So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich
zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher
dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es
eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach
ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu
viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es
mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann
dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht
hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner
Decke, immerhin im Freien.
Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit
seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein
Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten
Evangelistentieren auf den vier Pfosten -- Bewunderung und Ehrfurcht der
Kindheit!
Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem
heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich
etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf
einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden das
zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen,
wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir,
und nun ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden.
Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob sie immer noch
hinaus, es ist die alte Schwäche, allein -- gedulde Dich nur noch zwei
Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles
beisammen, es sind immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn
inständiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt,
oder wenn nicht dann, übermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne
darauf! Ganz bestimmt!
X
Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grüfte, an
Totes schlägt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend,
schwankend, erlöst, aber siehe da -- welche Verwandlung ging mit uns vor
nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts
vergessen, es ist alles da, was wir verließen, in unsrer Erinnerung
grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder
Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum?
Rechenschaft abzulegen darüber.
O Gabe des Vergessens, die allein
Uns möglich macht das ungeheure Leben!
Du wundervoller Allernächtewein,
Von dem wir trunken über Schlünden schweben!
Der gute Heiland wußte, was er tat,
O Lazarus, als du im Tod erschlafft;
Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,
Er sah die süße Schwester, die ihn bat,
Und lächelte dich los aus deiner Haft.
Der Honig von der Götterlippe schmolz
Und tropfte Süße in dein krankes Herz,
Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz,
Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.
Der erste wars, an dem Erinnerung
Von innen saugte in die Nacht zurück.
Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,
Und alle andern waren wieder Glück ...