IV

Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an Dich begann, war

ich so besonders glücklich und munter, aber bei mir hält auch rein gar

nichts vor. (So war es immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia.

Kaum war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch diese elende,

besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre bald nach Helenenruh. Da Du

in Trassenberg bist, darf ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh --

ja, Helenenruh, das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh

war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist die? Ein einziger Sommer.

Folglich ist Helenenruh eine einzige besondre Kindheit, und daraus

wieder die einfache Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um --

wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann -- wenigstens in

die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich ein Weg zu Dir hinauf: nur

dort kann er beginnen.

V

Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterließ ich

bisher eine meinen Körper betreffende Mitteilung von nicht besonderer

Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin

nämlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau

dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders

merkwürdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch

ein unmenschliches Glück, nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn

wohin wäre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die Tiefe

ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel

näher immerhin, das heißt: Du mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen

vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm

Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft

noch, daß er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich weiß.

Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich weiß nicht: mir

wird eigentlich tagtäglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so

schwer zu fassen! Früher, ach weißt Du noch? >Wie wir einst in

grenzenlosem Lieben -- Späße der Unendlichkeit getrieben ...< Ja, damals

war alles leicht.

Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es

manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben

es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie

nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist

fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich muß noch

lange, lange leben, muß schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus

lauter verknöselten Fäden weben.

Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im

Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube übrigens, es wird besser mit

mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so

an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit.

Glaube mir, Papa, es war die reine Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es

Dir beschreiben kann.

Das Schlimmste war -- abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen --

das lange Fahren. Immer dieser merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich

vorne so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, und neben

mir auf dem Bock -- meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre

müssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter

und gesprächig waren -- untereinander --, während ich selber keinen Laut

äußern konnte und nichts begriff und nichts fühlte als den entsetzlichen

Druck, in den mein ganzes Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige

Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit doch

kaum Minuten waren, während ich umgebettet wurde, und doch diese

Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also

gewiß, daß es nur außerhalb unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem

Äußern in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht

aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts kommen, manchmal

zwischen den unsäglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer

bedrückt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte,

dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, die

zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, das nichts hatte als

seine Wände, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis

ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz

(und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faßten beim

Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender Stellung befand -- das

Fahren! -- jedoch schwer hing und nicht saß), bis ich dann merkte, daß

sie mich ja wieder aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der

Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich

hing, sondern lag -- ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das

heißt ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht

läge. Und daß dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum,

Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen

miteinander, nichts war für mich zu verstehn, ich flehte, ich war für

sie gar nicht vorhanden. Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen,

hing, -- ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf

hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe

ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten!

Doch war dies alles ja nichts gegen -- das Große.

Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir

nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. Es war nur Empfindung. Es war

Nacht, -- und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und

überall. Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor mir, über

mir --, und ich selber war das Wälzen. Ich war zum Giganten geschwollen

und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu können.

Ich sollte das Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang,

umzuwälzen, und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ...

Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.

Und doch -- ich erinnere mich -- es war schon einmal da, das Große. Wie

ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein,

Lungenentzündung hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst

kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon -- ich

erinnere mich -- muß ich mich erinnert haben, wie ich mich heute

erinnere. Und ja -- mein Gott! ich glaube, das Fürchterlichste war die

Erinnerung, daß es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen

gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, -- aber

wann? wann?

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 79 / 240 题