kein Tag verging, wo wir uns nicht zusammen hier draußen herumgetummelt
hätten. Ein paar wilde Burschen waren es alle beide, und tolle Streiche
haben wir mitsammen ausgeführt. Der jüngste besonders -- der kleine
Tollkopf konnte mit mir machen, was er wollte -- schien sein Herz an
mich gehängt zu haben. Auf mir geritten ist er sogar, oft und oft, und
hat mir dann versprochen, wenn er einmal groß wäre, wollte er mich zu
seinem Stallmeister, und Gott weiß was sonst noch machen. Dann gingen
sie fort, und ich blieb hier zurück -- als Forstwart, Waldläufer oder
was Sie wollen. Ein paarmal noch ließen mich die Knaben, besonders der
kleine Georg -- er hieß wie Sie, gnädiger Herr, Georg -- grüßen, dann
war auch das vorbei. Ich selber vergaß die Kinder wohl nicht, denn
wenn man so ganz allein steht auf der Welt, vergißt man nicht so leicht
etwas, an dem das Herz einmal so gehangen, wie ich an den Kindern,
besonders an dem jungen Herrn. Während aus den Knaben aber Männer
wurden, hörte ich endlich, daß der eine -- mein armer kleiner Georg --
Deutschland ganz verlassen habe und -- in der Fremde gestorben sei, und
da konnte ich denn natürlich nichts weiter tun, als -- um ihn trauern.«
»Und habt Ihr seinen Bruder nie nach ihm gefragt?« sagte endlich
nach langer Pause, während die beiden Männer schweigend nebeneinander
hingeschritten waren, Georg.
Der Alte schüttelte mit dem Kopfe. »Das ging nicht gut,« meinte er,
»sollte ich die Wunde im Bruderherzen wieder aufreißen? Und ich war
froh und glücklich, daß ich wenigstens den einen wieder hatte und mir in
dessen heiteren, männlich schönen Zügen das Bild des andern heraufrufen
und festhalten konnte. Die Jahre sind auch darüber hingegangen, und wie
der Hügel auf dem Grabe des längst Entschlafenen eingesunken sein wird,
sind meine Wangen eingefallen, ist mein Haar gebleicht, und ich dachte
kaum, daß ich noch einmal so lebhaft wieder an ihn denken würde, bis --
bis Sie neulich, gnädiger Herr, mit unserem gnädigen Grafen in den Hof
einritten.«
»Ich?« rief Georg und suchte die Bewegung zu verbergen, die seine Stimme
zittern machte.
»Ja,« sagte der Greis, und unwillkürlich suchte sein Blick dabei den des
Begleiters, »wie ich Sie beide zusammen und nebeneinander, in all der
Kraft männlicher Schönheit, beide einander so ähnlich, und doch auch
wieder so verschieden, auf einmal vor mir sah, war es plötzlich, als
ob eine Stimme in meinem Innern spräche: da sind sie -- die Zeit ist
wiedergekommen, die du so heiß ersehnt; er ist nicht tot, der kleine
Georg, sondern zurückgekehrt, wie er es mir als Kind, seine kleine Hand
in der meinen, fest versprochen. -- Ich hatte mich doch geirrt; und nur
daß Sie Georg heißen, ist ein merkwürdiger Zufall. Fünfundzwanzig Jahre
sind freilich eine lange Zeit; aber, lieber Gott! mein altes Herz hat
sich doch geirrt, denn was man eben wünscht, erhofft man ja auch gern.«
»Und Ihr habt den Knaben also noch nicht vergessen, Barthold?«
»Ich? -- das Kind? nein, mein gnädiger Herr. Ich weiß nicht, weshalb --
es war nicht mein Kind, und ging mich auch weiter nichts an, als daß es
eben der Herrschaft angehörte und vielleicht einmal später selber mein
Herr geworden wäre; denn uns alten Dienstboten geht es wie dem Inventar
auf den Gütern, zu dem wir auch mitgehören -- wir wechseln die Besitzer.
Aber ich glaube, der kleine Bursch hatte es mir damals mit seinen
klugen, treuen Augen angetan -- vielleicht mit einer Kleinigkeit, die
aber bei uns Menschen oft wunderbaren Einfluß ausübt.«
»Und die war?«
»Ich hatte die Kinder gebeten, mich -- ich weiß eigentlich selber nicht
weshalb, bei meinem Vornamen Franz zu nennen, der Aelteste aber, unser
gnädiger Herr Graf jetzt, der auch schon ein bißchen besser mit den
Leuten umzugehen wußte, konnte oder wollte es nicht merken und nannte
mich nicht anders als Barthold oder Forstwart. Der kleine Georg aber
-- Sie dürfen es mir aber nicht übel deuten, daß ich ihn noch so nenne,
denn für mich ist er der kleine Georg geblieben, alle Zeit -- tat mir
den Willen und nannte mich Franz, und einmal, wie er Abschied von mir
nahm, hat er mich sogar geküßt, und von der Zeit an, wo ich die Kinder
in die große Kutsche steigen und mir noch einmal mit den Tüchern winken
sah, war es mir, als ob alles, was ich noch auf der Welt mein nenne, mit
dem Kinde auf Nimmerwiedersehen geschieden sei. Aber, lieber Gott!
ich schwatze und schwatze da von Dingen, die Euer Gnaden unmöglich
interessieren können. Halten Sie es einem alten Manne zugute, dem
es überdies selten genug gestattet ist, sein Herz einmal einem
Nebenmenschen auszuschütten. Ich fühle, daß ich Sie gelangweilt habe.«
»Das habt Ihr nicht, Barthold,« sagte Georg, der gewaltsam die in ihm
aufsteigende Rührung niederkämpfen mußte, um sich nicht zu verraten.
»Ihr habt mir überdies vorher gesagt, daß Ihr Euer Herz nur Euren
Freunden gegenüber öffnen möchtet, zählt mich dazu von jetzt an, ich
meine es gut mit Euch. Nehmt meine Hand, sie ist Euch gern geboten, wenn
ich auch -- Euer kleiner Georg nicht bin, für den Ihr mich gehalten.«
»Gnädiger Herr,« sagte der alte Forstwart verlegen, indem er schüchtern
seine Hand in die ihm dargebotene Rechte seines Begleiters legte -- »Sie
sind so gütig...«
»Wohin führt dieser Weg?« unterbrach ihn jetzt Georg, der das Gespräch
abzubrechen wünschte, denn er vermochte nicht länger dem Alten gegenüber
kalt und gleichgültig zu scheinen.
»Mitten in den Wald,« lautete die Antwort, »ich muß tausendmal um
Verzeihung bitten, wenn ich Sie einen falschen geführt habe. Wir sind
hier gleich an der Grenze, und ich wollte eigentlich nur nach einem
Fuchsbau sehen; ich habe gar nicht daran gedacht, daß Sie...«
»Es schadet nichts; ich habe nur einen Spazierritt gemacht, und jede
Richtung bleibt sich da gleich. Aber ich will jetzt umkehren. Adieu,
Barthold, sorgt nur hübsch für Eure kleinen gefiederten Freunde, die
Singvögel, denn ich habe sie ebenfalls gern, und -- wenn Ihr einmal
etwas habt, das Euch auf dem Herzen liegt und das andere Hilfe verlangt,
als sie Euch gewähren können, dann kommt ungescheut zu mir. Wenn es in
meinen Kräften steht, helfe ich Euch. Lebt wohl!« Mit den Worten wandte
er sich zu seinem Pferde, das auf sein Zeichen rasch herbeigetrabt kam,
schwang sich in den Sattel und ritt langsam den Weg wieder zurück, den
er mit dem Alten heraufgekommen.
Barthold blieb noch lange, wie ihn Georg verlassen hatte, im Wege stehen
und schaute ihm schweigend nach, dann setzte er seine Pelzmütze, die er
beim Abschied abgenommen, wieder auf und murmelte leise, während er sich
jetzt in den Wald wandte: »Gerade so würde mein kleiner Georg wohl auch
zu seinem alten Freunde gesprochen haben; gerade so sähe er vielleicht
auch aus, aber -- du lieber Gott! alter Franz, was hilft es dir? er ist
es ja doch nicht, und wenn er wiedergekommen wäre? -- wer weiß, ob er
dann noch so freundlich mit dem alten Forstwart, der eben doch nichts
weiter als ein Forstwart ist, gesprochen hätte, und dann -- dann hätt'
es mir freilich noch viel, viel weher getan, als so, wo er gar nicht
wiedergekommen ist.« -- Und leise noch viel mehr vor sich hinsprechend
und langsam dazu mit dem Kopfe nickend, verfolgte er seinen Weg.
16.
Georg ritt langsam den Weg, den er gekommen, zurück, das Herz aber
mit anderen Gedanken erfüllt als denen, die er so toll und wild auf
schnaubendem Rosse in den Wald hinausgetragen. Es war die Jugendzeit,
die liebe, holde Jugendzeit, die wieder vor seinem innern Blicke
emportauchte, und doch auch brachte sie kein Lächeln auf die
zusammengepreßten Lippen, doch drängte sie keine Freudenträne in das
fest und starr auf dem Wege haftende Auge. Erst als sich der Wald
lichtete, sah der Reiter wieder auf, und durch seine Umgebung zur
Gegenwart zurückgekehrt, lenkte er sein Pferd hinter dem Dorfe weg, um
unten am See nach seinen Arbeitern zu schauen. Er fühlte sich noch nicht
ruhig genug, nach Hause zurückzukehren.
Die Straße selber, als er sie endlich erreichte, war heute
außerordentlich belebt, und er erinnerte sich jetzt, gehört zu haben,
daß an diesem Abend im Stern zu Schildheim eine Hochzeit gefeiert werden
sollte. Die einzige Tochter des Wirtes heiratete hinüber nach Oledorf,
und der Vater hatte bestimmt, die Feierlichkeit mit einem solennen
Schmaus und Tanz zu beschließen, zu dem eine Menge Verwandte und Gäste
aus Oledorf sowohl, wie aus Schildheim selber geladen waren.
Eine Strecke hinter dem Dorfe sah der Reiter einen Knäuel Menschen auf
der Straße stehen, die um ein umgeworfenes Fuhrwerk versammelt waren.
Fast unwillkürlich lenkte er sein Pferd dorthin und entdeckte bald einen
vornehm aussehenden Herrn, der in Reisekleidern neben einem zerbrochenen
Wagen stand. Das linke Hinterrad war in Stücken, augenscheinlich an
einem der Wegsteine zerschellt und lag im Straßengraben, während ein
Kutscher mit Hilfe des Bedienten und einiger gefälligen Bauern bemüht
war, das Riemenzeug der Pferde wieder in Ordnung zu bringen. Der
Reisende selber bekümmerte sich jedoch weder um Pferde noch Wagen,
sondern schien nur damit beschäftigt, seinen etwas beschmutzten und
sogar beschädigten Rock wieder zu reinigen, wie die Stöße ungeschehen
zu machen, die sein Hut, wahrscheinlich beim Herausfallen aus dem Wagen,
erhalten hatte.
Durch die Umstehenden, die Georg kannten, wurde er jedoch auf den
Nahenden aufmerksam gemacht und wandte sich jetzt höflich gegen diesen.
»Herr von Geyfeln -- wie ich höre, ist das Ihr Name -- ich bedaure sehr,
mich Ihnen in dieser Situation und diesem Zustande vorstellen zu müssen;
mein Name ist Baron von Zühbig, und ich bin hier auf abominable Art mit
meinem Geschirr erst fest und dann auseinander gefahren. Könnten Sie uns
nicht helfen lassen, daß wir wenigstens mit dem Wagen das dort liegende
Dorf erreichten?«
»Das kann ich allerdings, Herr Baron,« erwiderte Georg, »und es tut
mir leid, daß Sie der Unfall hier betroffen hat. Ich begreife freilich
nicht, wie es auf der trocknen Straße möglich war.«
»Ein Leiterwagen voll junger Bauern kam in gestreckter Karriere hinter
uns drein,« erzählte der Baron. »Die jungen übermütigen Burschen, die
wahrscheinlich zu irgend einem Feste zogen, jauchzten und schrieen und
schwenkten die Hüte, meine Pferde scheuten dadurch etwas zur Seite,
das Vorderrad vermied jenen Stein, aber das Hinterrad wurde dagegen
gerissen, brach wie Glas und warf mich in diesem Zustande, wie Sie mich
hier erblicken, in den Graben hinein.«
»Ich bedaure Sie innig; die Leute haben heute im Dorfe eine Hochzeit und
sind dabei gern ein wenig laut; aber ich darf Sie nicht länger als nötig
hier auf der Straße lassen. Dort drüben arbeiten meine Leute -- die
Hinterräder Ihres Wagens sind ziemlich hoch; ich denke, eins von meinen
Schlammwagen kann Ihr Geschirr wenigstens bis zum Dorfe bringen, und
dort werde ich Sorge tragen, daß Ihr Schade, trotz der Hochzeit heute,
augenblicklich wieder verbessert wird. Entschuldigen Sie mich nur auf
wenige Minuten, ich bin gleich wieder bei Ihnen.«
Und damit wandte er sein Pferd und ritt in scharfem Trabe über die Wiese
hinüber der Stelle zu, wo seine Leute arbeiteten, um diese zur Hilfe des
beschädigten Wagens herbeizuholen. Er kehrte auch bald mit ihnen zurück.
Das Fuhrwerk wurde wieder so weit instand gesetzt, die kurze Strecke bis
zum Dorfe wenigstens zusammen zu halten, und Georg, der sein Pferd jetzt
am Zügel führte, schritt neben dem Fremden auf der Straße hin.
Er selber kam aber dabei nicht viel zu Wort; der Fremde, der
außerordentlich wißbegierig schien, richtete hundert Fragen an ihn, ohne
ihm jedoch Zeit zu lassen, auch nur eine genügend zu beantworten, und
interessierte sich besonders dafür, zu erfahren, ob es hier in nächster
Nähe nicht irgend eine Stadt oder ein Städtchen gäbe, das er heute abend
noch erreichen könnte und in dem Theater gespielt würde.
Das war allerdings nicht der Fall, und der Fremde, der um diesen Preis
wohl seinen zerbrochenen Wagen heute im Stiche gelassen hätte, sah sich
jetzt genötigt, diesem wieder seine Aufmerksamkeit zu schenken. Sie
hatten nämlich das Dorf erreicht, und der Schmied erklärte sich mit
dem Wagen- oder Stellmacher, wenn auch im Anfange nach entschiedenem
Weigern, doch endlich bereit, die nötige Reparatur sofort vorzunehmen,
und daß die Leute rasch arbeiten würden, dafür bürgte die Hochzeit, zu
der sie beide eingeladen waren.
Jetzt galt es, dem Fremden Unterkommen im Gasthause zu verschaffen; das
war aber entschieden unmöglich und jedes Winkelchen im Hause, bis in die
Ställe hinein, besetzt. Nicht einmal Kutscher und Pferde konnten dort
untergebracht werden. So ungern es Georg gerade bei einem Fremden tat,
sah er sich doch endlich genötigt, ihm für die Nacht -- denn an
ein Weiterreisen ließ sich nicht denken -- seine Gastfreundschaft
anzubieten, die indessen von dem Fremden, wenn auch erst nach
scheinbarem Sträuben und tausend nichtssagenden, meist französischen
Phrasen von »Stören« und »zur Last fallen« angenommen wurde. Den Wagen
hatte man indessen den betreffenden Handwerkern übergeben, der Kutscher
führte die Pferde in das Gut voran, der Bediente folgte mit dem
Nötigsten, was sein Herr für die Nacht brauchte -- und das war mehr,
als er allein tragen konnte --, das übrige Gepäck hatte der Wirt in sein
eigenes Zimmer gestellt, und die beiden Herren schritten jetzt ebenfalls
plaudernd zum Gute hinauf, wo Georg die Wirtschafterin rufen ließ
und ihr auftrug, augenblicklich eines der Fremdenzimmer für den Gast
herzurichten.
