»Entschuldigen Sie,« erwiderte verlegen Herr von Zühbig, und sein Blick

streifte über die beiden Gatten. Wenn aber auch Georgine ihre volle

Unbefangenheit gewahrt hatte -- denn ihr selber machte es sogar Freude,

die Erinnerung an sich und ihre Tochter so bewahrt zu sehen -- konnte

sich der Baron doch nicht gut über den finstern Ernst täuschen, der auf

»Monsieur Bertrands« Zügen lag. Zu viel Weltmann dabei, einen so argen

Mißgriff zu begehen, als jetzt noch einmal das Thema zu berühren,

das, wie er fühlen mußte, seinem Wirte wenigstens kein angenehmes war,

erwähnte er der neuen Bestätigung, die er in seinem ersten Erkennen

durch Josefinens Erscheinen gewonnen hatte, mit keinem Worte, und warf

sich jetzt, vielleicht mit etwas nur zu großem Eifer, auf ein Gespräch

über Ackerbau und Viehzucht, das ihm vollkommen fern lag und von dem er

kein Wort verstand. Georg aber war ihm dennoch dafür dankbar und ging

rasch darauf ein. Trotzdem herrschte ein Mißton in der Unterhaltung,

die unter diesen Umständen nicht natürlich fließen konnte. Der eine

Teil verschwieg etwas, von dem der andere schon zu viel Kenntnis erlangt

hatte, um es ungeschehen zu machen, und wenn auch das Gespräch bald

auf die Jagd, dann auf die Nachbarschaft und die Unterhaltung im Winter

hinüberwechselte, ließ sich der heitere Ton darin nicht wiederfinden.

Herr von Zühbig sehnte deshalb die Zeit herbei, in der er sich auf sein

eigenes Zimmer zurückziehen konnte, und Georg kam ihm darin unter dem

Vorwande zuvor, den reisemüden Gast nicht zu lange die nötige Ruhe und

Bequemlichkeit entbehren zu lassen. Am nächsten Morgen beim Frühstück

wollte man sich wieder treffen, und bis dahin war auch der Wagen, wie

sich Georg indessen schon hatte erkundigen lassen, wieder hergestellt,

damit die Reise ungesäumt fortgesetzt werde.

So früh indessen Herr von Zühbig an diesem Abend zu Bett gegangen war,

so früh war er am nächsten Morgen wieder auf und -- unten im Dorfe.

Nicht aber um nur nach seinem Geschirr zu sehen -- das würde er unter

anderen Umständen allein seinem Kutscher oder Bedienten überlassen haben

-- sondern in einer Sache, die für ihn weit größere Wichtigkeit hatte:

über die Geyfelnsche Familie nämlich so viel Nachrichten als möglich

einzuziehen. Schon beim Schmied erfuhr er denn auch zu seinem

unbegrenzten Erstaunen, daß das Gut Schildheim der Familie Geyerstein

gehöre und Herr von Geyfeln nur der neue Pächter sei, der mit dem Grafen

von Geyerstein vor noch nicht sehr langer Zeit hier eingetroffen wäre.

