Kapelle

Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im rechten Winkel zu

einander, so daß sie sich sehen konnten, und spielten ohne Noten einen

der heiter und festlich stampfenden Tänze nach dem andern, zuweilen sich

zulächelnd, so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht leicht

emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die laute Musik wieder ihre

leise, fast nur atmende Stimme hörte, mit der sie den reinen Gesang

ihrer Liebe aus sich schöpfte.

»Bravo,« sagte Jason, als sie geendet hatten, »das hat mir sehr

gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und kaum zu begreifen, wenn man so

vier Hände sieht, immer zwei ganz für sich, springend hin und her,

greifend und tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört.

Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig wie schöne Kleider.

Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich, Feuerbach ist auch lauter schöne

Kleider und kein Herz.«

Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl vor der

Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken

Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Händen wie ein

delikates Instrument.

»Kein Herz,« sagte sie, »Jason, das geht zu weit, -- aber --«

»Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,« unterbrach er sie, »ich

meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H --, warte, wir werden das

gleich haben, Halsband, Handwerk --« er zählte, innerlich suchend,

weiter --, »Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir

nehmen,« schloß er blinzelnd und zufrieden, »und nun, was wolltest du

sagen?«

»Ja, nun weiß ichs nicht mehr,« lachte Renate. »Ulrika, vielleicht weißt

du es.«

Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig

nachsänne. Jason aber war aufgestanden. »Ja. -- Ja, gewiß,« meinte er

zerstreut, vor sich hinsehend, »allein ...« Er ging die Stufen hinunter,

hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden und

ging plötzlich durch den Raum und hinaus.

»Was hatte er denn?« fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu

können, ein paar Griffe im Baß, formte einen Übergang, hörte gleich

darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu

einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden

Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen und Lösungen, die sie sich

aufgaben und ausführten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und

gewillt zu sprechen schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika:

»Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. -- Ich habe Reinhold

gebeten, vorzufahren,« sagte er leicht zu Renate hinüber,

»möglicherweise ist es eilig. Aber du mußt dich nicht sorgen, Kind, ich

kann mich auch irren«, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf

Ulrikas Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand

nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte Renate fremd

lächelnd zu und ging mit Jason hinaus.

Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren Fensters stehn,

die alle drei weit offen waren. Nur Grün, nur Grün ... murmelte sie,

hinausblickend. Oben hing ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine

Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom

Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun erinnerte sie sich des

Onkels, -- ob er noch schlief --? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs

Schulter bücken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die

gepreßten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder grade

stand. -- Überflutend plötzlich wünschte sie inständig nach oben: Wäre

doch der Tag schon zu Ende! -- Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren?

fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem

Rücken um und sah Jason wieder eintreten. »Du bist nicht mit ihr?«

fragte sie enttäuscht.

Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, weil er

geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, setzte sich davor, legte

leise den Deckel nieder und drückte einmal fest und weich die

Handflächen darauf. -- Muß ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte

Renate sich ängstlich und verdrossen, -- aber was dachte ich denn bei

diesem Schließen von Ulrikas Klavier? -- Sie wollte sich Worte Ulrikas

ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem schönen Augenblick, wo sie lag und

sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: »Ulrika hat

vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...«

Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate,

daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, und rief hocherfreut: »Was ist

mit deinem Kopf, Jason?«

Er faßte nach der Stirn. »Ist etwas?« fragte er unsicher.

»Das Schütteln, Jason, wo ist es?«

»Das Schütteln?« fragte er. »Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es

gewußt und habe es gesagt,« fuhr er fröhlich fort, »die Zeit,

prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man muß nur zu warten verstehn

und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und

Einzige, was überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch

andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem

Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen.

-- So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel

Mißbrauch getrieben mit der Liebe.«

Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hören, glitt auf die

Fensterbrüstung und fragte, da er schwieg: »Inwiefern, Jason?«

»Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu sein. Ja, wie kann sie

denn? Muß sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang,

mitten im Leben des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie nicht

eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen

kann, mit keiner Münze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun

verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen

dürfen? Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum Geliebten:

Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu

wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage

vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht

glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch:

Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was

soll das bedeuten? und mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe,

machen sie groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies und

jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten

sie und zeugen Kinder und meinen, damit drückten sie nun ihre Liebe aus.

Sie schmieden Pläne und haben schöne Gedanken, sie streiten herum,

weinen und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten

Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten und Kücheneinrichtungen,

und all das halten sie für Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da

wohl etwas Richtiges, denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt

annehmen zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit

dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und

wissen nicht, daß der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verläßt und

kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl,

wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich

die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben,

solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung,

nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und

ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott

will, wirst du nach deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden,

deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die

einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, daß

sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der

dein weißer, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an

demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt wurden, dieweil die

Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die

ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 32 / 240 题