Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta
des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir
bis ins Unzählbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne
vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und
Ei, unkenntlich, was früher gewesen; sondern die nun gegeneinander
gerichtet stehn, die wir abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben,
daß wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! Und daß wir
den einen Schönling nennen, der bei vieler Liebe zum Schönen kein Herz
in sich habe für das, was gut ist.
Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide
einmal Eines gewesen sind, Schönes und Gutes, gleichviel denn, welches
das Erste gewesen: müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die
gleichen sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein
Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung?
Ja. -- Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das
Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefällig ist
uns das Schöne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der
Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig ist
uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte,
wegen des Friedens, den sie über unsre Verworrenheit brachte.
Verworrenheit -- die ist immer, und die ist das Böse; Einfachheit und
Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute.
Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Tröstung.
Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in
dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in ihm waren. Der an dem
Einen litt, so daß er das Andre empfand.
Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam.
Überfülle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung -- und das
Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er,
daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu ändern willig
werde. Er, der leiden lernte durch das Böse und sich heilen durch das
Gute.
>Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das
ich nicht will, das tue ich.<
Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit,
da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. >Wollen habe ich wohl,
aber vollbringen das Gute finde ich nicht.< (Römer 7, Vers 19 und 18.)
V
Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur
dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren,
seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in
ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:
>Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich
aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so
dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den
andern auch dar.<
Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er
seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander
gegenüber und wies auf den Vorgang.
So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang
auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des
Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.
Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern;
ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte
sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf
ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur
dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, --
was heißt das?
Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das
heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? -- Wie lautet die Antwort? Weil
jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. -- Nein
-- oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch
irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind
allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. -- Da wird er auch die
andre Wange darhalten.
Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung
eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche
Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?
Geduld.
Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter
des Guten!