Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst sehr müde. Mit
einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, daß sie nicht schlief,
erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich
auch, daß Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach
dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt --, ja, daß sie zuerst gesagt hatte: In
mein Zimmer! Sie hatte die Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen
sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Körper
schien Ähnlichkeit zu haben -- und vielleicht auch die Seele, -- mit
einem von betäubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos
geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren
Kopf nicht zu fühlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da,
nur äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies -- sie wußte es
wohl -- diese Leichte, diese Wärme, das war alles wie damals; damals als
er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte
... Daß sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde,
wußte sie, und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen
hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas
kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell
draußen von entferntem Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im
Fenster zur Linken -- sie war etwas geblendet -- befand sich ein
menschlicher Schatten: Erasmus.
Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, ja, die ihr
ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer Müdheit mit einem
unendlichen seelischen Behagen gesättigt war. Eine von innen quellende
Wärme, die duftete und an die wundervolle Wärme eines uralten
Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen
Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte,
sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu können, aber das
Gewebe der Wärme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend
auf und nieder, daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren
Atemzügen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein
Licht.
Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der
Steppdecke, mit der sie bedeckt war, über die Wände mit ihren vielen
kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an
Erasmus haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter.
Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht
ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte,
und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz
im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf
den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermüdung und großer
unbewußter Würde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen
ihres Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß er
sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien so überaus
unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an
sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt war; die Oberlippe zu lang
wie die Nase, die obendrein eingedrückt war; und nun erst diese zwei
unmäßigen Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen
gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen
war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das
mißfarbene Haar war dünn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und
Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange
Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden
Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es
gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen,
klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da
war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner.
Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich auf, im
Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl für diesen Menschen, und
nun überrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang.
Ach, die schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war und nun an
vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut,
daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise
nichts als: »Nun?«
Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd mit einem
Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend war ihr dann das innerliche
Dröhnen seiner Stimme, als er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie
etwas wünsche.
»Befinden?« sagte sie, »gut. Und wünschen möcht ich gern, daß du dich
wieder hinsetzest wie eben.«
Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht aufstützte und
Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen des Fensters legte, erhobenen
Haupts, und diese Haltung von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch
besser. Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu lieben, ist
das Leichteste von der Welt.
Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich sacht, schwebend
und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme Weise geteilt in Nähe
und Ferne, so daß es eng war um sie selber und alles andere fern, und
daß sie niemals mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut
zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig.
»Und nun, Erasmus,« bat sie nach einem Weilchen, die Augen schließend,
»mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt gleich. Ich will dir sagen, wie ich
es meine.
»Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis. Gott schickte alle
Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß er sterben müsse, aber er weigerte
sich. Da kam Gott selber und begann, ein Grab zu graben. Und während er
dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.«
Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von diesem Vorgang keine
Darstellung gab, sah sie deutlich die alten, dunkelgrünen Kacheln mit
den undeutlich gepreßten Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge
sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit dem Fuß auf
den eingestemmten Spaten.
»Nicht,« fuhr sie fort, »daß ers wüßte, -- denn er wußte alles. Nicht
daß ers wüßte, sondern daß ers einmal von Angesicht zu Angesicht
erführe, so wie's gewesen war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es
ja gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen könnte,
sagen: Also war es ...«
Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und sagte nach einer
Weile, während seine Augen schwer wurden und angestrengt unter der Last
der Stirn: »Ich muß wohl. -- Es wird schwer gehn.«
»Ich will dirs abfragen«, sagte sie sanft, und er nickte langsam vor
sich hin.
»Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was du hast. Ein sehr
schönes Ohr. Aber das andre wird auch so sein. Hier --« sie zog mit dem
Finger den Umriß in die Luft -- »hier oben ist eine sehr schön gebogene
Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen ist sehr lang
und gerundet.« Ja, wie schön, dachte sie innerlich, in einem so
unvollkommenen Gesicht eine so vollkommene Sache; vielleicht gilt
überhaupt nur die und das andere gar nicht! »Es ist genau,« schloß sie,
»wie ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.«