IX

So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich

zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher

dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es

eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach

ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu

viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es

mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann

dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht

hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner

Decke, immerhin im Freien.

Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit

seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein

Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten

Evangelistentieren auf den vier Pfosten -- Bewunderung und Ehrfurcht der

Kindheit!

Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem

heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich

etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf

einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden das

zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen,

wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir,

und nun ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden.

Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob sie immer noch

hinaus, es ist die alte Schwäche, allein -- gedulde Dich nur noch zwei

Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles

beisammen, es sind immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn

inständiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt,

oder wenn nicht dann, übermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne

darauf! Ganz bestimmt!

X

Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grüfte, an

Totes schlägt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend,

schwankend, erlöst, aber siehe da -- welche Verwandlung ging mit uns vor

nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts

vergessen, es ist alles da, was wir verließen, in unsrer Erinnerung

grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder

Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum?

Rechenschaft abzulegen darüber.

O Gabe des Vergessens, die allein

Uns möglich macht das ungeheure Leben!

Du wundervoller Allernächtewein,

Von dem wir trunken über Schlünden schweben!

Der gute Heiland wußte, was er tat,

O Lazarus, als du im Tod erschlafft;

Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,

Er sah die süße Schwester, die ihn bat,

Und lächelte dich los aus deiner Haft.

Der Honig von der Götterlippe schmolz

Und tropfte Süße in dein krankes Herz,

Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz,

Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.

Der erste wars, an dem Erinnerung

Von innen saugte in die Nacht zurück.

Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,

Und alle andern waren wieder Glück ...

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 83 / 240 题