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Gerstäcker
Der Kunstreiter
2. Band.
Bosse & Co., Hamburg
1914
»Wirt, mir noch einen Schnaps,« sagte Tobias, »der Waldläufer holt mir
zu weit und moralisch aus.«
»Mir auch noch einen!« rief Mühler, den der Bursche mit seinem Ernst zu
amüsieren anfing. Barthold nahm keine Notiz von der Unterbrechung.
»Siehst du,« fuhr er fort, »wenn du einen einzelnen Baum da draußen
stehen siehst, so denkst du wohl -- wenn du überhaupt je etwas dächtest
-- das sei ein lebloses, totes Ding, was da steht, und allerdings kann
sich's nicht von der Stelle bewegen, es muß am Boden haften, wo unser
Herrgott es hingepflanzt hat. Aber in ihm lebt's und wirkt und schafft
und treibt und wächst, reckt die Arme nach dem Himmel empor, von dort
her Licht und Regen zu saugen, und hält sich mit den Wurzeln derb im
Boden fest, um vom Winde nur gerüttelt, aber nicht geworfen zu werden.
Mehr im Leben tut auch nicht einmal der Mensch, nur auf ein wenig
andere, sogar nicht immer so erfolgreiche Art. Der Baum ist aber nicht
tot, er lebt -- er lebt und atmet, wie ein jedes Tier, wenn sich ihm
auch die Brust dabei nicht heben kann; aber durch seine Poren zieht der
Lebenssaft, zieht Luft und Feuchtigkeit, was er zum Leben braucht, und
wird ihm das genommen, muß er sterben. Nimm nur die Axt und hau' in
einen Stamm hinein, und sieh, ob er nicht blutet, wenn auch sein Blut
nicht rot aussieht wie das unsere. Langsam tropft es zu Boden, und wenn
die Wunde ausgeblutet hat, vernarbt sie wieder, wie bei dem Menschen.
Sieh nur einen gefällten Baum dir an, aber nicht, wie es die meisten
Menschen tun, die bei einem solchen Baume immer gleich berechnen, wie
viel Klaftern Scheite oder wie viel Ellen Nutzholz er geben kann. Sieh
ihn an, wie er als Leiche daliegt, denn es gibt ebensogut Baum- wie
Menschenleichen -- sieh, wie die Rinde abstirbt, ihre gesunde, frische
Farbe verliert und fahl und erdfarben wird, und die Blätter welken und
dorren, die Zweige eintrocknen -- und langsam geht er zur Erde zurück,
von der er kam, wie der Mensch, anderen, seinesgleichen, Raum zu geben.
Und das ist nur der einzelne Baum, nun aber seht die Masse, seht den
Wald, wo einer dem andern die Hand hinüberreicht; seht ihn, wenn er sich
abends die Sternendecke über den Kopf zieht und duftet und träumt, und
leise rauschend der Atem des Herrn durch seine Wipfel fährt; seht
ihn, wenn er morgens erwacht, mit rosig verklärtem Gesicht der Sonne
entgegenlächelt, und all die tausend Sänger hegt und pflegt, die mit der
Morgensonne dem Allerhalter ihre Danklieder entgegenwirbeln -- seht ihn
am Tage, wie er die Arme schützend über die Erde breitet, den heißen
Sonnenstrahlen zu wehren, seine Quellen am liebsten Kinder, die Blumen,
zu erreichen und auszutrocknen; seht ihn, wie ihm am Abend spät der
helle Schweiß von der vielen Anstrengung an der Stirn steht und in
Millionen Tropfen von den Blättern funkelt. Seht ihn im Sommer in seiner
Kleiderpracht, im Winter, wenn er sich fest eingehüllt hat in seine
warmen Schneetücher -- seht ihn, wenn ihr wollt, aber er bleibt immer
schön und groß und hehr, ein Tempel des Herrn, den er sich selber
auferbaut.«
Barthold hätte sich für seine schwärmerischen Gedanken keine
unglückseligeren und unpassenden Zuhörer wählen können, und wenn er ein
Jahr danach gesucht hätte, als eben die beiden alten Burschen mit
dem Wirt zu Kauf, der mit offenem Munde hinter ihm stand. Auf Tobias'
Gesicht lag, solange der alte Mann sprach, ein breites Grinsen, und
die rotgeränderten feuchten Augen zwinkerten nur manchmal mit einem
verschmitzt sein sollenden Lächeln nach dem »Schwiegervater« hinüber.
Mühler seinerseits saß mit fast bis in die Haare hinaufgezogenen
Augenbrauen, die Stuhllehne zwischen den Knien und beide Ellbogen darauf
gelehnt, dicht vor dem alten Forstwart, und über sein Gesicht zuckte und
zerrte es dabei so wunderbar, daß Tobias zuletzt gar nicht mehr auf die
Worte hörte, sondern nur ganz erstaunt in die wunderbar veränderliche
Physiognomie des »Schwiegervaters« schaute.
»Bravo!« sagte dieser mit seiner heisern Stimme, als Barthold jetzt
geendet und wie verklärt durch das Fenster nach seinem lieben Walde
hinüberschaute, »bravo, alter Junge, vortrefflich -- der Pastor hätt's
nicht besser machen können! -- Wirt, noch mehr Kümmel, für uns alle,
nicht in so kleinen spitzen Gläsern, sondern die ganze Flasche, wir
schenken uns selber ein und machen Kreidestriche.«
»Ich danke Ihnen,« sagte der Forstwart ruhig, »ich trinke höchstens
morgens ein einziges Glas.«
»Auf einem Beine kann kein Mensch stehen!« rief Tobias.
»Gott sei Dank, daß ich den Branntwein noch nicht brauche, um darauf zu
stehen,« meinte der alte Forstwart, »ein nüchterner Kopf und ein volles
Herz ist mein Wahlspruch, und -- andere Leute führen vielleicht besser,
wenn es auch der ihrige wäre. Das aber ist anderer Leute Sache und geht
mich nichts an -- und nun guten Morgen mitsammen. Ich denke, Tobias,
meine Rede hat mir bei dir nicht viel geholfen, und du wirst nach wie
vor doch lieber in das Wirtshaus als in den Wald gehen. Du hast aber
auch recht, du paßt nicht hinein, und ein Baum sähe gewiß nicht besser
aus, wenn du darunter in seinem Schatten lägst. Gott zum Gruß -- ich muß
wieder hinaus!« Mit den Worten zahlte er dem Wirt sein Glas Branntwein
und verließ, still wie er gekommen, die Stube.
»Bei dem rappelt's wohl?« lachte Mühler, als Barthold die Tür hinter
sich zugezogen hatte.
»Ein bißchen, ja,« bestätigte der Wirt, »aber er ist ganz harmlos und
tut keinem Menschen was. Nur im Walde darf man ihm nicht begegnen,
und abends möchte ich da drin nicht um alles in der Welt mit ihm
zusammenstoßen.«
»Beißt er?« meinte Mühler trocken.
»Nun, er beißt wohl gerade nicht,« erwiderte der Wirt, »aber daß er
allerlei faule Kunststücke kann, ist gewiß. Hier spricht er immer vom
lieben Gott, aber da draußen da schwatzt er mit den Bäumen und den
Vögeln, ruft die wilden Tiere, sucht geheimnisvolle Wurzeln und treibt
allerlei heidnischen Unsinn, wie es hier früher soll Sitte gewesen sein.
