Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das
unausgesprochene hörte: Dein ernstester Tag.
Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschöpftheit in
den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geöffnet wie im Kauen.
Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen
hinauf, über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo sie
dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel
weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mußte zu ihm aufsehn.
Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er bemühte sich offenbar
schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte:
»Woher kommst du?«
»Von zuhaus.«
»Zu Fuß?« fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.
»Zu Fuß«, sagte er stumpf.
»Dann hast du wohl Hunger?«
»Ja,« sagte er gequält, »Hunger.«
Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, und sie hielt
ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber
er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, während alles
zu Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: »Nicht danach!«
Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob die Hände, legte
sie auf ihre Brust und fragte so: »Willst du?« und stöhnte.
Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der
Schulter fest, die sie fühlte, und verlor sich für Sekunden in einem
Schluchzen der Geborgenheit. Im nächsten Augenblick hatte sie sich
losgerissen, und sie schrie irgend etwas -- »Warte!« schrie sie, »warte
noch! einen einzigen Augenblick!« -- und fand sich nach einer Flucht,
von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres
Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der
Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut,
um Hülfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: »Nicht beten! nicht
beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn sein?« Und sie stand
wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Händen, wie blind.
Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wußte
gleich, daß etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte
sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche
jenen großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die
Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: >Zu lesen nicht vor meinem
Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.<
Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als nach einer Zeit
ihre flatternden Hände sichrer geworden waren, riß sie den Umschlag auf,
nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Blätter heraus und las
dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: >Auszug aus meinem
Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April< und eine Jahreszahl. 28. März --
das war der Todestag ihres Vaters. -- Sie las weiter den Eingang:
>Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...<, und in einer der
nächsten Zeilen das Wort >Erasmus<.
Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu
lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke
hinauf; sie wartete, aber umsonst, und -- Nein, das muß er doch lesen!
dachte sie und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich dahinter
zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rücken nach ihr
stehn. Während er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem
Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später
stand sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand und
sagte: »Dies mußt du lesen!«
Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.
»Jetzt?« fragte er.
»Jetzt! Vorlesen, bitte!« bat sie hülflos, zurückweichend, und sah ihn
zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge gehn, die in der Sonne
dunkelgelb glühten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen
Armstuhl. Sie ging ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des
Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor ihrer Kälte.
»Das kann ich nicht lesen«, sagte er, die Hand mit den Blättern sinken
lassend.
»Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von dir?« Er nickte. »Und
von mir?« Er bejahte wieder. »Dann lies!« sagte sie aufatmend und legte
die Hände zusammen.
Erasmus las.
>Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause.
Wir kamen -- Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, und ich -- am
Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen
Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schöner Gang. Die
spätmärzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der
lehmig festen Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weißes
und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche
Sonne des Jahre rüstig am Werk, noch vor Abend die grauweißen Eiswälle
des Gewölks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen
Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mächtige
Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; die Sonne kämpfte
rastlos. Strahlen vergoldeten das grüne Land in der Tiefe überall, und
es dampfte. Unsern Weg entlang -- Alleen weißblühender Kirschbäume --
schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdländische
Stadtsiedlungen niedriger weißer oder rosigbehauchter Kuppeln, Städte
von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen,
kräftig und derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser,
in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den Himmel zeigten,
andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blühten Aurikeln
und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um
die Beetränder. -- Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu andrer
Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom
Begräbnis des Großvaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals
unerwartet erschien: weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn,
die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem
durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lächeln
des Weisen: so hätte er uns hier grüßen sollen vom Zaun eines dieser
freundlichen Gärten, Freund der Fluren, von dem es heißt:
Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten
Die losen binden an die starken Schäfte,
Die harten grünen Herlinge betasten
Und brechen einer Ranke Überkräfte.
Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze,
Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben.
Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze
Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben.
Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte, wars um so
stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, in ihren Gärten oder
vor den Türen war, schwarz gekleidete Männer und Frauen in Gruppen
überall, leise miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder
auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen saßen die
reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach uns blickend. Schön, wie
hier vom Wesen des Toten letzte Flämmchen verflackerten, von bekümmerten
Händen beschirmt. Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an Mauern
putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl sie sich unbesorgt
stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür in einem Kreise von Männern,
barhaupt, kenntlich an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger
Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, brachte die
allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit zum Ausdruck. »Ein Mann,«
sagte er, »wie es keinen zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber
Freund.« Er schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und
begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten, die wir sehen
würden, über die er weiter nicht mit der Sprache herauswollte. Plötzlich
hatten wir dann, um die Ecke in eine Seitengasse geführt, die
reizvollste kleine Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm
tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, und leise wankten
die Säulen.
Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben, den eine
niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß; darüber blitzte von
vielen Stellen her die Vergoldung schöner, altertümlicher Grabzeichen
aus schmiedeeisernem Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem
Dach, und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde. Zur Linken
um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine alte Kastanienallee, blühend
übersternt mit weißen und roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine
Seitenwand mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein
zweistöckiger, warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock, wie ich
hernach sah.
Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu zeigen, gingen wir
zwischen den gleich Betten säuberlich bereiteten Gräbern voller Blumen
hindurch; allein das für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte
naturgemäß keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck all
dieser Löcher aus gelbem Sand.
Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine Gittertür hinweg
einen anmutigen Blick: im Ausschnitt einer wohl hundert Schritt langen
Allee noch unbegrünter kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah
mannshohe grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal über drei
Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm Sims; darüber den leise
vergoldeten Korb des Balkons vor der oberen Glastür, und endlich das
gebrochene, schwarzbraune Dach, auf welches eine große und schöne,
schneeweiße Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig
niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt wurde und zu sprechen
begann in einem zierlichen Vergleich mit einem Schrein oder Schiff, das
sich auftun möchte, eine kleine Schar singender und musizierender Engel
zu zeigen. Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme:
»Sie« -- seine Dorfleute meinend -- »glauben, daß er mit solcher Liebe
an der Erde hing, daß er sich nun nicht losmachen kann; und sie würden
gewiß nicht erstaunen, wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit
himmlischen Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn« -- er lächelte --
»wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen ist die alte
Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das Wunder das liebste Kind
_jeden_ Glaubens ist.« Er verstummte, auf das schwärzliche Netzwerk der
nächsten Lindenkuppel deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin,
als sei sie gefangen. »Sie singt nicht,« sagte der Gute, »alle Sänger
sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich, --« setzte er
verständig hinzu, »viele sind ja noch nicht zurückgekommen, doch haben
wir mehrere Meisenarten allein, die überwintern.«
Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist er mir mit dem
Lehrer weit voraus, und so mag er lange bemerkt haben, was mir entging.
Auch zeigte alles sich so frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den
Lindengang hinab und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich
vorbereiten auf Tod und Totes. Allein -- was war nun das, was wir fanden
im Haus?
Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr
bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte uns leise und führte uns
durch ein großes und mit weißen Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen
den Bücherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so
einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten
Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, --
sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern
zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wächsern und lang in hohen
Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar
verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend
in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch,
wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur
Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; der Deckel
lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein
Vater das Tuch fortnahm.
Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner
ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wächsernen Gelbe,
zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das
Haar und der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hände
waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefüllt mit
stumpfem Blau, starrten sie nach oben.
Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa
stand weinend und zuckte die Achseln. »Wer sagt denn, daß er tot ist?«
murmelte er dann erschöpft. Ich fragte: »Der Arzt ...?« Er schüttelte
den Kopf und bat uns, ihm zu folgen.
Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den Flur und öffnete
eine Tür an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet
vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben großen,
quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden,
durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe Sonne in
prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor
seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von
uns drei großen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die
beiden Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich
glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache
Gemach mit weißer, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue
Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Möbeln aus den zwanziger Jahren,
Schreibsekretär, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im
Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er
stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen
Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem
einzigen Düsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit
eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles
umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glühendem Rot überzogen. Fee
oder Göttin, dachte ich, was für ein Wesen mag das sein, dem dieser
Feuerschrein als Behausung dient? -- Und noch, während ich den Papa auf
Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt
und Züge einer flüchtig gesehenen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit
Namen Renate.
Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite und enthüllte die
sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt eines schönen,
anscheinend blonden Mädchens in weißem Kleid, das uns aus groß offenen,
hyazinthblauen Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den
Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso
hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne
Bewegung, ohne Blick.
»Aber sie ist nicht tot?« hörte ich die Stimme meines Bruders sehr tief.
Mein Vater verneinte stumm. Wir traten näher.
Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht als alles. Die
Starrheit der Augen beeinträchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond,
sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte
gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei blieb, dann
tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre
sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war
unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und
durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände und
bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen
Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, daß es mir dort innen
erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, blutrot gefüllt; in einer Figur
aus gesponnenem Glase.
Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; kaum zu
bewegen.
»Was ist mit ihr?« fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater
hörte ich das leise Klirren der Glastür und sah ihn ins Freie treten.
Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hände auf die
Tischplatte vor sich gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr
anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten.
Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch in dem Garten
stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, weißwolkiger Obstbäume,
blühende Zweige zu Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief
haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich
gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, -- so
hübsch, wie gesagt, so lebendig, daß ich ihm ernsthaft wünschte, als
Pfarrer hierherzugehören, anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was
ihm doch nie recht gelang.
Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine letzte Frage: »Was
ist mit dem Mädchen?«
Er sagte: »Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb -- der Arzt
sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen -- er starb unerwartet
gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, als er noch atmete; da saß sie schon
fast wie jetzt, nur furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie
verlassen. Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon den
dritten Tag. Und«, er stockte, »ich fürchte mich, ihn zu begraben.«
Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen der Lebenden
und dem Toten? Und ich wiederholte ihm die Worte des Lehrers vom
Nichtfortkönnen des Toten.
»Muß mans nicht glauben?« murmelte er gedankenlos, ich weiß nicht auf
welchen meiner Sätze als Antwort.
»Der Arzt?«
Sei ratlos wie er selber.
Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei zweifellos sehr
innig gewesen.
»Das innigste!« Nun wurde er beredt. »Sie lebten jeder nur dem Andern
und durch den Andern. Ihre Mutter starb ja, als sie zwei Jahre alt war.
Mein Vater hatte ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im
Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem Mädchen, seiner
Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, Güte und Würde. Er
war einer der tiefsten Menschen, und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich,
in seiner Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter
uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. Stelle sie
dir vor --, eine andre Cäcilie.«
»Vermutlich also«, fragte ich in plötzlicher Eingebung, »spielte auch
dein Bruder die Orgel?«
Er nickte.
»So muß man«, sagte ich, »die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.«
Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich
darauf komme?
»Willst du spielen?« fragte er nach einer Weile.
»Leider«, mußte ich bekennen, »ist mir die Orgel ganz fremd. Es müßte
auch ein Stück sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstück vielleicht,
und ich lese, wie du weißt, keine Noten.«
Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der
Kirche sei.
Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, so ereignete sich
das Seltsame, daß die Orgel ertönte. Klar auftretende, lang gezogene
Töne kamen herüber, andre Stimmen mischten sich präludierend herein,
noch leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller Macht
breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges Herze, frohlocke sing
scherze! wundervoll jubelnd in die Lüfte. -- Später erfuhr ich dann, daß
der Lehrer, dem es eingefallen war, das »Leibstück des Seligen«, wie er
sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern
schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt hatte.
Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir die befremdliche
Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenüber -- in der
linken saß das Mädchen -- den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der
Rücklehne, seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie
unbeweglich.
Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste.
Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, daß diese
Beiden einander so verhaftet waren im Leben, daß sie sich nicht
losreißen konnten; daß nun die Lebendige hier angeschlossen war an die
Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des
Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenkönnens
und Nichtlebens, -- so mußte es einen Weg geben, das magische Band zu
zerreißen. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer
gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub für die
Welt? Sie blieb unverändert.
Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wälder legte sich wie
ein dunklerer Strom über das schon versinkende Licht, und als er
verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende
Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Weiß nur
die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten.
So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für den erschöpften Papa die
Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende
Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich
eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der
Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen,
ihr zugewandt, die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe,
starräugig im Dunkel.
Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir
stets klar, daß in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr
zarte Kräfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das
Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im
Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes
Rätselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine
Kraft zu gebrauchen.
* * * * *
Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem Tode des alten
Mannes. Es ist nichts verändert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst
wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen
gewaltsames Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich sein könnte,
würde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen,
bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich
gab. Die Luft aber in diesem Haus --, sie kommt mir fast reiner als
anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft das
Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit
verbracht, in der Nähe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die
keinen Laut hören lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen,
das augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, kamen und
gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des
Aderöffnens; hatte er danach auch das Mädchen beobachtet, so hüllte er
sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin
ungewöhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist
abzusehn, -- bei meinem Dämon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes
und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich
hineindenke: Allmächtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann:
Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen keine die
Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hören durch die ewige
Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier
Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum
Hades, Psyche, dein Weg?
Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen,
die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der
sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt,
in dieser Aufgabe verfing, -- davon zu schweigen, daß kein Andrer
vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während mein Vater
hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft
herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach -- die übrigens gar nicht so
verstört scheinen, sondern vielmehr als verstünden sie sehr gut, was
hier vorgeht --, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung
halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, -- tagein und tagaus, nachtein und
nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er
schläft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; später, als
wir Milch und Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit
in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille,
sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube
daß er ist, muß ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte es
ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber --
* * * * *
Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend
saß, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklärte -- ganz
ruhig übrigens, beinah sanft --, er verlasse das Haus für eine Weile und
würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden
vorüber; auch dieser schön ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die
Ungewöhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.
Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen
hüllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu
kommen.
Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel.