Weiter vermochte ihm aber der Schmied keine Auskunft zu geben, und

ebenso der Wagenmacher, das ausgenommen, daß der »gnädige Herr« noch

außer seiner Tochter den Vater seiner Frau und einen Knaben, einen

Neffen oder Vetter, bei sich habe. So viel einmal erkundschaftet,

gelüstete es Herrn von Zühbig jetzt außerordentlich, noch mehr zu

erfahren, denn daß die Residenz bei solcher Neuigkeit auch die kleinsten

Details von ihm verlangen würde, verstand sich wohl von selbst; aber es

gelang ihm nicht. Selbst der Wirt, der, als er den Stern betrat, nach

durchschwärmter Nacht eben sein Bett verlassen hatte und ihn gähnend in

Pantoffeln und Schlafpelz mitten im Hausflur begrüßte, wußte keine

nähere Auskunft, und Herr von Zühbig hätte auch mit Vergnügen -- trotz

seiner dringenden Geschäfte zu Hause -- einen Tag in Schildheim

zugegeben, seine Chronique scandaleuse zu vervollständigen, wenn ihm

nur, dem Baron von Geyfeln gegenüber, der geringste haltbare Grund dafür

eingefallen wäre. Das ging jedoch nicht an; der Wagen war leider fix und

fertig; sein Diener hatte das Gepäck schon vom Gute heruntergebracht und

eben begonnen, es wieder aufzuladen, und er mußte sogar eilen, daß er zu

der bestimmten Zeit oben beim Frühstück eintraf.

Hatte er übrigens gehofft, hier noch einmal mit Georginen

zusammenzutreffen, so sollte er sich darin getäuscht sehen. Georg

empfing ihn allein und benachrichtigte ihn, daß sich seine Frau, eines

leichten Unwohlseins wegen, entschuldigen ließe, zu so früher Stunde an

ihrem Mahl nicht teilzunehmen. Das Frühstück wurde dann fast schweigend

eingenommen, und Georg begleitete danach seinen Gast in das Dorf

hinunter, um ihn sicher und schnell unterwegs zu sehen.

»Herr von Geyfeln,« sagte hier, als sie das Dorf fast erreicht hatten,

der Baron, indem er sich zu seinem Begleiter wandte, »ich weiß wirklich

nicht, wie ich Ihnen genug für die mir so herzlich erwiesene Hilfe und

Gastfreundschaft danken soll. Ich wollte nur, daß Sie selber mir einmal

Gelegenheit gäben...«

»Sie haben ein Mittel, Herr Baron,« unterbrach ihn freundlich Georg,

»und noch dazu eins, das den Dank ganz und gar auf meine Schultern

werfen würde.«

»O, bitte, nennen Sie es!« rief von Zühbig rasch. »Sie glauben gar

nicht, wie Sie mich dadurch verpflichten würden.«

»Es ist sehr einfach,« lächelte Georg, aber er fühlte selber, wie er

sich Zwang antun mußte, unbefangen zu scheinen. »Wir sind uns, wie Sie

gestern ganz richtig bemerkten, nicht zum erstenmal in diesem Leben

begegnet.«

»Nicht wahr?« rief von Zühbig rasch und entzückt über diese Bestätigung.

»Es wäre töricht, das verleugnen zu wollen,« fuhr Georg ruhig fort.

»Was mich dabei bewogen haben mag, eine Zeitlang die frühere Laufbahn zu

verfolgen, kann dem Fremden, der kein weiteres Interesse als das einer

flüchtigen Bekanntschaft an mir nimmt, vollkommen gleichgültig sein.

Jetzt aber bin ich in das gesellschaftliche Leben, mit dem früheren

abschließend, zurückgetreten, und wie ich hier still und abgeschieden

von der Welt, fast mit niemandem verkehrend, lebe, möchte ich die

frühere Existenz auch als abgeschlossen betrachten. Sie werden mich also

außerordentlich verbinden, Herr Baron, wenn Sie, der Zeit gedenkend,

die Sie mit uns verlebt, sich nur erinnern wollten, daß ich von Geyfeln

heiße. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß weder ich noch meine Gattin

stolz auf unsere früheren Triumphe sind. Einen Monsieur Bertrand, den

ich früher kannte, habe ich vollständig vergessen -- wollen Sie das

nämliche versuchen?«

»Mit dem größten, innigsten Vergnügen, bester Freund!« rief Herr von

Zühbig rasch und herzlich. »Ich selber muß nur noch tausendmal um Pardon

bitten, daß ich vielleicht durch irgend eine indiskrete Frage...«

»Die Sache ist abgemacht,« lächelte Georg, die dargebotene Hand

ergreifend, »unter Männern ist nichts weiter nötig, und ich kann Ihnen

jetzt mit gutem Gewissen sagen, daß ich mich von Herzen freue, imstande

gewesen zu sein, Ihnen den kleinen, unbedeutenden Dienst zu leisten.