Im Walde drin steht auch noch eine alte Eiche -- kein Mensch weiß, wie
alt sie ist -- mit einem steinernen Altar darunter, auf dem in alten
Zeiten die Heiden ihren Abgöttern Menschen geschlachtet haben. Dort ist
er am liebsten, und da treibt er auch nicht selten um Mitternacht
seinen Spuk mit bösen Geistern, was eigentlich gar nicht geduldet werden
sollte.«
»Ach was!« sagte Tobias, der indessen mit Mühler wacker der Flasche
zugesprochen hatte, »er schadet doch keinem Menschen damit, und wenn man
ihn zufrieden läßt, ist er gut genug; nur manchmal ein bißchen grob.«
»Wie viel Uhr schlägt das?« sagte Mühler aufhorchend.
»Eben elf -- Zeit genug zum Mittagessen.«
»Ja, aber ich muß fort,« meinte der Alte, »will meinen Jungen gleich aus
der Schule mit nach Hause nehmen. -- Hier, Wirt, meine Zeche, -- zwei
Glas Bier und ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Schnäpse --
gerade sieben -- seht Ihr, hier sind die Striche -- famoses Zeug, der
Kümmel -- hahahaha, den alten Forstwart müssen wir uns einmal wieder
hierher einladen; das ist ein kreuzkurioser Kerl. -- Guten Morgen,
Tobias, guten Morgen, Sternenwirt -- der Kümmel soll leben!« Und seinen
Hut gegen die Decke werfend, daß er ihm zurück gerade wieder auf den
Kopf fiel, nickte er den beiden, darüber nicht wenig erstaunten Männern
huldreich zu und verließ mit steifen Schritten die Wirtsstube.
14.
Die Schule war gerade aus, und die Knaben und Mädchen, froh, der engen
Stube entronnen zu sein, tummelten sich lustig draußen herum. In der
Tür des Schulhauses aber stand der Lehrer und zog mit voller Brust, nach
drei Stunden dunstiger, erdrückender Schulstubenatmosphäre, die kalte,
frische Luft ein, die von dem See herüberstrich. Die Kleinen, die sich
noch etwas im Zimmer aufgehalten hatten, drückten sich scheu und grüßend
an ihm vorüber, bogen dann um die Ecke, warfen noch einen Blick zurück,
ob er sie nicht mehr sehen könne, und sprangen dann jauchzend den
Gefährten nach. Es war Samstag und heute nachmittag keine Schule weiter,
und die kleinen Kerle wußten das zu würdigen und zu genießen.
Es ist aber doch die Frage, wer sich mehr darüber freute -- der Lehrer
oder die Schüler -- wenn der erstere auch keine Luftsprünge machte,
sondern ernst, mit dem bleichen, abgemagerten Gesicht nach den leichten
Wolken hinaufschaute, die oben am Himmel ihre freie, luftige Bahn zogen.
Auge und Atemzug drängte dem Weiten entgegen, und wie gern, wie froh
wäre der Körper ihnen gefolgt! Der aber war gebannt, gefesselt an den
engen Raum, an seine Klasse, an der Schüler Schar, und wenn er auch nur
wenig, erstaunlich wenig Lohn dafür bekam, die wenigen Taler brauchte er
eben zum Leben und konnte sie nicht entbehren: denn leben wollen wir ja
alle, obgleich viele Leute das auch noch leben nennen, was eigentlich
existieren heißt.
Heute war Samstagnachmittag, und anderthalb Tage -- wenn auch nur kurze
Wintertage -- freie Zeit lag vor ihm, in denen er seine kranke Brust
ausruhen konnte, um am nächsten Montag wieder einen neuen Anlauf zu
nehmen, sie vollständig zu ruinieren. Und doch lächelte er, als sein
Blick auf die sich von ihm forttummelnde kleine lustige Schar fiel,
die, mit den Büchern unter dem Arm oder im Ränzel auf dem Rücken, keine
Sorgen, keinen Kummer ahnten, wie viel das Schicksal auch vielleicht
schon für sie bereit hielt. Er dachte der eigenen Jugendzeit, dachte der
frohen Jahre, die auch er durchlebt, und seufzte nur eigentlich darüber,
daß er an frohe Jahre stets so weit zurück denken mußte, wenn er sich
ihrer freuen wollte.
Auch die Knechte kehrten von ihrer Arbeit heim, denn die Pferde mußten
zwei Stunden Ruhe haben. Vom Gute waren drei Geschirre unten am
See beschäftigt gewesen, bei dem jetzigen Frostwetter Schlamm
herauszuschaffen und auf die Wiesen zu fahren. Die Geschirre hatten sie
unten stehen lassen und ritten nun auf den Sattelpferden, die Handpferde
führend, in den Hof zurück, quer über die gefrorene Wiese hinüber, den
nächsten Weg einschlagend.
Auf der Straße kam die Erzieherin mit Josefine herunter; sie hatten
einen kleinen Spaziergang gemacht, dem aus der Schule kommenden Karl
entgegen zu gehen, und der Hauslehrer begleitete sie, um seinen Schüler
gleich in Empfang zu nehmen. Karl hatte sich in der letzten Zeit
besonders wild und ausgelassen gezeigt, und der Hauslehrer, ein junger
Kandidat der Theologie, wußte aus eigener Erfahrung, wie es die jungen
Burschen gerade an einem Samstagmittag gewöhnlich ausgelassen treiben;
es war deshalb besser, ihm beizeiten einen Zügel anzulegen.
Der alte Mühler hatte seinen Neffen schon im Dorfe selber unter dem
Schwarm der übrigen herausgelesen, sich aber keineswegs Mühe gegeben,
den Uebermut der kleinen fröhlichen Bande zu zähmen. Selber äußerst
guter Laune, stieß er, wie er mitten unter die Knaben kam, einen
eigentümlich schrillen Schrei aus und sammelte dadurch im Nu den ganzen
Schwarm um sich.
»Hallo, ihr Kerle!« rief er jetzt, »gebt Frieden, macht nicht einen
solchen Heidenspektakel, daß man seine eigenen Worte nicht hören kann!
Heda, was seid ihr für ungeschickte Jungen!« wandte er sich plötzlich an
zwei, die übereinander wegzuspringen suchten, »kommt einmal her, so müßt
ihr's machen!«
»Hurra, der Schwiegervater will springen!« riefen einige der größeren
Jungen und drängten sich rasch herbei, und der alte Mühler machte in der
Tat, von dem Branntwein aufgeregt, Anstalt, ihnen eine seiner Künste
zum besten zu geben, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit plötzlich
ablenkte.
»Dort! dort! da geht ein Pferd durch!« schrie der eine der Knaben, und
als alle nach der angedeuteten Richtung blickten, sahen sie, wie eins
der herrschaftlichen Pferde, das sich losgerissen hatte, in voller
Flucht über die Wiese nach der Straße zu kam und quer darüber hin
wollte.
