IX

Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben.

Lösen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der

Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten

scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):

>Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird

leben, ob er gleich stürbe.<

Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, V. 28):

>So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes

Werke, allein durch den Glauben.<

Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und

Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen -- dessen

Dasein verbürgt war, so daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte

--, und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie

hatten keine Satzung daraus gemacht.

Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und

anzog? War es nicht eben so, daß die alten Götter kraftlos geworden

waren, daß sie sich erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre

unhaltbar gewordene Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue

Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem

geschrieben stand: >Dem unbekannten Gott<?

Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen den Weg, denn die

Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner

Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben!

Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft flammt so heraus,

daß auch der Ungläubige sich ergriffen fühlen muß; daß er, solange er

fühlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit,

in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen,

blindlings zu sein und zu glauben.

X

Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt >_pisteuein_< und

>_pistis_< der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, daß etwas so ist, wie

es sich darstellt, und darauf vertrauen.

Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heißt

glauben?

Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr ist, der die Welt

erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhält; daß er allmächtig

ist, allwissend, und allweise; daß von ihm alles abhängt, daß er die

Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die

wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: >Wer an

mich glaubt, der wird leben!<

Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. _Pistis_ -- der Glaube,

so heißt es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es

weiter?

Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen;

waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein

glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so -- wer beschriebe den

ganzen Verlauf? -- ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue

wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die

Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen

Mummenschanz einer >allein seligmachenden< Kirche. Das Mißtrauen nahm

überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im

Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der

Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen

der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit

verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen,

die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die

Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln

herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,

Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.

Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in

allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das

glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen,

Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar,

ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich

dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem

Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war,

bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die

Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch

kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der

vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen

Liberalität.

Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken

an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die

Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine,

Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld

über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens:

die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie

selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung,

ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?

Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne

Unterlaß hinein.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 226 / 240 题