-- Aber hier sind wir bei Ihrem Wagen; etwas plump ist das Rad gemacht,

doch müssen Sie mit unseren Dorfarbeitern schon fürlieb nehmen.

Jedenfalls hält es, und Sie können Ihre Reise ungehindert fortsetzen.«

»Also nochmals meinen wärmsten Dank, und wenn ich Ihnen in ***

vielleicht irgend etwas...«

»Ich danke freundlichst,« wehrte Georg ab. »Sie kennen unsern Vertrag,

und nun glückliche Reise!«

»Bitte, empfehlen Sie mich noch Ihrer Frau Gemahlin auf das

untertänigste, und wenn Sie je wieder nach *** kommen sollten...«

»Es wird nicht geschehen; wäre es aber, so würde ich mir erlauben, Sie

aufzusuchen.«

»Sie würden mich außerordentlich glücklich machen -- alles in Ordnung,

Jean?«

»Alles, gnädiger Herr!«

»Schön -- zufahren -- also adieu, lieber Baron, adieu!«

Georg neigte sich leicht, als der Wagen, von einem Teil der Dorfjugend

umstanden, vorüberrasselte, und Herr von Zühbig unterließ nicht,

noch mehrmals freundlichst aus dem Wagen nach dem Zurückbleibenden

hinauszuwinken. Georg blieb auf der Straße stehen und sah ihm nach, bis

das leichte Fuhrwerk um die nächste Ecke verschwunden war. Dann schritt

er langsam, seinen eigenen Gedanken nachhängend, auf das Gut zurück.

17.

Der letzte Abend war nicht allein oben im Gute, sondern auch in

Schildheim ein sehr ereignisreicher gewesen, denn die Verheiratung von

des Sternenwirts einziger Tochter, der hübschen Kathrine, bildete

schon an und für sich eine Aera in dem sonstigen Stilleben des kleinen,

abgeschiedenen Ortes. Der Sternenwirt hatte sich aber auch noch außerdem

an dem Abend sehr splendid gezeigt, und der Tanz, neben anderen teils

vorbereiteten, teils zufälligen Genüssen, bis nahe zum Morgengrauen

gedauert; mit ihm natürlich das Zechen und Jubilieren.

Der alte Mühler wäre mit Karl gern ebenfalls an dem gestrigen Abend ins

Dorf hinuntergegangen, nur der Vorfall des Morgens hielt ihn ab, denn er

wußte recht gut, daß Georg nicht damit einverstanden war, und wollte ihn

nicht noch böser machen. Auch Karl durfte nicht fort, und wenn etwas, so

erbitterte das den jungen, bis dahin keines Zwanges gewohnten Burschen

nur noch mehr. So saß er um elf Uhr mittags etwa -- Georg war schon

lange wieder auf das Gut zurückgekehrt und arbeitete auf seiner Stube --

dem alten Onkel gegenüber, an dem auf den Hof hinausführenden Fenster,

kaute an den Nägeln und baute und verwarf Plan nach Plan, um sich

diesem, ihm unerträglich werdenden Leben zu entziehen. Da ertönte

plötzlich unten auf dem Hofe lustige Musik -- die Kirche war aus, und

die Musikbande, die gestern abend im Stern aufgespielt, war hinauf auf's

Gut gezogen, sich dort ein Trinkgeld zu verdienen. Mit ihnen aber --

und Karl fuhr mit einem Freudenschrei von seinem Sitz empor -- waren

wunderlich und phantastisch gekleidete Gaukler gekommen, die in kurzen

Jacken und eng anliegenden Trikots zum Takte der Musik auf dem Hofe und

vor den Fenstern Georgs ihre Künste begannen. Einer hatte Stelzen an

die Füße geschnallt, womit er zur Musik einen Walzer tanzte und andere

Kapriolen ausführte; ein anderer überschlug sich und kugelte sich, Brust

und Bauch nach außen, wie ein Ring zusammen, und der dritte lief an

einer freistehenden kurzen Leiter hinauf, auf deren oberster Sprosse er

dann mit großer Geschicklichkeit seine Künste ausführte.