»Nimm meinen Ranzen, Onkel!« schrie da Karl, der, ohne ein Wort weiter
zu sagen, seinen Ranzen und seine Mütze zu Boden warf und, ehe nur
jemand eine Ahnung hatte, was er wollte, dem durchgehenden Pferde
entgegenflog.
»Karl! Teufelsjunge!« schrie der Alte hinter ihm drein, aber Karl hörte
ihn schon nicht mehr. Mit einer Schnelle, die seine Mitschüler besonders
in Erstaunen setzte, flog er mehr als er lief, über die hartgefrorene
Straße hin, und traf gerade dort mit dem wenig seiner achtenden Pferde
zusammen, als dieses über den Chausseegraben setzte. Im Nu aber war er
an seiner Seite -- die linke Hand krallte in seine Mähne, die rechte
stemmte er gegen die Schulter des Tieres, und halb im Sprunge, halb von
dem bäumenden Pferde emporgerissen, saß er schon auf dessen Rücken, wie
es eben an der andern Seite wieder heraus über die Wiese setzte, um dem
Walde zuzustürmen.
Der kleine wilde Reiter machte ihm aber bald begreiflich, daß es nicht
länger sein eigener Herr sei, sondern folgen müsse, wohin er es lenkte.
Kaum auf seinem Rücken, auf dem er sich vollkommen zu Hause
fühlte, griff er, mit dem rechten Bein sich einklammernd, nach dem
heruntergefallenen Zügel, brachte ihn dem Pferde über den Kopf und hatte
es, ehe es kaum zweihundert Schritte weiter geflogen war, völlig
wieder im Zaum und in seiner Gewalt. Zu gleicher Zeit spielte unter der
Schuljugend ein anderes Intermezzo, das die kleine Schar kaum weniger
belustigte und in Erstaunen setzte als der tollkühne Reitersprung ihres
Kameraden.
Der alte Mühler nämlich hatte, statt Ranzen und Mütze seines Neffen
aufzuheben, mit halb zusammengeducktem Körper, beide Hände auf die Kniee
gestützt, den Kopf etwas zurückgebogen, die Augenbrauen bis in die Haare
hineingezerrt, Mund und Augen weit geöffnet, ihm nachgeschaut. Kaum
aber sah er, daß der Sprung gelungen war, sah, daß sein Karl sich »nicht
blamiert hatte« -- wie er ihm später gestand, daß er gefürchtet --
sah ihn auf dem Rücken des Tieres, als er plötzlich ein lautes Hussa!
ausstieß. Zu gleicher Zeit warf er seinen Hut in die Luft, sprang
selber hoch in die Höhe, überschlug sich, zum unsagbaren Ergötzen der
Umstehenden, in freier Luft, kam wieder auf die Füße, fing in demselben
Moment den zurückfallenden Hut, ohne ihn mit den Händen zu berühren, auf
der Stirn und stieß dabei ein wahrhaft diabolisches Gelächter aus.
Der Jubel der Schuljugend bei dem Luftsprunge des »Schwiegervaters« läßt
sich eher denken als beschreiben. Ueberhaupt wurden ihnen hier zu viele
der Genüsse auf einmal geboten, um nicht dabei über die Stränge zu
schlagen. Samstagmittag, ein durchgehendes Pferd, das Kunststück des
Kameraden, und nun hier gar der Luftsprung eines Mannes, der bis jetzt,
als zum Gute gehörig, nur mit scheuen Blicken von ihnen betrachtet
worden und in der Tat auch nur finster und grämlich zwischen ihnen
aufgetreten war -- das alles zusammen schien, wie gesagt, zu viel für
sie.
Ein ähnliches Geschrei oder Geheul, wie es die Wilden in Amerika bei
plötzlichen Ueberfällen ausstoßen, machte für einen Augenblick die Luft
erzittern, und dann brach sich der Jubel der jugendlichen Bevölkerung
in einer Unzahl von Purzelbäumen, wie anderen ländlich-gymnastischen
Uebungen Bahn.
Aber auch der Erzieherin Josefinens war eine kleine, wenn auch nicht
in Tätlichkeiten ausartende Ueberraschung vorbehalten. Wie nämlich das
durchgehende Pferd, kaum zehn Schritt von ihnen entfernt, über die
Straße setzte, und Karl vor ihren Augen auf dessen Rücken sprang, da
faßte die Erzieherin erschreckt Josefinens Arm, sie zurück und einer
möglichen Gefahr aus dem Wege zu ziehen. Josefine aber, sich rasch und
erregt von ihr losmachend -- denn die Szene hatte ebenfalls in ihrem
kleinen Herzen all die früheren lustigen Ritte, das freie, herrliche
Leben im Zirkus zurückgerufen -- sagte lachend: »Ich fürchte mich nicht,
Mademoiselle, wenn ich die langen, unbequemen Kleider nicht anhätte,
könnte ich das auch!«
»Du?« rief Mademoiselle Adele erschreckt aus.
»Ich? gewiß. Ich reite so gut wie Charles, und das ist gar nichts, was
er da macht. Er sitzt ja auf dem Pferde.«
Zum Glück für die Ordnung in Schildheim -- denn wer weiß, wie weit der
einmal losgelassene Uebermut der Knaben sowohl wie des Alten gegangen
wäre! -- erschien in diesem Augenblick eine Person auf dem Schauplatze,
die den Lärm plötzlich verstummen machte. -- Auf seinem Rappen sprengte
Baron von Geyfeln, der am See heruntergeritten war, um zu sehen, wie
weit die Knechte mit ihrer Arbeit gekommen wären, unten in den
Schwarm hinein, und sein Anruf erschreckte und bändigte zugleich die
Schuljugend, die den Baron, als oberste Herrschaft im Orte, mit ganz
besonderem Respekt betrachtete.
Aber auch der alte Mühler geriet, wie er nur den Kopf nach dem Geräusche
des herangaloppierenden Pferdes gedreht hatte, fast unwillkürlich wieder
in seine gewöhnlich ernsthafte Verbissenheit hinein, hielt sich steif
und aufrecht, rückte sich rasch den verkehrt sitzenden Hut zurecht und
gab dem ihm nächsten Jungen, der von dem Gutsherrn noch nichts
gesehen hatte und eben zu einem frischen Purzelbaume ausholte, eine
so gutgemeinte Ohrfeige, daß er ihn stolpernd bis über den Weg
hinüberschickte.
Georg sprach kein Wort, weder zu den Kindern noch zu seinem
Schwiegervater. Nur einen einzigen finstern Blick warf er dem Alten zu,
dann aber, wie er sich aus dem Menschengedränge frei sah, fühlte sein
Pferd Sporen und Peitsche, und in gestreckter Karriere flog es die
Straße hin, dem ahnungslos vor ihm hergaloppierenden Karl nach. Dessen
Pferd, wie es die raschen Hufschläge hinter sich hörte, wollte
allerdings jetzt ebenfalls in ein rascheres Tempo fallen, aber sein
junger Reiter, der den Nachfolgenden erkannte, griff ihm erschreckt in
die Zügel. Dem Rappen hätte er auch nicht entfliehen können. In kaum
zwei Minuten hatte er ihn eingeholt, und während Georg, der das
Kunststück des Knaben von dem Ufer des Sees aus mit angesehen, jetzt
dunkelrot vor Zorn im Antlitz, dicht neben ihm sein Tier parierte, hieb
er dem zusammenzuckenden Knaben mit voller Wucht die Peitsche über die
Schultern, daß dieser mit einem Angst- und Schmerzensschrei seitwärts
von seinem Pferde hinunterflog und, was er laufen konnte, quer hin über
die Wiese floh.
