»Wie alle Reisenden,« versetzte Jason, »über das Meer. Über seine
beruhigten Flächen sind wir geritten auf schönen Delphinen mit Augen
gleich Sternen, die blickten und schienen, dieweil sie glitten. Ihre
Schwanzflossen, gebildet wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt.
Aber dies ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.«
»Ich glaubte, daß ihr Träume wart«, sagte Georg.
»Glaube, wir sind es! -- Wir kamen kraft eines geistigen Windes, jeder
ein Traum, und aus Traum ist der Raum, wo wir weilen.«
»Und warum kamt ihr?«
»Um zu heilen.«
»Und wie könnt ihr?«
»Du mußt dich mitteilen. Aber erst höre, wie dies sich begab. Wir
stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die Freundin, die du lange kennst,
und dieser Diener aus dem Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du
ihn nanntest, führt' uns zu dir, wir pochten, aber du gabst keine
Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend, aber deine Fenster
dunkel. Wir traten ein, und einer machte Licht. Da sahn wir gleich dein
schlummerndes Gesicht in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir
konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und wußtest von
uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden. Nun ist es tiefe Nacht,
du schläfst seit Stunden, du schliefst dich glühend an und wieder kühl;
es wurde sanft in dir, und dein Gefühl, das schmerzliche, stieg auf wie
Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie sprangen zart in lauter Lächeln.
Was einst Qual und Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart,
verwandelte sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten Träume, siehe sie
um dich versammelt, da du nun genesen! Die Freundin still und ernst,
stumm den Vasall, und mich, in Händen klar den Sprachkristall, und bunt
und immer lächelnd den Chinesen ...«
»Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur nicht so wunderbar
und --«
»Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war Mummenschanz, dieses ist
wahr.«
»Soll ich nun sprechen?«
»Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst du es brechen, wenn
es dir stillbar ist, daß du es stillst. Zwar ist der Teufel gemeinhin im
Zweiten ...«
»Wie soll ichs verstehn?«
»Beizeiten! Laß sehn: Was du allein weißt -- nicht wahr? -- das ist gut.
-- Gut ist es und echt. Weiß es ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, --
dieweilen es heißt: sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit
Reden, so wird es zerrissen, was bleibt für jeden? Die Hälfte, nicht
wahr? Und teilst du's mit Dreien, teilst es mit Vieren, mit Hunderten
gar, so wirst du's verlieren, und keiner hat was. Darum sagt der Chinese
vom Tao: Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hieße Tao geteilt,
aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der Reine, in die
Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen konnt er empfangen -- den
Zweiten, der mit ihm die Einheit sei.«
»Was heißt das? verzeih!«
»Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du allein besitzest in
Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes Ding ist ein Seraphim zwischen
Gotte und dir. Seine Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden
die Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen Seiten
unendlich ist, was könntest du halten, hielte das andere Ende nicht Er?
Aber gestützt auf diese Gewalten, auf Gott und auf dich, wird es keiner
zerschlagen und hat es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding,
so zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut geschah,
und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber teilst mit einem Dritten, so
wird auch Gott -- vergänglich ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich
bist -- zerschnitten. Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus
war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, doch Paulus war schon
schlecht, da er mit Christus war und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft
und Lehre, sei es rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards
Schwere und die Reinheit schon genommen. -- Bleibe mit Gotte allein!«
»Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?«
»Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden Hände zum Gebet,
auf deren Brückenjoch die Gottheit steht. So falte dich mit einem Andern
fest. Daß nur keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu
halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird Liebe genannt.
Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen kann ohne Grenzen und ihn aus
sich selbst ergänzen. Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder
erhalten. Nur hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren
geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen Augenblick nur und
nur um ein Gran -- weniger liebe, -- so bleibt Gott vollkommen, und die
Liebe vollkommen, und ihr selber vollkommen.«
»Ach, was ist vollkommen?«
»In Nachtgewalten -- In Taggewittern -- Sich süß erhalten -- sich nicht
verbittern!« -- --
Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann fuhr Jasons Stimme
fort:
»Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist sie die Verstörte und
Betrübte; sie geht umher und kennt sich selbst nicht mehr. Sie ist
geteilt in Leib und Seele, beide sind da und dort, dazwischen blitzt die
Schneide; es ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und
arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster leer. Sie fürchtet
sich, sie weicht den Menschen aus. Sie sitzt im Zimmer, das Gesicht in
Händen, sie schleicht sich manchmal in das Treppenhaus und tastet sich
durch Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen, sie stößt
Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen. Sie war vollkommen; nun
ist sie von Sinnen, und keiner weiß, wie man sie wohl erlöst.«
* * * * *
Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht dunkler geworden
oder matter. Wollte die Lampe erlöschen? Waren seine Augen trüber
geworden? Ach nein, in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen
Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate?
