»Nicht nur heut morgen, mein Herz, sondern alle Tage bin ich das. Hast
du mal drei Wochen lang mit lauter Narren und Borstigen regiert? Dann
sei mal nicht schartig!«
»Ja, du hast nun einmal kein Christentum.«
»Nein, Anna,« bekräftigte er mit scharfer Betonung, »das habe ich
freilich nicht!«
»Du wirsts noch lernen.«
»Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut morgen erwachte,
mußt ich mich fragen: Wozu dies und alles andre, tagein, tagaus? Weißt
du eine Antwort? Weiß das Christentum eine? Ich fand da meine Hände zu
voll, um nach Antworten zu greifen, aber -- -- ich muß zugeben, daß
etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie aufstehn wollen, Sie sind den
ganzen Tag Ihr eigener Herr!« Er sah den Hauptmann sich erheben und
nickte ihm zu, während Magda die Hand nach ihm ausstreckte. Nach einem
kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal am Tage eine Minute in
eigener Angelegenheit sprechen zu dürfen, und ging.
»Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen göttlichen Odem. Aber ich
glaube, daß er an uns vorübergeht. Er ahnt gar nicht, daß wir sind.
Unser ganzes Treiben, ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern
ganzen Leib wundenbedeckt saugen ließen mit diesen Wunden, so könnte ihn
das um kein Haarbreit ablenken von seinem Weg durch die Welt. Wir müssen
allein fertig werden.«
»Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?«
»Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und an den Kinokassen
Spalier stehn? Oho, Anna, bist du der Meinung, daß es eine einzige
Religion gäbe, wenn kein Leiden wäre?«
»Ja, warum auch sonst, Georg, warum?«
Georg schwieg im Gefühl, daß sie jeder nach einer andern Richtung
sprächen. Er sah sie dasitzen, einen Arm flach auf dem Tischtuch,
während der letzten Minute mit kleinen unsicheren Aufschlägen der
gesenkten Augen, im Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll
schien. Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle
Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen Ausdrucks an
jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum Tastendes war in ihren Bewegungen,
und nur genaueres Hinsehn konnte gewahren, daß sie etwa, um nach der
Tasse zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann die Finger
ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den Teller daneben mit einem
Ahngefühl seitwärts lassend, zur Tasse. Schön breit lag nun ihre Stirn
unter dem mittwärts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar,
dessen lockere Bäusche über den Schläfen ein liebliches Kapitäl formten.
Übrigens war es dunkler geworden und ihre ganze Erscheinung, wie Georg
sie umfaßte, heute schöner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war.
»Nun, Georg, was denkst du?« hörte er sie fragen, erschreckt inne
werdend, daß sie dasaß und all die Zeit nichts sah.
»Wie schön aber deine Singstimme geworden ist!« sagte er liebevoll, und
ihr Gesicht glänzte auf. »Ich bin erschrocken gestern, als ich hörte,
wie tief sie ist!« Er fand keine Lobesworte mehr, die ihm einfältig
erschienen, schwieg und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die
Stimme eines Menschen, der die nicht sieht, für die er singt. Sie will
niemand bezaubern, sie gebärdet sich nicht, sie geht ihres geraden
Weges, um Gottes willen.
»Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben?« fragte sie derweil.
»Religion eine Panazee für das Leiden. Und das ist mir zu wenig. Liebe
Anna, ist Leiden das ganze Leben?«
»Nach der christlichen Auffassung --«
»Die ich nicht teile! Für das ganze Leben sollte sie sein, für Tun und
Lassen, Gut und Böse und -- Sieh, da ist Benno! Guten Morgen, Benno!«
Georg stand auf und ging dem Freund zu möglichst herzlicher Begrüßung
entgegen. Er schien unglückliche Augen zu machen, wie stets, war aber
munter, noch ganz rot vom Waschen, und erschöpfte sich in Verbeugungen
bis zum Tisch.
»Setz dich, Benno, iß, trink und überlege dabei den Sinn des
Christentums.«
Jedoch Benno entschuldigte sich. So früh am Morgen ...
»Freilich, Benno,« mußte Georg sofort zubeißen, »über Gott und Glauben
läßt sich immer noch abends und übermorgen nachdenken.«
Benno begann langsam, von Egloffstein bedient, dem er für jede Frage und
jedes Zureichen besonders danken mußte, zu essen, streifte Georg dann,
der aufrecht dasaß, durch den Raum nach draußen blickend, mit einem
unglücklichen Blick, legte die Weißbrotscheibe, ohne sie angebissen zu
haben, auf den Teller zurück und meinte, das Christentum sei wohl
vorwiegend eine Religion der Armen.
Magda beeilte sich, zu sagen, Georg habe sich die ganzen Wochen her mit
Geschäften geplagt und wolle nun ...
»Vorwiegend!« bekräftigte Georg, ohne sie ausreden zu lassen,
sardonisch. »Wie triffst du nur immer den Nagelkopf! Wer aber nicht arm,
wer hingegen reich ist, wie du und ich, was macht der?«
»Nun, wenn ich vorwiegend sagte, meinte ich mehr: ursprünglich.«
»So. Ja, das waren allerdings die Armen, das heißt die Elenden,
Zermalmten, Leidenden, die diese unmännliche Religion erfanden.«
»Unmännlich, Georg?«
»Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine weibliche
Angelegenheit, Benno, hast du's nie bemerkt? Wenn ich einen Tenor sehe,
wie er den Mund verbiegt und eitel süßen Schmelz aus sich zieht wie
Syrup mit dem Löffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die
Kirchen am Sonntag sieht man gefüllt mit Frauen, die ihre kleinen Seelen
ganz süß und dumpf fühlen, wenn sie singen. Überhaupt jeder übermäßige
Musikbetrieb -- entschuldige schon, Benno! --, aber besonders männlich
hab ich ihn nie finden können.«
Benno krümmte sich und meinte, das sei vielleicht eine große Wahrheit.
Aber die Musik sei doch --
»Ich bitte, mach mich nicht wütend, Benno, ich rede vom Singen und
Musizieren und nicht von der Musik! Dies Hervorziehen der fühlenden
Seele, dies Modulieren und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des
innersten Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf
abscheuliche Weise unmännlich. Musik ist nicht männlich und nicht
weiblich, sondern göttlich, aber drei Dinge sind verschieden: Musik,
Musik Hören und Musik Machen. Außerdem hab ich das Ganze nur
symptomatisch gemeint.«
»Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums? Die
früheren Gottheiten entstanden doch nur -- gewissermaßen -- aus Furcht.«
»Naturgötter, richtig, aus Naturängsten. Nun betritt einmal Rom etwa im
zweiten Jahrhundert oder im ersten. Da hättest du es gepflastert
gefunden mit Götterstatuen aller Völker, die sich allesamt überboten und
infolgedessen aufhoben. Ängste gabs keine mehr, da die Menschen sicher
in behaglichen Wohnungen saßen, und doch hatte jeder Tag, jede Stunde,
jede Eigenschaft und fast jede Handlung ihren kleinen Gott, und zum
größten Schaden gabs die Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst,
vor dem Wahnsinn der Kaiser nämlich, an die schon der Einfältigste nicht
mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie Pater erzählt, aus
dem Scheiterhaufen fliegen und dann verkündigen ließen, die kaiserliche
Seele sei sichtbar zu den Göttern heimgekehrt. Übrigens da ich Walter
Pater erwähne, fällt mir ein, daß damals besonders der Äskulapkult
blühte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die Angst vor
Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war damals die Religiosität
verkommen in dem langsam verkommenden Reich des Überflusses, und damals
erwachte, unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend, mit
der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens oder nicht?«
»Natürlich, Georg, aber --«
»Und da haben wir wieder die Unmännlichkeit. Das Weib bekam das Leiden
als Auftrag: sie muß gebären. Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie
lernte, sich als Opfer empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden
annehmen, ist nicht männlich, sondern männlich ist, es abwehren, es
befeinden, es bekämpfen, es austilgen wollen. Und was taten jene vorm
Kreuz? Sie beteten es an.«
Georg verstummte, überaus erregt. -- Was, dachte er, kocht mich denn so
auf? -- Aber schon mußte er fortfahren.
»Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt. Sie haben sich
innig mit ihm beschäftigt, haben es liebend hingenommen, haben gelernt,
daß Dulden göttlich sei, daß kein süßrer Lohn des Leidens sei als im
Dulden, anstatt daß sie anpackten und wegschafften, und sie haben
gesagt, daß es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund des Jammers,
sie in ihren Katakomben, und mit einem Schlag ist ihnen das ganze Leben
dahier aus der Hand gerutscht und zu einem traurigen Anhängsel geworden,
zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige nannten.«
Benno erseufzte. »Und wenn du recht hättest, Georg, so ist doch darin
nicht die ganze christliche Lehre enthalten.«
»Ja, worin denn noch? Kannst du mir sonst etwas Brauchbares zeigen?
Brauchst du denn Christus? Sieh dich doch um in deinem Leben, und
begegnest du ihm irgendwo, so ist Sonntag. Oder Kindtaufe, oder
Weihnachten. Wochentags ist er nirgend.«
»Aber nun verrennst du dich, Georg! Das sind doch die Menschen und nicht
die Lehre.«
Georg sprang auf und stieß den Stuhl unter den Tisch. »Ja, du, Benno,«
rief er, geschwollen von Gift und Hitze, »du wirst mich freilich niemals
verstehn! Was soll denn eine Religion, die bis zum Wahnwitz überhängt
nach der einen Seite, und aus der die Menschen auf der andern Seite
nichts herholen können für ihr tägliches Leben. Weil sie nicht aus
wahrhaftigem Leben kam, diese Lehre, sondern aus krankem, vergiftetem,
weil sie eine Panazee wurde, ein Allheilmittel, eine Kopfsprunganweisung
über den Tod, weil sie, mit einem Wort, nichts anzufangen wissen mit
ihrem Leben. Und ich, wenn ich einen rechten Glauben bekommen hätte, mir
wärs besser ergangen.«
»Meinst du das, Georg?« fragte Magda leise.
Plötzlich fühlte er seine Augen heiß, es übermannte ihn, er ergriff ihre
Hand und küßte sie lange.
Dann hörte er sie sagen, ob es noch regne; sie habe ihn bitten wollen,
sie zum Grabe zu bringen, -- und er ging zur Glastür und stand dort eine
Weile, in den leiser fallenden Regen blickend und sich kühlend. »Ich
glaube, es wird bald aufhören«, sagte er, sich wendend.
»Hat Egloffstein«, fragte sie, »meine Sachen hereingebracht? Es muß dein
Buch dabei sein, das mit deinen Aufzeichnungen von Hallig Hooge, ich
wollt es dir wiedergeben.«
»Ach, hast du's gelesen?« Georg sah das Buch unter dem Rosenstrauß, ging
hin und nahm es an sich.
»Noch nicht ganz. Li hat mir daraus gelesen, hauptsächlich das von
Bogner, und ich wollte dich bitten, mir selber noch draus zu lesen.
Vielleicht heut nachmittag, magst du?«
»Aber gerne, gewiß! Ich will mich nun eben etwas regenmäßiger anziehn
und komm dich dann holen.« Im Vorbeigehn mit der Hand über ihre Achsel
streichend, ging er hinaus.