Georg aber sah sich nicht weiter nach ihm um. Das davonsprengende Pferd
rasch einholend und am Zügel fassend, führte er es langsam dem jetzt
nicht mehr fernen Gute zu und überließ den anderen, ihm zu folgen.
Zu Hause angelangt, nahm indessen ein wirtschaftliches und noch dazu
unangenehmes Geschäft Georgs Aufmerksamkeit gleich so in Anspruch, daß
er eine Zeitlang im Hofe aufgehalten wurde.
Ein Knecht hatte nämlich Hafer veruntreut, denselben den Pferden
entzogen und verkauft, der Verwalter ihn aber auf der Tat ertappt, und
der Schuldige mußte verhört und bestraft werden. Georg war auch heute
nicht in der Stimmung, ihm das Vergehen nachzusehen. Der Bursche
wollte allerdings seine Tat erst noch ableugnen und dann wenigstens
beschönigen, aber es half ihm nichts. Sein Lohn wurde ihm ausgezahlt
und er in derselben Stunde mit seiner Kiste, die er auf dem Rücken nach
Schildheim hinunter tragen mußte, vom Hofe fortgejagt.
Zum Mittagessen, das bald nachher aufgetragen wurde, kam die ganze
Familie zusammen. Selbst Karl hatte sich wieder eingefunden, denn er
wußte, daß er nicht fehlen durfte. Der alte Mühler war aber vollkommen
nüchtern geworden und blieb sehr kleinlaut, und kein Wort wurde über dem
Essen von den Vorgängen des heutigen Tages erwähnt.
Georginen konnte übrigens nicht entgehen, daß irgend etwas
Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse. Als sie ihren Gatten deshalb
fragte, schützte dieser allerdings die Angelegenheit mit dem Knechte
vor, aber sie ließ sich nicht durch solche Ausrede täuschen; denn wenn
das ihn auch verstimmen konnte, hatte es den nämlichen Einfluß doch
nicht auch zu gleicher Zeit auf ihren Vater, wie alle übrigen, die gar
nicht damit in Verbindung standen, ausgeübt. Da Georg indessen selber
nichts weiter darüber äußerte, so vermutete sie, daß er mit ihr allein
davon reden wolle, und schwieg ebenfalls, und die Mahlzeit verlief
düster und lautlos.
Nach Tische verließ Georg die Tafel, ohne ihr das geringste zu sagen. Er
ging mit dem Verwalter in sein Zimmer, das im andern Flügel lag, ihm das
Geld für die heutige Ablohnung der Tagelöhner zu überliefern, und der
Hauslehrer zog sich ebenfalls zurück, um nach Tische ungestört seine
Zigarre zu rauchen. Nur die Gouvernante blieb noch zurück, und diese
entfernte Georgine bald mit einem Auftrage.
Als sie das Zimmer verlassen hatte, sah die Frau erst den Vater, dann
Karl, der an den Nägeln kauend am Fenster stand, dann Josefinen an, und
sagte endlich mit ernster, strenger Stimme, sich ihrer Herrschaft selbst
über den Vater bewußt: »Was ist heute vorgefallen? -- Ihr habt etwas,
das ihr mir verbergt, und ich will es wissen. Was war es, Vater?«
»Nichts -- Alfanzerei!« brummte dieser, indem er ebenfalls zum Fenster
trat und an den Scheiben trommelte. »Der Junge da, der Karl, ist hinter
einem durchgegangenen Pferde dreingesprungen, hat es eingefangen und ist
damit fortgeritten, und _er_ kam dazu und wurde böse darüber -- das ist
alles.«
»Und ich lasse mich nicht mehr mißhandeln!« knirschte jetzt Karl,
der nur mit Mühe und Not die vorquellenden Tränen zurückhielt, in
verbissener Wut. »Ich bin alt genug, mir mein Brot selber zu verdienen,
und brauche mich nicht hier füttern und -- peitschen zu lassen, wie
einen Hund!«
»Er hat dich geschlagen?« fragte Georgine düster.
»Gepeitscht!« knirschte der Knabe zwischen den Zähnen, »gepeitscht vor
der ganzen Schule! Ich bleibe nicht länger hier, denn ich weiß, wenn er
es mir noch einmal täte, würde ich ihm mein Messer zwischen die Rippen
rennen -- dem...«
»Du bleibst,« sagte Georgine mit fester, entschiedener Stimme, »ich
selber werde mit Georg reden.«
»Ich begreife gar nicht, warum Vater so böse darüber geworden ist,«
meinte Josefine.
»Höre, Georgine,« sagte nach einigem Zögern der alte Mühler, der sich
nicht ganz sicher wußte, ob Georg seinen eigenen Luftsprung gesehen
hatte oder nicht, »laß das lieber bleiben.«
»Weshalb?«
»Du weißt, Georg ist heftig und...«
»Er hat kein Recht, den Knaben zu schlagen, weil er ein wild gewordenes
Pferd einfängt.«
»Nun ja, die Sache war aber auch eigentlich ein bißchen anders. Karl ist
auf das Pferd hinauf voltigiert, was ihm Georg streng verboten hatte.
Dafür hat er ihm eins mit der Reitpeitsche aufgezählt, das war alles.«
»Alles? -- aber ich bin kein Kind mehr und -- kein Pferd,« rief Karl,
nur noch mehr in seinem Trotze beharrend, da er Georginen auf seiner
Seite fand.
»Aber du hattest unrecht,« sagte der Alte, »du weißt, du sollst keine
Kunststücke mehr machen.«
»Und wer will es mir wehren?« rief der Knabe, »wenn mich der Mann als
Kind Kunststücke machen ließ und mich besonders dazu anlernte, hat er
kein Recht, es mir jetzt, da es ihm nicht mehr paßt, zu verwehren. Ich
brauche ihn gar nicht, ich kann ohne ihn leben, und das verdammte Lernen
habe ich ohnedies satt. Ich bringe nichts in den Kopf, und in der Schule
lachen mich die kleinen Jungen aus, weil ich noch zwischen ihnen sitzen
muß. Das tue ich auch nicht länger; ich laufe fort.«
»Du bist ein Esel!« sagte der Alte trocken, »wo willst du hin, he?«
»Ueberall hin, ich komme durch,« trotzte aber der Bursche. »Hol's der
Böse, so ein Leben hier fortzuführen, halte ich doch nicht aus, und
da war's in der freien Reitbahn zehntausend-, millionenmal besser. Ich
komme durch.«
»Warte, bis ich mitlaufe,« brummte der Alte, »dann kannst du mit; jetzt
aber geh zu deinem Herrn Doktor und lerne deine Geschichten, was du
zu lernen hast; das ist gescheiter. Marsch auf mein Zimmer, ich komme
selbst gleich nach -- da kommt auch schon die Französin wieder. -- Nun
haltet das Maul, wenn ihr gescheit seid, und macht keinen Skandal aus
der Sache, daß _er_ nicht noch einmal böse darüber wird. Komm, Karl,
heut abend lassen wir den Hanswurst wieder tanzen, wenn du brav bist.«
Und mit diesen Worten den Knaben bei der Hand ergreifend, zog er ihn mit
sich aus der Tür.
