(von Bogner)
»Georg,« sagte Bogner fast traurig zu mir, »ich glaube, du hast einen
großen Fehler. Du willst zuviel wissen.«
Wir hatten nämlich halbe und ganze Nächte alles Denkbare bis ins
Undenkbare erörtert, und ich dachte, als er mir diesen besondren Fehler
vorwarf, ich hätte das auch tun können. Ich sagte deshalb, bloß um etwas
zu sagen: »Wie kommst du darauf?« Aber diese Frage war ihm grade recht.
Nämlich in seinem Zimmer steht eine alte, hölzerne und geschnitzte
Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig werdenden Kleidungsstücken für
ihr Kind anfüllt. Vor dieser Wiege saß ich eben, bewegte sie mit der
Hand hin und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm für
Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung doch für den
größten Teil der erwachsenen Menschheit unerträglich sei, nämlich an
Bord der Schiffe auf See.
»Nun möchtest du nämlich wissen,« sagte Bogner freundlich, »warum die
Wiege hin und her geht. -- Und ich weiß es«, setzte er leise hinzu.
Als ich aber nun um die Erklärung bat, wehrte er ab. »Du willst zu viel
wissen, Georg, und weißt du, was du tun wirst? Du zerstörst dir deinen
Gott.«
»Weißt du denn, wer mein Gott ist?«
»Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rätselhafte in dir ist Gott.«
»Ach,« sagte ich, »dann werde ich ihn nicht zerstören, sondern im
Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, denn je mehr ich davon in
Erfahrung bringe, um so ungeheurer werden die Umrisse im Dunkel. Sag
mir, was ist mit der Wiege?«
»Du mußt,« erklärte er nun, »wenn du es wissen willst, nicht die große
Frage nehmen, sondern die kleine. Unbekannt? Also werde ich dich sie
fragen: Warum geht die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht
auf und abwärts von vorne nach hinten?«
Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber ich wußte keine
Erklärung.
»Weil«, sagte er da, »die Mutter, die in ihrem Leibe das Ungeborene
trägt, es wiegt, indem sie es von einem Fuß auf den andern bewegt im
Gehn, von links nach rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese
Bewegung, wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.«
Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege, wie in der Mutter;
und es glaubt, was es fühlt; aber der Mensch hat freilich Erfahrung und
ist so groß geworden, daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen
kann, obwohl er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich selbst,
und er glaubt an nichts mehr.
Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung Bogners
ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein Blitz, und eine Sekunde
lang wußte ich alles. Das war, als hätte die vorher immer grenzenlose
Welt plötzlich ein ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war
alles zu Ende.
* * * * *
Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, ob er an Gott
glaube. Er sagte, wenn ich >glauben< gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so
könne er nicht sagen, daß er glaube.
Ich fragte: Warum?
Er sagte erst nach einer Weile: »Ein religiöser Mensch, mit dem ich
einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich glaubte daran nicht, weil
meine hiesigen Sinneswerkzeuge nicht imstande seien, mich über das
Dortige aufzuklären und mir Beweise zu schaffen.«
»Das war nun nicht der Fall«, fuhr Bogner fort. »Zwar bin ich der
Meinung, daß es sinnlos ist, mich in meinen Sinnen mit Dingen zu
befassen, die für eben diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine
Seele. Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen soll, da
sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und Wachstum findet, das
allerdings ist mir unerfindlich. Warum aber tun dies fromme Leute wie
jener Frager?
»Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein ihnen keine
Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres übervollen, sorgengefüllten
Daseins zu geringe Gelegenheit, um sie zu betätigen, ja nur zu
empfinden. Zu Essen und Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu
Büroarbeit, zu Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und
Musikkapelle haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß sie es
meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge würden sie mit der
Vernunft allein und ohne Seele genau so gut besorgen, und die Tiere tun
das in ihrem Maße, zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch
wissen sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen reich
werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn: für einen Reichtum der
Seele ist in diesem Dasein kein Platz. Sie müssen selber wider Willen
einsehn, daß sie ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von
allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man Mitleid mit
ihnen empfinden.
»Ich,« sagte er langsam, »ich war ein glücklicher Mensch. Ein reicher
Mensch. Ich brauchte auf keinen dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe
durch über zwanzig Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes
Tages meine Seele gebraucht. Ich war reich«, schloß er traurig.
(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; er kommt immer zur
selben Stelle zurück.)
Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, um ihn abzulenken.
Er schwieg lange. Endlich sagte er:
»Ich glaube ja nicht. Ich -- bedarf. Du und ich, wir bedürfen des
Göttlichen.«
»Und das ist?«
»Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten Dinge, vor
denen dich schaudert. Es giebt dich und mich selber, die wir uns so
unbekannt sind, daß uns schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum
mußte ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so sagte Gott:
Ja. -- Und ich sah ihn golden eingehüllt in sein Rätsel. Warum kann ich
nicht mehr malen? Ich habe die Gnade verloren.«
Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden unterbrochen und kamen
an diesem Abend nicht weiter.
* * * * *
Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten sprachen, so malte
Bogner in einer unbeschreiblich wunderbaren Weise von manchem das Wesen,
mit Bildern aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte (und immer
mit diesem leichten Zittern von Tränen in der Stimme, das er jetzt bei
solchen Gelegenheiten hat), und ich erinnere mich nur noch, wie er
Hölderlins äußerlich rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen
abnehmenden Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles Rund doch im
Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul nannte: einen Pfauenschweif aus
Regenbögen, und Novalis die Narzisse mit den Zeichen der Passion in
Blüte verwandelt, -- worauf er dann mir ganz unvermutet in Klagen
ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem Seelenadel, solcher
Reinheit, Größe, Süße und Einfalt gegeben habe. Ich mocht es nicht
glauben, widerstritt aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres
...
Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei. »Du vermissest eine
Blume und sagst: aber jetzt habe ich einen Edelstein. Ist nicht das
Dasein jedes Dinges gegründet auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt
etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür gäbe? Gut aber,
du sagst, du habest jetzt den Edelstein, und eins machst du damit
natürlich klar: daß der Edelstein, den du kennst, im Augenblick für dich
einen solchen Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar
nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch aus einem
andern Grunde sogar wirst du recht haben, denn du hast den Verstand für
dich, der dir sagt: ich lebe heute; also muß das Heutige mir wert sein.
Ja, Georg, der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der
hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs Fluten hinabsieht
und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. Wen aber eigne
tiefe Wallung der Stunde selber hineinriß in die Strömung, der hat nur
das Jauchzen -- nach vor- -- und das Klagen -- nach rückwärts, und
morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome liegst und ich am Ufer stehe,
wirst du mit meinen Worten zu mir aufjammern, und ich werde dich und
mich Lügen strafen.«
* * * * *
Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien auf mich
gewartet zu haben, denn er sagte gleich: »Da habe ich die ganze
Schöpfungsgeschichte gelesen, und weißt du, was ich gefunden habe? Es
werden alle erschaffenen Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist
vergessen. Es könnte vergessen scheinen«, verbesserte er sich. »Wenn ich
es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit erkennen. Ja,« fuhr er
eifrig fort, »angenommen, dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott
erschaffen glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen
nicht genannt, was muß die Folge sein?«
»Daß er selber dies Ding ist.«
»Gut, Georg!« Er lobte mich. »Und nun weiter: Was tat Gott, nachdem er
den Menschen aus Lehm geknetet hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch?
Dadurch daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser Odem?«