»Bei Gott, Onkel!« rief Karl jubelnd aus, »da unten ist Müllheimer,

Hentz und Bentling -- komm rasch -- Hentz macht sein Leiterkunststück --

siehst du dort?«

»Alle Teufel!« murmelte der Alte in den Bart, »was wollen die denn hier,

und wo kommen sie her? Ob sie wissen, daß Georg das Gut bewohnt?«

»Schwerlich,« lachte Karl, »sonst hätten sie wohl kaum ihre Kunststücke

im Hofe gemacht, sondern wären gleich von vornherein heraufgekommen. Die

werden Augen machen!«

»Was willst du tun?« rief der alte Mühler erschreckt, als Karl eben im

Begriff war, das Fenster zu öffnen.

»Ich?« sagte der junge Bursche erstaunt, »sie anrufen natürlich; ich

soll doch wohl meine alten Freunde und Kameraden bei euch hier nicht

auch noch verleugnen und nicht mehr kennen dürfen?«

»Du bist rein verrückt!« rief der Alte, bestürzt dazwischen springend.

»Na, das Donnerwetter und das Hallo von dem da drüben möcht' ich sehen,

wenn der dazu käme. Wenn du nicht absolut willst, daß er uns beide noch

heute am Tage zum Tempel hinausjagt, so geh' vom Fenster und tu gar

nicht, als ob du die da unten siehst.«

Karl war leichenblaß vor verhaltenem Grimm geworden, aber er ließ es

geschehen, daß ihn der Alte beim Handgelenk vom Fenster zog und das

Rouleau herunterließ, jedes weitere Hinaussehen zu verhindern. Er selber

blinzelte nur eben einmal hinter der Gardine vor, und sah gerade, wie

der alte Verwalter auf die Leute zuging, ihnen ein Geldstück gab und

sie vom Hofe schickte. Das Geschenk mußte auch ein ziemlich reichliches

gewesen sein, denn die Gaukler schienen sehr erfreut. Desto weniger

zufrieden waren aber die Leute vom Hofe damit, die sich schon um sie

gedrängt hatten und ihnen jetzt, als sie den Hof verließen, meist in

das Dorf hinab folgten, um dort vielleicht noch mehr von den fabelhaften

Künsten zu sehen zu bekommen. Noch stand er am Fenster und sah ihnen

nach, als die Tür aufging und Georg eintrat.

»Das ist recht, Mühler,« sagte er, als er die niedergelassene Gardine

bemerkte. »Ich weiß nicht, durch welchen Zufall, aber einige unserer

alten Bekannten haben, wahrscheinlich auf der Durchreise, ihren Weg bis

zu uns hierher gefunden. Ihr seid, wie ich sehe, vernünftig genug,

Euch fern von ihnen zu halten; überdies werden die Burschen Schildheim

jedenfalls heute wieder verlassen. Ich brauche Euch also nicht weiter

zu ermahnen, Euch heute lieber zu Hause zu halten, damit Ihr ihnen nicht

etwa zufällig in den Weg liefet.«

»Denke gar nicht dran, auszugehen,« brummte Mühler, »und will selber mit

ihnen nichts zu tun haben.«

»Ich habe es von Euch nicht anders erwartet,« sagte Georg, »und auf den

jungen Burschen da werdet Ihr mir auch ein wachsames Auge haben. Ich

hoffe, Karl, daß du verstanden hast, was ich eben sagte?«

»Ja,« erwiderte der junge Bursche, sich gleichgültig abdrehend, »wenn

ich's nicht wieder vergesse.«

»Nicht wieder vergesse?« fragte Georg scharf, »ich ersuche dich,

Geselle, dein Gedächtnis anzustrengen, oder du möchtest das nächste Mal

nicht wieder so leicht davonkommen. Ich will, daß du es nicht vergißt,

und das merke dir, Patron, sonst sprechen wir ein anderes Wort zusammen.

