VI

Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten;

in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er

vielmehr ungeduldig geworden, so daß ihm immer das Licht unter den

Nägeln brennt, so daß er nur schreien kann: Auge um Auge!

Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame Panazee,

und die ganze Menschheit strömte zu ihm und ließe sich impfen mit

Geduld: würde sie -- wie sie einmal beschaffen ist! --, würde sie heil

werden und gut?

Nein, sondern die Lymphe würde sich, >wie sie einmal beschaffen ist!< in

ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich zerdrückte, verschluckte,

verbissene Ungeduld würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen

müßte.

Sie kann -- entfernen wir jenen _deus ex machina_ wieder --, sie kann,

wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie

auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie

einhalten. Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken heißt

zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts.

Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde?

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 223 / 240 题