Georg beharrte weiter: »Sie genügt mir nicht!«

»Freilich,« versetzte Jason, »das ganze Leben genügt kaum. Wenn die

ewige Fermate kommt, war es immer zu wenig, und man versucht die

Ritardandos. Aber wir wollen nicht mit Worten streiten.«

»Die Ritardandos wären auch wohl das Letzte, was du mir nachweisen

könntest, nicht wahr? Aber du hattest ja ganz recht: es kommt vom

Mitteilen. Nun hab ich mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder

ein elend kleines Stück, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich

fühle mich längst nicht mehr ganz.«

»Und das liegt daran, wie ich sagte,« erwiderte ruhig Jason, »daß du zu

wenig Liebe hast.«

Georg fühlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte recht: die Andern

hier waren gut, Jason selber, Magda, der Hauptmann in seiner Stummheit,

und dieser rundäugige Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ...

Da warf er das Gesicht in die Hände, fühlte sich jämmerlicher

zerschnitten als jemals und wünschte sich den Tod.

Dieweil hörte er Magdas Stimme, entfernt, die von ihm sprach. Er wollte

nichts hören, verstand nur hier und da ein Wort, und es schien ihm, sie

sagte, er habe vielleicht bislang zu sehr sich selber und für sich

allein gelebt, zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, -- und von

seiner Jugend sprach sie, und daß er viel zu lernen gehabt habe. »Viel

mehr Möglichkeiten«, hörte er sie sagen, »als Andre, und deshalb mehr

Schwierigkeiten ...« Und zuletzt: »Sollte nun nicht alldas den Sinn

haben, daß du nun an die Grenze gelangt bist und -- ausgelernt hast, und

nun, was du für dich gewonnen hast, für Andre verwenden kannst?«

Georg fuhr verzweifelt wieder empor. »Aber Magda! Das ist es ja doch!

Warum verstehst du es denn nicht? Ich möchte mich ja verwenden, ich will

es ja so brennend, aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das

Volk, das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung für eine Million

übernehmen, wenn ich für mich selber ratlos bin? Und wer sagt dir denn,

daß ich ausgelernt habe, daß ich gelernt habe überhaupt? Ich hab doch

nur Schulden machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas!

Regieren ...« Er stockte. Etwas, das er während der letzten Jahre

hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit unterdrückt hatte;

was noch in den letzten Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpreßt

war; jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren, die sich

schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ... erhoben und im Schwinden

vor seinem Druck ein dünnes Lächeln der Selbstverachtung um seinen Mund

gelegt hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und unverhohlen

da, daß er sekundenlange nichts tun konnte, als sie ansehn.

Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du fühlst dich dazu

begabt und bestimmt, und wenn du das im Tiefsten deines Wesens, wo du

echt bist, nicht immer gewußt hättest, nur als Geheimnis vor dir selber

es wahrend, so wärst du ja eine Kanaille gewesen.

Die Erscheinung schwand langsam und ließ Georg in Verwirrung Magda

gegenüber, die sehr deutlich dasaß, zur Hälfte im Kerzenlicht, zur

andern im Schatten, und ihn ansah, so daß es schien, als ob eben sie die

Worte der Erscheinung gesprochen hätte. Da bemerkte er seine Verwirrung

und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr, und morgen bin ich allein

...

»Rieferling!« rief er plötzlich. »Nun sagen Sie etwas. Sie sind ein

schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen --« sich vorsetzend im Stuhl,

die Hände an den Knäufen der Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er

sie jetzt Alle fangen würde; »ich verspreche Ihnen,« wiederholte er fast

schmeichelnd, »wenn Sie das rechte Wort -- nein, wenn Sie nur ein Wort

treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit für mich finden kann, so

will ich ihr folgen.«

Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon im Vortriumph,

daß nun das gewünschte Ende für ihn nahe war, glühte er mit beiden Augen

den Menschen an, der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden

Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten, geordneten und

stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. Nach einer Weile sprach er

einfach: »Hoheit sollten es versuchen ...«

Ho -- -- heit ... tönte es echohaft in Georg nach. Er setzte sich im

Stuhl zurück. Ho -- -- heit ... Ein sonderbares Wort. Ho -- -- heit ...

sollten es versuchen ... Das war wieder so ein Ausweg, so eine

schwächliche Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man so

etwas, praktisches Leben -- das war der Ausdruck. Möglichst wenig

heroisch.

»Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...« würgte er endlich widerwillig

hervor. »Ich kann ja auch nicht mehr! Ich habe gelitten, gut, darüber

ist weiter nichts zu sagen. Aber alldas -- es muß doch ein Ergebnis

tragen, eine Erkenntnis, ein -- kurz ein Ergebnis!«

»Das Ergebnis des Leidens«, sagte der Hauptmann, seltsamerweise

errötend, »ist wohl, durchlitten zu sein.«

Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, er wisse selbst

nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß er aus eigner Erfahrung ...

Georg stand auf. »Du mußt todmüde sein, Magda, komm, geh schlafen.« Er

sah in diesem Augenblick, wie grau und zerfallen ihr Gesicht war.

»Rieferling wird Li alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.« Er

sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel nach sieben.

»Was ist das?« fragte er, »ist es jetzt wirklich Viertel acht?« Die Uhr

ans Ohr haltend, merkte er, daß sie ging, und der große Zeiger stand

auch genau genommen erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick

glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben Minute zu stehn

wie am Abend zuvor. Dann hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der

Nacht gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich und bewegte

sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen. Er ließ sie die seinen fassen

und litt es, daß sie sie liebkoste und an die Wange drückte, indem es

ihm beschämend und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu lassen, weil

er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte es nicht lassen,

dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen: »Nun gehts glücklich aus

wie eine Sitzung im Bürgerverein. Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr

alles eingereiht habt!«

»Ist es denn, Georg?« fragte sie, ängstlich zu lächeln bemüht, »ist es

denn wirklich?«

Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch meine Schuld, so

habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen! und sagte mit müdem Ton: »Es

scheint ja so. Du --« fuhr er zärtlicher fort, »warst ja immer bereit

zur Verantwortung.«

»Ja,« sagte Jason, »sie hat mich vor Teichen und Windmühlen bewahrt, und

deshalb saßen wir hier Alle zusammen. Gute Nacht, Georg!«

Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber zur Tür. Li

hatte inzwischen einen besonders langen, braungelben Mantel mit sehr

breiten Ärmeln übergezogen und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm

ihm Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern, worauf er sie

zur Tür führte. Jason wartete dort und nahm ihren Arm. Alle schienen es

eilig zu haben, als könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem

Hauptmann die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen in der

Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte er, daß es neblig geworden

war; die Nacht über dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht

eben winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern zu lassen,

während er die Gestalten in der Tiefe mählig verschwinden sah. Plötzlich

dann war alles leer.

Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte lehnte Georg am

Türpfosten. Was nun? -- Er kam sich zusammengeschrumpft vor und

erbärmlich klein. In seinen Schläfen pochte das Blut, nun stach es in

seinen Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt wandte er sich

zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem Brennen der fernen Kerze zu,

sah die Schatten der Stühle sich leise anheben, und plötzlich wurden sie

alle beweglich, ein Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von

drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen Gegenstand auf dem

runden Tisch Schatten werfen, seine Pistole.

Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm einfiel, wie

sonderbar das sei, daß weder Jason noch der Hauptmann sie an sich

genommen hatte. Das tat man doch! Als ob sie sich verabredet hätten! --

Ach, das ist elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten

sie mir nun die Hände binden!

Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider ein, was dann?

Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen eintreten zu

können, denn dann, dachte er, nimmt mich das Alte wieder auf, und ich

bin im Geleise. -- Er war allein; Nacht und Nebel --, das war geblieben.

-- Aber die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt der

Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst.

Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich langsam und ging,

stolpernd im höckrigen Grasboden, Schläfen und Augenwinkel zerstochen

von Erschöpftheit, nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach

unten begann.

Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit des Sandbodens

unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig, als er am Abend hier gestanden

hatte, war die Flut noch im Steigen gewesen.

Stufe um Stufe trat Georg nach unten. -- Ein Freund kalten Seewassers

bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich, aber -- das wird sich ja

wohl noch überwinden lassen. Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die

Tiefe ...

Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte hier weit

zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln vor Hallig Hooge lagen.

Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend, weil er im

Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit, die ihn peinigte. Als er die

Lider wieder hob, sagte es in ihm: Da! -- -- Da war es ...

Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, nicht mehr als ein

Schatten. Georg selber stand wie sein Herz. Das jagte im nächsten

Augenblick Wellen und Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen

seinen Hals hinauf. Ihn grauste.

Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam formten sich

Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling ...

Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch kommen ... Er

wartete ... Plötzlich hatte er mit großer Erleichterung das gewisse

Gefühl, daß der dort ihm den Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte;

es war der Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm nicht.

Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er vermochte.

Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg doch nicht mehr

sicher, daß er von ihm abgewandt stand. So versuchte er jetzt, sich auf

den Namen zu besinnen, jenen Namen, -- allein während das Grauen wieder

in ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war. Es lag auf

seiner Zunge, Georg stieß ... Al-- Albert ... Aldebaran ... Baldamus ...

Nein M! ein M wars. Ma-- -- Magus ...

In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, und Georg

flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung! -- worauf er sich einen

Stoß gab und vorwärts ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut

zeiget auch ...

Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich merken, daß er

nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß seine Füße -- er drückte mit

aller Gewalt --, nein, die Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten

gewesen war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie

knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich ihnen in

hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen Linie nach

rechts davonführten, und -- -- da war der Schatten wieder, bewegte sich,

glitt, auf derselben Höhe mit ihm.

Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte, wenn er ihn rief,

brüllte, so war alles verschwunden. Aber er konnte nicht, er ging, und

plötzlich war der Schatten weg.

Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es. Etwas Blinkendes

lag dort, ein Krokodil, -- das Wasser. Dennoch spürte Georg für eine

Sekunde eine Erleichterung. Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er

war. Er mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen, dachte er,

setzte auch dazu an, aber seine Beine waren schwer wie Säcke voll Sand.

Nun redete er sich Mut zu. Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da!

Du bist übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil mit

zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen,

hin und wieder strauchelnd, nur mehr sich nach rechts haltend, längst in

der Gewißheit, daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie

sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe, zwischen

ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte Nebel! Er sah nach oben.

Einen Stern! nur einen einzigen Stern!

Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. Er fühlte, daß

unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten und kalt über sein Gesicht

rannen. Er hatte zu nichts mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte

er nicht. Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich den

Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber.

Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt seiner Füße. Dann

zählte er: Eins -- zwei -- drei -- vier -- fünf -- sechs ... Irgendwo in

einer unsichtbaren Ferne war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das

Haus, die Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte weit von

ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein Ende nahm. Er glaubte,

alldas wirklich zu sehn, aber als er es ins Auge faßte, war da nur

Nebel.

Auf einmal -- er tat, als geschehe es unabsichtlich -- blickte er nach

rechts und bemerkte den Schatten dort etwas hinter sich, der ihm

nachging.

Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach rechts, gleich

mußte der Deich kommen, bald auch die Lücke, und er rechnete: sieben

Minuten konnten es im ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter

sich und --

Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das Wasser! Wo kam das Wasser

her? War er doch daraufzu gegangen? Oder -- nein, hier war eine

Buchtung, das Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, -- merkwürdig!

fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, versandet! besann

er sich und machte sich klar, daß er nun rechtshin am Wasser einhergehn

müsse, -- worauf er sich drehte, schon spürend, daß seine Füße

einsanken, im aufgeweichten Sandboden strauchelte und nun die Gestalt

grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt.

Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem weicheren Sand

dahinging, sich am Wasser haltend, so dicht er konnte, fing er an, sich

zu sammeln. Haha! dachte er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich

habe mich daran gewöhnt! -- Und er konnte sich nun wieder besinnen, ihm

fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr schön, der Chinese,

die Kerze vor den Schubläden mit glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit

Schatten gefüllt, die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich,

grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe und das Wasser zu seiner

Linken waren. Er ging weiter nach rechts, seine Eile verhaltend in der

Vorstellung, wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da

war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher, sie wollte

ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit aller Gewalt wegdenken, denn

das Grausen rieselte von ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der

Stelle seines Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen

ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich? Sieben Minuten

mußten lange vorüber sein ...

Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt, dachte er, die

Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen wir aber sehn!

Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine Weile, bis er

die Lähmung in seinen Fingern überwunden und die kraftlosen nach innen

gekrümmt hatte. Die Fäuste schienen ihm aber so locker, daß er die

Finger immer tiefer nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über

Erwarten heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte. Dann riß er die

Augen weit auf. Es flimmerte, aber da stand die Gestalt. Er setzte zum

Gehen an, senkte den Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte

ein Röcheln und ging auf sie zu.

Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch blieb ein Rest, der

Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in ihm war, zu gehn, darauflos zu

gehn, der ihn vor dem Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als

er den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen

hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, den Deich, und dann:

daß die Gestalt sein Vater war.

Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte, wie er am ganzen

Leibe erlosch, und während über ihm die Stimme seines Vaters begütigend

sagte: Es ist genug, Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung

hinsterbend, nieder vor seine Füße.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 139 / 240 题