Ich werde überhaupt -- doch genug,« brach er kurz ab, »es wird keine

weitere Mahnung nötig sein, denn du weißt selber am besten, Karl, was

dir gut ist und was du von mir zu hoffen -- oder zu fürchten hast.« Mit

diesen Worten verließ er rasch das Zimmer.

»Verdammt, ob ich das nicht weiß,« fluchte der junge Bursche, als die

Tür kaum hinter dem Forteilenden zugefallen war, »besser als du es

vielleicht denkst, mein Herz, und daß ich es tun werde, darauf kannst du

dich verlassen.«

»Karl,« warnte ihn der Alte, »sei vernünftig und mach' keine dummen

Streiche. Georg läßt nicht mit sich spaßen.«

»Ob er's tut oder nicht, was kümmert's mich!« trotzte der Knabe. »Wenn

du Lust hast, Onkel, seinen Knecht und gehorsamen Diener zu machen und

dafür das Gnadenbrot zu nehmen, gut -- du bist alt genug, um zu wissen,

was dir zusagt, ich aber vertrage es nicht. Er hat gesagt, ich wisse,

was mir gut sei, und ich will ihm dieses Mal wenigstens beweisen, daß er

sich nicht geirrt.«

»Was hast du vor?« sagte der alte Mann besorgt, als Karl seine Mütze

aufgriff, »du darfst nicht fort.«

»Darf ich nicht?« lachte der junge Bursche, der ihm unter den Händen

fort und zur Tür glitt, »und wer will mich hindern?« und mit den Worten

schon verschwand er im Gange draußen.

»Karl!« rief ihm der alte Mühler besorgt nach; Karl aber war nicht mehr

zurückzurufen, und mit dem Gute und dessen Ausgängen genau bekannt, lief

er in die untere Etage hinab, sprang von da in den Garten, um Georg in

diesem Augenblick nicht zu begegnen, und gelangte ungesehen, wenigstens

ungehindert, in das Dorf hinab. Dort brauchte er auch nicht lange nach

seinen früheren Kameraden zu suchen. Ein Volkshaufe, der sich vor

einem Bauernhause schreiend und lachend umher drängte, verriet ihm

augenblicklich die Stelle, wo die drei »Künstler« eine rohe Schar von

Zuschauern entzückten und unterhielten, hätte selbst nicht Hentz schon

wieder auf der Spitze der Leiter, den Kopf nach unten, die Beine in die

Luft gestreckt, hoch über die ihn umgebenden Dörfler hinausgeragt.

Karl hatte auch vom Fenster aus ganz recht gesehen. Es waren in der Tat

jene drei jungen Burschen, die früher zu ihrer Gesellschaft gehörten und

bei der Auflösung derselben brotlos in die Welt geworfen wurden. Wie sie

indessen ihr Leben gefristet, zeigte sich deutlich in dem gegenwärtigen

Possenspiel auf offener Straße, und Karl schämte sich fast, sie hier vor

allen Leuten anzureden. Aber sprechen wollte und mußte er mit ihnen --

er wußte überdies, daß die Mittagszeit sie zwingen würde, ihre Künste

einzustellen, denn hier und da entfernten sich schon einzelne der

bisherigen Zuschauer, um ihren eigenen Wohnungen und gedeckten Tischen

zuzueilen. Karl hatte sich darin auch nicht geirrt. Die Glocke des

kleinen Kirchturmes hob kaum aus, ihre zwölf Mal anzuschlagen, als die

Zuschauer, die bis jetzt einen festen Ring um das Künstlertrifolium

geschlossen, nach allen Richtungen hin auseinander stoben, und ohne

daß einer von ihnen daran gedacht hätte, die doch jedenfalls ebenso

hungrigen Equilibristen einzuladen, ja, ohne selbst das geringste für

den gehabten Genuß zu zahlen, waren sie im nächsten Augenblick spurlos

verschwunden.

