Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber es blieb schwül
in den langsam dunkelnden Zimmern. Sie ging durch die Räume hin und her,
im Garten stand noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war
lau und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die Sonnenuhr
hinabschauend, und dachte: man müßte sie eigentlich verhängen bei Nacht
wie einen Vogel, der nur am Tage singt. -- Sonderbar verlassen und
entseelt schien ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif
und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich verworren: sind
auch nicht vielleicht wir ganz Andre in den Stunden, wo das Licht uns
nicht trifft und der Schatten uns verließ? -- Alles gute Getier aber
hüllt sich in Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder
betört wie Nachtigall und -- Katze und -- -- Dunkelfalter, fand sie
noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, ist auch wieder so eine
Jasonische Erkenntnis, die man in der Hand hält und nichts damit
anzufangen weiß ...
Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer der toten
Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die Laterne brannte schon
drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. -- Da bin ich auf einmal ganz
allein im Hause, dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald
zwei Jahren! -- Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn
ich nur bestimmt wüßte, daß er nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch
nur auf den Gedanken? -- Da merkte sie, daß sie nur nach oben lauschte,
daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte entschlossen zum Flur und
fragen --, nein, die Dienstboten waren ja alle zur Illumination
fortgeschickt. Hinaufgehn? -- Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn
wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen, sagte der
Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich wieder, und sie wußte
nicht, war er im Hause oder in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs
Vater begütigend zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem längere
Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, wie schnell hatte der
Onkel sich in alles gefunden! wie leicht war es, seine Gedächtnislücken
durch ihn selber füllen zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien
er so wenig zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. -- Wie
munter sie gewesen waren! -- Renate hörte sich von >Heliodora, lächle
mal<, von ihrer Elefantenfahrt erzählen, und Magda wurde geneckt, daß
sie mit Großherzögen zu Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt
und sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude ließ ihn nicht im
Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten zeigen, -- und wie mühelos
gelang es ihr und Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des
Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und ich war so
tödlich müde, -- das Bad muß schuld daran gewesen sein, denn nun bin ich
wacher als je ...
Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück, erschrak ein
wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung im schon dunklen Hohl des
Spiegels, trat nahe daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast
schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten Zügen. -- Wäre
Jason geblieben, oh, stundenlang sollte er reden! aber nun hatte er sich
mit den Andern irgendwie verloren. -- Renate fiel ein, daß er sie geküßt
hatte, und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, sagte sie
zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! -- Da sah sie Jason in
der Kapelle Ulrikas Klavier schließen. -- Ulrika, wo bist du, was ist
mit dir? -- Überall gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast
wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich nichts wußte, und dann
kam das Entsetzliche. -- Nun erwartete sie wieder ein Kind, -- Renate
grübelte, aber was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene
Trauer. -- Was war nur mit Ulrika? -- Ach, nun hat sie wieder kein
Telephon! War etwas mit ihrem Mann? -- Sie sah Ulrikas heilig bleiches,
innen glühendes Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte
Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück davon wieder und
summte, Augenblicke lang sich vergessend und heiter: Und uns sind es
Lichter und süßes Gebrause, -- wie schön ist die Welt!
Der Morgen war doch so schön! -- Das Einhorn! -- Wie sonderbar
erschreckte es mich! -- Armer Georg, wie war er erst glücklich! -- Aber
statt Georgs erschien ihr sein Vater an ihrem Frühstückstisch des
Morgens. Er war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie
freute sich leise, -- wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu haben,
als sie zu verlieren, -- Georg verlor die seine keinen Augenblick. --
Und Irene und Klemens stürzten aufeinander los wie -- ja wie Achill und
die Amazone, um sich mit Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom
Haß ...? Georges -- Renate blieb stehn.
Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast laut. Böse auf
sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum entbehrt hatte, aber so
sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß ichs, jubelte sie auf, ich fahre
zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich bestrafen. -- Aber sie bewegte sich
nicht. Bin ich angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob
den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser, ich
telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach, es ist ja
niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen, eine Stimme zu hören,
trieb sie zum Telephon, schon die Hand am Hörer besann sie sich
vergeblich, welche Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges' oder Irenes,
dann schämte sie sich und bezwang sich. -- Sie stand wieder in der
Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen hinunter zur
Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und legte die Wange auf die
Metallplatte, einen Augenblick erquickt von der Kühle.
Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, die Zimmer, und sah
auf die leere Straße. Beleuchtet, durchscheinend hellgrün hingen die
schweren Laubmassen der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein
Geräusch in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es
rauschte, -- kamen sie schon zurück? unmöglich! -- Begierig neigte sie
sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, und sie zitterte, es
könnte nicht in die Straße einbiegen. Da toste es nahe, schoß, ein
flacher, offner Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog
ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen Strahlenkegel über
die Straßen in die Gärten zu Fenstern und Hauswänden, im Brennpunkt
glotzten grell die riesigen Augen, geblendet sah sie undeutlich eine
einzelne Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend still
neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle Gestalt erhob sich,
Renate sah einen großen Radmantel, auf der Schulter ein weißes,
ausgezacktes Kreuz und erkannte den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im
Gefühl, daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht getan habe, lehnte
sie sich weit hinaus und rief: »Woldemar!« stieß sich vom Fenster
zurück, lief zur Tür, durch den Flur, riß die Haustür auf und lief die
Stufen hinunter ihm entgegen.
Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt vor ihm hielt
sie inne, die Hand ausstreckend.
»Da bist du!« sagte sie, leise vor Ergriffenheit, »es ist wunderbar, daß
du kommst! Mir war so seltsam angst.«
»Angst, Renate, dir?« hörte sie ihn fragen, selig über seine gute,
ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend schien. Sie zog ihn an der
Hand mit sich ins Haus, machte Licht im Flur und staunte, als unter dem
fallenden schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum
Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen mit Orden,
und das Ganze überspannt mit farbigen Schärpen.
»M--m!« machte Renate, »weißt du, -- wir sind ja zwei Schöne! Aber
Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das kommt von dem engen Kragen!«
Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen Stock, in der
andern den losgehakten dünnen Degen. »Laß mich um Gottes willen zu Worte
kommen,« flehte er, »sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine
Ahnung, keine Ahnung, weshalb ich komme!«
Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter. Nicht meinetwegen?
dachte sie, lachte indes fröhlich und fühlte sich ganz kalt. »Aber komm
nur erst ins Zimmer«, sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran
und machte Licht.
»Nun los,« sagte sie, sich zurückwendend, »die Trommel gerührt, das
Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?«
Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen und Sternen, strotzte
sein ganzes, gerötetes Gesicht von Gelächter und Glückseligkeit, und
Renate rief sich innerlich scheltend an: Er ist da, er ist glücklich
über und über, und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen
kommt, schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber seine Augen
schienen ihm die Rede abzuschneiden, er brachte endlich heraus: »Du! Es
ist schwer, dich anzusehn und nicht zu küssen.«
Sie lächelte ihn kalt an und sagte: »Das weiß ich. Es wäre mir aber
lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung anders bezeigtest als die
Andern. Komm, laß uns sitzen.«
In einen Sessel gleitend, hörte sie ihn laut lachen, dann saß er ihr
gegenüber, den Stock quer über den Knien, beugte sich vor, bat: »Rate
doch! Tu mir den Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!«