15.
Mühler ging mit dem Knaben den Gang hinunter, seiner eigenen Stube zu,
als ihnen Georg begegnete. Der Alte wäre ihm gern ausgewichen, aber es
war nicht mehr möglich.
»Mühler,« sagte Georg ruhig, »ich habe ein paar Worte mit Euch zu
sprechen. Karl, geh auf dein Zimmer -- ich hoffe, die heutige Lektion
wird dir ins Gedächtnis zurückgerufen haben, meinen Befehlen künftig
genauer nachzukommen. Geh nur jetzt -- wir brauchen dich hier nicht« --
und er winkte dabei dem Knaben so gebieterisch zu, daß dieser, wenn auch
verdrossen, doch scheu dem Befehle Folge leistete. Er wußte recht gut,
daß er gehorchen mußte.
Georg sah ihm nach, bis er um die Ecke des Ganges verschwunden war, dann
sagte er mit wohl gedämpfter, aber finsterer Stimme zu dem Alten, der
sich ihm höchst unbehaglich gegenüber fühlte: »Mühler, Ihr solltet Euch
in Eure Seele hinein schämen, solche Streiche zu treiben, wie Ihr heute
getan!«
»Ich? ich weiß gar nicht...«
»Schweigt!« befahl ihm aber Georg. »Ihr wißt recht gut, was ich meine,
denn ich habe Euch gesehen. Versteht Ihr denn nicht besser, als ich es
Euch je erklären könnte, die eigentümliche Lage, in der ich mich hier
der Welt gegenüber befinde, und sollte Euch nicht gerade besonders daran
liegen, das Verhältnis nicht mutwillig zu stören, ja, zu zerstören, das
Euch sowohl wie uns hier Frieden und eine anständige, geachtete Existenz
sichert?«
»Ich vergaß mich einmal...«
»Das weiß ich, aber,« und er hob dabei drohend den Finger, »es darf
nicht wieder geschehen. Ihr werdet jetzt, wie es steht, Mühe genug
haben, Euch die Achtung im Orte wieder zu sichern, die Ihr durch Euer
heutiges Betragen vielleicht auf immer verscherzt habt. Erfahren
die Leute erst einmal, was Ihr gewesen seid, dann haltet Euch auch
versichert, daß kein anständiger Bauer, von den Gutsherren gar nicht zu
reden, mehr Gemeinschaft mit Euch wird haben wollen, denn so viel habt
Ihr im Leben draußen doch gewiß gelernt, daß man über einen Hanswurst
wohl lacht, aber nicht mit ihm verkehrt. Noch könnt Ihr es aber
vielleicht wieder gut machen; haltet Euch die Leute fern, so viel es
geht, und besonders trinkt nicht mit ihnen. Euer Kopf verträgt die
starken Getränke nicht, und einmal halb im Rausch, und Ihr seid Eurer
Zunge, Eurer Handlungen nicht mehr mächtig. Aber ich denke, ich habe
Euch genug darüber gesagt -- nur das noch als Warnung: fällt etwas
Aehnliches noch einmal vor, so müßt Ihr den Platz verlassen -- darauf
gebe ich Euch mein Wort, und wie Georg Bertrand sein Wort niemals brach,
so breche auch ich es nicht. Ich dächte, Ihr kenntet mich darin.« Und
ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ließ er den Alten im Gange stehen
und schritt nach Georginens Stube. Mühler aber drückte sich rasch um die
Gangecke, seinem eigenen Zimmer zu; als er sich jedoch aus dem Bereiche
Georgs wußte, blieb er stehen, schüttelte sich, wie ein Pudel eine
Tracht Schläge abschüttelt, und zwar auf eine ihm eigentümliche Weise,
die schon oft die Galerien zu kreischendem Gelächter gezwungen hatte,
daß nämlich alle seine Glieder wie locker am Leibe hingen und hin und
her flogen. -- Dann einen scheuen Blick über die Schulter werfend, ob
die Luft noch rein sei, rieb er sich vergnügt die Hände und lachte still
vor sich hin, während er den Gang hinabtrollte.
»Das ist noch gut gegangen -- Teufel auch! heute glaubt' ich, kriegt'
ich's dick. Er sieht aber auch alles, der Kujon -- na, warte, du sollst
mich nicht wieder erwischen, mein Schatz, denn fort möcht' ich mich doch
auch nicht aus dem bequemen Platz hier jagen lassen.«
Georg ging in das Zimmer seiner Frau und fand diese mit geröteten Wangen
und raschen Schritten, die Arme fest verschränkt, auf und ab gehen. Bei
seinem Eintritt blieb sie stehen und sah ihren Gatten finster an.
»Was hast du?« sagte dieser ruhig, die Bewegung der Frau konnte ihm
nicht entgehen.
»Was ich habe, Georg,« rief Georgine, die diesen Augenblick ersehnt
hatte, indem sie nach dem Herzen griff, »einen Schmerz hier, einen
bittern, nagenden Schmerz, der mir nicht Rast noch Ruhe läßt.«
»Das alte Leiden?« sagte Georg düster, indem er seinen Hut auf den Tisch
warf.
»Ja und nein,« lautete die Antwort, »du selber hast es heute
heraufgezwungen!«
»Ich? -- wieso?«
»Daß du den Knaben gemißhandelt, weil er in fröhlicher Jugendlaune einen
Augenblick vergaß, welch freie schöne Kunst er einst ausgeübt hatte und
jetzt nicht mehr ausüben sollte. Glaubst du nicht, daß wir den Zwang
doppelt fühlen, wenn er auf so rohe Weise in Kraft gehalten wird?
Glaubst du nicht, daß der Stab, der sich bis jetzt nur gebogen, wenn er
zu straff angespannt wird, auch brechen könnte?«
»Wenn er das Biegen nicht vertragen kann, mag er brechen,« erwiderte mit
tiefer, fester Stimme der Mann.
»Georg!«
»Höre mich,« fuhr ihr Gatte fort, »denn ich zweifle sehr, daß du den
ganzen Umfang des heutigen Vergehens weißt. Karl hat nicht allein
gefehlt, das hätte ich vielleicht verziehen, da er sich bis jetzt gut
gehalten, aber Vater selber, wahrscheinlich wieder vom starken Trunke
erregt, vergaß sich so weit, daß er mitten im Dorfe, von der ganzen
Schule umgeben, seine alten Künste ausübte und sich in der Luft
überschlug. Den Jubel, den das von dem alten, bisher so gesetzten Manne
erregte, kannst du dir denken. Ich kam zum Glück zufälligerweise dazu
und verhinderte weiteren Unfug. Soll ich mein Ansehen, mein ganzes
künftiges Lebensglück, wie das meines Kindes, auf solche ekelhafte Art
gefährdet und untergraben sehen? Georgine, du weißt, wie lieb ich
dich und euch alle habe, aber du kennst mich auch; du weißt, daß ich
Begonnenes auch durchführe, daß, wo ich einmal meinen Willen eingesetzt,
ich auch die Kraft besitze, da zu handeln; deshalb warne deine
Angehörigen. Noch ein solches Vergehen, und die Bande, die mich bis
jetzt an sie fesseln, sind unerbittlich, unwiderruflich gelöst.«
»Meine Angehörigen? und sind es nicht die deinen auch?« fragte Georgine
scharf.
