Georg an Benno

Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster Benno, die See ist

des Teufels! Heute nacht -- ich hatte der Abwechselung halber einmal ein

paar Stunden geschlafen -- fing ein großes Rumoren an, und als der

sogenannte Morgen kam -- >ein Ding, das wie Nacht ist aus Lehm< --, war

der Teufel los. Ich hause nämlich gewissermaßen auf einer Insel jetzt,

ja, das wäre schon etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die

Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts weiter als ein

kleiner Teller voll Erde, mitten und unten in der Unermeßlichkeit

rollender Wasser, rundherum ist ein besondrer Wall, auf dem Wall ein

Turm, in dem Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich

habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine Kuh,

verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders notwendiger

Hauptmann namens Ferdinand Rieferling, eine junge Dame mit Namen

Cornelia Ring und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, und stehe

ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das ganze Panorama unter mir:

Himmel, grau und schwarz in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares

Fluchtgetümmel von Lapithen und Giganten, die vor Raserei sämtlich in

Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige Winterschlacht der bodenlosen

Gewässer. Wie wäre es, wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten

darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte Dich

kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich Dir umkrempen

wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu haben?), und wenn Du Dich nicht

an der Brüstung hältst, so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht

ins schwarze Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst Du da

herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch das Land gegen die See,

eine fromme milchende Kuh gegen einen tollwütigen Stier. Hundert

Millionen in Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie

herantaumeln, nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, sich

allhier die Schädel einrennen zu müssen, und schon ists ein Erdbebenfeld

von Legionen zertrümmerter Mauern, die dahergeschoben werden von einer

entsetzlichen Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu

Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß er davonjagt. Alles

siehst Du wanken, die bewohnte Erde ist allerseits spurlos verloren

gegangen, nun berennt hier die See ihren letzten Widerstand, auf dem

Wir, die Letzten, herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben

wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles schon wieder ganz

sanft geworden, ein wenig öde, ein wenig trostlos, aber der Teufelslärm

hat sich gelegt und ist zum Orgelrumoren geworden.

Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor einem Jahr ungefähr

schriebst Du mir einen Brief in einer besondren Zeit, wo ich keine

Briefe zu empfangen gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben

wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches

Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, und ich bin auch

gekränkt. So ist das Leben! Was tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit

Deiner Elfe das ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so

weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher, hier läßt es

sich trefflich rasend werden, und paß auf, ich will Dir mein Haus

beschreiben!

Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. Kleine Tür, Du

trittst ein und befindest Dich in einem großen und hohen Achteck, das

dunkel scheint, nur von rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten

von bleichen Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten,

die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind die Mauern,

und außerhalb enger als innen. Sie liegen genau nach Norden, Westen und

Osten, die Tür im Süden. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der

Höhe befinden sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch

erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen Möbel,

bestehend aus einem Schreibbüro, rechts vom nördlichen Fenster, einem

Ohrensessel irgendwoanders, einem runden Tisch in der Mitte des Raums

nebst drei Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach auch

mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine Luke in einen gleichen

Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, und weiter hinauf zur

Plattform des Daches. Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist

besonders geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz genug

für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir laufen zusammen, einer

so herum, einer so, wie die Daumen.

Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder ich laufe doch, bloß

anderwärts, nämlich allein oder mit der gewissen Cornelia außen um den

Deich, was bei Ebbe manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten

Welle an die Deichwand klemmen, -- oder ich schreibe meine Memoiren.

Memoirenschreiben ist wichtig, oder wie? Ein Mensch stirbt, keine

Memoiren, was kommt zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin

ich leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich zweitens

anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln. Er tut immerfort ganz

bedeutende Aussprüche. (Früher war er nicht so, nun ist er redselig

geworden.) Willst Du einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher

Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, wohin verschwand

mein früher so ebner und stetiger Bogner, nun ausschweifend in

Empfindsamkeit und Erschütterungen?), verglich er dessen Bildnis des

Schriftstellers P. Altenberg besonders trefflich mit dem >Hinterteil

eines Engels in einem Gestrüpp<. Die Gesichter auf Kokoschkas

Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt ohne Haut, das wolle

sagen, er ziehe die Haut davon ab und sehe darunter nichts als wimmelnd

zuckendes Schicksal und Leben der Seele, -- so ungefähr, ich werde von

nun an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner Mann!

Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit Bogner steht. Er ist

verrückt. Platterdings, es läßt sich nicht anders ausdrücken. Mit einem

Wort: fixe Idee. Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt

mich von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände auf die

Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt: Was meinst du, Georg,

sie wird es doch gut überstehn? -- womit er das Kind meint, das sie

kriegt. (Beiläufig hat er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe

da, so wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering war,

wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten Mann, und nun, wo

ich inzwischen so heruntergekommen bin, daß ich keinen Bissen mehr von

mir annehmen mag, da stellt er mich zur Rechten seines Throns und

bezeugt mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal wenn man

bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell natürlich doch kitzelt!)

Also, ich antworte: Glänzend! sie übersteht es glänzend! -- Er nickt vor

sich hin, sagt: Und ich, Georg, was hältst du von mir? -- Ich -- wie

oben und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig, du irrst

dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig, sagt er so in seiner

besondren Weichmütigkeit, aber -- kurz und gut: mit mir ist es aus. --

Ich bin sprachlos, murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir

seine Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische Menschen

dürfen keine Kinder haben. -- Das nannte er ein Naturgesetz. Man, sagt

er, darf nur auf eine Art zeugen. Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf

eine andre, so ist damit bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin

verworfen, sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei den

Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. Mir brach das Herz,

und er fährt mit einer feierlichen Wehmut fort: Sie -- wird leben, und

was aus ihr kommen wird; ich sterbe. -- Ja, so stellte es sich ihm dar:

sein Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er anfängt, es mir

andersherum zu beweisen.

Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im Geist. Dies, sagt

er, habe ich an mir erprobt gefunden, denn immer, wenn ich versuchte,

mit andern Menschen eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und

für mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als ich mich mit

Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an dessen äußerstem Ende mein

Tod erschien. Ich legte Hand an meine eigne Form, ich zerstörte sie.

Ich, schloß er, habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre.

Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer das gleiche in andern

Gestaltungen.

Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen ist zum Grausen.

Früher die Stetigkeit selber und Feste, eine gotische Burg, ist er nun

wie ein Erdhaufen, unter dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht

umhin, unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals -- den

Inhalt vergaß ich --, damals aber jedenfalls war ich der besondre

Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn ich auch heute weiß, daß meine

Einfälle sich assoziativ einstellten, vermittels Luftwurzeln sich

fortpflanzend, anstatt aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich

mir immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken auf seinen

Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von einer Spitzfindigkeit

ohnegleichen und fängt die Behauptungen aus der Luft, weil sie da

funkeln. Zum Beispiel folgendes:

Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß was, sagt Bogner,

das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste Kunstform, und darum

hat es fünf Akte wie die Hand fünf Finger. -- Blendend, nicht wahr?

Übrigens, fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, daß

sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge zur Ebene? --

Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du es sagst, kommt es mir ganz

bekannt vor. -- Denn siehst du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel

ist wie eine Gebirgswanderung. Da giebt es überall Plötzlichkeiten,

Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam

emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen unverhofften

Ausblicke in dampfende Tale, Ängste und Entzückungen, mit einem Wort:

Tragödie.

Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich aber sagte, ohne

mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen Gründen schrieb ja auch der

Bergschotte Scott seine langen Romane, der Tiefländer Shakespeare

dagegen Tragödien, Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler,

der Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist Dramen, ebenso

wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -- Bogner war ganz elend von

meiner Beweisführung und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte

vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), Shakespeare

wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar, Kleist hätte Novellen

geschrieben und einen verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!).

Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft und Scott

überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und vor allem hätte ich

vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski aus dem breitesten Flachland.

-- Ja, so spitzfindelten wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen

Frage, ob das vielleicht deshalb so sei -- wenn ich nämlich doch recht

hätte --, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt wäre, daß er ihrer

nicht mehr gewahr würde, so auch der Dichter -- und so weiter ...

So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich da sehn? Du sitzt und

liest und liest an einem Brief, und am Ende stellt sich heraus, daß Du

ihn gar nicht gekriegt hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn

abzuschicken! Eine andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor

Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 115 / 240 题