Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche
Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich
diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte
und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise
des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare
oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines
nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und
durch sie, >in allem< seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in
allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja,
zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit
dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum
Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und
unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen
und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im
Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen
das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein
Herz, um zu glauben, was ich weiß?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst,
Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! --
Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht,
wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die
aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da
die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und
Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom
Nichtandersseinkönnen? >Nenn es dann, wie du willst!< Ja, wenn ich die
Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und
Rauch. >Wer darf ihn nennen?< Was heißt ein >darf<, wo alles >muß< sein
sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit
vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl
oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit
Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum
Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht
durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte
innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, -- nicht nur zur
Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu
haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus
herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann
mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn
werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen
spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit
Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des
Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften
kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu
belehren, so kann ich hinter diesen nicht >Glück, Herz, Liebe --
Gefühl<, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich
nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem
mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all
dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu
erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.