»Sie sollen es bleiben, solange sie meinen Anordnungen folgen -- nicht
einen Augenblick länger.«
»Anordnungen? -- sage lieber Befehlen.«
»So nenne es denn Befehle, wenn du willst.«
»Ich weiß es wohl,« zürnte die Frau, »du hast kein Herz für uns. Solange
wir dir Nutzen brachten, waren wir dir gut, doch jetzt, wo...«
»Halt ein, Georgine,« unterbrach sie ernst der Mann, »das ist ein
harter, böser Vorwurf, der nicht aus deinem Herzen kam. Du bist aber
jetzt, wenn auch völlig grundlos, gereizt, und wir wollen nicht weiter
darüber rechten. Ich habe deinen Vater freundlich ermahnt, an uns
sowohl, wie an sich selbst zu denken; ich hoffe, das wird für ihn
genügen. Karl hat gleich an Ort und Stelle seine Strafe bekommen, und
die Sache ist also abgemacht. Willst du selber noch einmal mit ihnen
darüber sprechen, so gehe erst mit deiner Vernunft zu Rate, die wird
dich den richtigen Weg schon leiten.« Und ohne weiter eine Antwort
abzuwarten, verließ er das Zimmer, bestieg unten im Hofe sein schon
bereit gehaltenes Pferd und sprengte in den Wald hinaus.
Georgine blieb, wie er sie verlassen, im Zimmer stehen und sah ihm
düster nach. Der ungebeugte Charakter des bisher so selbständigen,
verwöhnten Weibes konnte sich dem Zwange noch nicht fügen, der es hier
von allen Seiten hemmend umgab. Wohl tauchten wieder jene Gedanken, ihn
abzuschütteln, in ihr auf, aber wieder und wieder hielt sie der Gedanke
an Josefine zurück, die das verhaßte Gesetz ihren Händen entzog, das
Schicksal des Kindes in die Hände des Vaters legend. Allerdings hatte
sie schon in ***, ehe sie dem Willen des Gatten nachgab, alles versucht,
sich Recht in ihrem Sinne zu verschaffen. Sie selber war zu den besten
Advokaten der Stadt gegangen, ihren Beistand in dieser Sache zu erfragen
und für sich zu sichern. Sie alle aber hatten ihr einfach das in diesem
Falle wirklich einmal nicht anders zu deutende Gesetz vorgelegt, das
keinen Ausweg offen ließ: Bis zum siebenten Jahre blieb, bei einer
Scheidung der Gatten, das Kind der Mutter, damit diese über das zarte
Alter desselben wachen konnte; nach dem siebenten Jahre aber wurde es
dem Vater, als seinem eigentlichen Erhalter und Ernährer, anvertraut,
und es hätte der Beweise bedurft, daß dieser dessen Erziehung nicht
leiten und bestreiten konnte, um es zugunsten der Mutter umzuändern --
Beweise, die sie in diesem Falle unmöglich bringen konnte. Sie sah sich
deshalb gezwungen, nachzugeben -- nachzugeben vielleicht zum erstenmal
in ihrem ganzen Leben, und das vergaß sie deshalb schon dem Gatten nie.
Georg sprengte indessen in den Wald, das Herz voll von trüben,
drückenden Gedanken; denn nie mehr, als gerade in diesem Augenblick,
fühlte es die Last, die mit den Ueberresten seines früheren Lebens
hereinragte in sein jetziges edleres Sein. Wie war es möglich, daß er
den alten Mann, den er verachtete, von sich abschütteln konnte, ohne
Georginen im tiefsten Herzen zu verwunden -- und tat er es nicht, wer
bürgte ihm dafür, daß nicht bei nächster Gelegenheit der Mensch, der
nun einmal zur Hefe des Volkes gehörte, seine eigene Stellung im neuen
bürgerlichen Leben durch irgend einen tollen Streich untergraben, ja,
rettungslos zerstören könne? -- Und was dann? Hatte er nicht die Pein
seiner früheren Existenz kennen gelernt? War nicht der Schleier von
seinen Augen gefallen, durch den geblendet er jenen wilden, zügellosen
Stand nur stets im rosigsten und schönsten Lichte gesehen? Dahin konnte
er nicht zurückkehren, ohne, wie er recht gut fühlte, geistig und
moralisch zugrunde zu gehen, und machte es ihm hier die Verbindung mit
jenen alten Ketten, in der er durch den früheren Possenreißer seiner
Bande gehalten wurde, nicht doch am Ende auch noch unmöglich, seinem
Ziele fest und unverzagt entgegen zu streben?
Er fühlte selber nicht, wie der Rappe, von Schenkeldruck und Sporn
getrieben, in sausendem Galopp mit ihm die Straße entlang flog. Der Wind
aber kühlte seine heißen Schläfen, die rasche, kräftige Bewegung tat ihm
wohl, und seinem feurigen Tier die Zügel lassend, sprengte er mit ihm,
dem nächsten breiten Holzwege folgend, gerade in den Wald hinein. Hier
aber mäßigte der Rappe selber seinen Schritt; der Weg war rauh und hart
gefroren, und die zarten Hufe des edlen Tieres nicht an solche Bahn
gewöhnt. Und als auch hierin der Reiter ihm volle Freiheit ließ, blieb
es endlich schnaubend und mit dem schönen Kopf auf- und niederfahrend
auf einer Waldblöße stehen, wo ein Jäger, die Flinte vor sich auf den
Knien, auf einem gefällten Baume saß und jetzt erst, als er den Nahenden
erkannte, aufstand, ihn achtungsvoll zu begrüßen.
Er war der alte Forstwart Barthold, und Georgs Blick haftete
unwillkürlich lange und mit einem eigenen Interesse auf den gefurchten
eisernen Zügen des Greises, um dessen Schläfe der kalte Nordwind die von
den Jahren zu Schnee gebleichten Locken jagte.
»Setzt auf, Alter, setzt auf,« sagte er endlich hastig, als sein Geist
zu den Gegenständen um ihn her zurückkehrte, »das ist kein Wetter, mit
entblößtem Kopfe zu stehen, und noch dazu in Euren Jahren!« Der Alte
neigte sich leise und gehorchte dem Befehl.
»Und was macht Ihr hier?« fuhr Georg fort, indem er abstieg, den Nacken
seines Tieres klopfte und ihm dann den Zügel auf den Sattel legte,
»kommt, geht mit mir ein Stück durch den Wald; mein Pferd ist etwas warm
geworden, und ich möchte es nicht still stehen lassen.«
»Ich hab' hier in der Gegend ein Eisen für eine wilde Katze gestellt,«
erwiderte der Forstwart, indem er sich an der Seite Georgs hielt, aber
nicht ohne einiges Erstaunen sah, daß diesem der feurige Rappe lammfromm
und wie ein Hund folgte.
