mit erzählten Schnurren und
Anekdoten zu verbringen, zogen sich heute seine Augenbrauen womöglich
noch finsterer zusammen. Nur die geballte Faust, die er auf dem Tische
liegen hatte, nahm er herunter und steckte sie, geballt wie sie war, in
die Tasche, als ob sein Grimm und Aerger niemandem weiter gehöre als ihm
selber, und er auch wisse, wo er ihn hintun könne.
Mühler merkte auf den ersten Blick, daß mit dem alten Burschen etwas
nicht richtig sei, und da ihm besonders heute gar nichts daran lag,
einen mürrischen, verdrossenen Trinkgenossen zu haben, setzte er sich
hinüber zu ihm auf die Bank, warf seinen Hut und das kleine Bündel, das
er in der Hand trug, hinter sich und sagte, während sein Spitz auf einem
Stuhl neben ihm ganz ernsthaft Platz nahm: »Wirt, eine Flasche Wein,
aber von Eurem besten -- nicht etwa den Rachenreißer wieder, den Ihr mir
das letzte Mal gegeben.«
Tobias warf ihm einen etwas erstaunten Seitenblick zu und rückte ein
wenig bei, um ihm mehr Raum zu geben, schien aber trotzdem entschlossen,
in seinem Schweigen zu verharren, und erwiderte nicht einmal den guten
Tag, den ihm jener bot.
»Na zum Teufel,« sagte Mühler, »was steckt dir denn in der Krone, he?
Hast du die verkehrte Maulsperre, Kamerad, oder kennst du mich nicht
mehr? Du schneidest ein Gesicht heut, als ob dir das Wasser ausgeblieben
wäre und du jetzt mit Schnaps mahlen müßtest, um das alte Räderwerk im
Gange zu halten.«
»Ist ihm auch was Aehnliches passiert, Herr Mühler,« nahm da, für
Tobias, ein alter Bauer, der unfern von ihrem Tische hinter einem Kruge
Bier saß, die Antwort auf, »das Wasser zum Mahlen ist ihm freilich
ausgeblieben -- nur mit dem Schnaps wird's etwas dünn aussehen. Es
bleibt ihm schon nichts anderes übrig, wie eine Windmühle anzulegen.«
»Auch kein schlechtes Geschäft, Kamerad,« lachte Mühler, von dem
gebrachten Wein den Stöpsel ziehend, »he, noch ein Glas, Herr Wirt!
-- Sind famose Dinger, diese Windmühlen, in denen einem früh die
Morgensonne und nachmittags die Abendsonne in dasselbe Fenster scheint.«
»Du weißt den Henker davon,« fuhr Tobias mit einem tückischen Blick den
alten Bauer an. »Wenn ich Schnaps brauche, werde ich ihn auch bekommen.
Du Hungerleider gibst mir doch keinen.«
»Nein, Tobias, da hast du recht,« lachte der Alte gutmütig, »das wäre
auch dreimal weggeworfenes Geld, und hättest du nicht so viel von dem
bösen Stoff getrunken, sähe es jetzt auch besser mit dir aus.«
»Aber was ist denn vorgefallen?« rief Mühler erstaunt.
»Nichts, als was wir alle lange vorhergesehen haben,« sagte der Bauer.
»Sein Geld, das ihm gehörte, hat der Tobias durchgebracht, und wenn der
Müller drunten auch genötigt ist, ihn bis an seinen Tod zu füttern, so
hat er sich doch geweigert, ihm von heute ab einen Pfennig weiter zu
geben, sein liederliches Leben zu unterstützen.«
»Der Müller ist ein Lump!« fiel hier Tobias wütend ein, indem er die
geballte Faust wieder aus der Tasche zog und damit auf den Tisch schlug,
»ich habe mich für ihn aufgeopfert, und jetzt kommt er...«
»Der Müller ist ein Ehrenmann,« unterbrach ihn ruhig der Bauer, indem
er von seiner Bank aufstand, sein Bier austrank und seinen Hut vom Nagel
nahm, »er hat bis jetzt mehr für dich getan, wie einer von uns getan
haben würde, und Not, Aerger und Schande außerdem dafür genug gehabt. Da
er jetzt sieht, daß du kein anderer Mensch werden willst, so mag er dich
wenigstens auch nicht länger in dem liederlichen Leben unterstützen,
und da hat er, sollt' ich denken, recht. Daß du anders denkst, ist deine
Sache -- Gott befohlen!« Und seinen Hut aufstülpend, verließ der alte
Mann das Zimmer.