»Alle Teufel!« rief der eine von ihnen, Hentz, der diesen plötzlichen

Rückzug aus der verkehrten Vogelperspektive von der Leiter aus mit

angesehen, indem er mit einem geschickten Satz herunter und auf die Füße

kam, »wie die Canaillen laufen, und du, Müllheimer, läßt sie auch fort,

ohne einzusammeln!«

»Da sammle du einmal,« brummte der Angeredete, »wenn bei derartigem

Gesindel, noch dazu an einem Sonntag, die Freßglocke schlägt! Aber nach

Tische will ich sie schon wieder zusammenkriegen, und dann sollen sie

doppelt dafür bluten. -- Wetter -- wer ist denn das, der da drüben

steht? -- das Gesicht kommt mir sehr bekannt vor.«

»He, Roter, wie geht's?«

»Charles! bei allen sieben Todsünden!« rief der bei seinem Spottnamen

Angeredete erstaunt aus, »alle Hagel, Junge, wo kommst du auf einmal wie

aus den Wolken hergeschneit?«

»Davon nachher,« sagte Karl, dem nicht daran lag, hier auf der Straße

ein langes Gespräch mit ihnen anzuknüpfen. »Kommt ins Wirtshaus nach

-- ich werde dort für euch etwas zu essen bestellen« -- und ohne eine

Antwort abzuwarten, bog er in die nach dem Stern führende Gasse ein und

überließ es seinen früheren Gefährten, ihm, der willkommenen Einladung

nach, so rasch mit ihren verschiedenen Utensilien zu folgen, wie sie

eben konnten.

* * * * *

Es war dreiviertel auf ein Uhr -- pünktlich um ein Uhr wurde Sonntags

auf dem Gute gegessen -- als Karl, ebenso heimlich, wie er sich entfernt

durch das in den Garten führende Saalfenster mit Hilfe einer in der Nähe

lehnenden Stange zurückstieg und seines Onkels Zimmer betrat.

»Na, da ist er -- gottlob!« sagte dieser. »Ich fürchtete wahrhaftig, er

hätte dumme Streiche gemacht. Es ist gleich eins, Junge.«

Karls Blick haftete auf Georginen, die in der Mitte der Stube, die

rechte Hand auf den Tisch gestützt, stand, und starr vor sich niedersah,

ohne von dem Eintretenden die geringste Notiz zu nehmen.