»Gibt es deren hier?«
»Selten einmal eine, aber sie kommen doch zu Zeiten vor und tun dann
gar erschrecklichen Schaden unter den lieben Waldtieren. Es ist
blutdürstiges, unersättliches Zeug, das Katzengeschlecht, und Wolf und
Fuchs reichen ihm nicht das Wasser. -- Nur der Mensch treibt es manchmal
noch schlimmer als sie.«
»Und so haltet Ihr den Wolf für besser als den Menschen,« lächelte
Georg, der schon von den Eigenheiten des Alten gehört hatte, und der
sich jetzt freute, einmal so allein mit ihm zusammengetroffen zu sein
-- vertrieb es ihm doch auch die bösen Gedanken, die sein Hirn peinigten
und seine Seele quälten.
»Gewiß tu' ich das,« erwiderte leise der Mann. »Der Wolf ist ein wildes
Tier, ohne weiteren Verstand als den, den ihm der liebe Gott gegeben
hat, um seine Beute zu beschleichen.«
»Ihr meint den Instinkt.«
»Den mein' ich nicht, ich meine Verstand,« beharrte der Alte, »Instinkt
ist ein Wort, das prächtig für die Art von Leuten paßt, die in den
Städten die dicken Bücher schreiben, und deren eigener Verstand still
steht, wenn sie einmal zu uns in den Wald kommen und das Leben und
Treiben der Tiere zu sehen kriegen. Wir aber, die wir eben diese Tiere
näher kennen, wissen das wohl besser. Glauben Sie zum Beispiel, gnädiger
Herr, daß Ihnen das kluge Pferd da etwa nur aus Instinkt folgt?«
»Ein Pferd? nein, das hat gewiß Verstand.«
»Schön, das sagen Sie, weil Sie näher mit ihm bekannt geworden sind;
würden Sie meine lieben Waldtiere so gut kennen lernen, so fänden Sie
gar bald, daß wir ihn denen noch viel weniger absprechen dürfen. -- Der
Mensch aber, was ich vorhin sagen wollte, hat seinen vollen Verstand und
Geist und Vernunft und Seele, und wie er es sonst noch nennt, vom lieben
Gott erhalten, und wie gebraucht er das alles nur zu oft!«
»Und nur die wilde Katze setzt Ihr noch an bösartigen Eigenschaften über
den Menschen?« lächelte Georg.
»Vielleicht hab' ich unrecht,« sagte der Alte, »aber ich kann mir einmal
nicht helfen, wenn ich die Katzen mehr als anderes wildes Getier
hasse und verabscheue. Aber gerade sie, mehr als Schuhu und Raubvögel,
zerstören mir im Frühjahr die junge Brut meiner lieben kleinen
Singvögel, und wenn ich dann so ein armes Tierchen neben seinem
zerrissenen Nestchen sitzen und trauern und die zerbrochenen Eierschalen
unter dem Baume liegen sehe, dann überläuft's mir immer, ich weiß
eigentlich selber nicht wie, und ich schwör's den Katzen, Mardern und
Iltissen zu, daß sie mir's büßen sollen für alle Zeit -- wo ich sie
nämlich erwischen kann.«
»Und Ihr habt die Singvögel so gern, Forstwart?«
»Ja, gnädiger Herr, und mit Recht,« sagte der alte Mann, und es
war fast, als ob seine Stimme bei den Worten zitterte. »Die kleinen
Waldsänger sind mir die liebsten Tiere in der Welt; vielleicht, weil
es die einzigen Freunde sind, die ich in der Welt habe,« setzte er
langsamer hinzu, »und bei denen wäre es denn schon nicht mehr als
Schuldigkeit, daß man ihnen wieder Anhänglichkeit bewiese. Haben sie
doch niemanden hier weiter wie mich, der ihren Feinden nachstellt und
sie schützt und beschirmt, wo es not tut.«
»Und weiter habt Ihr keine Freunde, Barthold?«
»Keine weiter,« sagte der alte Mann und schüttelte dazu langsam den
greisen Kopf.
»Aber der Graf hat mir sehr freundlich von Euch gesprochen und Euch mir
warm empfohlen.«
»Der Graf ist ein wackerer, braver Herr,« meinte der Forstwart, »und ich
werde ihm ewig danken, was er an mir getan -- mehr, als Sie und jemand
anders wissen können; -- aber -- den Herrn kann ich doch nicht zu meinen
Freunden zählen!«
»Nicht? -- und weshalb?«
»Lieber Gott, weshalb? Der Herr Graf ist mir ein lieber und gnädiger
Herr -- aber er ist eben ein Herr und noch dazu ein recht vornehmer,
wenn auch wohlwollend und herablassend, und da kann mit Unsereinem von
Freundschaft nicht die Rede sein. Unter Freunden, mein gnädiger Herr,
verstehe ich zwei Teile, die voreinander kein Geheimnis haben, die
einander mitteilen, was sie freut, was sie drückt, die einander helfen,
wo sie können -- nicht nur der eine Teil dem andern, sondern auch
umgekehrt, und die beisammen ausharren in Freud' und Leid -- solange
eben dieses morsche Leben noch zusammenhält und das Herz nicht aufgehört
hat zu schlagen.«
»Aber unter der Bedingung, Forstwart, dürft Ihr die Vögel des Waldes,
und wenn sie noch so lieb und freundlich singen, doch nicht zu Euren
Freunden zählen, denn Ihr mögt ihnen so viel klagen und gestehen, wie
Ihr wollt, ihr Mund bleibt stumm für Euch, und mit der Hilfe und dem
Beistande, die sie Euch leisten könnten, sieht es auch nur windig aus.«
»Meinen Sie, gnädiger Herr?« sagte der alte Mann und lächelte dabei
gar still und heimlich vor sich hin, »aber da hätten Sie sich doch
vielleicht geirrt, denn nicht allein verstehen die Vögel mich, wenn ich
bei ihnen einmal hier draußen dem gedrückten Herzen Luft mache, nein,
ich verstehe sie ebensogut, ob die paar Zurückgebliebenen mir nun
im kalten Winter ihr Leid oder im Sommer den Verlust eines lieben
Angehörigen klagen oder mir im Frühling die heimkehrenden Wanderer ihren
Jubel, ihre Seligkeit entgegen zwitschern. -- Sie, gnädiger Herr,
sind eigentlich seit langer, langer Zeit der erste, mit dem ich wieder
darüber rede, weil -- weil mich etwas zu Ihnen zieht, dem ich keine
Worte geben kann, für das ich eigentlich keine Ursache habe. Früher, ja,
sprach ich mich offen darüber gegen jeden aus, aber mein Lohn war,
daß ich von dem unwissenden Volke verlacht und ausgespottet wurde. Da
behielt ich, was ich wußte, lieber für mich, und zog mich mehr und mehr
nur auf mich selbst zurück.«
»Und Ihr glaubt wirklich, daß Ihr die Sprache der Tiere verstehen könnt
-- daß sie Euch wieder verstehen, wenn Ihr mit ihnen sprecht?«
»Ich glaube es nicht nur,« sagte zuversichtlich der alte Mann, »ich weiß
es ganz gewiß. Stundenlang hab' ich schon draußen auf der Wiese bei
den Störchen gesessen und mir von ihren Reisen erzählen lassen --
stundenlang dem muntern, manchmal ein bißchen leichtfertigen Stieglitz
zugehört, und was meine alte treue Amsel betrifft, die mir eigentlich
die liebste ist von allen zusammen, so verstehen wir beide wohl jede
Silbe, die wir miteinander reden.«
»Die Amsel ist Euch die liebste?« fragte Georg, der unwillkürlich
Interesse an den Phantasien des alten Mannes nahm.
