Ich sagte: »Die Luft.«

»Und die Luft,« rief er, »die ist das Ding, das nicht aufgezählt ist

unter den erschaffenen Dingen, wo doch Sonne und Sterne, der Himmel, das

Meer und das Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt wurde.

Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne Luft? Dennoch wurde die

Luft für den Menschen, für Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den

Schreiber dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und das Leben

kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst du wohl,« fuhr er fort,

»auf schlechten Bildern, Bildern, auf denen doch alles recht und

deutlich gemalt ist, was scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie

fehlt sogar auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland und

Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? Weil sie nicht nur die

_Gabe_ hatten wie die nichtswürdigen lustlosen Maler von heut, sondern

etwas ganz Einziges: den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große

Sorgfalt, daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn im Fleiß

war die Liebe, und in der Liebe«, schloß er triumphierend, »muß immer

auch Gnade sein.«

* * * * *

Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte von Stefan George

gesagt, darunter zuletzt den >Tag des Hirten<: Die Herden trabten aus

den Winterlagern ... Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit

werden; bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog nach kurzer

Frist ... legte er das Gesicht in die Hände, und als ich dann schloß:

Er krönte betend sich mit heilgem Laub,

Und in die lindbewegten, lauen Schatten

Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...

seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt untergegangen.

Er sprach kein Wort mehr den Abend, und erst als ich schon gehen wollte,

zog er mich auf einmal in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das

ich nicht verstand.

»Du kannst doch auch dichten, Georg,« sagte er dann, »du bist auch ein

Dichter!« Und hierbei beharrte er eigensinnig, obwohl ich es ihm lang

und breit abstritt, daß ich wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei.

Fast wäre er ärgerlich geworden. »Wenn du es weißt, Georg,« sagte er,

»wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast, so mußt du es doch

auch sein!« beharrte er und wurde erst unschlüssig, als ich es ihm an

Malern nachwies, die zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die

Kunst.

»Das mag für Maler stimmen,« meinte er dann, »aber doch nicht für die

Sprache! Da sind Farben, Finger und Hände und Pinsel; was geht nicht

alles verloren auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft hat

und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! Sie allein ist

unmittelbar und enthält doch eins im andern das Beide, sonst so

Getrennte: Vernunft und Gefühl, verschmolzen im Tönen der Seele!«

»Die göttliche Sprache!« fing er nun an. »Ja, das ist das Wunderbare an

ihr, das unterscheidet sie von allen andern Künsten und erhebt sie zur

höchsten: daß sie so unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da

ist der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein ist:

Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern betupfen, auf den

Saiten einer Geige die Finger so und so stellen, mit dem Bogen so und

anders anstreichen, -- was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn

er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne drückt, die Lippen

weit oder wenig, rund oder schmal öffnet? Und er tut ja mehr! Im

Instrument ist der Ton, er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und

Handhabung hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet

das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und Sinn, und wie aus

einer Blume, so duftet die himmlische Seele daraus hervor! Und ist der

Mensch selber das Instrument, so muß einer sein, der spielt, wer ist

das? Der Gott. -- Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen

abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler allein, an seine Brust

gelegt wie die Geige, -- wie durchrauscht ihn sein Tönen! >Die Herden

trabten aus den Winterlagern<. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da

wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst, ja, noch ehe du

die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist ein Andrer, der dir den Mund

öffnet, und nun wird eine andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem

besondren Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem allein,

diesem göttlichen _Anderssein_, das du so spürst wie -- wie wenn du

schlafend auf einen Stern versetzt wärest und erwachtest auf ihm und

wüßtest gleich beim ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der _anderen_

Luft: du bist auf einem Stern. >Die Herden trabten aus den Winterlagern

...< Oh wie es da hervorduftet aus dem Unsichtbaren, wie am dunklen

Morgen der Geist der Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der

Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem man nur zu

Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche Dasein spürt,

verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung des Gottes, Georg,

Vergiftung des Gottes, und sie wird sich rächen und die Seele dessen

vergiften, der sie beging!«

»Du meinst mich«, sagte ich hierauf.

Aber nun wollte er es nicht gelten lassen.

* * * * *

Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die Ellenbogen auf der

Platte, die Hände übereinander gelegt und das Kinn darauf, und so

rauchte ich, und wir schwiegen. Auf einmal lächelte Bogner. --

»Warum lächelst du?« fragte ich.

»Ich lächelte über dich«, gab er zur Antwort.

»Du hast nämlich«, fuhr er auf mein Ersuchen fort, »mitunter eine so

erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. Mitunter, wenn du die Zigarette

aus dem Munde nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife

Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, wie zum Saugen,

und dann lösest du das an der Lippenhaut klebende zarte Papier langsam

ab. Dabei saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach einer

Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen Seufzer.«

»Gott segne deine Augen, Bogner,« erwiderte ich, »und was soll das

alles?«

»Darin soll«, sagte er, »eine Antwort auf die Frage liegen: warum raucht

der erwachsene Mensch? Es giebt ja Unverständige darunter, die nehmen

bloß den Mund voll, aber der Wissende tränkt seinen ganzen Leib durch

die Lunge mit dem schönen Gift. Warum, Georg? Aus Erinnerung. Er denkt

an seine Kindheit und saugt wieder. Damals weiße Milch, heute braunes

Gift. Und er muß den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von

sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.«

Bogner lachte bis zu Tränen, zog dann seine alte Pfeife aus der Tasche,

die er nicht brauchen darf, betrachtete sie wehmutvoll und roch daran.

Auch ich hatte erst lachen müssen, aber nun wurde ich von Schrecken

ergriffen im Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und ich

sagte: »Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, daß mit unsrer Kindheit

alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns an Äonenfernes zu erinnern

glauben, so war es nur zwanzig Jahr her?«

»Glaubst du das?« fragte er. »Ich weiß es seit langem.« Und er erklärte

mir, daß er besonders deutliche Erinnerungen an früheste Kindheit hätte,

und zwar nicht eingebildete nach Erzählungen Erwachsener.

Und da fängt er an, von den Erscheinungen seiner kindlichen Fieberträume

zu sprechen, und sagt: »Da war nämlich das Große!«

Ich wäre gern in ihn hineingestürzt. Ich schrie: »Das Große! das kennst

du auch? Dies entsetzliche schwarze Anwachsen und Riesigsein und --«

»Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll, und der zu eng ist ...«

»Ein Gang war bei mir nicht,« sagte ich, »bei mir war das Wälzen!«

»Nun, das ist gleich,« meinte er, »es hat ja den gleichen Sinn.«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 117 / 240 题