XI

Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche

Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich

diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte

und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise

des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare

oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines

nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und

durch sie, >in allem< seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in

allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja,

zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit

dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum

Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und

unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen

und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im

Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen

das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein

Herz, um zu glauben, was ich weiß?

Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,

Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,

Nenn es dann, wie du willst,

Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott!

Ich habe keinen Namen

Dafür! --

Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht,

wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die

aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da

die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und

Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom

Nichtandersseinkönnen? >Nenn es dann, wie du willst!< Ja, wenn ich die

Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und

Rauch. >Wer darf ihn nennen?< Was heißt ein >darf<, wo alles >muß< sein

sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit

vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl

oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit

Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum

Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht

durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte

innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, -- nicht nur zur

Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu

haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus

herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann

mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn

werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen

spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit

Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des

Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften

kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu

belehren, so kann ich hinter diesen nicht >Glück, Herz, Liebe --

Gefühl<, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich

nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem

mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all

dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu

erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 227 / 240 题