VII

Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja nicht auszuhalten! Im

allgemeinen weiß mans ja, aber diejenigen, die einem besonders

nahestehen, die hält man doch gemeinhin für Ausnahmen.

Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der kleinen Virgo Schley.

(Da ich mir bisher alle Besuche verbeten hatte, meinten sie wohl, es

wäre ein Aufwaschen.) Virgo -- ich irre mich doch nicht, daß Du sie

einmal bei mir kennen gelernt hast? -- brachte inzwischen Zwillinge zur

Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht den geringsten

Eindruck gemacht zu haben scheint, und sie sieht nach wie vor süß und

wie ein halber Knabe aus. Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck

aller jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich und ein

bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren Kindern erzählte sie

naturgemäß tausend Geschichten. Benno schwieg sich aus in Kindheit,

Rührung und vermischten Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die

überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage ich, ob ich

vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was ereignet sich? Allgemeines

Staunen. Nun und so weiter, ich habe keine Lust, ihre Dummheiten

obendrein zu Papier zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun

so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und nun stellt sich

heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist so flach wie eine Furt für

Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst auch diese japanische Ente, die er

sich da angebändelt hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus,

durch meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle

am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, war zu erraten: die dicke

Person von Schwiegermutter, der die Unterstützung eines ums Haar zu den

Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht geheuer scheint. Mag

er denn hingehn zum Theater und sich die Seele vollends verschandeln

lassen. Die nächste Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine

Operette komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter.

Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit

Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun

wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen meines

Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadenstoß zu

versetzen. Ach, könnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln

abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich weiß,

damit die Seele ganz frei und rein werde -- für Dich! Du willst keine

Götter neben Dir haben -- o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst,

wäre es nur mehr, was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte,

alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden,

eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 81 / 240 题