Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte mir etwas
Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch muß
ich einige Erklärungen vorausschicken.
An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die Trennung brachte, wo der
große Mummenschanz war, mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das
heißt während seiner ganzen ersten Hälfte war ich -- kurz und gut:
gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich nicht, das heißt
als ich es nicht mehr war, da fiel es mir auf. Es war jedoch ein
besondrer Rausch, nämlich nicht im Kopf allein, sondern in allen
Gliedern, es war ein ganz rasendes Behagen, es war _quasi_ nichts als
ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft.
Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich -- sagen wir:
Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles erklärt hat, erinnere ich mich
erst deutlich wieder. Ich saß nämlich um die besondre Mitternachtstunde
oben auf der Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische
Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. Dann erschien auf
einmal jener Montfort bei mir, Josef, dann kamen diese optischen
Erscheinungen, Kugeln aus Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle
im Gesichtsfeld, wie man das nennt, und schließlich stellten sich drei
Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei unvergeßliche
Dinge sagten, das heißt -- nun habe ich sie ja doch vergessen. Bis auf
eins: den Vornamen meiner richtigen Mutter, nämlich Kaja.
Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja, also am 31.
nachmittags kam doch jener Klemens mit einem in russischer Sprache
abgefaßten Brief meiner Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo
gefunden hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die Schreiberin
meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig, ihn zu lesen. Mit diesem
Brief in der Hand war besagter Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen
(entschuldige gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es
langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich nach einem
besondern Russen, der ihn übersetzen könnte. Wen findet er am Ende?
Natürlich jenen Jason, der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe
da: dor hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch nicht, das
heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten ein paar besondre
Worte, und kurz und gut, ihm fällt ein, daß ja dieser Josef Montfort
vorhanden ist und grade aus Rußland gekommen, und nun wandern sie
selbander zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo Montfort
wohnt.
Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine Heiterkeit!
Es hatte nämlich besagter Montfort aus Südamerika, wo er auch gewesen
ist (in dem Lande der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein
besondres Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von den Indianern
zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen besondre Wirkung eben darin
besteht, wunderbare optische Erscheinungen hervorzurufen. »Und da,« sagt
Jason, »da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, und
machen sich gegenseitig ihren schönen blauen Dunst vor.« Das selbe nun
taten allda jener Maler, Montfort benebst seinem Chinesen -- er hat
einen Chinesen! --, seine Freundin Cornelia und sein Freund
Saint-Georges, der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason sagte
natürlich: gieb mir die rote Speise, -- und so war es eben. Wie nun aber
Jason, oder vielmehr Klemens seinen Brief herauszieht, was kommt zutage?
Josefs Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein
Chinese, der kann es glänzend, bloß -- er kann nun wieder keine
russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da sitzen sie schließlich
allesamt und raten auf den Brief und bekommen ihn auch schließlich
heraus.
Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle und so weiter, mit
einem Wort: ob ich nun schon wisse, was in dem Brief geoffenbart wurde,
oder nicht, und ob Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe
nämlich ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen, und das
tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), ihre Pflicht sei, mir eine
besondre geheimnisvolle Warnung zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke,
nämlich in Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen auf
mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner ungeheuren Beredsamkeit
dringt so lange auf die Andern ein und entwirft so köstliche Bilder und
so weiter, daß sie allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn.
So kauften sie denn am folgenden Tage -- nämlich das heißt: Montfort und
Saint-Georges, und Jason sollte dabei sein, weil er eine so musikalische
Stimme hat und am besten Verse aus dem Stegreif aufsagen kann -- kauften
sie diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen sie auch
mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, wenn ich schon vorher
Erscheinungen hätte, ich auch die Gugelmänner für ebensolche halten
würde. Jason, das muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein
was geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason das einmal an
sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, die er in seinem
Gewande trägt, und Jason? Ja, da meinst Du nun wohl, er habe die
Obligation gehabt, zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu
schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas, das geschehen
soll, nicht das geringste ändern kann. Er kann nicht eingreifen, er ist
gleichsam handlos oder bloß Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur
eine Begleiterscheinung. -- Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu sein
und ergo mit Femrichter zu spielen, -- bin ich klar?
Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse wandeln, was
geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben auf der Sternwarte. Nun kommt
Montfort herauf, um Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner
sagen, »und da saßen Sie ja«, sagt Jason, »und tranken Ihren herrlichen
Christitränenwein, oder wie solche besondren Weine heißen«. Nun, und
kurz und gut, das Gift ist im Wein, ich trinke, Montfort schwand >und
Goethe schwindet, und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer
Herrlichkeit< und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles
schauerlich und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in den
Wind, naturgemäß -- meiner Natur gemäß --, das heißt: in diesem Fall war
ich gewissermaßen unschuldig, denn eben jenes besagte Macugift hatte
neben jener optischen auch die Wirkung, während der optischen äußerst
schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes Strotzen von
besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das mich am folgenden Morgen prompt
überfiel. Aber es war doch sehr schön, und ich bilde mir schon was
darauf ein, so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu meinem
Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und dieser Josef hatte ja auch
noch eine sehr feine Idee, nämlich einen Schmetterling, auch aus
Südamerika. Er war so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise,
und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder die Drei ihre
erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf sie das Ganze irgendwo in
meinem Palast anbrachten, damit ich am andern Tage wenigstens wüßte,
wers gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte es ganz und
gar nicht.
So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider aufhören, ich
hätte allerdings noch viel zu sagen, aber Du mußt verzeihen, ich bin so
fürchterlich müde!