Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das straff aus der Stirne
gestrichene Haar. Die Stirn unter leisen Wellen von Kindlichkeit. Die
Oberlippe. Die schmale und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die
eines jungen Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte sich
aber sonst.
Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames, bis sie vor ihm
stand; legte eine Hand auf seine linke Schulter und gegen die andre die
Stirn. Unter ihr Gesicht blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen
biß, sich abmühend, zu sprechen, oder nicht zu weinen. -- Da sie dies
leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich.
Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln, als er gleich darauf
spürte, was ihr eigen war: daß von dem überströmten Gesicht ein warmer
Dunst aufstieg, wie von einem Kinde, und sehr rein.
Sie machte sich los, zog -- oh die alte Bewegung! -- ihr Taschentuch aus
dem Gürtel, indem sie sich dehnte und die Schultern anhob, trocknete ihr
Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach
mit Bett, Tisch und Schrank.
»Wohnst du hier?« fragte er. Sie nickte. »Lange schon?«
»Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber da wagt ich nicht, zu
dir zu kommen. Dann schrieb Bogner -- ich hatte ihm geschrieben --, ob
ich nicht herüberkommen wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles
drunter und drüber, -- Gott, ihn hab ich ja auch im Stich gelassen, er
hatte nun eine Haushälterin, aber die ging plötzlich, und so viel Ärger.
So kam ich her. Von Magda hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie,
dir nichts zu sagen. Da hab ich gewartet.«
»Ich kam spät«, sagte Georg. »Ja -- und weshalb bist du nun hier?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich konnte nicht. Er ist zu krank. Ich hielt es
nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! Ich komme doch nicht los von dir.«
Georg lächelte innerlich, -- sie war immer sehr einfach in Haltung und
Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem Ausdruck an, der ihr langsam
sagte, daß er sie nicht liebe wie sie ihn und daß sie das wisse. Sie
senkte den Kopf und legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach
Sekunden sagte sie:
»Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde dir dankbar sein.«
Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte er, indem er
sie an sich zog und sagte:
»Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden. Ich habe leider
sehr wenig Zeit. Das Beste wäre vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe
keine Vorliebe für Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.«
Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand gezeigt.
»Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar nicht geeignet. Dazu
hätte ich --«
»Der Mensch ist zu allem geeignet.«
»Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz unglücklich sein!«
»Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf irgendeine Weise.
Möchtest du nicht Kinder haben?«
»Gar nicht! Vor fünf Jahren --, ja, da wär ich gestorben für ein Kind.
Aber nun ist das --«
»Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine Unterschlagungen.
Aber das hat alles Zeit, überlegt zu werden. Wir können jede Methode
versuchen. Wenn ich nicht so wenig Zeit hätte ...«
Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die ihn nach unten
zogen; daß er bei all diesem übrigens nur halb mit Bewußtsein teilnahm,
und er machte sich los von ihr und trat an das Fenster, während ihm der
Tote erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen wollte, und
plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid.
Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen mit meinem
Herzen. -- Und vielleicht: um irgend etwas zu geben. -- Plötzlich, auf
einer Wagschale stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so
triumphierendem Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt senkte.
Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter? Freilich war die
Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, die ihm ins Auge brannten,
da er sie bedachte, und diese hier war ganz schlicht.
Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, sanft sie nach
hinten drückend, küßte sie behutsam und sagte voll Liebe:
»Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring; mit einem schönen,
echten Stein. Und nun sollst du dich um mein Dasein schließen, willst
du?«
Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft in die Arme
schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und bat sie, ihn zu Bogner zu
bringen. »Ist er allein?«
»Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, und Jason. Aber
der kam schon mit mir.«
»So. Renate. Ja -- willst du mich nun --«
»Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins Atelier!« sagte sie
und ging voran. Am Ende des Flurs öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu
dessen Seiten die Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies
ursprünglich ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft mit
aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber über den oberen Rand der
letzten rechts erhob sich, sich herwendend, der große braune und
schwarze Kopf eines Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge.
»Lieber Gott,« sagte Georg, »das ist Unkas!«
»Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?«
»Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der reiten wollte.
Er wurde zu alt für mich und schwerfällig; Bogner wünscht nur mäßige
Bewegung.«
Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand getreten, klopfte ihm
liebevoll Hals, Bauch und die Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich,
scheuerte sich an seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner
Manteltasche, aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt
werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht vergessen, es tat seinen
Dienst, wie es gewohnt war, hier wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt
in der Fremde, aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut,
plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf den Kopf
hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich feuerte es nach hinten
aus, daß die getroffene Holzwand dröhnte.
Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür geöffnet, Bogner
streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs Hand und zog ihn in den
Raum.
Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr bewußt; ein Andrer tat
es für ihn, sein Inneres füllte ein gestaltlos sausender Regen, sonst
nichts. Er stand lange vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und
den Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt er einen
Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte.
Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich vor ihm, und
jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich
gegenüber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte,
die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch
ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was für ein Ausdruck? Wollte
sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? -- Und während sein Wesen sich
krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel
hinaus.
»Was ist dir?« hörte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es
dämmrig. Er mußte sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom
von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je,
und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurühren, ihn
mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, neuer Schmerzen, neuer
Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu
beginnen.
Dies erlosch. Ihm war kalt. -- Sie wird jetzt kommen, wußte er
plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt
nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn.