Garten

Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung,

betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und

den Fenstern im leeren Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise

erstaunend über die große Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter

den geschlossenen Vorhängen den Flügel, die Wände, Vitrine und die

gläserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen ließ. Die Sonne,

dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern

Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. »Nun, Egon,

bist du wieder da? Wie war es denn?«

Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. -- Egon versicherte, es

sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr.

Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde

bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es

doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und stützte den

Kopf in die Hand; -- aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare

Anstrengung ... Er hörte sich wieder die Rede halten im Ständehaus: »...

keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, das

Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... Nur die sichtbare

Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater

nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermüdlich zum Wohle ... Nur er,

dessen kräftiger Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten

aller Stunden erbitte ...« Ach, dachte Georg, das war schön, das war

schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerriß, weil er groß

und mächtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum

Springen füllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott,

wenn ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, daß ich

nur halb das empfinden könnte, was ich nun empfand.

Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, Kneifer, Kahlköpfe,

vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hörte

seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm

heruntergleitend, ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er

steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten

Dragoner und Füsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die

krähende und überlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig

war's wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man

müßte sie noch sehen können an der Wand. -- Ja, nun werde ich wohl erst

eine Weile Soldat werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann

ich nicht verlieren, kann's nicht, kann's nicht. Aber gut, daß es schwer

ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es dann? Er sprang auf, riß Haken und

Knöpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen

kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen

Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte den Band fort, richtete

sich grade auf und ging in den Garten.

Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf in Händen, rote Strümpfe

an den Beinen. Als Georg ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte

ein schwarzes Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war so bleich

mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß Georg, ihm die Hand

reichend, fragte, bemüht, laut zu sprechen: »Ist Ihnen etwas, Klemens?«

Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich räuspernd: »Danke,

nein, danke! -- ja! mir ist nicht grade wohl, aber -- es kommt jetzt

nicht darauf an.«

»Setzen Sie sich doch,« bat Georg, »oder wollen Sie einen Schluck Wein?«

Allein Klemens schüttelte den Kopf, er tränke keinen Alkohol.

Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich Georg, um die

Stimmung ein wenig zu heben. Es sei das Letzte gewesen, was er habe

kriegen können, meinte Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen

gesucht, sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein Bekannter

ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg nirgend zu finden

gewesen.

»Da saß ich am Waldrand und schlief,« meinte Georg gelassen, »und nun,

was habe ich verschlafen?«

»Das«, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden Blick, »kommt auf Sie

an. Das heißt,« setzte er hinzu, »das soll heißen, daß es dabei

keinesfalls auf mich ankommt.«

Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte eine Weile

geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg und sagte: »Da wir

bisher, ich darf wohl sagen, gute Freunde waren, eine grade Frage, -- um

das Ganze zu vereinfachen: Glauben Sie, der zu sein, für den Sie

gelten?«

»Nein«, sagte Georg ruhig.

»Schön, eine grade Antwort,« fuhr Klemens fort; »also, wenn ich Ihnen

dies heut morgen als Neuigkeit mitgeteilt hätte, so würde es Sie in

Ihrem Wege nicht abgelenkt haben?«

»Heute vormittag? Nein.« Wie ruhig ich bin, dachte Georg; ja, all dies

hat nun längst seine Erledigung gefunden.

Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: »Wenn ich

versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht

sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. Sie aber sind anders

aufgewachsen, das heißt --«

Georg erriet seine Frage und antwortete: »Mein Vater und ich wissen es

selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es

nie. Sie sind in schönen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn

ich das sagen darf --« Klemens nickte freundlich, »ich brauche vor Ihnen

nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben muß, wird Ihnen klar sein.

Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran

lag es. Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn Sie --

weiter mein Freund bleiben werden ...«

Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien,

mit großer Rührung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte

kurz und sagte: »Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?«

Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schöne,

kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit.

»Was soll ich bemerken?« fragte Georg.

»Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir

hatten dieselbe Mutter.«

Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige Gesicht mit der

fleischigen, groben Nase, dem schönen Kinn und Mund im Bart und mußte

langsam lächeln, dann erröten. -- Ich erröte ja wieder, durchzuckte es

ihn, -- wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.

»Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts

vormachst«, sagte er leise.

»Die geistige Brüderschaft«, meinte Klemens lachend, »wird wohl doch die

größere sein.«

Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der selben

Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die leichtere Haltung

schuldig zu sein, und sagte: »Also sprich, was du zu sagen hast, ich

habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja

dabei zusehn und weiterreden.«

»Es wird am besten sein,« meinte Klemens, »du selber sagst mir, was du

weißt.«

»Ja, ich weiß fast nichts«, sagte Georg. »Und all das zu erklären, _was_

ich weiß, würde lange dauern. Du kannst es später alles geschrieben

lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde

hier in der Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter

meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine Mutter soll gestorben sein;

im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein

schwächliches Kind zur Welt, und ich wurde --«

»Das Kind war meine Schwester Virgo«, sagte Klemens.

»Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war --?«

»Virgo,« wiederholte Klemens trübe; »dafür, daß ich einen Bruder bekam,

habe ich nun eine Schwester verloren.«

»Unsinn!« tröstete ihn Georg, »was könnten Sie denn da verloren haben?«

Klemens lächelte wieder. »Höre, --« sagte Georg, »dann ist dir

vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner

Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges

Kreuz --«

Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken Achsel aufknöpfte

und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges

Papier und ein Notizbuch hervorzog.

»Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,« sagte er, »sie brachte

seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und

wurde nicht selten von ihr besucht und unterstützt, als ich aus dem

Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor

anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie

seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte

Leute drüberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe,

aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher

vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen

sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier

geschrieben.« Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem

Umschlag. »Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem

Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem

Umschlag bedeuten: für meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar

hat die alte Rüdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn

der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor ein paar Wochen,

in Muttergefühlen, das alte Bündel hervorholte. Ja, nun hat sie ja

Zwillinge --« Klemens strahlte. »Ich«, fuhr er, Georgs Ungeduld

bemerkend, fort, »nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf

aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich zufällig gestern

den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstünde. Er hat mir

dann den Brief übersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl

nichts einzuwenden haben.«

Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen,

die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die

Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines

Kindes, und dachte wehmütig, daß dies die Schrift seiner rechten Mutter

sei, solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben.

»Ist das der Name?« fragte er leise.

»Ja,« sagte Klemens, »Krotkaja oder Kaja Moscherowska --« Georgs Blick

fiel ab.

Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen die drei

schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme

sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte

einen widrigen Geschmack im Mund. »Ist dir nicht gut?« hörte er fragen.

Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und

sah Egon dastehn. »Ich komme«, sagte er und stand auf. Er bemerkte den

Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: »Also was steht in

diesem Brief?« Klemens sagte: »Es steht drin, daß meine Mutter nicht

eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, -- der du bist ...«

Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an diesen Zusammenhängen

noch zu fehlen, aber sein Denken war jetzt gelähmt, er verschob es auf

später. Allein -- da stand wieder Klemens und beanspruchte noch

Aufklärungen. In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den Brief in

kleine Stücke und ließ sie wegfliegen.

»Es ist genug«, sagte er leise. »Komm morgen zu mir. Ich sage dir dann

alles, was ich weiß.«

Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter hatte er nun, ach, er

kannte sie ja sogar, auf Virgos Schreibtisch stand ihre Photographie,

ja, sie war schön, sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild,

ja, die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah die schönen

schwarzen Zöpfe um jene Züge vom >reinsten Ebenmaß<, wie Chalybäus es

ausgedrückt hatte, schmal, die Mandelform der Augen und Virgos

hochmütige Nase, nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner --

seiner andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie das Bild

seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ...

Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, fühlte er immer

deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung seiner Mutter einen

dunklen Hohlraum. Ja, dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich

namenloser vor als vorher.

Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. »Du warst die Nacht nicht hier

im Hause?« mußte er plötzlich fragen.

»Ich? hier im Hause? Was sollte ich --«

»Entschuldige nur,« lächelte Georg, »mir fiel etwas Dummes ein. Alles

andre später, wenn's dir recht ist, nicht?« Klemens nickte ernst. »Ich

werde meinem Vater sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn

freuen.«

»Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,« bemerkte Klemens mit

ermunterndem Lächeln; »also auf Wiedersehn, vielleicht seh ich dich

morgen bei Virgo?«

Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen hinaufgehen zur

Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd und stand stumpf, nachdem die

Tür geschlossen war. Egon war wieder da; er faßte vorn nach seinem

Uniformrock, schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu

helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf die Achseln

und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. Er öffnete die Tapetentür

neben der Schenke, drehte die Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab

und betrat die Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der

Sonnenschein, breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende Balken,

schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern hernieder. Mitten in

einem von ihnen stand funkelnd der Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen

von Lichten. Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne

Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem Steintisch, sonst

war nichts. Langsam stieg er wieder hinunter.

Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der zugefallenen Tür zu

seinem Eßzimmer etwas glänzend Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen

ward es ein schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem

metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt zugleich eine

weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern. Georg sah Schriftzüge auf

dem einen, hob es an und las: Saint-Georges, in großzügigen, steifen,

ein wenig ausgeflossenen Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und

es stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und Fahnen

waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten Bandende las er Jason al

Manach, in kleiner, sehr zierlicher und ganz runder Schrift, die aus

lauter Kreisen zu bestehen schien. --

Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und trug es hinaus. Sich

im Schlafzimmer findend, wußte er nicht wohin damit; er ging durchs

Badezimmer, die Tür zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat

vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk auseinander und

heftete den blauen Falter auf das reine, weiße Kopfkissen.

Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er sich, das

sonderbare Andenken der Nacht betrachtend.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 35 / 240 题