Das war bald geschehen, und Baron von Zühbig wurde instand gesetzt,
seine Toilette mit ängstlichster Sorgfalt, wie er es stets gewohnt war,
zu vollenden. Bis dahin konnte auch das Abendbrot bereitet sein, und
zwar heute nur für die beiden Gatten und den Fremden. Der alte Mühler
hatte gebeten, auf seinem Zimmer essen zu dürfen, und die Erzieherin
trank überdies jeden Abend mit Josefinen den Tee auf dem ihrigen.
Georgine war von dem unerwarteten Besuch rechtzeitig in Kenntnis gesetzt
worden und eben mit ihren Anordnungen in Küche und Keller, wie mit ihrer
eigenen Toilette fertig geworden, als Herr von Zühbig, von Georg
geführt, ihr Zimmer betrat, und sich ihr mit seiner zierlichsten
Verbeugung nahte.
»Gnädige Frau, ich muß unendlich bedauern, wenn auch die unschuldige,
doch die Ursache zu sein, die Sie heut abend Ihrer gewohnten
Bequemlichkeit und ungestörten Häuslichkeit entreißt, um einem Fremden
Gastfreundschaft zu erweisen, aber Ihr Herr Gemahl war...« Er blieb
plötzlich mitten in der Rede stecken und sah die Dame erstaunt und
forschend an, die aber ruhig lächelnd erwiderte: »Lassen Sie sich
das nicht stören, Herr Baron. Wir auf dem Lande sind einmal darauf
eingerichtet, Nachbarn und Freunde, die uns besuchen, auch bei uns zu
beherbergen. Freilich müssen Sie Nachsicht mit uns haben, denn die Zeit
war ein wenig kurz.«
»Gnädige Frau -- ich,« stammelte Herr von Zühbig, »ich weiß wirklich
nicht -- ob ich -- ob ich nicht schon früher das -- das Vergnügen
hatte...«
»Der Baron wird fürlieb nehmen,« unterbrach ihn Georg, »ein Reisender
ist darauf eingerichtet, oft in irgend dem ersten, besten Wirtshause
zu kampieren, und die Bequemlichkeiten sind dort auch nicht immer
ausgesuchter Art. Im Stern unten hätten Sie es keinesfalls besser
gefunden und wahrscheinlich noch außerdem die ganze Nacht vor tobender
Musik kein Auge schließen können.«
»Gewiß -- gewiß,« stammelte der Baron, »aber -- Sie verzeihen wohl meine
Zudringlichkeit -- doch nein, es ist nicht möglich -- und doch -- Herr
von Geyfeln -- Sie müssen mich wahrhaftig entschuldigen -- diese --
diese...«
»Was ist Ihnen? Sie scheinen ganz außer sich zu sein!« sagte Georg.
»Das bin ich auch,« rief von Zühbig, indem er abwechselnd bald
Georginen, bald Georg staunend und immer noch ungewiß anstarrte,
»wahrhaftig, gnädige Frau -- ich weiß in diesem Augenblick nicht, ob ich
auf dem Kopfe oder auf den Füßen stehe. Ich würde das Ganze auch nur
für einen scharmanten, feenhaften Traum halten, wenn Ihre beiden
Persönlichkeiten mich nicht eines Besseren belehrten; -- aber ich
muß Sie schon früher einmal gesehen haben -- wenn auch unter anderem,
wahrscheinlich angenommenen Namen. Wenn nicht, haben Sie beide
entweder Doppelgänger, oder es besteht eine Aehnlichkeit zwischen vier
verschiedenen Personen in der Welt, die ich bis zu diesem Augenblick
nicht für möglich gehalten hätte.«
Georgine errötete leicht und sah ihren Gatten an. Georgs Brauen aber
zogen sich finster zusammen, und kaum fähig, seine Fassung zu behalten,
sagte er: »Es finden sich oft Aehnlichkeiten auf der Welt, Herr
Baron, die uns im Anfange stutzig machen -- es gibt deren auch, die
schmeichelhaft -- andere, die es nicht sind. Das beste ist, man läßt
sich nicht von ihnen beirren, und nimmt das Leben, wie es sich eben
bietet, ohne darüber nachzugrübeln.«
Irgend ein anderer Mann, an des Barons Stelle, hätte sich vielleicht den
ziemlich deutlichen Wink genügen lassen; Herr von Zühbig aber, mit dem
entzückenden Gefühl, für die Salons und deren Klatsch eine neue superbe
Entdeckung gemacht zu haben, und von der Identität der vor ihm Stehenden
dabei fest überzeugt, hörte, sah und verstand nichts weiter.
»Wenn ich Ihnen nur gestehen dürfte, wie glücklich ich mich fühle, Ihnen
hier in Ihrer reizenden Einsamkeit begegnet zu sein!« fuhr er fort, als
er sah, daß Georgine verlegen schwieg, »ich segne jetzt den Unfall mit
meinem Wagen, der mich auf keiner passenderen Stelle hätte aufs Trockene
setzen können.«
»Und mit wem haben wir Aehnlichkeit, Herr Baron?« sagte in diesem
Augenblick Georgs tiefe Stimme an seiner Seite.
»Mit wem?« fuhr Herr von Zühbig rasch und beinahe etwas erschreckt herum
und starrte seinen Wirt verblüfft an. Dessen Ruhe machte ihn nämlich
in seiner Entdeckung wieder schwankend, und wenn er auch auf Georginens
Gesicht mit gutem Gewissen hätte schwören mögen, so war ihm das ihres
Gatten doch keineswegs so sicher im Gedächtnis geblieben, darin jeden
Irrtum außer Zweifel zu lassen. »Mit wem, Verehrtester? o, mit -- aber,
hahahaha, -- Sie wollen doch nicht etwa -- Ihr Name...«
»Georg von Geyfeln.«
»Von Geyfeln -- Georg? -- o gewiß -- außer allem Zweifel. Ich bitte,
mich um Gottes willen nicht mißverstehen zu wollen. Der frühere Name war
jedenfalls angenommen -- ein Kunstname. Wir haben das ja bei der Bühne
alle Tage, und ich -- darf wohl mit Recht von mir sagen, daß ich selber
mit zur Kunst gehöre.«
»Sie selber? wie verstehe ich das?« fragte Georg, dem der Fremde eben
nicht wie ein Künstler vorkommen mochte.
»Ich bin,« stellte sich der Herr von Zühbig vor, »Generalintendant
des ***schen Hoftheaters, wo ich -- wenn ich nicht jetzt an ein Wunder
glauben soll -- das Glück hatte, durch Sie beide in eine reine Ekstase
versetzt zu werden. Sie -- aber, bester Baron, machen Sie kein solch
ernsthaftes Gesicht -- Sie bringen mich wirklich in -- in Ungewißheit
und Gewißheit -- ich fange schon an, ganz konfus zu reden -- zur
Verzweiflung.«
»Am ***schen Hoftheater?« sagte Georg, immer noch in der, wenn auch
vergeblichen Hoffnung, den Fremden von seiner Beute für Tee- und
Abendunterhaltung abzulenken.
»Bitte, um Verzeihung -- nicht im Hoftheater, sondern im -- aber Sie
wahrhaftig brauchen sich Ihrer Erfolge nicht zu schämen -- gnädige
Frau, was Sie auch immer bewogen haben konnte, auf eine Zeit Ihr enormes
Talent dem Publikum zu widmen. In diesem Augenblick...«
»Habe ich das Vergnügen, Ihnen in ihr meine Frau, Baronin von Geyfeln,
vorzustellen,« unterbrach ihn Georg kalt.
»Ungemein erfreut,« stotterte Herr von Zühbig, der dabei nicht einmal
wußte, was er sprach, »ungemein in der Tat -- gnädige Frau, erlauben Sie
mir, daß ich...« Er nahm ihre Hand und führte sie ehrfurchtsvoll an die
Lippen.