»Gewiß,« erwiderte dieser. »Die Amsel ist eines von den bescheidenen,
anspruchslosen Wesen in der Welt, die trotz ihres eigenen Verdienstes,
eben ihrer Zurückhaltung wegen, es doch nirgends zu etwas
Ordentlichem bringen und stets zurückgesetzt und übersehen werden. Und
wie treu hält sie bei uns in Frost und Kälte aus; wie bescheiden hüpft
sie in ihrem anspruchslosen schwarzen Kleidchen einher, und was für eine
lieblich grüne Stimme hat sie dabei!«
»Eine grüne Stimme?« fragte Georg, dem dieser Ausdruck neu war.
»Allerdings,« versicherte der alte Mann, »und zwar das ganz bestimmte
junge Waldesgrün, wenn ihm der Frühling seinen ersten Saft gegeben --
nicht ein Mischmasch von Farben, wie der Finke mit seinem Violett oder
der Zeisig gar mit seinem schmutzig gelben Ton -- ein reines, schönes,
helles Grün, das mit seinem lieben Klange meine alten Ohren auch noch
erfreut, wenn der Winter schon lange das wirkliche Grün von den Zweigen
gefegt und seine weiße Schneedecke über den Wald gebreitet hat.«
»So beurteilt Ihr den Gesang der Vögel nach den Farben?«
»Gewiß tue ich das,« versicherte der Greis, »und nirgends zeigen sich
mir die Farben deutlicher als eben im Gesange. Die Grasmücke singt rot,
aber kein brennend schmerzendes Rot wie der Kanarienvogel, sondern sanft
und doch leuchtend, wie ich nur einmal in meinem Leben am nördlichen
gestirnten Himmel habe Strahlen schießen sehen. Die Nachtigall singt
dunkelblau -- dunkelblau wie der Nachthimmel selber, daß man die beiden
kaum voneinander unterscheiden kann. Die Lerche singt jenes wundervolle
Korngelb der reifen Aehren, das Rotschwänzchen ein allerliebstes
bläuliches Grau, die Schwalbe weiß, der Nußhäer, der spöttische Gesell,
ein tiefes Schwarz, ich mag den geschwätzigen hirnlosen Burschen auch
deshalb nicht besonders leiden; die Drossel singt dunkelgrün, und fast
alle Farben finden sich unter den Sängern des Waldes, alle, mit ihren
leisesten Schattierungen -- nur nicht hellblau. Kein Vogel, und das ist
etwas, worüber ich schon oft und lange nachgedacht, singt hellblau,
und nur ein einziges Mal, und zwar eine einzige Nacht, habe ich
eine Nachtigall gehört, die hellblau sang, und das war das schönste
Himmelblau, das man sich nur denken kann.«
»Und nie wieder hat sie gerade so gesungen?« fragte Georg, den, er wußte
selber nicht weshalb, ein eigenes Gefühl der Teilnahme für den Greis
beschlich.
»Nie wieder,« sagte der alte Mann leise, »es war ihr Sterbelied gewesen,
denn am nächsten Morgen fand ich sie tot in demselben Busche -- tot und
unverletzt, und habe sie auch dort, wo ich sie fand, nachher begraben.
Ich werde den Tag nie vergessen; es war derselbe Morgen, an dem die
Kinder wieder von hier abreisten, und wie ich da drüben unter dem
Busche bei dem toten Vogel saß, liefen mir die hellen Tränen die Backen
herunter. Ich weiß aber wahrhaftig nicht, ob ich über den Vogel oder
über die Kinder geweint habe, die ich -- wenigstens beide zusammen --
nicht wiedersehen sollte.«
Der alte Mann schwieg und sah still und traurig vor sich nieder, und
auch Georg wagte im ersten Augenblick nicht die Stille zu unterbrechen.
Von welchen Kindern sprach der Greis, und war es nicht etwa gar die
eigene Jugend, die an das Herz dieses alten, starren Waldbewohners
geklopft und die Erinnerung darin zurückgelassen hatte? -- Er mußte
darüber Gewißheit haben.
»Was für Kinder, Forstwart?« fragte er mit so viel Gleichgültigkeit als
möglich im Tone.
»Das eine kennen Sie, gnädiger Herr,« sagte da der alte Mann, »es ist
unser gnädigster Herr Graf, den Gott uns noch recht lange erhalten möge.
Wie hübsch und schlank und kräftig der emporgewachsen ist, und wie viel
Freude er schon seiner braven Frau Mutter gemacht hat, daß sie wohl
stolz auf ihn sein darf!«
»Und das andere?« fragte Georg nach sichtlichem Widerstreben, als der
alte Mann hartnäckig schwieg, »was ist aus dem andern geworden?«
»Da fragen Sie den lieben Herrgott!« seufzte der alte Mann, »der andere
Knabe war sein Bruder. Auf ein Haar fast glichen sich die beiden jungen
Herren, und so wild und lebenslustig waren sie, und so gut, so engelgut
dabei! Der jüngste besonders war ein herzig Kind -- ich sehe ihn noch
vor mir mit den langen dunklen Locken und den großen, sterngleichen
Augen -- und ich durfte mit ihnen durch den Wald gehen und ihnen das
Wild zeigen und die Stellen, wo die saftigsten Erdbeeren wuchsen, und
der kleinste faßte mich dann an der Hand und fragte mich, wie hoch der
Himmel noch über den hohen Bäumen sei, und ob es wahr wäre, daß
die Sterne dort droben die Augen von lieben Engelchen wären, die
herabschauten auf die Kinder, ob sie auch brav und gut wären und ihren
Eltern Freude machten? Und dann erzählte er mir von seinem Vater, daß er
gestorben und zum lieben Gott gegangen sei und sie, die beiden Knaben,
mit der Mutter hier allein zurückgelassen habe, und -- Gottes Zorn!«
murmelte der alte Mann vor sich hin und wandte sich ab von Georg, denn
er schämte sich vor dem Fremden, daß ihm, selbst in der Erinnerung an
jene Zeit, die sein Herz mit einer eigenen Wehmut erfüllte, die Tränen
ins Auge gekommen waren. Georg aber, der ihn mit schmerzlicher Spannung
beobachtete, war das nicht entgangen, wenn er auch tat, als ob er
es nicht bemerkte; hatte er doch Mühe genug, die eigene Rührung
niederzukämpfen. Endlich, sich gewaltsam zwingend, sagte er leise: »Und
von dem andern Knaben habt Ihr nie wieder -- den andern Knaben habt Ihr
nie wieder gesehen?«