IV

Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta

des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir

bis ins Unzählbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne

vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und

Ei, unkenntlich, was früher gewesen; sondern die nun gegeneinander

gerichtet stehn, die wir abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben,

daß wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! Und daß wir

den einen Schönling nennen, der bei vieler Liebe zum Schönen kein Herz

in sich habe für das, was gut ist.

Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide

einmal Eines gewesen sind, Schönes und Gutes, gleichviel denn, welches

das Erste gewesen: müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die

gleichen sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein

Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung?

Ja. -- Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das

Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefällig ist

uns das Schöne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der

Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig ist

uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte,

wegen des Friedens, den sie über unsre Verworrenheit brachte.

Verworrenheit -- die ist immer, und die ist das Böse; Einfachheit und

Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute.

Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Tröstung.

Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in

dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in ihm waren. Der an dem

Einen litt, so daß er das Andre empfand.

Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam.

Überfülle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung -- und das

Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er,

daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu ändern willig

werde. Er, der leiden lernte durch das Böse und sich heilen durch das

Gute.

>Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das

ich nicht will, das tue ich.<

Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit,

da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. >Wollen habe ich wohl,

aber vollbringen das Gute finde ich nicht.< (Römer 7, Vers 19 und 18.)

V

Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur

dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren,

seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in

ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:

>Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich

aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so

dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den

andern auch dar.<

Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er

seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander

gegenüber und wies auf den Vorgang.

So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang

auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des

Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.

Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern;

ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte

sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf

ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur

dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, --

was heißt das?

Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das

heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? -- Wie lautet die Antwort? Weil

jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. -- Nein

-- oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch

irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind

allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. -- Da wird er auch die

andre Wange darhalten.

Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung

eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche

Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?

Geduld.

Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter

des Guten!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 222 / 240 题