Tobias schleuderte ihm mit einem boshaften Blick den bittersten Fluch
nach, auf den er sich besinnen konnte; Mühler aber lachte und sagte:
»Laß den Brummbär laufen, Kamerad; gut, daß er fort ist; der soll
uns den schönen Tag noch lange nicht verderben. Da trink, das ist der
Sorgenbrecher, besser als das verwünschte Vitriolöl, das sie hier für
Schnaps verkaufen. Der hier brennt nicht und wärmt doch, und je mehr man
davon trinkt, desto leichter wird's einem im Kopfe.«
Tobias schien noch immer keine rechte Lust zu haben, geselliger zu
werden, wenn er auch das dargebotene Glas nicht verschmähte; mit jedem
Glase aber taute er mehr auf, und während sich Mühler, in einer eigenen
Art von rauher Herzlichkeit, bemühte, den alten niedergebrochenen Säufer
aufzurichten, fing ihm selber der Wein an zu schmecken.
»Hol' der Henker die Kosten!« lachte er, als er die dritte Flasche
bestellte, »wo das herkommt, ist mehr, und so jung treffen wir doch
nicht wieder zusammen.«
»Wo das herkommt, ist mehr?« sagte Tobias, aufmerksam werdend, »der da
droben« -- und er deutete mit dem Daumen nach der Richtung des Gutes
hinüber -- »ist wohl schmählich reich?«
»Puh, reich!« rief Mühler, das große Glas bis zum Rande füllend und auf
einen Zug leerend, »was heißt reich? Was man hat, kann einem die nächste
Stunde gestohlen werden oder sonst abhanden kommen, aber was man kann,
Kamerad, darauf kommt's an, und das, was man kann, das macht den Mann.«
»Nun, Kamerad,« lachte Tobias, der bis jetzt noch viel nüchterner als
Mühler war, trotzdem daß er schon ungezählte Gläser Branntwein vorher
hinabgegossen, »bis jetzt hast du uns aber noch nicht gezeigt, was du
kannst...«
»Vielleicht habe ich nicht gewollt,« schmunzelte Mühler.
»Und willst du jetzt?«
»Nein,« schüttelte Mühler mit dem Kopfe, indem er einen Blick nach der
am Fenster spinnenden Wirtin hinüberwarf. Der Wirt war hinausgegangen,
um nach seinen Getränken zu sehen, und weitere Gäste nicht im Zimmer --
»andere brauchen auch nichts davon zu wissen.«
»Na, vor der darfst du dich nicht genieren,« meinte Tobias, »wenn du
sonst ein Geheimnis daraus machst, denn die ist stocktaub. Aber weißt
du -- wenn's -- was wäre, das man zum Leben und besonders zum Trinken
gebrauchen könnte, verstehst du, da wär' mir's recht, wenn ich auch
etwas davon erführe. Wer weiß, wie man's einmal gebrauchen kann.«
»Du?« lachte der Alte, dem der Gedanke ungemeinen Spaß machte, sich den
»faulen Tobias« als »Künstler« vorzustellen, »hahaha, das ist kostbar --
du, mit den lahmen Knochen, du wärst ein Kapitalexemplar für irgend eine
Gesellschaft!«
»Hoho!« rief Tobias, leicht gereizt, »ich weiß mich wohl in jeder
Gesellschaft zu benehmen, und du hast noch gar keine Ursache gehabt, mir
das unter die Nase zu reiben.«
»Puh, Tobi, schwatz' von nichts, wovon du nichts verstehst,« sagte
Mühler, der keineswegs trunken, aber durch den Wein gesprächig geworden
war. »Was ich unter Gesellschaft verstehe, ist etwas ganz anderes --
nicht das, was du meinst, wo zehn oder zwanzig oder dreißig Personen
zusammenkommen und sich um die Tische herumsetzen und ihr Bier trinken.
Kannst du aber -- Donnerwetter, die Flasche ist schon wieder leer -- he,
Wirtschaft! -- kannst du auf dem Kopfe stehen?«
»Ich?« sagte Tobias, ihn mit einem entsetzlich verblüfften Gesicht
anstarrend, »ich weiß nicht -- ich habe es noch nicht versucht.«
»Ist auch gar nicht nötig, Kamerad, denn du kannst's doch nicht,« sagte
Mühler, »und das ist noch das Leichteste dabei. -- Hast du neulich
gesehen, was für Kunststücke die drei Burschen machten, die hier im
Dorfe waren?«
»Von denen der eine die Leiter hinauflief, ohne daß sie jemand hielt?«
»Ganz recht, und das sind noch Spielereien, denn sie riskieren nichts
dabei, als vielleicht einmal, wenn es mißglückt, auf den Hintern zu
fallen.«
»Aber was hat das mit dir und -- mit dem Baron da oben zu schaffen?«
sagte Tobias, der aus den Worten seines Nachbarn nicht recht klug wurde.
