Schlafzimmer

Sie saß in einem Sessel und sah undeutlich den roten Rücken des Herzogs

sich entfernen, ein Türrahmen war herum, er wurde kleiner in einer

andern Tür, die Augen fielen ihr zu, sie öffnete sie wieder, da sie die

Stimme des Herzogs nahe über sich hörte. Sie sah ihn lächeln, während er

sagte:

»Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm nur, das ist wie für

dich erfunden.«

Sie stand müde lächelnd auf, nahm seinen Arm und ließ sich davonführen.

Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben, die Augen geschlossen, wenn ich

mit Vater blind spielte ... »Kann ich nun aufmachen?« fragte sie leise,

öffnete die Augen und sah den Herzog lächeln ohne zu verstehn.

Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr Kleidrock mit

lichtfarbigen Kissen. Große schwarze Reiher flogen schön über Vorhänge,

und hinter dem Herzog war das gelblichweiße Gewoge und Gewölk eines

großen Himmelbetts. Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der

Nase und sagte: »Ich weiß nicht ...«

Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie zwischen den

gerafften Falten hinein und sah einen schönen und großen, blauen

Schmetterling auf dem Kopfkissen stecken. »Nein, sieh, Woldemar,« sagte

sie, »das scheint doch für jemand anders ...«

Plötzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling wurde zu vielen,

die sich auseinander schoben und umher zuckten, sie fiel vornüber und

sammelte den Rest ihrer Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrücken,

faßte darunter, fühlte sich im selben Augenblick aufgehoben und sanft

niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um sie her, aber sie konnte die

Lider wieder heben. Der Herzog stand deutlich vor ihr, besorgten Auges,

sie fing an, die Ordensreihe auf seiner Brust zu zählen, deren Kreuze

übereinander gelegt waren. »Wie die Schmetterlinge«, sagte sie ganz

leise und sah, daß sie den blauen noch in der Hand hielt. Sie steckte

ihn mit schweren und lahmen Händen auf den Brokatstreifen vor ihrer

Brust, die Augen fielen ihr darüber zu, sie dachte erschreckend: ich muß

es ihm doch sagen, er muß es doch wissen! Schon saß sie wieder aufrecht,

blickte hart und fest in seine Augen empor und sagte, kaum ihre Stimme

vernehmend:

»Du mußt noch wissen ... Es ist etwas -- geschehn. Nein, laß nur,«

wehrte sie todmüde ab, da er eine beschwichtigende Bewegung machte,

»einmal muß es doch sein. Nun -- mußt du -- ganz verstehn,« brachte sie

in Absätzen hervor, »willst du?« Er nickte.

Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts mehr erinnern.

Endlich dämmerte es langsam wieder, sie hielt sich mit beiden Augen an

den verschwimmenden Linien der weißlichen Wässerung in einer

orangefarbenen Schärpe und sagte, seine Hand fassend:

»Josef ist -- tot. -- Erasmus ...«

Da merkte sie, daß ihr Kopf sich ganz tief neigte, und dann lag sie

wieder. Sie brachte mit unsäglicher Mühe die Lider hoch, sah das Gesicht

des Herzogs und hörte ihn, gütig zuredend, sagen: »Nun mußt du aber

schlafen ...«

»Erasmus«, flüsterte sie sehr leise, »ist böse, nicht?« Der Herzog

nickte und nahm ihre Hand. »Aber Josef,« sagte sie heller und froh,

»Josef ist gut! Ist er nicht gut?« fragte sie, sich schnell aufrichtend.

»Liebes Kind,« hörte sie den Herzog sagen, »du drückst mir das Herz ab,

es ist ja nun genug! -- Mein Gott,« stöhnte er ganz erschüttert, saß da

neben ihren Füßen und hielt die Stirn in der Hand, »mein Gott, es ist ja

fürchterlich, wie du dich aufrecht gehalten hast!«

Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich den Kopf

streicheln soll! -- Sie legte die Hand auf sein Haar und hörte sich

ferne sagen: »Haltung, lieber Freund, giebt es ganz umsonst, wenn das

Schicksal seinen Tribut -- --«

Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber sie konnte nicht

stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder auf und sagte mit kleiner

Stimme: »Du meinst vielleicht, -- weil sein Gesicht -- weil er -- -- nur

noch halb ist ... Aber weißt du, -- er hat ja eine -- -- Ergänzung, --

oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht gut paßt, sie ist

ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt du's!« sagte sie triumphierend

und dachte: wie vernünftig ich doch sprechen kann, er merkt sicher

nichts. »Und siehst du,« fing sie wieder an, unterbrach sich aber und

sagte: »Hast du's gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika

behauptet, daß ich immer >weißt du< sage, aber das tue ich gar nicht.

Nein, siehst du, Josef, -- du mußt nicht denken, daß er es nicht gewußt

hat. Oh, Josef ist so gut, so gut, er ist ein solcher Held, er sagte:

ich fürchte mich nicht! -- Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du,

immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel ist, weißt du,

und dann in den Wiesen, am Wehr, oh wie das rauschte, hörst du? ganz

laut -- höre ich es ...« Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her

und sprach heiß und eilig weiter: »Kein Wort, hörst du wohl, kein Wort

hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem Vater sagen, daß er kein

Wort gesprochen hat, er war ein Held, war er nicht? -- _Was not he?_«

flüsterte sie, »das ist englisch ... Ach, meine Stimme -- will gar nicht

mehr«, sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte

erloschen.

»Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen«, sagte jemand.

»Muß ich?« fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen.

»Ja, ja, du mußt«, sagte die gute Stimme wieder.

»Dann will ich gern, wenn du's sagst«, flüsterte sie gehorsam, drehte

den Kopf auf die Seite und machte die Augen fest zu. Gleich aber öffnete

sie die Lider wieder, lachte leise und fragte: »Ists so recht?«

Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich und empfand

dankbar die Dunkelheit.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 46 / 240 题