XIII

Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus irgend Gründen

die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Möglichkeit für die Befangenen in

Mißtrauen und Ungeduld? Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen,

für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; für die

Masse, die >Welt<?

Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen

erdacht und geschrieben; es hätte aber mir nicht eine solche Not sein

können, es hätte nicht so sehr meine Sache sein können, wenn nur ich

allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen

wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an etwas, das Alle, ob

auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. Somit, daß, wenn ich einen Weg

suchte, ich ihn nicht suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All

derer, die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß und so

unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wäre und ich nur ein

Gegenstand in dem Sturm, der ihn schüttelt!

Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die ich selbst für den

nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein ärmlicher

Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun und Ungeduld, denk ich, sie werden

fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ...

>Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich

immerdar.< (Römer 8, V. 22.)

>Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der

verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle

abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue,

auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen

handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist

voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen;

auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des

Friedens wissen sie nicht.< (Römer 3, V. 10-17.)

Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit,

daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich

ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es

leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen

wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich

ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott.

Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von

Gott.

Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder,

damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die

Vollkommenheit.«

* * * * *

Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit

geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit

dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von

zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die

besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks

schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und

schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate

gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:

»Und um so süßer verlockend das Wort >von Ewigkeit zu Ewigkeit< dir im

Herzen ertönt: sprich dagegen: >von Augenblicke zu Augenblick< knüpf ich

und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not.

Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in

dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in

der Liebe ist.«

Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem,

was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht

erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung

bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen

allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein

Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch

einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. -- --

Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den

Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er

ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die

Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt

spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene

rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal,

in der Mitte. -- Georg setzte sich wieder und sagte:

»Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich

Drei, was ist das?«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 229 / 240 题