Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte an seiner
Brust und sagte: »Ein großer Mummenschanz, Renate.«
Da mußte sie hellauflachen, sie schlug die Hände zusammen und rief:
»Sagte ich es nicht? Wörtlich, genau wörtlich hast du's eben gesagt, wie
ichs heut mittag hörte, als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen
Orden? Ja, dann vielleicht -- einen Großherzog?«
»Bei Gottes Thron!« rief er, »beinah richtig, einen Sohn habe ich
bekommen, Renate, einen richtigen Sohn, und was mehr? Eine Tochter! --
Und was mehr? -- Zwei Enkel, männliche Söhne, eben geboren, Zwillinge!
Gott sei Dank, nun weißt du's!« Er setzte sich zurück und rollte
triumphierend den Stock über die Oberschenkel hinunter und hinauf.
»Nun, das glaube, wer Mut hat«, versetzte Renate, gänzlich
begriffsverwirrt. »Das mußt du mir er--«
»Erklären?« Er hob Arm und Handfläche und schüttelte sie heftig.
»Nimmermehr! Kein Mensch findet da mehr hindurch. Aber fest steht: Georg
ist mein richtiger, echter, natürlicher Sohn, -- das heißt, verzeih!
wirklich: natürlich, wie man sagt ...« Er schloß ernst und mit leiser
Stimme: »Von einer Frau, die ich sehr liebte, so gut ich das damals
verstand.«
Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, daß jene Kinder zur
gleichen Zeit geboren wurden, und er hatte ihr doch gesagt, daß er
damals die Herzogin liebte. Er schien dies empfunden zu haben, denn er
sagte hastig:
»Du mußt es recht verstehn. Ich erzählte dir von der Frau, der Sängerin,
mit der ich meine erste Reise machte. Ich trennte mich von ihr, aber sie
wollte es nicht verschmerzen, sie -- kurz, ich war einen Monat vor
meiner Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie sagte;
sie bot alles auf, um mich zu -- halten, zu binden, und -- aus dieser
Stunde wurde mein Sohn.«
Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd Renate. Breit,
rot und mächtig sah sie ihn dasitzen, sein Gesicht glänzte metallisch,
er sagte:
»Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war ein harter Kampf, aber
-- wenn Mann und Weib miteinander kämpfen, so giebts nur diesen
Ausgang«, und Renate durchfuhr es: Irene! --
»Merkwürdig,« sagte sie leise, »das gleiche, was du mir eben sagst,
erfuhr ich heute an jemand anders ...«
»Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,« hörte sie ihn leise
lachen, dann fuhr er fort: »Georg wurde fast um einen Monat zu früh
geboren; infolge des Erschreckens über meinen Unfall.« Er stand auf und
ging in den Raum hinein. »Ich kann nicht sitzen,« hörte Renate ihn
hinter ihr sagen, »es tut zwar scheußlich weh, aber --«
Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich aufstoßend. Wenn
er ihr gegenüber war, sah Renate im Schatten der kleinen Schirmlampe
seinen glühend roten Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen
an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte aufmerksam,
ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam weiter von ihm fort.
»Vor dem Abendessen kommt Georg, -- ich weiß nicht, was der Junge hat,
er sah so -- innerlich geduckt aus, freilich, das Beste weiß er ja noch
gar nicht, -- Herrgott, ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja,
wo blieb ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken ganz
eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei, ich kennte sie
selber, es sei die kleine Virgo Schley, -- erinnerst du dich? ach, du
kennst sie ja selbst, -- ich sagte dir, daß ich sie bei Georg sah und
wie ich sie Helene ähnlich fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar
geküßt, ich wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, Renate,
es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn je und je gezweifelt, daß
Georg mein Sohn sei? Nein, nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich
hab es hingenommen, aber geglaubt habe ich es nie! -- Nun das ewig lange
Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem Kind, ich halte es nicht
aus, ich breche auf. Kenne ja Schley, -- du weißt: der neue
Amtshauptmann, er wohnt noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung --,
ja, also denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen hier
draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, -- da höre ich gleich: Zwillinge!
Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei Männer hat dies kleine blasse
Wesen hervorgebracht, ja, ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist
ganz vergnügt, die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß schon
alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage durch einen alten Brief,
der -- ja, verzeih bloß, ich kann das nicht alles aufsagen -- jedenfalls
-- Virgo ist Helenes Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und
wir saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein getrunken und --«
»Woldemar,« sagte Renate erregt und stand auf, »muß denn nun immer Wein
oder so was untergeschoben werden? Könnt ihr denn niemals aus euch
selber weinen und euch vergessen, wenn das Herz überläuft?«
»Ihr, Renate,« sagte er langsam, »wer ist: ihr?«
Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen die Zähne und sah
ihn lauernd an.
»Verzeih, ist dir nicht gut?« fragte er, auf sie zukommend.
Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen lassend, daß sie
klirrte, schüttelte den Kopf und rief:
»Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut, mir ist ganz
wirr im Kopf, -- du weißt ja all das nicht! Das Festspiel am Morgen und
der Zug, das konnte allein genügen für den Tag, und was gab es noch
alles! Josef, weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder wie
zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.« Sie lachte.
»Ach, und das ist längst nicht alles,« sagte sie, wieder trübe, »komm,
sei nicht böse --«
Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, glitt, den Daumen
nach oben, unter den orangefarbenen und blauen Schärpen mit der
Handfläche glättend nach unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte
wieder und meinte: »Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter
Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über und über«, worauf
sie zurückwich, in den Sessel glitt und ihn mit den Augen zu sitzen bat.
Er gehorchte lächelnd und eifrig, indem er sagte: »Noch zwei Sekunden.«
»Und nun, wie ging es weiter?« fragte Renate. Er besann sich.
»Du weintest«, sagte Renate ernst und weich. »Einmal weintest du, als
ich deine Hand hielt, und du warst mir nicht fremd. Weißt du das noch?«
Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: »Ich weinte, weil jemand
starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. Damals aber«, fuhr er
heiterer fort, »dachte ich nicht an dich, obgleich du vor mir standest,
aber heute dachte ich an dich. -- Aber weiter! Es war sehr einfach. Es
fand sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich erkannte es
wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht wundervoll? Blut -- geht
-- zu Blut, kein Magnet hat solche Kraft, die Berge, die eisernen,
brechen nicht auf und wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf
und macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, aber dies Land
wollte seinen Fürsten und bekam ihn, -- ja, so lacht man über
Weissagungen und alte Sprüche, aber innerst im Herzen lebt man schlecht
und recht nur nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr,
hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl -- wie eine große,
metallene Spannung -- die Vorstellung von zwei Wagen, die vor zwanzig
Jahren wie von einem großen Magneten an ein und denselben Ort und
zusammengezogen wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder saßen.
Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen solche Dinge, und wir
sind es, die sie -- nein, aber nun muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte
ich nur eine Ahnung, wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel -- wo ist
mein Degen? ach, draußen ...«
Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die Hand und litt es, daß
er ihre Stirn küßte, dann tappte er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf
den Flur, sah ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte ihm
lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. -- Danach fielen ihr die
Arme schlaff nach unten, ihr Kopf glühte wie Feuer, sie ging dumpfen
Sinnes und mit schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf.