Verspätung

Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, jetzt ist

der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen

Großherzog, kein Drum und Draußen, nur meinen Willen und mein Handeln.

-- Renate raffte ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten

Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: »Nun?« Er faßte

sie, da standen überall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen

Zimmers durch die offene Tür sichtbar, und er sagte heiser, sich

räuspernd: »Bitte, kommen Sie dort hinein«, und zog sie mit sich.

Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen

wollte; Georg sah gradeaus, während ihm Anfänge über Anfänge durch den

Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hälfte Großher-- -- wie dumm! --

Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fühlte sich

kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte

sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus,

keuchte ... Renate wurde ängstlich vor seinen Augen; das eine war

kleiner als das andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon

alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg

nun sagte: »Renate ...« flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und

drückte die linke Hand auf seinen Mund.

Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte

sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er ihre Gebärde falsch verstanden

hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht

bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte,

und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: »Lieber

Junge, du kommst ja zu spät ...«

Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er riß die Augen auf,

starrte sie verständnislos an und hörte sie sagen, während ihre

Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glänzten und

funkelten: »Dein Vater war heut morgen schon ...«

Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich

die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber

auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die

Aufregung ... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den Zähnen

und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen aus, daß sie sich

auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn auf der Lehne, gestoßen und

geschüttelt vom Lachkrampf.

Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ...

Andersherum: Eins -- zwei -- drei --. Gotische Bögen. Renate lachte und

lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende

und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und

zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berührung.

Vater! dachte er endlich. Ja, ja, -- ja, freilich, so etwas denkt man

wohl nie von seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater ist

... Warum gut? -- Nun Haltung! sagte er sich fast bewußtlos, merkend,

daß er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang

empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen!

dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.

Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich

die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich

zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich

hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine

Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer

Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, sagte sich:

Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: »Verzeihen

Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...«

Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd hinein, Renate

durchzuckte es, daß dies doch böse war, für später, was sollte daraus

werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte,

so daß ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie

hinaus.

Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete

Blumen, die Menge war außer sich. Georg lächelte und winkte, Renate

hielt sich zurück, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder

in den Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser

Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in

den Saal zurück. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit

außerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand

ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hüte schwangen

und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurück, winkte, lächelte und

fuhr davon.

Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war

er zuhause, um halb vier mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz

Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, Uniform

und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog in Stellvertretung der

Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben

Galatafel im Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles in

der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination und

offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er

schluchzte trocken ... Niemals -- niemals -- niemals ... Und sie würde

die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war

niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, als ob

er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht.

Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er

nüchtern, und Vater -- oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf.

Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen?

-- Niemals -- niemals --. Ihm brannte die Brust, er fühlte sich matt und

elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er,

Montfort hat recht in jeder Beziehung.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 24 / 240 题