Hallig Hooge

Es war ganz dunkel.

Georg saß, die Hände auf den Knäufen der Stuhllehnen, ein wenig

vorgebeugt, als ob er lausche. Der Armsessel stand an der Wand. Nichts

bewegte sich. Es war still.

Als Georg merkte, daß er horchte, wußte er, daß unendliche Zeit

vergangen war, während er so gesessen hatte. Während dieser Zeit mußte

der Rest abgelaufen sein. Nun war nichts mehr.

Vor seinen Augen war das Zimmer dämmrig, obgleich die tiefe

Nachtschwärze in den Rechtecken der Fenster stand. Das Schreibbüro war

deutlich erkennbar, die weiße Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden

Tisches in der Mitte des Raums, die Lehnen der Stühle, schattenhaft

alles.

Und was war dies mit der See? Still, kein Laut. Georg erinnerte sich,

daß es mitten im Winter war. Vielleicht war die See zugefroren.

Er fuhr sich unbewußt mit der Hand über die Stirn.

Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so weit ...

Er lehnte die linke Schläfe gegen die rauhe Wange des Stuhls, plötzlich

zitternd vor Müdigkeit, und so saß er eine lange Weile, ohne Widerstand

gegen das immer wieder losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf

einmal flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles still.

So wirds gut sein, dachte er dankbar. So -- immer tiefer ... immer

tiefer ... dann ein kleiner Ruck, -- alles steht.

Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und lächelte.

Also ... ist noch etwas? dachte er mühsam. Abschied? Von wem?

Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias blickte traurig zu

ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, dachte er, findet sie sich mit

dem Andern besser zurecht. Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu

tun.

Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel verklärte sich.

Ach, oh, ich werde schlafen!

Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand auf, ging zum

Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend auf, nahm den Kasten heraus,

öffnete die Verschlüsse, und weil ihm die Finger bebten, mußte er an

einen Morphinisten denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller

grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, erkennbar und

wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, eigentlich aber ohne

Zusammenhang mit seinem Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte,

war die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin anders

vor.

Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, etwas zu denken, aber

nichts kam zum Vorschein. Keine Menschen, keine Erinnerung, auch keine

Schuld, so fest er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel

ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich vorüber war,

bemerkte er, daß er die Uhr gezogen hatte. Ja, ich will doch sehn, wie

spät es ist, fiel ihm ein; er klappte den Deckel auf und starrte auf die

kleine, bleiche Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen

auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, allein sie tickte

vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange den Kopf, um

herauszubekommen, ob Morgen oder Abend sei, aber umsonst. Er trat ans

nächste Fenster und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein. Von

den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt waren, fand er

nicht einen.

Übrigens -- dachte er -- eine sonderbare Stunde, aus dem Leben zu gehn:

ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, gemeinhin tun es die Leute zwischen

drei und fünf Uhr morgens.

Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, aber es war. Da er

seinen Kopf heiß und dumpf empfand, beschloß er, vor die Tür zu treten

und noch einmal nach dem Meer auszusehn.

Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit -- er dachte, das

ist wie im Traum! -- staunte er, wie milde die Luft war. Feuchter Dunst

berührte seine Stirn. Ach, dachte er, heute ist wohl dieser Tag im

Januar, wo der Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. -- Dann

ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand.

Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der Mauersteile unten,

stand, dunkel, ohne jede Bewegung. Unsichtbar regte sich dann ein Laut,

etwas klatschte leise an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte

zu Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn rührte. Nun

war alles wieder still.

Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, leiser als ein

Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, -- da liegt sie nun, unsichtbar. Er

starrte in die Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte,

und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem Odem ihres übergroßen

Wesens an. Ein wenig höher, wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas

quellendes Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß

eines Berges.

Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust; er mußte den

Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, Scham erfüllte ihn, auf

einmal bog sich sein Knie, er legte die Hände zusammen, kniete und

sagte, die Worte im Munde zerdrückend, zur Erde:

»Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen nicht mehr. Ich will

fort ...«

Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn glühend.

»Und ich danke auch«, sagte er. »Dank für alles! Du bist gut und schön.

Deine Abende und dein Frühling, die Amsel und alldas.«

»Viel gelitten,« sagte er plötzlich, »viel gelitten ...«

Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete es ihn wie ein

Schwert, ein grenzenloser Jammer, und er schrie in seiner Verlassenheit

ganz laut: »Mein Vater ist tot! oh Gott, mein Vater ist tot!«

Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am Deichfuße hin;

Georg ging mit leisen Schritten zum Turm zurück, schloß die Tür, ging

zum Schreibbüro und mit der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in

die linke Ecke lehnte.

Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein hinter den

Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, daß die Lampe brannte. -- Was

ist denn das? dachte er, wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen

Augenblick durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich

selbst entzündet, um ihn zu verhindern. -- Mag sie brennen! dachte er

dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im Zimmer sein sollte, wenn

er nicht mehr darin war, und auch, daß er nicht wußte, wann er sie

angezündet hatte. So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte,

daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem das Wort: Mutlos

stand, quer durchstrichen, worauf ihm denn einfiel, daß er das vorhin

geschrieben hatte und dazu wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es

sollte ein Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal

gelesen zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges Gedicht

machen sollte, vorm Tode, das würde dann außerordentlich werden. Es war

aber nichts geworden, und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon

früher eine Menge Gedichte gemacht. -- Er knüllte das Blatt zusammen,

aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden werden könne, zog er

es wieder auseinander, hielt eine Ecke über den Zylinder der Lampe und

wartete, bis es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch,

plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf, in dem er

geblendet das ganze Achteck des Raums taghell bis zu den Gesichtern der

Planetengötter unter der Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit

der sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der einer

Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der Wand, langsam

verflackerte die Lohe, ward es dunkler; endlich Nacht und am Boden ein

paar rote Funken.

Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast auf seinen Stuhl

zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke Schläfe an, und die

Müdigkeit überströmte ihn, daß es ihn schauderte vor Wollust des nahen

Schlafs. Prickeln bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen,

bewegte die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und lächelte. Von fern

zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. Er hob langsam die Hand, er

gähnte ein wenig, drückte sich fester an, -- nun kam die letzte, große

Woge, das Dunkel ...

Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia erschien plötzlich

im Zimmer, dann andre Gestalten; sie beschäftigten sich im Halbdunkel,

er wollte zu ihnen, vermochte es nicht, und unter einem rieselnden

Klingen wurden sie ferner und ferner ...

Georg schlief.

* * * * *

Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete Dämmerung

füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut. Auf der Platte des Schreibbüros

brannte die Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit

ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die Treppe aus

farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und freundlich sich zeigten;

aber unter die weiße, mild leuchtende Kuppel war ein Stück Papier in den

Ring geklemmt, das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht,

herunterhing und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich

schön anzusehn und von solchem Frieden, daß Georg lange Zeit die Augen

nicht davon abwenden konnte.

Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht allein war: im

Schatten, rechts neben der Platte des Büros war ein sitzender Mensch; er

schien die Beine übereinander gelegt zu haben und hielt den Kopf in die

Hand gestützt.

Und sieh! -- das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, vertiefte sich

in Georg -- der ganze Raum war ja voller Menschen! Ganz still waren sie

da, ohne Laut noch Bewegung. Wer waren die?

Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden Tisch saß eine weibliche

Gestalt; ihre bloßen Unterarme lagen flach auf der Tischdecke mit

gefalteten Händen; den Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie

schlafe oder bete, und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte

Furche ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars. Sie

schien ihm nicht unbekannt.

Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im Schatten stand ein Mann,

den Kopf geneigt, die Stirn in der linken Hand, als ob er sehr tief

nachdenke.

Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, leuchtete es

ihm von der Türe her strahlend blau entgegen, und äußerst betroffen von

Verwunderung erkannte er in diesem Blauen die seidene Jacke eines

Chinesen, der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, es war

Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch ausgeführt, bevor seine

Augen dorthin gelangt waren. Ein großer, grün und golden feuriger Drache

glänzte aus dem Himmelblau der Brust.

Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen Zustand, der ihm

zauberhaft deuchte. Sein Körper war ihm so leicht, daß er ihn kaum

fühlte, die Seele so frisch und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte,

aus Furcht, diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee.

Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, lieblich und wie ein

ferner Choral. Über alles Begreifen feierlich schien dies.

Augenscheinlich ein Traum.

Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf sein Erwachen

gewartet? Oder -- plötzlich graut' es ihn dennoch -- war er vielleicht

doch tot, und hier war nur seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert

und in dies Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, daß er

zugegen war? Die vielleicht um einen andern Toten trauerten? Oder um

ihn? -- Allein -- dies war sein Zimmer; im Turm, -- Hallig Hooge fiel

ihm ein und alles andre.

Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen Decke des

Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem er sogleich seine Pistole

erkannte. Und gleich auch, mit einer traumhaften Klarheit, wußte er, um

was es hier ging.

Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt, eigener Kläger

und Richter. Da es sich aber um eine Versündigung gegen Menschen

handelte, gegen Andre, so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn

urteilen und richten. Und zu diesem Zweck waren diese stillen Fremden

nun da.

In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter dem Tisch das

Gesicht, und er erkannte mit heller Freude Magda, die ihn anzusehn

schien. Ach ja, daß sie blind war, hatte er nur geträumt.

Indem richtete auch der neben dem Schreibbüro sich auf, und es zeigten

sich Jasons Züge und schwarze Augen.

Der hinter Magda stand, ließ die Hand sinken; es war der Hauptmann.

Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich darauf wurde

Magdas Stimme hörbar, klar, aber gedämpft: »Ist er erwacht?«

»Erwacht«, sagte Jason. »Er wird gleich sprechen. Wir wollen guten Abend

sagen, -- oder gute Nacht.«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 137 / 240 题