Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer völligen
Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke
Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen,
engen Wegen, an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem Haus
gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem
überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht
hoch über der Fensterbank, sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie
sie ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den
Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu
Josef auf, der in der linken Fensterhälfte ein wenig zurückstand und
rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in
dieser Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem
Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates
gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die
stillen, dunklen Augen her, lächelte und nickte. -- Welch ein Frieden,
ach, welche Erleichterung!
Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster über den Beiden, dem
des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hörte Jason etwas
sagen und sah währenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen
auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die
eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der
Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der
Fabrik sein mußte. Es mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. --
Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, indem
er stehen bleibend sie zum Halten zwang:
»Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, wenn du mich
solche Sätze sagen hörst wie soeben.«
Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen
Augen unter sich, versetzte sie: »Nein, Jason, ich finde es immer so
schön, daß ich zu keinem andern Gedanken komme.«
»Das,« sagte Jason, die Stirn senkend, »das ist es. Du triffst den Nagel
auf den Kopf wie immer. So schön, daß ihr euch nicht das geringste dabei
denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche
Einrichtung!« Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er
weiter, indem er sagte: »Ich weiß es alles und trage es in schönen
Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu
wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heißt: sie leben
es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen
Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst du dich dann
vielleicht des langmütigen Jason und seiner blühenden Erkenntnisse?
Nein, denn dann seid ihr alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die
fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß
gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschluß
als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, -- ja, könntet
ihr wohl an einem meiner Sätze gehn wie an einem sichern Geländer,
könntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden
sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine
Reden immer willkommen sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch
klug? -- Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergißt, und
dieses nennt man das tägliche Leben.«
»Es ist deine Schuld, Jason,« sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen
bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rückwand der Kapelle und
undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung
erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. -- »Es ist deine
Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst es, wie soll ichs nennen,
sanft einschläfernd. Du bist zu gut, Jason.«
»Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte
mich hören?«
Schwester Sonnenblume -- tönte es seltsam in Renate nach, wer hatte das
einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so
angeredet an jenem Tage, wo Sigurd --, wo die Todesnachricht von Esther
kam. -- »Nun, was giebt es denn da?« hörte sie Jason indem halblaut
sagen und wandte sich.
Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle stehend, über
die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemüsegartens hinweg
sah sie die rote, häßliche Rückwand des Herzbruchschen Hauses im
Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten
Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll
herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden
jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das
Buschwerk zu heben und zu drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich
verwundert: Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! -- Indem
erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem,
faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strümpfen mit
gerollten Wülsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und
schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu
sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber starrte, deren Gesicht eben
deutlich im Blätterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens
gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg
mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie außer sich
Irene an:
»Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt
verfolgen? Sie -- oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist
Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?«
Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, über den
Zaun zwischen ihnen faßten sie sich und fingen an sich zu küssen, so daß
Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und
erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, die Unterlippe
zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das
Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte
aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise:
»Scht! man spricht nicht in der Tragödie.«
War das Ernst oder -- --? -- Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken,
da stand Klemens allein und keuchte, in den Büschen rauschte es noch. Er
wurde jetzt der Beiden ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen
Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an
die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er
stehn, stützte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: »O
Gott!« und noch einmal: »O Gott!« so zerbrochen, daß Renates Herz
klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte den
Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug überm
Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn.
»Nein,« sagte er endlich, »geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und
nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.«
Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell übers Gesicht. Mit
beiden Händen am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu
bemerken und schnob: »Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte
Mummenschanz ist an allem schuld!« trocknete sich die Augen mit den
Händen und blickte Renate trostlos an.
»Es war ja schon das zweite Mal,« sagte er leise; »wenn wir uns sehn,
geraten wir aneinander, so oder so. Ja, wie bin ich denn hier
hereingekommen?« fragte er, stecken bleibend.
»Ich vermute,« sagte Jason ruhig, »Sie wollten eigentlich ins
Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen, sind Sie in Ihrer
Verwirrung hineingegangen, weil Sie's kannten.«
»Das wird es gewesen sein«, versetzte er stumpf.
Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im schwarzen, wehenden Kleid,
kam sie leicht und schwebend daher.
»Hören Sie nur,« sagte Klemens, der sie nicht sah, »ich habe sie immer
geliebt. Aber das ging mich allein an, und sie haßte mich ja, ich sie
auch wegen ihrer lächerlichen Lebensführung.«
Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete die Hände unter
der linken Brust, sah zugleich schmerzlich und beseelt und fast
glücklich aus.
»Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, oder mittags
meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag draußen gewesen, um zum
Großherzog zu gelangen, konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu
Herzbruchs. Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten Zeuges
zu zanken, -- es durfte ja keiner ohne Kostüm draußen herumlaufen, da
bekam ich dies geliehn, und sie verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an
dynastischen Festen, und da --« Indem drehte er sich seitwärts und sah
Irene dastehn.
»Ich war bei meinen Eltern,« sagte Irene leise, »aber es ist niemand im
Haus. Da kommst du wieder, und es ist wohl recht, und -- da bin ich.«
»Zu mir?« fragte Klemens entsetzt. »Da sei Gott vor! Und dein Mann?«
»Ich -- du -- zu meinem Mann schickst du mich?« fragte sie leiser. »Und
ich war doch schon da ...«
»Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da gemacht?« stöhnte er.
»Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm bleiben könnte. Es
war schrecklich ...«
Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich, aber Irene kam nun
zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate fühlte, daß sie innerlich zitterte.
»Was sagte er?« fragte Klemens.
Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: »Nichts. Gar nichts. Er
saß da und -- sah mich an. Da bin ich wieder gegangen.«
Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie und schluchzte: »Du!
schämst du dich denn nicht?«
»Eins, zwei, drei, marsch,« sagte Renate kräftig, »entweder Sie
beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie gehn Ihres Weges, Punkt.«
»Klemens! Klemens!« flüsterte Irene angstvoll, aber er bearbeitete seine
Stirn mit den Fäusten und weinte in sich hinein.
»Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,« flüsterte Irene an
Renates Ohr, »wir müssen Geduld haben.«
Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte Irene verstört an
und sagte: »Meinst du denn, ich wollte meinem Freunde seine Frau
wegnehmen? Meinem Freunde, von dem ich alles habe, was ich bin? Das
einzige, was er hat?« Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände aus,
er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend, drehte um und stürzte
den Weg hinunter wie ein Trunkener. Irene hob, ihm nachsehend, ihre
Handgelenke, wischte um die roten Eindrücke und sagte leise: »Du tust
mir unrecht, Ot--, Kle--« Sie schrak zusammen und flüchtete sich zu
Renate.
»Ich habe noch niemals«, sagte Jason ganz ergriffen, »an einem sonst
vernünftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun
kehrt er wieder um.«
Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar
Schritte entfernt stehn und sagte:
»Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich
glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, daß du seine Frau gar nicht gewesen
bist, daß du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das
war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. Das genügt mir.
Wenn du doch Kinder hättest! Dann könnt' ich denken, du hast wenigstens
deine Pflicht getan. Aber so -- bloß mit einem Manne gelebt und gelacht
und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir --, und dann wirst du eines
Tages kommen und sagen, du hättest dich wieder geirrt -- so wie damals
mit deiner Gottesmutter.«
»Warum so hart?« sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fühlte,
doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: »Geirrt? wie meinst du
das?«
»Ich meine,« versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Würde, »daß
du damals ebensogut wie zu Otto zu mir hättest kommen können. Mich
kanntest du freilich nicht und hättest mich schwerlich da gesucht, wo
ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau
dieselbe Zeit.«
Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief ganz erlöst:
»Klemens! Aber dann wissen wir's ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann
war's meine Schuld! Dann ist ja alles gut!«
Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: »Das meinst _du_!
_Ich_ finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spät. Wievielmal,
sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und
meine Freundschaft -- all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, daß
ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?«
»Der Dritte?« fragte sie zurückweichend.
Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: »Hattest du nicht einen
himmlischen Bräutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du
nahmst einen Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und
kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die
einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen:
Das Zeichen war falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester
werden sollte? Darum sage ich --« Er brach ab, sein Gesicht wurde weich,
er sagte erschüttert: »Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir
gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das
kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern
nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stücke
gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl!« Er
drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene
stand hülflos.
»Vielleicht«, hörte Renate Jason neben sich sagen, »wunderst du dich
nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erläuterung! Wie
hinfällig sieht doch die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der
Treue aus betrachtet.«
Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied
sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: »Was
soll nun werden?«
»Ich kann nicht weiter«, erwiderte sie erschöpft, widerstand aber
Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden
blickend.
»Ja, nun -- immer gleich helfen lassen«, sagte Jason. Irene blickte ihn
fragend an. »O nein, nein, Kind,« fuhr er gelassen fort, »möchtest du
vielleicht Redensarten von mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum
willst du nun durchaus von deinem Mann fort?«
»Ach, Jason, du bist furchtbar,« seufzte Irene, »glaubst du denn auch
nicht, daß ich Klemens liebe?«
»Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, daß
du ihn liebst. -- Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du,
das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.«
Irene richtete sich auf. »Ich will ihn nicht heiraten. Ich weiß nur, daß
ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt
unaufhörlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tür herein,
damals, und dann hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde
ich wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn ein Mensch so
schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen?
Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von
meiner Ehe, -- ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber
nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun --« schloß sie,
sich zusammenraffend, »nun will ich zu meinen Eltern.«
Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in
ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die
Tür und verschwand.
»Ist es zu begreifen, Jason?« fragte Renate vor sich hin. »Sie lieben
sich und bekämpfen sich doch.«
»Sie bekämpfen einander nicht,« sagte Jason verloren nach oben blickend,
»sie bekämpfen nur immer sich selbst -- durch den Andern. Sie stehen in
Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das
Seine und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,« schloß
er leise, den Kopf senkend, »wie, meint ihr, müßte alle Last meines
Wissens mich zu Boden drücken. Oder nein,« verbesserte er sich trübe,
»ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht -- für den, der
sie nicht braucht.«
Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre Hände, in die sie
verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, daß sie
sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff
sie der Wunsch, zu baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich
in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen
Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid über dem Arm.
»Könntest du mir wohl helfen?« bat sie verlegen lächelnd. »Ich habe mir
doch dein Kleid für heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt
will es nicht sitzen ...«
Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle,
nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: »Bitte, Kind,
erlaube, daß ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und
helfe. Wie spät ist es eigentlich?«
»Es wird sechs Uhr sein,« meinte Magda; »willst du nicht bleiben,
Jason?« fragte sie ihn, der an der Tür stand.
»Richtig, wohl,« versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten
Augen, »ich kann auch bleiben.«
Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer
nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und küßte sie auf die
Stirn. Sie litt es lächelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur
Verandatür ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und
ging hinaus.