»Ja, Onkel,« erwiderte Karl ruhig, ohne den Blick von der Frau zu

wenden, »und wahrscheinlich auch das letzte Mal, daß ich es hier werde

eins schlagen hören.«

»Bist du toll?« rief Mühler erschreckt, und Georgine sah rasch und

forschend zu ihm auf. Karl aber, ohne sich im geringsten irre machen

zu lassen, entgegnete: »Nichts weniger als das, Onkel; ich habe im

Gegenteil heute, wie ich glaube, meinen Verstand erst wiedergefunden und

bin nicht gesonnen, mich hier länger knechten und mißhandeln zu lassen,

nur um zu leben, wie es einem dritten gefällt, während ich draußen mein

eigener freier Herr sein kann. Die Kameraden gehen nach Altona, wo sich

ein neuer Zirkus unter dem berühmten Royazet etabliert hat. Royazet

zahlt brillante Gagen, und wenn Georgine mit Josefinen bei dem einträte,

könnten sie...«

»Royazet?« unterbrach ihn Georgine emporfahrend, und tiefes Rot färbte

in diesem Augenblick ihre Wangen, »weißt du das gewiß?«

»Gewiß,« erwiderte Karl bestimmt, »Müllheimer, Hentz und Bentling sind

eben dorthin unterwegs. Royazet hat sich mit dem größten Teil seiner

früheren Gesellschaft veruneinigt oder sonst Schwierigkeiten mit ihnen

gehabt, denn sie sind ihm fast alle von London aus nach Australien

durchgegangen. Hier allerdings bekommen wir nichts zu hören noch zu

sehen, draußen aber hat's in allen Zeitungen gestanden, daß er eine neue

Gesellschaft gründen will, um mit ihr nach Rußland zu gehen, und deshalb

alle namhaften Künstler auffordert, sich an ihn zu wenden.«

»Aber ich habe keine einzig solche Aufforderung in den Zeitungen

gelesen,« sagte Georgine.

»Das glaube ich,« sagte Karl erbittert, »wer liest sie zuerst? Georg,

und was wir nicht wissen sollen, das weiß er gut genug zu unterschlagen.

Erst vorgestern kam ich gerade dazu, wie er die neue Zeitung in den Ofen

steckte, und meinen Kopf setze ich zum Pfande, daß in der die nämliche

Aufforderung stand.«

»Von Royazet will er überhaupt nichts wissen,« meinte Mühler

nachdenklich, »und du kennst den Grund gut genug, Georgine, denn er ist

eifersüchtig wie der Teufel auf ihn. Aber wenn er wirklich die Zeitung

verbrannt hätte, hat er doch nur recht damit gehabt. Was nützt uns hier,

zu wissen, daß sie da draußen in der Welt noch lustige Streiche treiben!

Wir haben nichts mehr damit zu tun.«

»Meinst du, Onkel?« rief Karl, »wenn du wirklich eine solche Schlafmütze

geworden bist, dich ruhig unter dem Daumen halten zu lassen...«

»Junge,« lachte der Alte, »ich bitte mir mehr Respekt aus...«

»So magst du es tun,« fuhr jedoch Karl unbekümmert fort.

»Er hat recht,« fuhr Georgine dazwischen, »wenn ich so wenig hätte, was

mich hier bindet, wie er, nicht drei Tage würde ich den Zwang ertragen

haben.«

»Den Henker auch,« sagte knurrend der Alte, »er hat seine ganze Familie

hier, und wenn ihn die nicht bindet, was sonst?«

»Wenn die von der Familie, an denen mir etwas liegt, gescheit sind,«

entgegnete Karl, »so machen sie es gerade so wie ich und lassen den

alten Brummbär seine Felder allein düngen. Zum Henker, wenn Georgine zu

Royazet käme, der stellte sich auf den Kopf vor lauter Freude, und auf

den Händen würde sie dort getragen, von den Leuten wie vom Publikum.«

»Na ja, setz' du ihr nur auch noch solche Dinge in den Kopf,« schalt der

Alte, »weiter hat gar nichts mehr gefehlt! Das braucht's auch eben noch,

sie über die Stränge schlagen zu machen -- und sie weiß, daß sie nicht

darf.«

»Ich kann nicht fort,« erwiderte auch Georgine düster vor sich

niederblickend, »er gibt mir mein Kind nicht, und ohne Josefinen geh'

