Sterne

Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue Pferd rannte in

wütender Eile mit Renate bergunter, aber, obgleich sie laut um Hülfe

schrie, lag er auf der Seite fest und konnte die überkreuz gefesselten

Hände nicht bis zu der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag.

Das Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher

Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war so groß wie ein

Maschinengewehr, hatte keinen Lauf und einen unverständlichen

Mechanismus von lauter Hebeln und Rädern, der Kolben war nicht zu

finden, er ächzte und fluchte: »Wer hat denn dies verrückte Ding

hierhergestellt, damit kann man doch nicht schießen!« -- Aber plötzlich

knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen kleinen Hahn sich

bewegen und auf ein Zündhütchen fallen, und dachte: Sonderbar! Erst

schießt es, und dann fällt erst der Hahn. -- Der Hahn bewegte sich von

selbst wieder in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter, fiel

ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und Stangen, und Georg sah es

unten unter der Tabulatur liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine.

Ach, nun weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte

es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte ...

Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem Halbdunkel. Irgendwo

mußte ein Licht sein, da berührte etwas Warmes und Weiches seine Stirn,

und er sah dicht über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er,

merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte, ihm war sehr

elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht wurde, daß er fort

wollte, fort mußte. Er stand auf, seine Glieder schmerzten heftig, er

schwankte, ihm wurde tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt,

erbrach er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas leichter,

er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm es herab, trat neben

Unkas und machte es mit unsäglicher Anstrengung, mit immer wieder lahm

herabfallenden Armen, notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und

zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt, er kam auf

den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle Fenster seiner Wohnung erleuchtet,

auch einige darüber. Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er

spöttisch, aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte, und

er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun konnte er nicht mehr

gehn, streifte Unkas den Zügel über den Hals und kletterte ächzend und

verzweifelt auf seinen Rücken. »Ja, nun geh, geh doch!« flüsterte er.

Das Pferd fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte mit

geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das furchtbare Tier

wieder still. Die Augen öffnend, sah Georg Wasser unter sich, daneben

einen kreisförmigen Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am

Wasser versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb Unkas

mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und nun hörte er lange Zeit

das schwere Planschen der Hufe im Wasser. Plötzlich ging es mit einem

Ruck bergauf, er hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den

Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder auf ebenem

Boden weiter, entsetzlich langsam, und schließlich stand die Bewegung

wieder still.

Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare standen in der

Nacht und funkelten unablässig. Weiter oben am Himmel jedoch waren

keine, und Georg wunderte sich, daß die Sterne nur noch unten waren.

Ihre kleinen Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren

alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß. Er sah wieder nach

oben, ob dort noch immer keine seien, legte den Kopf in den Nacken,

verspürte augenblicks einen knallenden Schlag und starken Schmerz am

Hinterkopf und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang das

Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer Weile wurde es wieder

ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, tödliche Angst wälzte sich zermalmend

über seine Brust; er glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz

um ihn her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange Zeit

blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend in eiskalte

Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig.

Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel oder dreimal soviel

Stunden.

Achtes Buch.

Hallig Hooge

oder

Die Kammern der Seele

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 49 / 240 题