Magda

Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das Haus durchwanderte,

befand sie sich in einer Weichheit ihres ganzen Wesens, die jeden

Augenblick überfließen zu wollen schien. Das Hungergefühl war

verschwunden, obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fühlte, als sie

von früheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun wollte sie

sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr, wie sie verabredet

hatten, das Grab der Herzogin besuchen, und dann würde sie allein sein

den Tag über, würde es können, würde vielleicht Hoffnung, Glauben,

Zuversicht, ach, vielleicht alles von neuem schöpfen aus den ewigen

Augen der einzig heiligen Gestalt.

So öffnete sie denn die Türe des Gobelinzimmers, ohne sich zu erinnern,

daß Magda ihr gesagt hatte, sie frühstücke dort; aber schon der erste

Blick auf den Tisch mit Speisen, an dem Magda und Benno saßen, bereitete

ihr kein Gefühl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus, was sie

denn etwas mutvoller machte.

»Schade, daß du so spät kommst!« rief Magda Renate zu, sich umwendend

nach ihr, die sie hinter sich eintreten hörte. »Georg ist eben gegangen,

nachdem er eine kostbare Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz

niedergedonnert, Benno und ich.«

Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den großen Glasscheiben ihr

gegenüber, hinter Magdas Stuhl, über deren Schultern die Hände

hinabreichend, die gleich ergriffen wurden, und legte eine Wange auf das

weiche Haar unter ihr, die Augen schließend im Wunsch, so einzuschlafen.

Aus der Ferne hörte sie so Magdas Stimme nach ihrem Nachtschlaf fragen

und erwiderte leise: »Gar nicht! Ich hatte einen schönen Traum; er war

unendlich lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.«

Das wären die besten Träume, meinte die Freundin tröstend, und sie

setzte sich nun an den großen runden Tisch und starrte mutlos auf ihren

Teller und die unterschiedlichen guten Essensdinge, die ihr Ekel

erregten, und die sie verschwommen kaum sah. Magda erklärte Egloffstein,

daß Renate nichts zu sich nähme. Die hörte währenddes Benno sagen:

»Ich glaube, er hat etwas gegen mich.« Er neigte sich beteuernd zu

Magda. »Glauben Sie mir, ich fühle es, und ich weiß auch, von früher

her, daß in meinem Wesen etwas sein muß, das ihn reizen kann. Er ist ja

auch viel männlicher als ich und stärker --« schloß er bedrückt.

Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende Antwort nicht mehr

verstehend, und sah ihn wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lärmend

erschienen war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug, ein

andermal sich zurücklehnte und lachte, dann wieder in breiter Hoffart

gleichsam erstarrte, schien ihr dieser häufige Wechsel sich auf eine

Umgebung zu beziehn, die gar nicht da war, die er vielleicht sonst

gewohnt sein mochte, und so, als wollte er sagen: Lockerheit!

Ungebundenheit, ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen hatten

sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, -- ja, dessen Art, nur

nicht ganz fertig.

Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken. Sie hörte

Magda etwas sagen, mußte jedoch fragen und hörte nun erst ihre Stimme

von fernher näher kommen:

»Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht sehen kann. Ist er

nicht sehr verändert? Ist er nicht breiter geworden? Oder ist das

Einbildung? Ich rede von Georg«, schloß sie leise erinnernd, als ob sie

gefühlt hätte, daß Renate fern war.

Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine Augen vor sich

gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: »Ja --, er hat ja nun

solche Pferdeaugen.«

»Pferdeaugen? wie meinst du denn das?«

Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es meine. »Früher«,

sagte sie, »hielt ich seine Augen für grau. Nun sind sie erstaunlich

braun geworden, dazu sehr stark, -- nicht quellend, nein, gläsern, und

gerade bei heftigem Feuer können sie so etwas Starres haben wie die von

Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie neu geschliffen oder

stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob du ...«

Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte, fuhr jetzt empor

und rief halblaut: »Wie war das? Bilden sich wirklich die Königsaugen?«

Dann lachte sie leise und meinte: »Er bekommt sie schon noch einmal,

aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen seines Vaters?

Königsaugen, anders lassen sie sich nicht nennen. Manche haben sie

immer, Andre zuzeiten. Papa konnte sie machen, Klemens konnte sie haben,

auch Bogner, wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und

verständig, von oben und sehr durchdringend, -- sind sie so?«

Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so wären.

»Jetzt wirst du denken,« fing Magda nach einer Weile wieder an, »daß ich

ihn verkläre, aber das tue ich wirklich nicht. Eben zum Beispiel hat er

wieder eine halbe Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts

weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich dann schweigsam

und bin vergnügt. Aber seit uns Li, als du krank warst, aus den

Erinnerungen der Markgräfin vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an

den Kronprinzen Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, nein,

solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht gewesen! Nein, ich

meine nur den Tod Kattes. Da gab es die plötzliche Wandlung, und nun, --

was bei Friedrich der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater«,

schloß sie behutsam.

