XII

So blieben denn zwei Möglichkeiten über.

Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt und ich halte

für wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem

vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft

daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende oder

erschließende sein möge: halte für wahr mit aller Kraft meines Herzens

und meines Geistes -- Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer aller

Kreaturen. _Credo quia_ -- oder wie Strindberg sagt: _etsi -- absurdum_.

Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit gewiß

sein, ob sie auch über alle Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung und

Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewiß sein und also für die

Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden die

Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren Sinn habe nach dem

Willen des höheren Wesens, und daß sie diesen Sinn irgendeinmal

offenbaren, sich auflösen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die

zweite Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine

Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft,

dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden.

Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, das will sagen auf

die Menschheit. Die Fähigkeit, mich selber und meinesgleichen zu

ertragen, die mir dort aus meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir

selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle

des Glaubens träte das Sittengesetz.

Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier.

Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden, sich nicht

verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug fühlt, gottlos, will

sagen heillos zu leben. Für ihn die Worte: Geduld! und: Vertrauen! --

Vertrauen auf den dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine

untrügliche Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von Augenblick zu

Augenblick hintastend zu gehn; auf das Nächste allein immer gerichtet,

das Ferne nicht zu verfehlen; eine innere Sicherheit, eine Kraft, die

denn Langmut verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie man sie mit

sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg möge dann das schönste

Wort leuchten, das ich fand:

>Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal

Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt

Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.<

Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche Errettung zu

denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick führt der Weg der

Geduldigkeit, und es glänzt uns der Stern der Hoffnung, daß wir nicht

gänzlich zuschanden werden. (Römer 5, V. 3-5.)

Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es versuchen.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 228 / 240 题