Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die Schönheit der Welt.
Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, ungeblendeten
Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts lächelnde, farbige Träume,
vor Augen die nahe von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und
Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder -- voll großer, noch grüner
Beerenscheiben --, durchspannt von einer leeren Hängematte, durchstochen
von langen, haarfeinen Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber
seltsam schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas; sie saß,
seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock, am Stamm der Kastanie; auf
der goldenen Tunika mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille
ein Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten schwer
aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben sich ins hohe Gras
gestützt; die linke lag im Schoß zwischen einer großen, grünbeerigen
Holunderscheibe und einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch
weißem, feuchtem Kern. -- Glücklich in sich, glaubte Renate sich atmend
zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein Kind, auswärts strebend
nach keiner Richtung, sondern alles in sich habend, Natur und Menschen,
Gegangenes und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar, nun
darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef ist im Haus, Onkel
gesund und froh, und Woldemar fern und nah ... Holunderbeeren ... Wann
sah ich die einmal schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika sie
im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch alles wieder heil.
»Sage, was denkst du, Ulrika?« fragte sie leise. Ulrika wandte langsam
das Gesicht herüber, ihre Augen glitten über Renate hin und blieben
stehn; mit einem eigentümlichen Blick von Glücklichkeit und Ferne, den
Renate nicht recht verstand, sagte sie: »Ich horche ...«
Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle hinter sich Magdas
Singstimme zu hören. Allein es war still. Ein kleiner Vogel zirpte
entfernt im grünen Dickicht. Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate,
zu fragen.
»Du«, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, »hast eine Stunde
geschlafen, und ich war glücklich unterweil.« Sie hob den Stoff im
Schoße ein wenig an, so daß Holunder und Kastanien ins hohe Gras
rollten, glättete ihr Kleid, ein paar winzige Blätter und Stacheln
fortstreifend, und fuhr fort: »Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich
auch der Vormittag war schön, er war so heiter --, aber all das Bunte
war nicht in mir, sondern lose herum, und auch das Glück meine ich
nicht, das heiter ist, sondern das ernste. Eine Stunde davon, --
vielleicht ist das so viel, wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein
Wunsch ihm freigestellt würde vom Schicksal. -- Und nun geht es wieder
weiter.«
Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate ihre langsame
Stimme. »Sage nun alles«, bat sie schlicht.
Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah aufwärts, und mit
einem Schlage war ihr ganzes Gesicht so heilig, daß Renate auf das
tiefste erschrak und sich und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und
bald nur noch hörend.
»All meine Gedanken?« sagte Ulrika leise. »Ich will es versuchen. Eben
stand alles still. Ein Vogel zirpte irgendwo, und mehr war nicht. Die
Sonne wanderte, ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam
die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt geht weiter. Es
geht langsam im Anfang, da kann ich noch allerlei am Ufer sehn, das
geräuschlos zurücktritt, und es dir nennen.
»Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles. Zwischen Seele und
Seele blieb alles so unverändert, wie ich es dir damals beschrieb, du
wirst es noch wissen. Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist
lange her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß es, und
daran dacht' ich heut, als dein Vetter Josef von der Selbstsucht sprach.
Auch er hat mir einmal davon gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen
die Giftblumen aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug durch die
Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen Honig zu schmelzen, das ist
die Aufgabe des Werdenden bis zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. --
Alle seine Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen.
»Doch liebe ich ihn nicht. -- Ich fürchte ihn vielleicht.
»Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, glaubte den
Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte meine Mutter und die
Freunde, schrieb Briefe und las, nannte mich stolz eine Dienerin und
fühlte daneben immerhin das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es
nicht, denn ich liebte die Kunst.
»Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht lieben, sagt er,
man darf sie nur haben. Zu lieben ist die Welt, Kunst ist nichts. -- Der
Schatten auf einem Blatt, die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein
das zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung, die Ebene,
menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen durch Trauer und
Hoffnung, Trübsal, Geduld, Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner
ernsten Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit einer
ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder erkennen und ihn
ansehn und sich verwundern und sagen: Wir sind es. -- Und dann sind sie
schön.
»Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn, sie sahen ihm
lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte ja tastend im Irrsal, aber
er erzog sein Herz. Er diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein,
Schicksale kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom rollte um
sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume schlugen Wurzel auf ihm, und
die Vögel spielten auf im Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es!
-- In seinem Schatten schlief ich ein und war froh.
»Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht. Er liebte so
vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz, er sagte, es sei weich, und
ich gab es und gern. Er trägt ja das Abbild fremder Gesichter in Büchern
nach Hause, und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt sie mit
flüchtigem Strich auf den reinen Grund seiner Liebe zum Lachen und
Weinen, -- wie schön ist die Welt!
»Und alles war gut.
»Alles schien gut, ich wußte es, ich fühlte es nicht. Denn ich war immer
nur ein armer Mensch; das, was ich konnte, tat ich wohl, jedoch am
Grunde meines Lebens wucherte es fort, die trüben Gedanken, wer kann sie
verscheuchen? Denn ich liebe ihn nicht.
»Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen ihm und mir,
nicht daß, wenn er liebend und eifrig sein ganzes Innres vor mich
hinschüttete, daß hinter den goldenen Bergen immer die graue Wand
sichtbar blieb, daß ich seufzen mußte und sein fernes Herz hören hinter
dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Stürmen und Flüssen, dort, wo
ich nicht bin.
»Dies ist es nicht.
»Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern. Oh -- jenseit
ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er wandert fern und wohl zu
Hause ist. Du kannst es heute sehn und morgen, wann du willst --
betreten kannst du's nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus,
Nachtlager, Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es selbst
gemacht, es ist nur, weil er ist.
»Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben könnte, weil ich
nicht hineingelangen kann dort. In meinen grauen Stunden liege ich
davor, die Stirn gebeugt auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden
lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen Hände und fühle im
kalten Stein den zuckenden Schlag seines Herzens, denn voll von ihm, so
voll ist jenseit die göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und
tönen macht, -- ich aber bin dort nicht.
»Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn er liebt? Wer kann
jemals aufhören, zu begehren, wo alles unendlich ist! Wer kann sich an
die Brust schlagen und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die
Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein Vogel, ich flute
und bin doch kein Strom, ich singe und bin nicht Gesang, ich brenne und
bin nicht die Glut, ich schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und
es ist nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.«
Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und sagte nach langer
Zeit kaum vernehmbar leise:
»Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich -- wenn ich nun lausche auf
das ferne Pochen seines Herzens, so höre ich es näher und näher, nahe,
ganz nahe, und endlich ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter
trage ich das seine. Drei Monate sind es bald ...«
Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, ihre Lippen
zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort,
sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein
Hauch:
»Gott! -- Gott! -- Gott! -- Nun habe ich dir alles gesagt, was göttlich
und schön war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine
gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren
Spiegel, vor dein Gesicht. Nun -- laß ichs -- -- fallen.«
Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate
sich langsam auf, kniete, bückte sich auf Ulrikas Hand und küßte sie. In
demselben Augenblick stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so
schwer auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die Knie bis
zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen
Gesang der Liebe; Renate, hülflos auf die Daliegende blickend, weinte
vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und
die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie dalag wie eine
Angespülte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verströmt und
war nun wohl so leer in dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der
sie träfe, einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still,
getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.
Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte nach einer ihrer
Hände; aber wenn sie auch neben einer Gestürzten lag, so empfand sie
doch nur, daß sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich größeren
gebettet hatte, und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen
sie. »Weine nicht, oh weine nicht!« bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil
und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag
sonnig, begünstigt, was kann denn nur fehlen?
Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und sah, daß Ulrika
nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen waren heiß, aber trocken, sie
griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte
ruhiger:
»Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und
sind da wie so vieles in der Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder
Plage, und wir wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen
haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so
erzogen, daß wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klüger
als ich, aber ich gehörte doch zu denen, die nichts wissen, denen am
Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich
von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der
neuen Wohnung hin und wieder so etwas hören wie: Vorläufig genügen ja
vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das nicht,
denn hier ist -- wie sagte dein kluger Vetter? -- eine Lücke im
Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie
der Teufel mit Gott.«
Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mußte, hörte sie immer
härter und zorniger weitersprechen:
»Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen haben, um zu wissen,
du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht
tat, so lasen wir doch nur, -- wie man auch von einer Löwenjagd liest,
ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. --«
Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie
faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: »Du, sage doch gleich: soll
ich Magda bitten, daß wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du
weißt, ihr gehört Helenenruh, und --«
»Du weißt ja noch nicht alles,« unterbrach Ulrika, aber sie lächelte
danach und sagte: »Du bist doch ein praktisches Mädchen, Renate, ich
hatte das gar nicht gewußt.« Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort:
»Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch
heut kann ichs nicht glauben.« Ihre Augen glänzten stumpf, als sie
sagte: »Wir werden von bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm
erzogen, und --« sie jammerte jetzt fast -- »was soll ich mit einem
Kind? was weiß ich von einem Kind?« Sie lachte plötzlich verzerrt, ja
grausam, indem sie schloß: »Ich hab nun schon seit Wochen die
Vorstellung, daß ich sehe, wie mein schwarzer Flügel Kinder bekommt,
immer eins nach dem andern.« Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr
Gesicht.
Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr war, das dies
nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke
lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog
vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: »Nein!«
Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, biß sich auf
die Lippen und sagte wieder: »Nein!« und ein drittes Mal: »Nein!« Sie
sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote
Haar. »Was sagst du?« hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und
stammelte: »Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du
...«
Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, strich mit der
rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schloß
einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika über den Knien und
arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Koloß,
der aus dem Wege sollte und mußte, und dann hatte sie ihn aus dem Weg.
Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn.
-- Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: »Man
denkt diese Dinge nicht, man tut oder läßt sie.« Noch brauste es um sie,
sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl
durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er
vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroßer
Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die
Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grün und Schatten.
»Ja, und nun ist es genug,« sagte sie kalt, »komm, sprich nun weiter, du
Gute!« und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika
zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig
an zu sprechen:
»Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor
Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in
Deutschland. Ich schrieb ihm, daß -- daß wir ja nie verheiratet waren,
daß ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es
wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; daß ich seine
Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten
Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir
schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, daß
ich nun alles verstünde, weil ich selber liebte; daß ich ihn um Freiheit
bitten müßte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja
auch wohl alles, für mich war es das, -- freilich, was wissen wir von
den Gedankengängen eines Andern?
»Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum
ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien
kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, sagte er,
so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese
Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht
in der Hand. Aber daß ich einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu
ertragen. Er ließe mich nicht frei.
»Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick viel schwerer
gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte.
Es war wohl auch kein Mut, es war -- die Henne verjagt den Habicht
blindlings, -- hieß es nicht so? -- Ich war eiskalt vor Angst, aber ich
sagte ihm die Wahrheit.
»Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht!
Laß! laß!« rief Ulrika, die Hände vor den Augen. Sie ließ die Hände
fallen, sah vor sich hin und sagte: »Wie Asche von Papier, so war es.
Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den
Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht
gewesen, auch weiß niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur
ungefähr, wo es liegt, und -- du lieber Gott,« schloß sie
kopfschüttelnd, »was könnte Benvenuto geschehn!«
Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, -- als sei
der Maler plötzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam
und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Züge
sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als ob sie jemand ansehe, und
hörte sie gleich darauf sagen: »Sieh da, Jason!«
Richtig -- Renate wandte sich -- stand dort Jason, halb verdeckt vom
Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, schwarz gekleidet, sehr weiß
von Gesicht durch das Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im
Grase Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und sagte:
»Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.«
Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art, zu sehn, sagte,
wie ihr selber schien, einfältig: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt,
Jason.«
»Es sieht doch aber gut aus,« versetzte er beharrlich, »ihr kennt nur
viel zu wenig meine Vorliebe für schöne Gegenstände. Jetzt zum Beispiel
habe ich Lust, Brahms' deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin
deswegen hergekommen.«
Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an, aber die erhob
sich gleich, stand frei da und sagte: »Gern, Jason, wenn Renate will
...«
Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das Rechte meine; daß es
gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit schönem Geräusch zu füllen und das
Herz zu erleichtern, sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das
Gebüsch auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn, da
sie Jason sagen hörte: »Was liegt denn da?«
Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange Renates, eine
Holunderdolde und zwei grüne Kastanien, ein seltsam armes Häuflein, wie
Spielzeug von einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde.
»Blumen, Früchte und eine Spange,« sagte Jason, sich bückend, nahm die
Spange auf und gab sie Renate, indem er leicht bemerkte: »Das übrige
Spielzeug kann da liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann
andre Kinder und spielen damit.«
Jason wußte, schiens, wieder alles.