»Ich verstehe nicht!« stieß er hervor. »Was ist mit Renate?«
Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht in die Hände gelegt
hatte. Danach sah er den Hauptmann, sah Jason und den Chinesen, der
übrigens, wie er jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln,
aber zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune Augen
hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so alles umher natürlich
geworden schien, eines Glanzes entkleidet, so fühlte er es doch nicht
minder ernst, nicht minder tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig.
Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, sagte
Magda:
»Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist -- irr. Ja, sie liebte.
Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch einen Brief von ihm, in
dem stand, daß er sie seit Jahren geliebt hat, und daß es über seine
Kraft ging. Nun, da sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen.
Ich kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da war sie
schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im Schlafzimmer an der
Erde gefunden. Sie scheint sich vor uns Allen zu fürchten. Sie kleidet
sich, ißt und schläft, aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann
sie es wirklich nicht, denn sie stößt Laute hervor, die --«
Magda schwieg.
»Ich kenne sie ja,« begann sie von neuem, »sie hat eine andre Natur als
wir, und alles trifft sie ganz anders als uns. Immer schien sie kühl und
beherrscht, und so leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie
sparte alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun
scheint anzuhalten, und -- ach, ich habe ja immer gehofft, deshalb
schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit vergangen ist -- es
kam schon im Oktober --, mag dir das vielleicht sonderbar scheinen, aber
die Tage jagten dahin, und an jedem hoffte ich, ich würde morgen
erwachen, und alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht
erschrecken, denn --« Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen
konnte durch die Dämmerung -- »du liebst sie doch.«
»Aber nun wollen wir das lassen«, fuhr sie fort. »Ich bin ja gekommen
... Lange war ich ganz ruhig um dich, obwohl unsicher, aber was soll ich
tun? Ich muß ja nun immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam
nach Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, -- ja seitdem ist
meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich heute gepackt hat, und hier
bin ich nun. Verzeih, daß ich nicht allein blieb mit dir, aber -- wir
sahn ja, was dir aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich
fürchtete mich vor deinem Erwachen ...«
Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem Andern geredet. Er
dachte mit einem bittern Schmerzgefühl an Renate, und dann, wie er sich
sagte, daß sie stumm sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein
Springquell in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte er die
ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, und Angst ergriff ihn,
daß er hätte sterben können, ohne alles gesagt zu haben. Keiner hätte
ihn verstanden, er sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie
einen ausgegrabenen Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an dem sie
deuteten und alles falsch.
Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach war ihm wunderbar
ruhig ums Herz. Er begriff nun diese Magie. Daß diese Menschen in dieser
Stunde um ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so still
gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus ihnen und legte sich
um seine Sinne.
Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in den Händen. Da
erschien ihm schon alles zu Sagende in reinlicher Klarheit und als ob er
es besser verstünde als jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern
alles mitsamt der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob es nur
sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so leuchtend in
Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht, sie sprechen zu können.
»Ja, ich will sprechen,« sagte er, »ich will alles sagen, ihr Alle sollt
es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich recht hatte!«
Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich dunkler im Raum
geworden war. Jetzt blickte auch Jason in die Lampe und sagte:
»Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?« Und er neigte sich über die
Platte zu ihr und drehte sie aus. Es war Nacht.
Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten Worte gesagt, als er
sie nur noch mit Ohren hörte und wahrnahm, und indem er länger und
länger redete, schien es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein
Sinn, als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache, die er im
Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er begonnen hatte, wußte er
nicht mehr, denn alsbald waren ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge
aus seiner Kindheit in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch
einem Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie unendlich
wichtig waren und keinesfalls verschwiegen werden durften, -- daß er
nicht rasch genug seine Schlinge darum werfen konnte, sie zu halten und
zu beschreiben. So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie
augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein andres da,
bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und sprach, es kam vor, daß
er sich auf einer riesigen, abschüssigen Bahn zu befinden glaubte, die
er mit Sturmeseile hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste,
oder war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er glaubte, zu
empfinden, daß alles dies in einem Ewigen vor sich ging, und dann sah er
die Nacht um sein Haupt und da und dort den Schein eines Gesichts, und
er saß hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter Monde, und
sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein Strom. Jede Welle aber dieses
Stroms hatte ihren Sinn und Bezug und ließ ihn zurück wie einen
Bodensatz, -- und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren
Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf ihn verloren
hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da wars leicht. Plötzlich schlug
ihn Bangnis an, wenn er zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor.
In diesem Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen hatte. Er
suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war da. Er hatte alles
ausgeschöpft, und erschöpft saß er selber in dem Dunkel, das die
Gewöhnung seiner Augen in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah
wieder den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons Gesicht,
von Magda und vom Hauptmann.
Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? Was hatte er getan?
Was sollte das alles? Ach, es sollte wohl noch das Urteil kommen? Das
war ja alles nur Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor
...
Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar, die Flamme zuckte
auf und leuchtete, schwer stürzten Schatten in Masse von oben, und neben
Magdas von der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des
unwandelbar aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand reckten die
Schatten sich den obern entgegen. Da war der ganze, düstre Raum, und
Jason saß dort und näherte die Zündholzflamme der Siegelkerze im
Leuchter, die langsam erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es
in die Leuchterschale.
