VIII

So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute

der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon

alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen -- Doktor Birnbaum

übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den

Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen muß, daß ich

noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt --, und

nun zögere ich wieder.

Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in die Gruft

hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas

hinabführte. Das Gewölbe unten, in das ich gelangte, war aber leer,

zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster

Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren Trichter

hineinsprach. Es war sehr still, mir war ängstlich, weil Du nicht da

warst, dann bemerkte ich eine Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah

ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf

einem Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest ganz still da,

die Hände geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin.

Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann näher zusah, waren auch

Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich

wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an

...

Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber

hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten.

Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. Helenenruh wäre

ja eine Erleichterung.

Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich friert immer noch so

trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentür -- das heißt also: im

Zimmer -- und versuche an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob

es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die

Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben kreisen um die Türme, ich

sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft über dem Schloß ist wie ein

riesiger Trichter, gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert

schwarzen Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich

die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und außen

um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in

großer, sausender Fahrt. Mariä Geburt -- Ziehen die Schwalben furt. --

Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um diese Zeit sein müßte.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 82 / 240 题