»Und jetzt, denke ich, wird ein Imbiß wohl bereit sein,« rief
Georg wieder mit lebendigerem Tone, denn er wünschte dieser fatalen
Auseinandersetzung ein Ende zu machen. »Der Baron wird nach seiner
langen Fahrt und seinem Unfalle hungrig geworden sein. Hast du bestellt,
mein Kind, daß wir hier oben in deinem Zimmer essen?«
»Ja, es ist alles angeordnet und wird gleich gebracht werden,« sagte
die Frau, die sich an der Verwirrung des Fremden ergötzte, ohne im
geringsten das Peinliche zu fühlen, das ihres Gatten Herz beugte, »aber
bitte, Herr Baron, nehmen Sie doch Platz. Sie müssen sich ja nach der
heutigen Anstrengung ermüdet fühlen.«
»Jawohl -- ich? -- bitte um Verzeihung -- mit dem größten Vergnügen,«
sagte von Zühbig vollkommen außer Fassung gebracht. Daß er sich den
beiden Kunstreitern Monsieur Bertrand und Georginen gegenüber befand,
darauf hätte er in dem einen Augenblick den höchsten körperlichen Eid
ablegen mögen, während er im andern durch Georgs ernstes, abgemessenes
Wesen fast wieder schwankend gemacht worden wäre. Dazu kam die
veränderte Kleidung der beiden, die andere, fremde Umgebung, und dann
der Name -- von Geyfeln. Es gab ein Geschlecht von Geyfeln -- Herr von
Zühbig war zu sehr Edelmann, nicht den ganzen deutschen Adelskatalog im
Kopfe zu haben, und war wirklich der Edelmann ein Kunstreiter oder
der Kunstreiter ein Edelmann geworden, oder bestand zwischen vier
sich einander gar nichts angehenden Personen eine solche frappante
Aehnlichkeit -- daß selber er -- der Generalintendant des ***schen
Hoftheaters getäuscht werden konnte?
Herr von Zühbig ließ sich auf das Sofa neben Georginen nieder, und saß
dort wie auf Nadeln, bis ihn die Fragen der schönen Frau nach seiner
Reise und dem heutigen Unfalle wieder zu sich selber brachten. Er
erzählte jetzt, wie er Urlaub in *** genommen, trotzdem daß seine
Anwesenheit dort dringend nötig sei, denn er fürchte, daß am dortigen
Theater, selbst während seiner kurzen Abwesenheit, die größten Mißgriffe
geschehen würden. Notwendige Familiengeschäfte hatten ihn aber nach
Norden gerufen, und er selber war nur der angenehmen Pflicht gefolgt,
bei einer im Innern des Landes lebenden Schwester, der Gräfin
Hostenbruk, Gevatter zu stehen. Von da kehrte er eben zurück -- Herr von
Geyfeln kannte gewiß die in Mecklenburg ziemlich ausgebreitete Familie
Hostenbruk -- und während er im Anfange geglaubt habe, daß ihm sein
böser Stern heute einen fatalen Aufenthalt zugezogen, finde er jetzt --
und er setzte das mit seinem süßesten Lächeln hinzu -- daß es sein guter
gewesen sei, dem er nicht genug danken könne. Einmal im Zuge, war auch
keine Gefahr, daß Herr von Zühbig ein anderes Thema berühren würde
als sich selber, und als er das erschöpft zu haben schien, brachte ein
einziges hingeworfenes Wort Georgs, das Theater berührend, ihn in
eine neue Bahn, aus deren Gleisen er nicht mehr wich, bis das Essen
hereingebracht wurde. Auf eine einladende Bewegung Georgs hatte Herr von
Zühbig eben der Dame des Hauses den Arm geboten, sie zu ihrem Stuhl
zu führen, als Josefine in das Zimmer kam und sich gegen den Fremden
verneigend sagte: »Mama, ich habe mein Musikheft hier liegen lassen!«
»Mademoiselle Josefine, beim Zeus!« rief Herr von Zühbig erstaunt aus.
Josefine sah staunend von ihm zu ihren Eltern, der finstere Blick des
Vaters aber ließ sie die Szene rasch durchschauen, und wieder sich
graziös verbeugend, gewissermaßen wie um für Nennung ihres Namens zu
danken, ergriff sie das vergessene Heft und verschwand im nächsten
Augenblick aus dem Zimmer.
»Bitte, diesen Platz einzunehmen, Herr Baron,« sagte indessen Georgine,
während der Generalintendant noch immer auf derselben Stelle stand und
hinter dem jungen Mädchen wie hinter einer Erscheinung dreinsah.