Georg

Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer

heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen auf seinen alten

Schreibtisch legte, -- wozu war nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden

wir das? Hat das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige

Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche Reden, wir selbst uns

durchsichtiger, besser, einsichtiger? Ach, so kurz ist dies Leben, und

wir vertun es, wir verprassen -- ach -- oh du mein uralter Vers: Wer

wüßte je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht davon

verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren! Ah freilich, und

du, mein Platen, was ist denn nun dein geschliffenes Sonett mit nichts

als seiner trüben Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr

wert als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht? Und wenn

klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas geholfen?

Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit den Schwellungen der

Ochsenaugen; auf derer einem ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos

und schwerfällig im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte, als sie

schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren Schrei. Der leichte

Schleierfall des Regens war nur vor den Fenstern drüben sichtbar;

sichtbarer kaum als die Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die

überallher aus halbgeschlossenen Augen blickte.

Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht war es wirklich

zuviel verlangt von dem armen Benno, ahnungslos vom Schlaf aufzustehn

und über alle Gottheiten Roms zu verhandeln.

Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja nicht einmal Renate

mehr vermißt. Du guter Geist, könnt ich dich halten! -- Und Renate? So

war es immer: ich wollte Renate -- und wollte auch Esther. Wollte Renate

und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna wieder, und wieder erscheint

diese Ewige, an der ich festhänge, seit ich sie sah, und werde ich

jemals aufhören zu schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören

können? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?

Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders geworden. Ich sehe

anders. Grade an Anna, wie ich sie dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung,

merkte ich -- wie war es nur? Umfassend -- ja, und -- wahrhaftig, es

ist, als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen gehabt, so

daß ich sie an alles ganz nah heran halten mußte, und ich sah Einzelnes

nur und Kleines, jedoch übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich

zurückgetreten, freistehend und nun das Ganze umfassend?

Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, das war der

letzte Brief der Cornelia, in dem sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu

ihm zurückkehren könne, nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu

holen. Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. -- Georg

versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem Umschlag, von den

eigentümlich geworfen, ja geschleudert und achtlos aussehenden

Schriftzügen wie stets mit dem ganzen Gegensatz ihres bestimmten und

geordneten Wesens betroffen, -- Georg versank für Minuten in Gefühle

wehmütiger Sehnsucht.

Sie war schlank und grade; der Gang schlank und kräftig; das Haar glatt;

die Augen rund, kindlich die Stirn, und sie war die Einfachheit selber.

Einmal sagte sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was

ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid in allem; was

sie äußerte, war klar; ihr Urteil war, in Wort und Wendung und Sinne

nichts als vernünftig, sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die

höchsten Dinge betraf. Nüchtern, -- ja, das war sie; von jener

Nüchternheit, welche Hölderlin heilig nannte.

Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige sein, was sie

jetzt tut? -- Dann wünschte ich nur -- o der Satan hole diese

Verstricktheit der Welt! --, dies Tun wäre ihr vorgelegt, als sie den

Montfort verlor, anstatt daß sie sich erst an mich hängte ... Wie lieb,

wie sehr lieb wurde sie mir! --

Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich, was diesen

schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin gezogen hatte. Sie aber war

unter dem sengenden Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher

Klugheit und fester Süße gereift, die -- die er gekostet und verloren

hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit einem Seufzer aus seiner

Schwermut und legte den Brief fort.

Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, und er öffnete es

in der Erinnerung, grade über seine Art zu sehen darin etwas bemerkt zu

haben. Sein Blick traf alsbald auf die Worte:

>Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. Ich will aus dem

Brunnen, Eimer um Eimer, die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem

das Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher damit füllen,

und dann will ich ihn trinken. Wohlan, wenn ich das Gift überlebe, so

werde ich keines Todes mehr bedürfen.<

Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so pompös? Warum so viel

Geste? -- Er blätterte weiter, kopfschüttelnd, indem er sich auf den

Rand des Schreibtisches setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle

festgehalten:

>Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller Bücher. Aber was

sehe ich da? Ich bin ein Bastard wie dieser Niels. Wir haben unedles

Blut alle Beide und haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden

Throne, weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. Usurpatoren

des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung, die wir machen, die

Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der Unrechtmäßigkeit. Wir -- aber ich

habe es noch etwas schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du,

Niels, hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...<

Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten Zeilen, fiel Georg zu

gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes in den Aufzeichnungen hatte

suchen wollen, und daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar

Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen, und wieder

auf das Geschriebene gerichtet, fing sein Blick die Überschrift

>Erinnerung< auf. Darin mußte das stehn, was er suchte. Er konnte nicht

loskommen, dachte: Anna kann warten -- und: bei dem Regen!, tastete nach

seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon lesend, zu

rauchen, und las nun, fliegender Augen, in immer kälterer Erregtheit.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 189 / 240 题