Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch ihr Herz.
Sie schnellte hoch, schrie auf: »Erasmus! Du darfst nicht, du darfst
nicht mehr!« Ein wütender Ingrimm jagte sie auf, da knallte es wieder,
sie fiel innerlich zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen
Türdrücker, riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug die Tür nach
außen auf, es war blendend hell, der rote Waffenrock ... bläulicher
Dampf -- -- und wieder ein Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr
... Dahinten stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie kannte
ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen, der Herzog hob den
Stock und rief wütend: »Du bist verrückt, Schurke, wirst du endlich
aufhören!« Menschen warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich
mit ihnen herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend mit
Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich: »Sigurd!«
Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase und bestürzte
Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne lehnte und schwankte. Sie
lief zu ihm, kniete vor ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die
Augen weit auf, lächelte und sagte leise: »Es ist ja nichts. Ein
Streifschuß, -- oder ...«
Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte sich nicht, lehnte
matt in der Tür zum Badezimmer, bis ihr einfiel, was sie suchte, eine
Waschschüssel, doch war keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter
rauschte es in ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog
furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken Reiterstiefeln
an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing, war ganz rot, und das
Blut tropfte eilig an den Boden und bildete eine Lache. Menschen standen
herum, die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch lag,
wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und nahm sie aus den Händen
eines zitternden alten Mannes, kniete neben dem Herzog nieder, setzte
die Schüssel hin und wusch die Hand, es war keine Wunde daran.
»Ein Messer,« sagte Renate, hatte gleich darauf ein Taschenmesser in der
Hand und trennte die Ärmelnaht auf, schnitt und riß den Ärmel ab,
knöpfte die Manschette auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am
Oberarm einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen groß und
zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch auf den Riß und sah,
einen Augenblick dahockend, das Gesicht des Herzogs, sonderbar still und
bleich mit geschlossenen Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in
sich gekehrt dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...?
Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte sich von oben,
eine Hand nahm stillschweigend das Messer aus ihrer Hand und fing an,
die Schärpen durchzuschneiden. Sie begriff und hakte den Waffenrock von
unten auf, ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das
zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte es, so fest
sie konnte, um die Wunde. Mit dem Taschenmesser, das sie wieder auf dem
Boden liegen sah, schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es
fest. -- Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz von
krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe der bräunlichen
Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich fühlte sie, daß sie sich in
ihrer hockenden Stellung nicht mehr halten konnte, und stand auf.
Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand hob es auf und gab
es ihr: es war der Schmetterling mit den Schleifen. Sie behielt ihn in
der Hand, ging vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie,
trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander und sank
mit dem Rücken dagegen. Sie sah das Schwarze von Bäumen, eine dunkle
Lücke darin und zwei weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der
linke. Sie konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick war
unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte ihr ganzes Herz
und Dasein.
Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie sagen, Matthias
Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig. -- Sie
lächelte und wiederholte willenlos: Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer
geflossen ... Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an. --
Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach hat mich gegossen ...
Eine alte Glocke hing still im Gestühl, Schwalben schrien, kleine
Engelsköpfe von Bronze glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie
las die Inschrift: Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne
flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der durch den Garten
kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte
Renate und wandte sich um.
Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur geöffnet wurde,
jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig die Stufen herab, die Hände
auf dem Rücken, -- Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum
Fußende des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht des
Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines Körpers, und
neben sich in der Tür den Arzt.
Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick, fragte dann:
»Ist er da?« Renate nickte.
Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd vorzutreten, --
da stand auch ein Schutzmann. -- Der Herzog wandte das Gesicht herum,
betrachtete lange den Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf
senkte, fragte dann mit leiser Stimme: »Was hat das -- zu bedeuten?«
Sigurd schwieg. »Ich verrate nichts«, sagte er endlich, den Kopf hebend,
und senkte ihn gleich wieder.
»Sie sollen nichts«, sagte der Herzog, »verraten. Ich will -- wissen,
wie ich -- zu der Ehre komme ...« Er hob mühsam den Kopf, blickte zornig
und brachte knirschend hervor: »Haben Sie mich denn weiß Gott mit meinem
Sohn verwechselt?«
Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte er nach
Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den Kopf, und Sigurd sagte mit
einem eigentümlichen, irren Aufleuchten der Augen: »Er liegt in -- der
Gracht. -- Nicht ich!« setzte er hastig und laut hinzu, -- »er stürzte
hinein, ich -- ich sah es von weitem.«
Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, sein Atem
rasselte, er stöhnte: »Unsinn! er kann schwimmen!«
»Er kam nicht wieder hoch«, sagte Sigurd.
»Ach, in Teufels -- Namen,« keuchte der Herzog, »was wollen Sie -- dann
von mir?« Sigurd hob den Kopf, blickte glänzend geradaus und sagte kurz:
»Den Nachfolger.«
Der Herzog sah ihn nur an. »Wir wissen alles«, erklärte Sigurd nicht
ohne Stolz.
»Und -- und der Sinn des Ganzen?« fragte der Herzog leise. Sigurd
blickte Renate mit flackernden Augen an und sagte: »Ich will es der Dame
erklären, wenn sie verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen
...«
Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd mit den Augen
und ging ihm voran in das Zimmer mit dem Himmelbett; sie ließ ihn
eintreten, lehnte die Tür hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und
fing sofort an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und
halblaut:
»Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei gleichzeitig.
Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, wirkliche Gefahr ist der
Patriotismus in Deutschland oder das dynastische Gefühl. Nur in
Deutschland giebt es Fürsten. Ich bin nur ein Glied in einem großen
Plan, nach dem sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die
Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,« sagte er noch
leiser, plötzlich das Gesicht und die schönen Augen hebend, die -- o,
sie sah es! -- irre waren, ganz irre! -- »vor Ihnen muß ich mich nun
verteidigen ... Was ich tat, war gut und -- schwer.«
»Ich weiß«, sagte sie stumpf, während eine entsetzte Stimme in ihrem
Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o Gott, er ist wahnsinnig! --
Sigurd atmete tiefer. »Ich wollte,« sagte er, jählings flammend, »den --
den Andern, den Sohn, diesen --«
Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie sah seine Hände
von stählernen Ringen zusammengehalten und schauderte vor diesem Zeichen
des Verbrechens. Sie fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es
wegheben, aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf seinem
Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals kniete er so. -- Und
dann fuhr sie ein-, zweimal mit den Fingern durch das lockre und weiche
Haar. -- Hötting siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund
zuckte, sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern,
fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt an ihren Knien
mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen, und murmelte Worte, die
sie nicht mehr verstand. --
Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen verstört, voll
Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte ein Lächeln, da er sagte:
»Esther hat es ja nicht zu erleben brauchen ...«
Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren folgte, sah sie
wieder den blauen Falter dort liegen, bückte sich und hob ihn auf.
»Immer«, sagte sie leise zu Sigurd, »liegt mir der Falter im Weg; sieh,
wie ist er schön, und immer unverletzt.«