»Kannst du das Maul halten?« fragte Mühler leise.
»Das kann ich,« versicherte Tobias, wirklich froh, endlich einmal etwas
zu finden, was er wirklich zu können glaubte.
»Gut,« sagte Mühler, »das ist manchmal schon viel wert -- da kommt aber
der Wirt wieder -- der braucht nichts zu wissen.«
»Na, Herr Mühler,« sagte dieser, der mit einer frischen Flasche zum
Tische trat, »sind ja heute recht fidel. Hab's mir gleich gedacht,
daß Sie mehr wollten, und die alte Sorte mitgebracht. Nicht wahr, die
schmeckt?«
»Es geht -- da nehmt die leeren Flaschen mit. Tobias hier ist heute
etwas niedergeschlagen, und den müssen wir wieder fidel machen -- trinkt
Ihr ein Glas mit, Sternenwirt?«
»Gleich steh' ich zu Befehl, Herr Mühler -- muß nur einmal hinunter in
die Schmiede, dort etwas zu besorgen -- ich bin bald wieder da. Sollten
Sie in der Zeit etwas wollen, so steht es drüben in der Stube, und meine
Alte da kann es Ihnen geben.«
»Der kann abkommen,« sagte brummend Tobias, als der Wirt das Zimmer
verlassen hatte, »Lump nichtsnutziger. Wer Geld hat, dem macht er den
Buckel krumm, und so wie er merkt, daß es dünn wird, kennt er einen
nicht mehr und fängt an schwer zu hören. Dir knöpfe ich die Ohren
noch einmal auf, Halunke -- aber -- über was sollt' ich's Maul halten,
Mühler? -- Was kann der Baron, und was kannst du?«
»Baron,« sagte Mühler, die Achsel zuckend und sich und Tobias aufs neue
einschenkend, »der da drüben ist so wenig Baron wie du und ich.«
»Den Teufel auch!« murmelte Tobias leise und erstaunt vor sich hin.
»Das schadet auch nichts, Kamerad,« lachte der Alte in übermütiger Laune
weiter, »bah, so viel für einen lumpigen Baron, wenn er nichts weiter
kann, als Samstags dem Verwalter sein Geld auszahlen, und für das übrige
den lieben Gott sorgen läßt -- unser Monsieur Bertrand kann mehr.«
»Mosje Bertrand?« fragte Tobias erstaunt.
»Sagte ich Bertrand?« fragte Mühler, dem das Wort nur so entfahren war.
»Ich dächte...«
»Na, bleibt sich gleich -- den solltest du einmal auf drei Pferden
zugleich reiten sehen.«
»Auf dreien, na, so lüg' du und der Teufel! wie will er denn auf dreien
zugleich sitzen?«
»Sitzen? -- er sitzt auch nicht, er steht, mit jedem Fuß auf einem und
das dritte zwischen den Füßen, und vier dabei vorn im Zügel, daß die
Haare sausen.«
»Aber das machen ja die Kunstreiter!« sagte Tobias, jetzt völlig
verblüfft über alles, was er hörte.
»Tun sie auch, Kamerad,« lachte Mühler, »und seine Frau, meine Tochter,
solltest du erst sehen -- der Jubel von den Leuten, wenn sie auf ihrem
Schimmel geflogen kam und durch Reifen sprang und über Tücher wegsetzte
und sich so und so drehte -- und die Kleine -- die Josefine, das ist
ein wahrer Teufel von einem Kinde auf dem Sattel -- sie könnte nicht
leichter auf dem festen Boden tanzen.«
»Ja, zum Donnerwetter, Kamerad,« sagte Tobias, erstaunt Front gegen ihn
machend, »der Baron da drüben ist doch nicht etwa...«
»Der beste Kunstreiter, der je ein Pferd dressiert hat,« ergänzte
Mühler, »das muß man ihm lassen, wenn er auch noch ein so schlechter
Oekonom sein mag.«
»Und die ganze Familie -- und du?«
»Lauter Kunstreiter,« lachte der Alte triumphierend, ohne sich jedoch
selber als Bajazzo zu denunzieren. »Das ist ein lustiges Leben, Kamerad,
und du solltest einmal dabei sein, wenn es so recht mitten im Glanz und
Gang ist. Hier -- der Teufel soll's holen, ein Hund hat's besser, als
den ganzen Tag da drinnen hinter den steinernen Mauern zu sitzen und
Maulaffen feil zu halten, und ich hab' es auch satt bekommen und gehe
meiner Wege.«
»Was?« rief Tobias, jetzt noch mehr erstaunt als vorher. »Du willst
fort, Kamerad, willst mich hier allein lassen?« setzte er mit einer
eigenen Art von Rührung hinzu.
