Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen und hörte erwachend
noch schlaftrunken Mathilde, die einsame Winterfliege, in der Dämmerung
umhersummen, friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette
pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu nennen, oder
einfach Mathilde.)
Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen Dämmerung und dem
Wärmestrom aus dem Ofen mich an etwas ähnlich Behagliches, und als ich
suchte, fand ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem
Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, es war warm und
geheizt, ich hatte einen Roman im Schoß vom verehrten Scott, es war
Sonntagnachmittag nach dem Essen, die Familie war in den
Sonntagskleidern erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser
auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als Wochentags und selten.
Nun war alles still geworden; nur über den Flur aus der Küche tönten die
Geräusche des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder, schon
lange hörbar und doch kaum gehört unterm Lesen, fernher die unendlichen
schmetternden Roller eines Kanarienvogels.
Ach, diese Behaglichkeit, -- wie alles Behagen nicht ohne einen geringen
Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als ob man gleichzeitig ein Durstgefühl
hatte, nicht stark genug, um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben,
und auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden waren solche
Stunden, was war ferner als der nächste Morgen, Schulgang und die fünf
end- und trostlosen Stunden!
Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges Behagen! Das
frostklappernde Aufstehn im Dunkel verlor seine Peinlichkeit alsbald im
freundlichen, sehr hellen Licht der Gashängelampe, in dem alles warm
wurde, eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen Minuten,
wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen des Zähneputzens
und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, während des Anknöpfens der
Hosenträger, wobei die Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno
nebenan war -- vielleicht aus dem gleichen Grunde -- nichts zu hören, so
daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung kein Mensch.
Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge beschreiben, der
allerkleinsten, jener, die jedem bekannt sind, so daß man nur daran zu
erinnern braucht, und die doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa
-- reizvollsten Behagens ach warum nur? --, mit dem man beim Anziehn der
Beinkleider zwischen den Schenkeln durch nach hinten faßt und das Hemd
straff nach unten zieht, so daß man es am ganzen Rücken und auf den
Schultern fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das reine
Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische, fertig mit allen
Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und nun über den nackten Leib zu
streifen! Oder die nicht minder hohe, nachts mit einem brennenden Durst
zu erwachen, ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch zu
tappen und dann dazustehn und lechzend aus der vollen Karaffe ... Ah,
wahrlich, nicht unfroh bin ich, das bürgerliche Dasein kennen gelernt zu
haben! Werde ich auch jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern
und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes vergessen, jenen
abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung heute die ganze Welt
versüßt?
Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete ich Benno und
seine Eltern in den Sommerferien in einen Badeort an der Ostsee, Zempin
glaube ich, hieß es, und unvergeßlich blieben mir die stillen,
sonneglühenden Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen
das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die Untertassen
gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd getöntes Klirren. Dazu
unaufhörliches und eintöniges Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich
denken, wie sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete
Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene Seifendose und
die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln liegen, und es riecht nach
Juchten ... Ein Abend im Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer
meiner Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus und hielt
ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht hoch, Irisgläser, die
persischen Federkästen, Porzellangruppen und was es nun war, fragte
tausenderlei und erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie
als Kind zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher aber
für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte. Sie nahm sie aus
einem Portemonnaie von Perlmutter, so groß wie ein Auge ...
Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie allein, die
dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich nichtig sind. Sie sind es,
an die man sich erinnern kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder
des Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung
zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft machen, da mir in diesem
Augenblick doch jenes Feuer, jener Odem fehlt, der sie damals beseelte?
Aber die unspürbar leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, des
abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen des Fingers
wieder schwingen, und wir nehmen sie gerne auf.
Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein sehr stiller Raum,
sonnig bei geschlossenen Vorhängen, von dem ich übrigens nichts sehe,
als daß er eben da ist. Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden
Seite kniet auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über der
Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen weiße Bogen und
jene wunderbaren kleinen Hefte voll mattfarbiger, undeutlicher Bildchen,
die aneinanderhängen, -- Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna
und ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem Papier
festzudrücken und -- zu warten. Dies Warten war unmöglich! Immer wieder,
mit unsäglicher Behutsamkeit mußte ein Zipfel angelüpft werden, und
immer war es noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder Wasser
daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, und dann -- ja, wie kann
ich nur meine eigne Haltung, meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit
dem ich den eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna so tue,
als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch genau sah, daß ich die
zarte, bunte, naßglänzende Haut darunter angerissen habe ... Anna
natürlich war die Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch
sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich.
Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der Geschwindigkeit eines
Vorbeifahrens, über drei Stufen an einer Hausecke durch die offene
Hälfte einer Tür aus geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank:
ein Stück von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen der
Theke und dahinter das rote Gesicht des Wirts unter einem Öldruck der
Kaiserin; er streift von einigen Biergläsern den Schaum mit einem
kleinen Brett ...
Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum in aller Welt grub es
sich in mein Gehirn?
* * * * *
Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag lang bis zum Einschlafen
verbrachte ich gestern mit Grübeln über jener Erinnerung, umsonst. Heut
morgen fällt mir beim Anziehn ein -- in der Stunde, wo man nichts denkt,
und das Denken sich selbst überlassen wirkt --, daß ich in der Nacht von
der armen Helene träumte, und sofort sehe ich mich auf der Fahrt nach
Helenenruh an ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des
Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, ganz gewiß hat
auch etwas in mir, während ich das von den Abziehbildern schrieb, an
Helenenruh gedacht, an Helene und an ihren Tod.
Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des Erinnerungsvermögens
nachgesonnen, und mir ist folgendes klar geworden:
In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef Montfort hatte,
stellte er unter mehreren anderen die Behauptung auf, daß der Mensch
nichts je Erlebtes vergäße und an alles, wenn er nur wollte, sich
erinnern könnte. Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir
gegenübersitzen, wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die
Erregung auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon hielt
ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein erlebtes Bild
Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun von uns:
leidenschaftliche Erregung. Gleich machte ich einige Proben: Damals die
angstvolle Erwartung auf der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes
Bild und noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich denke niemals
an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick am Vortage meines
achtzehnten Geburtstages zu sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in
mich hineinsprach, das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die
Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, Fenster, Wände und
Bilder des Klassenraums, alle tausendmal gesehn in der täglichen
Angsterwartung, stehen vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die
geringste Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß
Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen Wartens die
stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern besitzen; angstvolles
Warten, wo wir im brennenden Verlangen nach der einen Gestalt tausend
Dinge mit glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil wir sehen
müssen um jeden Preis, die Augen festklammern müssen, fiebernd uns mit
Dingen beschäftigen. So erscheinen mir doch immer, wenn ich Renates
gedenke, nicht einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der
Güntherstraße, im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite
ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals her, als ich dorthin
lief, nur gepeinigt vom Verlangen ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung
sind es, die ohne unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung
Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern vorwegwirkend,
denn in solchen Zuständen _wollen_ wir sehen, obschon nicht das, _was_
wir sehen.
* * * * *
Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen beschäftigt,
mir selber unvermerkt auf der Suche nach Zuständen der Erregtheit und
Bildern daraus, und indem ich immer die Probe machte auf das erste,
augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine Corpszeit,
und siehe da, was stellt sich mir dar? Das Speibecken in der Toilette,
freilich immer benutzt zu Zeiten übelster Peinigung. Verfluchtes Ding!
Daß so das Sinnlose zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der
Gewißheit, in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von sich zu
geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde von Münchhausens
halbiertem Pferd.
Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in
Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gestützt. Damals malte
er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir hatten
dann ein Gespräch in der Nacht, und -- gewiß, wir sprachen auch vom
Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da
sagte er: nein, das sei vorläufig nichts für ihn ...
* * * * *
Heut sah ich Esthers Gespenst.
Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht
stürmisch; der Himmel bewölkt und grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor
mir auf, weibliche Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch
wundere über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach jedem
dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht nach innen schlägt.
Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer
unseligen Versunkenheit und -- sehe sie in plötzlicher Biegung dem
Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden.
Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen.
Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlüssig, traurig ...
Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See
gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe
noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur
fortgenommen.
Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und sah wieder den feurigen
Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in
angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können würde,
und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ...
Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell für
die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich
selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten
stand sie mit Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir
herauf und ich ihn wieder hinunter, -- noch glänzt mir ihr lächelnd
erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug,
kommen Sie herunter! -- und ich hatte die meines Wissens einzige
Anwandlung von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in
die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh schöne Zeit, die mirs
lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich hätte nach Helenenruh fahren
müssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage
liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal
sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu
können und nicht unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte
außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn und durch die
Ösen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich
zwei eben stellenlos gewordene Inder, Türsteher eines verkrachten
Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten
überall hintragen mußten. Das war einen Tag schön, dann standen sie
überall im Wege, und ich gab das Ganze auf.
Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und
Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er
sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in
seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach ihr vor ihr
stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen!
Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno über die ewigen Dinge.
Leicht genug mögen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer
waren, so war doch das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund
aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer
erwartete, und kam es nicht oft?
Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es
eigentlich komme, daß er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage.
-- Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald
ich es einmal getan habe? -- Ach, ihr Männer, sagte er, da niemand eine
Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die
Frauen nicht um vieles wärmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es
sage.
Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason
spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in
jenem Augenblick, daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl waren,
und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von
andern Dingen angefangen hätte, wie das immer zu sein pflegt, wenn
Wahrheiten vor der Tür stehen.
Nun sehe ich Dora Vehm, -- was ward aus ihr? -- Ich sehe sie beim
Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel für Kinder, sondern lange,
schwere Hämmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft,
Anmut und Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen
andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es eine Wonne war, sie
dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah Ägidi, der
ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.
Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten,
ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als daß ich sie habe, aber wie
geht es zu, daß fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören
lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich
gekritzelt darauf:
Halbgöttinnen gehn am Gestade, -- das stahlblaue Meer
Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße.
Salzluft bereift der roten Lippen Süße,
Gewänder flattern farbig um sie her.
Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. Renate und Magda waren
zu Bogner gekommen, es war ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf
meinem Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah sie am Strande
alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und Cornelia. Sie hatten Schuh und
Strümpfe ausgezogen, Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging
voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten allesamt weiße
Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken, Renate eine burgunderrote,
Magda eine grüne, Ulrika eine violette, und ich konnte durch das
Fernrohr feststellen, daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren,
Magdas, stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die Drei im Rund
meines Tubus unten stehn und zu mir heraufwinken, flatternd, farbig,
lachend auf dem weißen Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus
der die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende
Fische spülte ...
Meine letzte farbige Erinnerung. -- Allein warum behielt sich mir das
Heitre so oft?
Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches kann allein die
Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann nicht nachschaffen aus Nichts,
was damals erglühte, so geht der Vorgang selber unter, und es bleibt nur
das optische Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war.
Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, seltsame Monde
selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos ...
Wenn die versunkene Stadt -- in der Nacht der Erlösung -- sich aus den
fallenden Wassern erhebt, -- tönen die Glocken wie vormals ... Wandeln
wie vormals die Straßen, -- und die kindlichen Spiele -- tun es wie je
den Erwachsenen gleich.
Doch es blieb ein Vermächtnis -- aus der versunkenen Jahre Gram -- auf
den seltsam alten -- Gesichtern zurück. -- Und es beleuchtet ein fremder
Mond -- Turm und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach.
Während rings aus dem riesigen Meere die alten -- Gestirne steigen und
wieder schaun, -- was niemals altert. -- -- Wo keines Segels ernster
Schatten, -- kein Vogelflug nach der düsteren Ferne strebt.
Anders lächeln von Fenster und Tür -- Mädchen auf Knaben, -- und anders
der Alten Schritt -- über die steinernen Treppen und Höfe schallt.
Mädchen, die Sträuße tragen, -- atmen befremdet den Duft, der von
gestern erzählt ...
Im Schweigen der Glocken -- hören sie Alle -- ängstlich und deutlich --
das schwellende Dröhnen -- der kommenden Flut.
* * * * *
Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, fuhr ein
unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang
und stellte mich mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg
auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo
ich meine Kindheit verlor.
Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner
gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer
war. -- Noch sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben,
sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tür seines
Stalles zu, und ich selber stehe da und -- ich vergaß, was ich dachte,
aber -- es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor
dem gänzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der
Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen
hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder
Geburt. Da lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich
heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte -- ja, was wußte ich
wohl? Daß ich nun alles wußte, das wars.
Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- Zurecht fallen die Verse mir
jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand,
da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am
Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib >erkannt< hatte; wo
meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht
empfand, -- wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer
unverständlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum,
echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz.
Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, die tafelnden Arbeiter
im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung.
Während es dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu
füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu
erhellen schien. Immer genügte die Anschauung, und sooft ich es selber
sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie,
und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus
beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch genau, und mir selber in
jener Nacht brannte das Herz vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn,
heut, wo es zu spät geworden ist.
* * * * *
Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der
Aufzählung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl
nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich
viel von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch.
Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja
schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der
Aufzählung mit drangeknüpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll,
aber war das der Zweck des Erlebens? -- Und er sah sich selber
herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen
Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm über dabei, -- aber jetzt, da er
die Lider schloß, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im
Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und
Haar, Wangen und Brauen und endlich -- Georg erbebte -- auch der Blick
der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig
beglückenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages,
eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. --
-- Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm
nachblickend, während vor seinen wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach
erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das
tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete?
Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun
hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hülfe, auf Umkleiden
verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und
Schirm und eilte hinunter.