»Ich weiß noch,« fing sie wieder an, »damals, als er dich besucht hatte,

im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig. Armer Benno, Sie habens

auch gefühlt. Und was sagte er noch gestern abend, Benno, von den

Bestien, wie wars?«

Benno zitierte beglückt: »Das Richtige ist, alle Menschen für Bestien zu

halten und bloß jedem, der einem ans Herz kommt, so viel Leiden

zuzutraun, wie man selber zu sich genommen hat.«

»Zu sich genommen hat!« wiederholte sie, »herrlich! Ja, so ist er, so

sind sie!« rief sie ganz heiß. »Von Friedrich heißt es auch, daß er ein

solcher Menschenverächter gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre

zu trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem Verächter, können

einen zu überhaupt nichts machen, wozu man nicht die Anlage hat. Das ist

ja alles nur Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich

ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch Saint-Georges zum

Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu reden, -- und dann muß man raten,

daß sie es ganz scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, -- das

ihnen dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe ich

wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten hat, nun aber

viel zu hochmütig ist, um es für etwas Wichtiges zu halten, und so

verachtet er in Bausch und Bogen das Leiden und sich und die ganze

Menschheit. Ich versteh ihn so gut!« schloß sie triumphierend.

Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör. »Und was soll nun

daraus werden?« fragte sie matt.

Magda hob die Achseln und seufzte.

»Vorläufig hoffentlich gar nichts!« meinte sie dann »Je weiter der Weg,

desto besser. Du hättest nur hören sollen, wie er vom Christentum

sprach! Daß es eine Religion der Liebe ist, scheint er noch nie

vernommen zu haben.« Sie seufzte wieder und schüttelte sich.

Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und brachte vor, was ihr

einfiel: »Josef sagte einmal, ein Messer wäre auch nur da geschliffen,

wo es seine Schneide hat, und doch sei immer das ganze Messer ein

scharfes, geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den Menschen,

-- ich weiß nun nicht mehr ...« Sie verstummte unter dem plötzlichen

Gedanken, ein paar Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während

Magda aufleuchtend einfiel: »Natürlich, so ist es ja mit Georg! Er ist

immerfort, immerfort geschliffen worden, nur weiß ers nicht, weiß nicht,

daß er an der Schneide geschliffen worden ist, und nach Jahren

vielleicht, wenn er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers

plötzlich und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja das

einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt; nur was am

Grunde liegt --, ach, dafür hat ja uns Allen ein guter Geist den Blick

entwendet, wie wollten wir sonst leben?«

Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre Hände im Schoß

hinabzublicken, doch liefen und kreuzten sich unablässige Wellen in

ihren Zügen und machten den Mund ganz wenig zucken. Und schließlich

begann sie mit tieferer Stimme:

»Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen giebt, die das Schicksal

sich aussucht wie Lasttiere, nur um ihnen immerfort aufzuladen, über

Vernunft? Oft mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen

war, brannte es sich mir ein, denn -- wie ist das mit mir und Georg?

Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, war immer nur er. Warum

denn? Warum diese Gebundenheit an einen Menschen, für dessen Dasein sie

gar keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte er, es sei ihm

während der vergangenen Jahre oft schwer gewesen an mich zu denken, in

einer solchen Einsamkeit sei ich ihm immer erschienen. Das war ja

deutlich. Es hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte --

ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu sehn. Ich lachte ihn

ordentlich aus und erzählte ihm dies und das aus meinem Leben, wovon er

keine Ahnung hatte, von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor

Menschen, die alle etwas von mir wollten, -- nun, das weißt du ja, aber,

siehst du, von alledem ahnte er nicht das geringste, er wußte nichts von

mir, gar nichts ...«

Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während sie das letzte

sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen versuchenden Schritt, senkte

den Kopf, besann sich und setzte sich wieder.

»Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage«, fing sie ruhiger

wieder an. »Vor einer halben Stunde bat ihn der Hauptmann um eine

persönliche Unterredung, und da hatte er natürlich auch keine Ahnung,

daß es sich um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen und er

mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. Der Hauptmann ist

auch dumm, er geht zu Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf,

aber da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst nichts

sagen!« rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, »ich weiß nichts,

und wenn du nicht still bist, heirate ich ihn sicher nicht!« Verstummend

ließ sie Renates Hand los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor

gesammeltem Ernst, während sie langsam und schwer sagte:

»Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle kamen zu mir, aber

er kam nicht, -- und muß ich nicht annehmen, daß ich ihm viel hätte

geben können, da es doch für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich

war reich an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren nicht

sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben und mich Leben

empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem Leere empfand, so war auch die

Leere von ihm. Und obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,«

schloß sie aufleuchtend mit den blinden Augen, »so will ich doch immer

glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend etwas heilt, und

daß es sein muß, alles, für mich, und für ihn, und für die Welt.«

Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand dann eilig auf, sah

einen Stuhl neben der Glastür, setzte sich darauf, legte das Gesicht in

die Hände und weinte aus Leibeskräften.

»Ja, was ist denn, was hast du denn?« hörte sie Magda fragen, »warum

weinst du?«

»Weil ich,« stammelte sie schluchzend, »weil ich vorhin gesagt habe,

Georg hätte Pferdeaugen!«

»Das ist entsetzlich!« sagte Magda.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 188 / 240 题