»Kann's nicht ändern,« bestätigte Mühler, »das Leben hier führ' ein
anderer -- mein Junge ist schon voraus.«
»Und die da drüben auf dem Gute?«
»Mögen's halten, wie sie wollen,« sagte Mühler gleichgültig, »ich kann
mir mein Brot verdienen, ohne die da, und lustigeres Brot, wie sie mir
bieten können. Wenn mit dir nur etwas anzufangen wäre, nähm' ich dich
mit, Tobi, aber -- es geht nicht, du bist zu steif in den Knochen --
meine müssen freilich auch erst wieder gelenkig werden, denn das lange
Stillhocken ist ihnen schwerlich dienlich gewesen.«
Tobias antwortete ihm nicht, andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum,
und Mühler tat einen langen Zug aus seinem Glase. Dabei fiel aber sein
Blick auf die Wanduhr, und sich aufraffend, sagte er: »Donnerwetter, es
wird spät, ich muß fort.«
»Heute noch?«
»Gleich.«
»So warte wenigstens, bis der Wirt wiederkommt.«
»Wozu?« lachte Mühler, »die paar Flaschen kann er mir zum Andenken
aufschreiben, bis ich zurückkehre. Wirte vergessen einen so leicht, wenn
man ihnen nicht ein kleines Andenken da läßt.«
»Das geschieht dem Lump recht,« lachte Tobias, »sonst aber,« setzte
er, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, hinzu, »hätt'st du mir
es vielleicht da lassen können, und ich hätt's ihm gegeben, wenn er
wiederkam.«
»Wolltest du wirklich?« fragte Mühler und ein eigener, drolliger Zug
zuckte ihm um die Mundwinkel. Wie sein Blick aber auf die Jammergestalt
des vor ihm stehenden, zusammengebrochenen alten Säufers fiel, regte
sich auch etwas wie Mitleiden in seinem Herzen. Leichtsinnige Menschen
sind gewöhnlich gutmütig, und in einem eigenen Anfall von Großmut sagte
er: »Na, meinetwegen, Tobias -- ich will dir das Geld da lassen, gib
es dem Wirt, wenn er kommt. Drei, vier Flaschen hatten wir ja wohl, die
Flasche kostete 18 Schillinge, macht zusammen 1 Taler 24 Schillinge, da
-- da hast du's und -- vergiß es nicht etwa...«
»I bewahre!« sagte Tobias, das Geld, ohne es zu überzählen, in die
Westentasche schiebend, »und du kommst wirklich nicht wieder?«
»Wenigstens so bald nicht. Heut abend denk' ich noch bis Kerkhofen zu
marschieren.«
»Dann darfst du dich auch nicht länger aufhalten,« sagte Tobias, der
seine eigenen Gründe hatte, den Kameraden unterwegs zu wünschen, ehe der
Wirt wiederkam.
»Darf ich nicht?« lachte Mühler, »aber ich glaube, du hast recht; es
wird spät. So behüt' dich Gott, Alter, und trink mir nicht zu viel; es
wär' schade, wenn wir dich verlieren sollten, denn eine solche natürlich
rote Nase kommt nicht gleich wieder vor.«
»Ist mir auch sauer genug geworden,« meinte Tobias, »sie dahin zu
bringen.«
»Kann ich mir denken -- also nochmals adieu! komm, Hanswurst!« Und mit
den Worten schüttelte er ihm die Hand, griff dann seinen Hut und sein
Bündel auf und verließ, von seinem Spitz gefolgt, das Haus und das Dorf.
Tobias begleitete ihn nicht. Es war noch ein Rest in der Flasche, den er
erst vertilgen mußte, und dann gingen ihm auch eine Menge Dinge im Kopfe
herum, die er vorher in aller Ruhe ordnen und sichten mußte; das Denken
fing ihm doch an schwer zu werden. Wie er noch so da saß, kam der Wirt
zurück.