Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür, rüttelte mit aller
Kraft und brachte sie nicht auf. -- Ja, was ist denn? fragte sie sich,
ablassend. Es war dunkel; was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker
an Reinholds Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich,
Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre Angst, sie weinte:
Ich muß ja fort, ich muß ja fort! -- Indem hörte sie links hinter sich
ein Knarren, die große Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit
seiner Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in ihrem
Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen vorbeiziehn. Kaum
hatte sie dies gesehn, so flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie
erschrak und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich
Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in den Wagen
schnitten, und nun sah sie im schmalen Spiegel gegenüber ihr Gesicht.
Jetzt kommen Leute, dachte sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und
sah, daß sie in einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt
umgenommen, dachte sie, es schadet nichts. -- Sie schloß einen Haken am
Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor und sah im Spiegel ihre
Augen, sehr dunkel und tief in den Höhlen. Man sieht mir nichts an,
dachte sie verwirrt, saß in einer großen Leere und merkte, daß der Wagen
stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht kam ganz nah an die
linke Scheibe, sie drückte Haupt und Rücken an und saß aufrecht, die
Arme nach beiden Seiten gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes
Brausen, die Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche
Schaumfläche des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den
vorübersinkenden Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie lange dauert
diese Qual! -- Heftig erschreckend fiel ihr ein, ob Reinhold denn
überhaupt wußte, wohin sie wollte, sie rückte ans Fenster, sah die
Alleebäume dunkel, umwogt von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig
an den Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die Wagentür
aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen, sie raffte Mantel und Kleid
und dachte: Zusammennehmen ...
Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe der Universität
vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren Augen, groß und größer wurde der
dunkel glänzende Fleck ihres violetten Kleidrocks, auf den sie
hinuntersah, sie glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die
oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher, fragte sie etwas,
sie antwortete: »Zum Herzog.« »Seine Königliche Hoheit --« hörte sie
sagen und unterbrach: »Herzog Trassenberg.« Der Mann verbeugte sich und
ging fort.
Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor mit Türen zur
Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen, nur sitzen zu können,
hinein. Musik ... sagte sie, aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle,
singende Stimme schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu,
eine Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine Wand mit einer
schwarzen Tafel, darunter ein Podium und ein Katheder. Ach, dachte sie,
ein Hörsaal ... Weiter vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums
Kopf und Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte und zu
einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren aufsah, das in der
Einbuchtung des Flügels stand, ihn lächelnd ansah und sang. Nun wurde
auch das Profil des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart,
große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen Brauenbögen;
sie sah das nach hinten gestrichene, lang fallende Haar und glaubte den
Menschen zu kennen. Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen
zwischen den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme, die
ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, da sitzt er
nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln im Herzen, sie lehnte sich
an den Türrahmen, die Augen der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie
sang weiter, obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder
abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte, die Augen
glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen schienen etwas
vorzustehn, sie sah munter und herzlich aus, und als sie nun wieder
lächelte, mußte Renate es auch tun, während eine zarte, auf und nieder
schwebende Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder davon
abzog und sie die Worte hörte: »Der mich ins Zimmer trägt, mir in die
Hand -- Wärmend ein Herz giebt mit Glutenbestand.« Dann wechselte die
Tonart in Moll: »Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und Schnein ...«
sang das Mädchen wehmütig, fragend, wartete ein Weilchen auf einer
Fermate in der Höhe und endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen
Lauten in der Mittellage, eintönig: »Frier' ich am Feuer und blase
hinein ...« während aber dahinter die Klaviermusik in einem lustigen
Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung nahm und abspringend,
wie ein landender Vogel, mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete.
»Bravo!« sagte Benno hochentzückt, »Du hast herrlich gesungen, ganz
herrlich!«
»Guck mal da!« antwortete die Sängerin, »da steht Fräulein von
Montfort!«
Benno drehte sich um und sprang auf; sein heißes und gerötetes Gesicht
wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem Dienern auf Renate zukam, die
Arme schlenkernd nach außen bewegte und lächelte und etwas stammelte mit
seiner gebrochenen Stimme.
»Guten Abend, Benno,« sagte Renate ihm die Hand reichend, »war das von
Ihnen? Ach, machen Sie's noch mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie
so gut sein?« fragte sie das Mädchen, in dem sie nun Bennos Braut
erkannte, und das gleich bereit war. »Heliodora gebietet,« sagte sie zu
Benno, der sich maßlos wand und zierte, »also los!«
»Es ist aber ganz unbyzantinisch«, suchte Benno sich herauszuwinden. --
Renate schwindelte es plötzlich, sie beherrschte sich mühsam, ging auf
eine graue Bank zu und setzte sich. Bald darauf hörte sie das Klavier
wieder, ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und nieder
und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher schmetterte eine singende
Stimme:
Lieblich ist Sommer mit Ähren und Mohn,
Ach und die Bäume entlaubten sich schon ...