Erasmus mußte die Wege in der Gegend von seinem früheren Besuche her
kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum
einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe
haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg,
der durch die Weingärten zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle,
bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden,
dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht
mehr Montfort heißen, wenn er nicht vorhat, das starre Geschöpf in den
Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist
vernünftig, die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, Zauber, --
wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den Strom versenken, und was
auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatürliche Band wird
zerreißen, und wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig
aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht
ich und fühlte das Kostbare der vom Rhein herüber hauchenden Luft von
fast feuriger Kälte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich
mich zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte.
Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der Mond, ein kaltes
Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin
strömende Fläche, rastlos erfüllt von einem andern als dem Geiste der
Feste, -- zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken
hinunterführte. Der Schattenriß eines langen Kahns war dort unten. Die
kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen öde. Mein Bruder
senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie
liegen konnte, seitwärts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir
eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, aber weiter
unten im Strom eine Furt. -- Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf
und am Ufer niederlegte, erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls
das Mädchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und
ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern zurückgehen würde.
Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten
Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmäßig
einmal über das andre die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder
heraufholte. Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten ihn
treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den
Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten später hörte ich den Kiel
auf Steinen knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut und
watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hüfte überstieg; ich hob
die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer
ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt,
bleich und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb
Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein floß durch die
römische Provinz; wir senkten geheim ein Götterbild in den Strom,
letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre.
Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert vom
einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen
begann. Dann hörte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende,
die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs überm
Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr würden diese jetzt kahlen
Hügel überschüttet sein mit den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige
Glut alles überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel einer
unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom -- -- bei
halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht,
Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms,
glänzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und
daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. Ganz mächtig im Eisigen
dieser Flut spürte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner
Seele, und so tief, daß es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die
Götter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.
Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, -- der schöne,
leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschöpft, übergeneigt
aus dem Wasser, die Fäuste im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß
er sie in Blut baden möchte.
In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse an, als ich sagte,
daß man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Roß oder
jungfräuliches Rind geopfert haben würde. Die Unselige dauerte mich
wahrhaftig, und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während
wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein
mittelalterlicher Quacksalber würde ihr längst eine Ader geschlagen
haben und womöglich das Rechte getroffen.
In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus
verständigt sein mußte, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein
kleines weißes Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tücher bereit
hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen.
Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein;
weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans
Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn.
* * * * *
Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß sich, das Begräbnis
für morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute
strömen in Scharen herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates
fernzuhalten, wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach
jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie anglüht rastlos mit
brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner
Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke
um die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich
erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts weiß und nichts ahnt,
was dann?
Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem
sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hülflos. Ich greife mir an den
Kopf und frage, woher das Ende kommen soll?
* * * * *
Und da ist es, das Ende.
Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor
dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei überzeugt, ich werde
es dir nicht vergessen!
Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines
Falles und sah, daß die Sonne noch über den Rand der Erde nicht herauf
sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre
Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan
schläft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem
Vater zusammen. Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn
strauchelten, liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das Mädchen,
Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen können: sie sitzt dort, aber
nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am
Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie
atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, ihre Wangen
glühten, kleine Perlen standen in der Nähe des Haars. Als die Sonne da
war, konnten wir sehen, wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles,
scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines
schlafenden Kindes.
Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem
Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war
wieder schwer.
Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim
Fortgehn dort zusammengefallen sein mußte, und ihn mit vereinten Kräften
treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief.
Später am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft,
schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, daß ich mich
abwandte.
Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug eilen konnten, ihn
einzusargen. Schön war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer
der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn,
entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die Orgel
überlaut _Te deum laudamus_ brausen. In die Haustür tretend, sahn wir
den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt
von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Händen und
weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die
Orgel übertönte. Mir fiel ein, daß es gut sein möchte, wenn der
löwenhafte Zerreißer jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette
zerrissen hätte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns
herumgehen ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!<
* * * * *
Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem
Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie
ohne ihr Zutun geraten war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, die
Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter
den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing,
eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst
ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen und
namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder und wiederum
väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht
einmal sie zu denken wagte; unzähligen seiner Auslegungen um den Kern
seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige
Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus dasitzen,
ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter noch in der Hand, nichts als
ergeben, -- und mit einem zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am
Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder als
hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, weiter in der
ganzen wütenden Not und Mühsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des
Gebärens, wälzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum
Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, -- und endlich
mit einem reißenden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich,
fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut.
Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug
sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch ungläubig, -- trug sie durch
einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein
stiller Mönch, und sagte: »Mach du mich rein!« Ihre Knie beugten sich
tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der
Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hände brannten von Eifer und
Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und
so lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte:
»Ich will dich lieben!«