Charfreitag, sagte Georg stumpf und verständnislos vor sich hin, als er
des Morgens gebadet und angekleidet zum Fenster trat. Der Regen fiel
lautlos und nebelhaft, er entdeckte mit einer bitteren Wehmut das Alte,
unter sich den Hof zwischen den Schloßflügeln, die Terrasse mit
plätschernden Stufen, den Rasen und die altersschwarzen Dächer und
Ochsenaugen, naß und traurig vom Regen.
Das sieht traurig aus, murmelte er, weil ich traurig bin, und spürte in
allen Gliedern die Zerschlagenheit von der schlaflosen Marter der Nacht.
Sich wendend, gewahrte er die nächtlich beschriebenen Blätter noch offen
daliegend, empfand Ekel und drehte sich weg. Da der Regen, dachte er
ingrimmig, weder traurig noch heiter fällt, warum, o Himmel, warum muß
das so sein und warum bin ich so eingerichtet, daß ich ihm Traurigkeit
ansehe, weil mir elend zumute ist? Warum kann ich nicht sein wie der
Regen?
Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das erschütternde
Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher und fremder als jedes andre
geklungen, und ohne seinen Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es
sagte, gleichsam eine Lücke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf ihm
fremder biblischer Erinnerungen, -- und später im Leben der niemals ganz
zu begreifende Schauder: Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte,
die Gräber taten sich auf ...
O Christus, warum bist du gestorben? Für wen, für was starbst du denn?
-- Georg suchte vergebens, dachte: Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der
Schuld? Ja, oder Erbsünde sagen sie, was ist Erbsünde? Nein, ist das
wahr? Wäre das möglich? Er litt, um die Erbsünde aus der Welt zu
schaffen, aber wir sündigen nach wie vor, und was soll denn geändert
sein? Wir sündigen und wir leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Sünder
sind, ist es nicht so, daß selber der grausamste, der teuflischste von
ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was brauchte es
Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Es
wird immer verworrener. Übrigens sind das Lehren, die nur die Andern aus
seinem Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie alles
gefälscht. Ich müßte nachlesen, aber ich glaube, ich habe selbst die
Verfälschung bereits im Blut und würde ganz andres herauslesen, als was
dasteht. -- Er grübelte weiter.
Hat er nicht allen Sündern Verzeihung und Barmherzigkeit verheißen? Was
verlangte er denn? Liebe und wahres Empfinden! Daß man sich reinige, daß
man strebe, daß man still und einfältig sei wie die Kinder, -- aber die
alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und Tauben, und
er selber sprach vom Himmelreich so, daß man doch glauben muß an -- an
ein Jenseits und -- -- Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus'
durchschweifend auf der Suche nach einem haltbaren Wort, aber -- ich
glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in Verwirrung gebracht.
Darüber endlich unwirsch geworden, mußte er heftig gähnen, empfand sich
so müde, als ob er nicht eine Stunde geschlafen hätte, und erinnerte
sich mit dem Gedanken an Magda, ans Frühstück, Renates.
Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er wußte nur wenig von
ihr, nur daß sie Furchtbares erlitten hatte, doch sollte sie ja ganz
wieder gesundet sein ... Dann hatte sie eine Sehnenentzündnng am Fuß. --
Früher, dachte Georg, hätte mich das, wenn mans mir mitteilte, ungefähr
so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt hätte, Artemis habe
Sehnenentzündung. Sie war keine Göttin, wars nie gewesen, wars weniger
heute als jemals, sie war hülflos, und er -- liebte er sie immer noch?
Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr süßes Gift wieder zu
wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos, aber er sehnte sich.
Neun Monate ist es nun her, dachte er, daß Vater starb. Allein -- liebte
sie ihn überhaupt? -- Er verbot sich diese Gedanken und empfand um so
stärker die keimende Hoffnung.
Alsbald entschloß er sich, sie zu sehn, warf einen Blick auf die Uhr,
und erkennend, daß es eben die Zeit war, die Magda für ihr Frühstück
angegeben hatte, machte er sich vom Anblick des Regens los und ging.