Die Stimme, während das Klavier rumorte und aus der Fassung zu kommen
schien, wurde wehmütig und murmelte:
Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab;
Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab,
Find't mich doch keiner, der eilig und gut
Um mich den Mantel der Zärtlichkeit tut ...
Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd und ein wenig
schnüffelnd wie ein unruhiges Tier im Baß, Renate öffnete die Augen,
glaubte Schritte zu hören, da erschien die rote Uniform und das Gesicht
des Herzogs mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da, aber er
schloß die Tür hinter sich. Renate bewegte sich nicht, sah ihn nur
unendlich erquickt und beruhigt an, nur mit ihrer Haltung andeutend, daß
gesungen wurde und nicht zu stören sei.
»Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand --« hörte sie wie vorhin,
die Worte entgingen ihr, gegen Ende stand sie langsam auf, der Herzog
bewegte sich vor, und sie faßte seine Hände. Es war still.
»Danke schön, Benno,« sagte Renate den Kopf neigend, »dank Ihnen
tausendmal, kleines Fräulein! Und -- Benno, -- mir ist etwas
eingefallen, -- ich möchte Sie gern um etwas bitten ...«
Sie sah das Mädchen bittend an, die verstand, nickte Benno zu, rief:
»Ich warte auf der Terrasse!« und lief mit halbem Knicks vor dem Herzog
hinaus.
»Dies ist Benno Prager,« erklärte Renate, »du kennst ihn wohl ...«
Benno mußte in seiner tödlichen Verlegenheit herkommen und dem Herzog
die Hand geben. Da wurde wieder der Boden und alles umher weich und
löste sich um sie, auf einmal saß sie, sah das besorgte Gesicht des
Herzogs nahe über sich, drückte ihm die Hände und sagte leise: »Nichts
-- fragen, Liebster, ich -- ich darf noch nicht denken. Nur ein wenig
ausruhn!« bat sie müde. Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre
Gedanken zusammen, merkte, daß hinter ihr etwas Hinderndes war, an das
sie nicht rühren durfte, öffnete die Augen und sagte:
»Es ist nur, -- ich kann nicht zu Hause schlafen heut nacht. Ich dachte
erst an dich, aber --« es gelang ihr zu lächeln -- »was sollst du mit
mir? Benno, nicht wahr?«
»Aber,« fiel der Herzog ein, »Georg kann ja im Stadtschloß -- -- ja,«
unterbrach er sich, »was das nur mit Georg sein mag?« Und nun glaubte
Renate zu erkennen, daß er selber in Aufregung war. »Ist etwas mit
Georg?« fragte sie.
»Ach ...« Er zauderte. »Ich weiß ja nicht. Er ist verschwunden.
Um Mitternacht sollte doch große Huldigung sein vor der
Universitätsterrasse, im Garten, und jetzt gehts auf Viertel --« Er warf
den Arm aus dem Ärmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu
sehn, und murmelte erschreckt: »Gleich halb eins.«
Renate schwieg und mußte die Augen schließen vor Schwäche. Sie hörte
sprechen, es rauschte in ihrem Gehör. Die Lider mühsam aufbringend, sah
sie aus weiter Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch
kamen sie näher, als sie selber den Mund öffnete.
»Wir können vielleicht«, sagte sie, »so lange in Georgs Zimmer sein, bis
bei Benno zurechtgemacht ist, -- Benno, nicht wahr? Sie haben ja einen
so schönen Diwan ...«
Benno schien erlöst, daß es nicht sein Bett sein sollte, rang die Hände
und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit und Wonne kein Wort
hervorbringen.
Alessandro Stradella ... las Renate fortwährend in kleiner, mickriger
Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter eine ausgewischte Jahreszahl
und, etwas darunter: Pugiani. -- Alessandro Stradella, sagte der Herzog
nun, -- was wollte er denn damit? -- Sein Gesicht und das Bennos
entfernten sich unaufhörlich und schwebten wieder näher, -- nein, um
Gottes willen, flüsterte Renate sich zu, du mußt dich doch
zusammennehmen!
»Wollen wir gehn?« fragte sie und sah lächelnd vom Einen zum Andern.
»Ihr dürft mich nicht auslachen, daß ich so mitten in der Nacht ankomme!
-- Benno, und wie reizend war das kleine Lied!« Sie lachte leise, erhob
sich, wäre aber zurückgesunken, wenn sie nicht allen Willen aufgeboten
und sich zornig angeherrscht hätte. Sie ging mit halbgeschlossenen
Augen, an der Treppe nahm sie Bennos Arm, bald darauf saß sie in einem
Wagen und fühlte, daß er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah Benno
vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat auf die Erde. Dann war sie
in Georgs Zimmer, das sie erkannte.