Das runde Gobelinzimmer, in dem früher gespeist wurde, jetzt der
Frühtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten an ein Aquarium
infolge des Regenlichts in Glastür und Fenstern. Rieferling stand dort,
in Zivilkleidung wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand
gedrückt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn adressiert, und
zog es aus der Tasche, von Birnbaum. -- Georg las: Eintreffe mit Schley
und Kurier mittags Birnbaum.
»Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist beängstigend. Er weiß, daß ich
nicht gestört sein will, es muß also etwas mehr als Dringendes sein.
Kann er denn überhaupt reisen?«
Der Hauptmann meinte, er habe ihn bei seinem letzten Besuch schon ganz
wohlauf gefunden; er habe stehen und gehen können, nur Mund und linkes
Auge seien ein wenig schief gewesen, -- wiederholend, was Georg schon
wußte. Überdem öffnete sich die Tür, und Anna trat ein, Georg fast
erschreckend mit Lichtheit, in einem blaß lachsfarbenen Kleid, das ihn
an ein andres erinnerte, von einem Tage, nach dem er noch suchte,
während er auf sie zutrat. Heiter lächelnd sah sie so frisch und leicht
aus, daß er den Arm um sie legte und sie auf die Stirn küßte.
»Nun, gut geschlafen, Georg?« fragte sie und ließ sich zum Tisch führen.
»Danke, vortrefflich. Du bekommst Besuch, Anna, dein Onkel Birnbaum
kommt mit Schley.«
»Wie herrlich! Egloffstein! Egloffstein ist doch da?« Der Alte, jetzt
völlig schief, aber mit noch vollendeter Lautlosigkeit, war hinter ihr
eingetreten mit einem Regenkragen und einem Strauß weißer Rosen, die er
auf einen Stuhl legte, und bediente jetzt am Tisch. Sie bat ihn, gleich
in der Küche Bescheid zu sagen.
»Was für ein hübsches Kleid du anhast, Anna!« lobte Georg, um von
Birnbaum abzulenken, »so -- so geburtstäglich!« fand er auf der Suche
nach einem Wort, und sie freute sich sichtlich. Ihre Kleider mache nun
alle Renate, erzählte sie, und Georg empfand einen leichten Stich des
Vermissens und der Erwartung.
»Und du, Georg,« fragte sie nach einer Weile, mit langsamen Bewegungen,
die Georg etwas nervös gespannt verfolgen mußte, sich mit Butter und
Gelee aus den Dosen versorgend, die Egloffstein dicht um ihren Teller
geschoben hatte, »wie fühlst du dich in Helenenruh?«
»Ach, geärgert hab ich mich!« versetzte er möglich saftig und munter.
»Schon wieder?«
»Nicht nur >schon wieder<, mein Kind, sondern sogar aus demselben Grunde
wie gestern abend!«
»Ach, Georg, wie kann man so nachträglich sein!«
»Nachträglich? Das verstehe ich nicht! Ach so! Als weibliches Wesen
nimmst du die Dinge persönlich. Nein, im Gegenteil, gestern sah ich die
Sache nicht einmal so schlimm. Sag, ist es dir nie so gegangen? Zum
Beispiel, man lernt abends einen Menschen kennen und findet ihn
erfreulich; am andern Morgen steht man und denkt: was war doch das für
ein ekelhaftes Schwein? Oder man sieht im Theater ganz zufrieden ein
Stück, und hat mans beschlafen, sieht es völlig dumm und verblasen aus.«
»Oh ja, Georg! Es kann aber auch umgekehrt sein, wenigstens ists mir
schon so gegangen mit Menschen, die ich beim Kennenlernen gar nicht
besonders fand, und dann, am andern Morgen lächelten sie mir zu, und ich
war froh, sie bekommen zu haben.«
»Ja. Aber ihr seid auch komische Menschen, du und Renate. Sitzt da und
sagt nicht Muck und habt doch ganz gut gewußt, wer im Recht war!«
»Aber lieber Freund, der gute Benno war doch so glücklich mit seiner
Oper!«
Georg wollte zischend auffahren, beherrschte sich aber angesichts ihrer
heiteren Blindheit. »N--nja,« bemerkte er dann, »laß du nur die
Menschheit sich mit Mist zudecken bis an die Augen und sage: daß bloß
keiner sie stört! sie ist ja so glücklich!«