Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus irgend Gründen
die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Möglichkeit für die Befangenen in
Mißtrauen und Ungeduld? Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen,
für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; für die
Masse, die >Welt<?
Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen
erdacht und geschrieben; es hätte aber mir nicht eine solche Not sein
können, es hätte nicht so sehr meine Sache sein können, wenn nur ich
allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen
wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an etwas, das Alle, ob
auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. Somit, daß, wenn ich einen Weg
suchte, ich ihn nicht suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All
derer, die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß und so
unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wäre und ich nur ein
Gegenstand in dem Sturm, der ihn schüttelt!
Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die ich selbst für den
nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein ärmlicher
Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun und Ungeduld, denk ich, sie werden
fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ...
>Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich
immerdar.< (Römer 8, V. 22.)
>Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der
verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle
abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue,
auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen
handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist
voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen;
auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des
Friedens wissen sie nicht.< (Römer 3, V. 10-17.)
Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit,
daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich
ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es
leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen
wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich
ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott.
Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von
Gott.
Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder,
damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die
Vollkommenheit.«
* * * * *
Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit
geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit
dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von
zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die
besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks
schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und
schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate
gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:
»Und um so süßer verlockend das Wort >von Ewigkeit zu Ewigkeit< dir im
Herzen ertönt: sprich dagegen: >von Augenblicke zu Augenblick< knüpf ich
und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not.
Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in
dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in
der Liebe ist.«
Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem,
was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht
erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung
bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen
allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein
Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch
einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. -- --
Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den
Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er
ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die
Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt
spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene
rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal,
in der Mitte. -- Georg setzte sich wieder und sagte:
»Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich
Drei, was ist das?«