Magda sagte, tief Atem schöpfend:
»Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß du so gesprochen hast!
Dazu darf ich nichts sagen. Aber -- was du in alledem immer wieder
erkannt haben willst, das -- das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es
Wahnsinn!« Sie wandte sich hülflos um. »Sagt es ihm doch, daß es
Wahnsinn ist!«
»Warum?« sagte Jason. »Er hat doch recht. Wenn etwas Wahnsinn ist, ist
es weniger wirklich darum? Ist der Irrsinn für den Irren das Leben oder
nicht? Wahnsinn löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer,
wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese Weise wird ihn
wohl keiner überzeugen.«
»Ja, aber Jason ...« Magda gab ihn auf, wandte sich wieder zu Georg
hinüber und fragte bekümmert. »Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all
dies wirklich wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem Tode
wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?«
»Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ... Im Gegenteil, Magda, im
Gegenteil!« rief er gequält, »ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn
Leben, hundert! Muß ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier
habe? Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?«
»Welchen Brief?« fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm ein, daß der
Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag.
»Keinen Brief!« sagte er ärgerlich, »ich hab mich versprochen. Ja, nun
ist alles wieder da, Mißverständnisse und Versprechungen und alles! Wie
war denn das damals, Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da warst
du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen. Kannst du beschwören,
Jason, daß dir nicht wohler gewesen wäre, wenn --«
Jason lächelte vor sich hin. -- Georg fuhr fort:
»Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt es sich gar nicht!
Alldas war es nicht, sondern es war nur das -- das rasende Verlangen,
einmal heraus zu sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal
keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das brennen kann,
nicht los von etwas zu kommen, und daß alles zugepicht ist, alles
verklebt und vernietet ist mit diesem Leben? Und Tag und Nacht und Woche
um Woche kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch
diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus diesem Leibe, aus
diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber und -- ein Geist -- -- und
zur Stunde zu sagen: da bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja
alles wie Musik so unaufhaltsam und atemlos und -- zum Tollwerden, und
Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles anders sehn können als von
innen. Umkrempen sich und in den Winden sein ganz nackt und das Eis am
Leibe zu spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, eine
Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein schlechtes Zeugnis hat,
in die Speisekammer und hängt sich auf? Weil er eine Pause will zwischen
jetzt und dem Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.« Er
sprang auf. »Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was er ist!«
»Oh ich verstehe die Welt!« fing er gleich darauf brennend wieder an.
»Ihr einziges Verlangen ist meins. Der Schuster, wenn er einen Schuh
gemacht hat, der Dichter, wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine
Welt fertig hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas, in
dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In dem sie sich von
außerhalb ansehn können und sich herrlich finden. Man denkt, man will
sich befreien, jawohl, aber das will man ja nicht, man will nur ein
Stück von sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es
wegzuschmeißen wie einen Stein. Man will sich gefangen haben außerhalb,
und sich erlöst fühlen von sich. Und das ist die Erlösung der Welt! Das
ist die Form. Die Welt ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und
nicht durchdringen. Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir sollen es
lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt oder unbewußt, und ob
Tat oder Werk: da stehn sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist
drin in der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht mehr,
sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet es. Und
also, Magda,« schloß er heiser, »damit du mich verstehst: dies ist die
Aufgabe, für jeden und für mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos
unaufhörlich und unermüdlich in die Form.« Er fing, da er sie den Mund
öffnen sah, gleich wieder an: »Und ich kann es nicht, ich kann es nicht
mehr, ich sage dir, daß ich es nicht kann, denn ich kann die
Verantwortung nicht auf mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr
da!« schrie er wütend, »und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann?
Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt ist, alles in
dir, in deine Seele geformt, was dann? In Stücke muß dann die Form
wenigstens, in Stücke um jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in
der Welt ist, Ruhe!«
»Und der Selbstmord --« Er war ganz heiser, aber im Augenblick, wo er
Magda die Lippen bewegen sah, mußte er etwas sagen, und es fiel ihm
immer etwas Neues ein, »der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was ist
das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. Das ist keine Buße und
kein Loskauf, und das sind alles bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem
Leben überhaupt nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß
man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres mehr _da_! das ist
es, und es sind keine Gründe und all dergleichen, sondern man geht auf
Pflaster, und da fängt der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die
Obrigkeit das so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht
lebensüberdrüssig, sondern man _geht_ auf den Asphalt, weil er da ist!
Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag aus ist, und man ist
müde!«
Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte er sich wieder.
Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit:
»Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich schon früher
erwartet. Du wolltest schlafen. Nun -- hast du nicht? War es nicht eine
Pause?«
Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht nachgeben und
beharrte: es sei nun aber alles wie vorher.
Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand sein. Im Gegenteil, es
sei das Wesen der Pause, daß danach alles wie zuvor sei; sonst könnte
sie kaum Pause genannt werden, sondern Ende.