Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben.
Lösen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der
Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten
scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):
>Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird
leben, ob er gleich stürbe.<
Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, V. 28):
>So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes
Werke, allein durch den Glauben.<
Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und
Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen -- dessen
Dasein verbürgt war, so daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte
--, und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie
hatten keine Satzung daraus gemacht.
Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und
anzog? War es nicht eben so, daß die alten Götter kraftlos geworden
waren, daß sie sich erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre
unhaltbar gewordene Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue
Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem
geschrieben stand: >Dem unbekannten Gott<?
Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen den Weg, denn die
Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner
Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben!
Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft flammt so heraus,
daß auch der Ungläubige sich ergriffen fühlen muß; daß er, solange er
fühlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit,
in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen,
blindlings zu sein und zu glauben.
X
Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt >_pisteuein_< und
>_pistis_< der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, daß etwas so ist, wie
es sich darstellt, und darauf vertrauen.
Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heißt
glauben?
Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr ist, der die Welt
erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhält; daß er allmächtig
ist, allwissend, und allweise; daß von ihm alles abhängt, daß er die
Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die
wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: >Wer an
mich glaubt, der wird leben!<
Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. _Pistis_ -- der Glaube,
so heißt es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es
weiter?
Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen;
waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein
glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so -- wer beschriebe den
ganzen Verlauf? -- ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue
wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die
Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen
Mummenschanz einer >allein seligmachenden< Kirche. Das Mißtrauen nahm
überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im
Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der
Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen
der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit
verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen,
die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die
Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln
herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:
Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.
Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in
allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das
glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen,
Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar,
ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich
dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem
Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war,
bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die
Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch
kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der
vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen
Liberalität.
Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken
an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die
Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine,
Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld
über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens:
die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie
selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung,
ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?
Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne
Unterlaß hinein.