ich keinen Schritt.«

»So nimm dir's,« trotzte der junge Bursche. »Was will er machen, wenn

wir heute abend unsere Sachen heimlich zusammenpacken und am nächsten

Morgen über alle Berge sind?«

»Bah, du sprichst, wie du's verstehst,« sagte der Alte, »du könntest

vielleicht weglaufen, und ich glaube nicht einmal, daß es Georgs Herz

brechen würde, aber die Frau und das Kind -- in zwei Stunden hätt' er

sie wieder, und nachher...«

Die Augen der Frau leuchteten von einem unheimlichen Glanze, aber sie

sagte kein Wort. Karl dagegen lachte: »Aber mein armer Kandidat -- dem

breche ich das Herz gewiß. Wen hat er nun morgen, den er quälen und

drangsalieren kann? Und die lateinische Grammatik nehme ich zum Andenken

mit.«

»Red' nicht so tolles Zeug, Karl!« ermahnte der Alte, »du sprichst

wahrhaftig, als ob du ganz im Ernste an solche Torheit dächtest.«

»Tu' ich wirklich?« spottete ihm Karl nach, »gut, dann komm doch morgen

früh an mein Bett, Onkel, und weck' mich -- willst du?«

»Da schlägt's eins,« rief Mühler, der froh schien, dieses Gespräch

abbrechen zu können. »Wir müssen hinüber. Georg ist Sonntags immer auf

die Minute bei Tische.«

»Dann dürfen wir natürlich als gehorsame Diener unseres Herrn nicht

säumen,« spottete Karl.

»Höre, mein Bursche,« sagte der Alte ernsthaft, indem er sich zum Gehen

rüstete, »sei nicht übermütig! Wenn ich die Beine unter eines andern

Tisch stecke, muß ich auch tun, wie der andere mich heißt -- so lange

ich nämlich keinen eigenen habe.«

»Und siehst du, das ist der Haken!« rief Karl, »denn ich habe von

nächster Woche an einen eigenen, und will dann nur abwarten, wie lange

du dich hier wirst füttern lassen. Royazet hat gar keinen eigenen Klown

mehr. Sie sind ihm alle davongelaufen, und wenn er schon in Frankreich

enorme Gagen zahlte, kannst du dir denken, daß er in Rußland nicht

weniger zahlen wird. Jetzt weißt du, was dir zu wissen not tut, und nun

mach', was du willst; ich rede kein Wort weiter drum.«

Mühler, der den trotzköpfigen, unbändigen Charakter des Knaben nur zu

gut kannte und schon oft darunter gelitten hatte, schritt mürrisch den

Gang entlang, dem Eßzimmer zu. Georgine aber, Karls Arm ergreifend,

hielt ihn noch einige Sekunden zurück, bis ihr Vater so weit voran war,

sie nicht mehr hören zu können, dann flüsterte sie rasch:

»Schreib mir von dort, Karl, willst du?«

»Gewiß will ich, und ausführlich.«

»Gut, ich werde dir nach Tische einen Zettel geben, auf dem eine Anzahl

Fragen stehen. Schreib mir die Antwort darauf -- aber vergiß keine und

-- laß mich nicht lange warten.«

»Und du willst kommen?« fragte der junge Bursche mit glänzenden Augen.

»Du weißt am besten, wie sich Royazet darüber freuen würde.«

»Ich kann nichts Bestimmtes sagen. -- Wir müssen auch fort. Georg darf

nicht ahnen, daß ich mit dir darüber gesprochen.«

»Hab' keine Furcht,« lachte Karl, »wir beide stehen auf keinem solchen

Fuße miteinander, daß wir uns unsere Geheimnisse anvertrauen, und ich

besorge es dir -- darauf kannst du dich verlassen.«

»Ich danke dir -- ich werde nachher wieder herüberkommen und dir

Reisegeld bringen -- du mußt wenigstens einen Zehrpfennig haben, daß du

nicht als Bettler dort ankommst.«

»Desto besser,« lachte der Knabe still vor sich hin, »aber auch ohne

einen Schilling in der Tasche hätt' ich meinen Plan durchgeführt.«

Georgine antwortete ihm nichts darauf, sondern eilte dem Vater nach,

die streng gehaltene Essensstunde nicht zu versäumen. Karl folgte ihr

langsamer. Was lag ihm daran, wenn er auch zu spät kam und Georg böse

darüber wurde -- es war das letzte Mal heute, und wenn er sich über ihn

ärgerte, desto besser!

18.

Der Kunstreiter, 2. Band · 第 3 / 10 段