Sigurd schluchzte plötzlich auf und sagte: »So wie du ...«

Sie schauderte, da wurde die Tür geöffnet, der Offizier erschien, auch

der Arzt, der sie zum Herzog bat.

Nun stand sie zu Füßen des Bettes. Das Gesicht des Herzogs war gelb. Er

schlug die Augen auf, sah sie schmerzlich und mitleidig an und sagte

sehr leise: »Tut es noch immer weh?«

Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte wieder: »Ich

dachte, dir wäre längst besser -- nun.« Und nach einer langen Pause:

»Arme Helene ...«

Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurück, legte die

Finger in seine Hand und drückte sie leise. Er hatte die Augen

geschlossen.

Eine Weile später sah sie die dunklen Pupillen wieder glänzen. »Ach,

Renate!« sagte er, leise lächelnd und kaum vernehmbar; dann -- mit einer

langen Pause zwischen jedem Wort: »Du -- -- warst -- -- sehr -- --

schön. -- -- Aber -- --«

Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd. Die Tür wurde

plötzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht fuhr herein und verschwand

sofort: die Tür wurde sehr langsam zugezogen.

»Helene?« hörte sie eine kraftlose Stimme sagen und nach langen

Sekunden: »bist -- -- du -- -- noch -- -- da? -- -- Ach so!« sagte er

dann.

Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise fiel im Dunkel

der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer beleuchteten Wege sah sie ihren

Schatten liegen, dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. Sie

fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. Vor ihr beugte der

Arzt sich auf den Daliegenden, beugte sich tiefer, richtete sich nach

Sekunden wieder auf, sah sie ernst an und nickte. Gleich darauf fing

irgendwo ein Mensch laut zu weinen an.

Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das gelbe, entfremdete,

hager gewordene Gesicht, wandte sich ab und ging zur Tür, die vor ihr

geöffnet wurde, ging zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat

in die Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart im

Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges zwischen ihnen hindurch und

weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, nur langsam ermüdend, aber sie

ging weiter und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz und

quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: »Ja, was

wünschen Sie?« und die Gestalt vor ihr drehte eilig um und entfernte

sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich auf ein riesengroßes, leuchtend

weißes und vergittertes Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine

hohe Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang blieb

sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei erleuchtete gewahrte sie,

sie hörte einen Fensterriegel, ein Schatten beugte sich heraus und

verschwand gleich wieder. Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür,

faßte nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die Augen

fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im Schloß, die Tür bewegte

sich, sie öffnete die Augen, erkannte im Dunkel Saint-Georges' Gesicht

und sagte leise und vorwurfsvoll: »Aber Georges! -- wo warst du denn den

ganzen Tag?« Seine Antwort vernahm sie nicht mehr.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 48 / 240 题