Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster Benno, die See ist
des Teufels! Heute nacht -- ich hatte der Abwechselung halber einmal ein
paar Stunden geschlafen -- fing ein großes Rumoren an, und als der
sogenannte Morgen kam -- >ein Ding, das wie Nacht ist aus Lehm< --, war
der Teufel los. Ich hause nämlich gewissermaßen auf einer Insel jetzt,
ja, das wäre schon etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die
Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts weiter als ein
kleiner Teller voll Erde, mitten und unten in der Unermeßlichkeit
rollender Wasser, rundherum ist ein besondrer Wall, auf dem Wall ein
Turm, in dem Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich
habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine Kuh,
verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders notwendiger
Hauptmann namens Ferdinand Rieferling, eine junge Dame mit Namen
Cornelia Ring und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, und stehe
ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das ganze Panorama unter mir:
Himmel, grau und schwarz in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares
Fluchtgetümmel von Lapithen und Giganten, die vor Raserei sämtlich in
Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige Winterschlacht der bodenlosen
Gewässer. Wie wäre es, wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten
darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte Dich
kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich Dir umkrempen
wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu haben?), und wenn Du Dich nicht
an der Brüstung hältst, so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht
ins schwarze Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst Du da
herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch das Land gegen die See,
eine fromme milchende Kuh gegen einen tollwütigen Stier. Hundert
Millionen in Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie
herantaumeln, nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, sich
allhier die Schädel einrennen zu müssen, und schon ists ein Erdbebenfeld
von Legionen zertrümmerter Mauern, die dahergeschoben werden von einer
entsetzlichen Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu
Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß er davonjagt. Alles
siehst Du wanken, die bewohnte Erde ist allerseits spurlos verloren
gegangen, nun berennt hier die See ihren letzten Widerstand, auf dem
Wir, die Letzten, herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben
wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles schon wieder ganz
sanft geworden, ein wenig öde, ein wenig trostlos, aber der Teufelslärm
hat sich gelegt und ist zum Orgelrumoren geworden.
Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor einem Jahr ungefähr
schriebst Du mir einen Brief in einer besondren Zeit, wo ich keine
Briefe zu empfangen gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben
wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches
Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, und ich bin auch
gekränkt. So ist das Leben! Was tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit
Deiner Elfe das ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so
weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher, hier läßt es
sich trefflich rasend werden, und paß auf, ich will Dir mein Haus
beschreiben!
Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. Kleine Tür, Du
trittst ein und befindest Dich in einem großen und hohen Achteck, das
dunkel scheint, nur von rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten
von bleichen Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten,
die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind die Mauern,
und außerhalb enger als innen. Sie liegen genau nach Norden, Westen und
Osten, die Tür im Süden. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der
Höhe befinden sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch
erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen Möbel,
bestehend aus einem Schreibbüro, rechts vom nördlichen Fenster, einem
Ohrensessel irgendwoanders, einem runden Tisch in der Mitte des Raums
nebst drei Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach auch
mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine Luke in einen gleichen
Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, und weiter hinauf zur
Plattform des Daches. Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist
besonders geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz genug
für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir laufen zusammen, einer
so herum, einer so, wie die Daumen.
Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder ich laufe doch, bloß
anderwärts, nämlich allein oder mit der gewissen Cornelia außen um den
Deich, was bei Ebbe manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten
Welle an die Deichwand klemmen, -- oder ich schreibe meine Memoiren.
Memoirenschreiben ist wichtig, oder wie? Ein Mensch stirbt, keine
Memoiren, was kommt zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin
ich leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich zweitens
anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln. Er tut immerfort ganz
bedeutende Aussprüche. (Früher war er nicht so, nun ist er redselig
geworden.) Willst Du einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher
Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, wohin verschwand
mein früher so ebner und stetiger Bogner, nun ausschweifend in
Empfindsamkeit und Erschütterungen?), verglich er dessen Bildnis des
Schriftstellers P. Altenberg besonders trefflich mit dem >Hinterteil
eines Engels in einem Gestrüpp<. Die Gesichter auf Kokoschkas
Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt ohne Haut, das wolle
sagen, er ziehe die Haut davon ab und sehe darunter nichts als wimmelnd
zuckendes Schicksal und Leben der Seele, -- so ungefähr, ich werde von
nun an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner Mann!
Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit Bogner steht. Er ist
verrückt. Platterdings, es läßt sich nicht anders ausdrücken. Mit einem
Wort: fixe Idee. Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt
mich von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände auf die
Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt: Was meinst du, Georg,
sie wird es doch gut überstehn? -- womit er das Kind meint, das sie
kriegt. (Beiläufig hat er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe
da, so wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering war,
wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten Mann, und nun, wo
ich inzwischen so heruntergekommen bin, daß ich keinen Bissen mehr von
mir annehmen mag, da stellt er mich zur Rechten seines Throns und
bezeugt mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal wenn man
bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell natürlich doch kitzelt!)
Also, ich antworte: Glänzend! sie übersteht es glänzend! -- Er nickt vor
sich hin, sagt: Und ich, Georg, was hältst du von mir? -- Ich -- wie
oben und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig, du irrst
dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig, sagt er so in seiner
besondren Weichmütigkeit, aber -- kurz und gut: mit mir ist es aus. --
Ich bin sprachlos, murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir
seine Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische Menschen
dürfen keine Kinder haben. -- Das nannte er ein Naturgesetz. Man, sagt
er, darf nur auf eine Art zeugen. Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf
eine andre, so ist damit bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin
verworfen, sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei den
Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. Mir brach das Herz,
und er fährt mit einer feierlichen Wehmut fort: Sie -- wird leben, und
was aus ihr kommen wird; ich sterbe. -- Ja, so stellte es sich ihm dar:
sein Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er anfängt, es mir
andersherum zu beweisen.
Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im Geist. Dies, sagt
er, habe ich an mir erprobt gefunden, denn immer, wenn ich versuchte,
mit andern Menschen eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und
für mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als ich mich mit
Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an dessen äußerstem Ende mein
Tod erschien. Ich legte Hand an meine eigne Form, ich zerstörte sie.
Ich, schloß er, habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre.
Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer das gleiche in andern
Gestaltungen.
Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen ist zum Grausen.
Früher die Stetigkeit selber und Feste, eine gotische Burg, ist er nun
wie ein Erdhaufen, unter dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht
umhin, unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals -- den
Inhalt vergaß ich --, damals aber jedenfalls war ich der besondre
Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn ich auch heute weiß, daß meine
Einfälle sich assoziativ einstellten, vermittels Luftwurzeln sich
fortpflanzend, anstatt aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich
mir immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken auf seinen
Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von einer Spitzfindigkeit
ohnegleichen und fängt die Behauptungen aus der Luft, weil sie da
funkeln. Zum Beispiel folgendes:
Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß was, sagt Bogner,
das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste Kunstform, und darum
hat es fünf Akte wie die Hand fünf Finger. -- Blendend, nicht wahr?
Übrigens, fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, daß
sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge zur Ebene? --
Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du es sagst, kommt es mir ganz
bekannt vor. -- Denn siehst du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel
ist wie eine Gebirgswanderung. Da giebt es überall Plötzlichkeiten,
Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam
emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen unverhofften
Ausblicke in dampfende Tale, Ängste und Entzückungen, mit einem Wort:
Tragödie.
Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich aber sagte, ohne
mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen Gründen schrieb ja auch der
Bergschotte Scott seine langen Romane, der Tiefländer Shakespeare
dagegen Tragödien, Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler,
der Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist Dramen, ebenso
wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -- Bogner war ganz elend von
meiner Beweisführung und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte
vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), Shakespeare
wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar, Kleist hätte Novellen
geschrieben und einen verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!).
Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft und Scott
überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und vor allem hätte ich
vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski aus dem breitesten Flachland.
-- Ja, so spitzfindelten wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen
Frage, ob das vielleicht deshalb so sei -- wenn ich nämlich doch recht
hätte --, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt wäre, daß er ihrer
nicht mehr gewahr würde, so auch der Dichter -- und so weiter ...
So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich da sehn? Du sitzt und
liest und liest an einem Brief, und am Ende stellt sich heraus, daß Du
ihn gar nicht gekriegt hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn
abzuschicken! Eine andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor
Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts!