Getümmel

Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewöhnlich

hoch und breit war, nämlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne

sichtbaren Kopf für Georg von oben, und er wunderte sich flüchtig, daß

er diesen gewaltigen Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch

ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel für ihn, zu spüren,

wie folgsam und sicher das Ungetüm unter seinem leichten Schenkeldruck

ging und Wendungen machte -- denn er hatte keine Zügel -- immer schön in

ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn

herum, in der übrigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und

Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden

auf der Brust und um den Hals, und es lächerte Georg, daß sein Vater

auch die rote, weiß gewässerte Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens

umgelegt hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing

Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater in einem fort mit Magda

schäkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar

trug, auch entzückend anzusehn war, -- anstatt seine Reitkünste zu

beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schräger nach der

Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot,

und nun merkte Georg auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm,

seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den

Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise Georgs hineinhängende

Füße nicht naß machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein

Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und

ein Klavier, auf dem Benno saß, die Beine an sich gezogen, und

nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die

Überschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus

wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr

zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder

zu einer Tür hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein

schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und düstern

Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren sonderliche Tönung er lange

keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen.

Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, aber nun

war die Überschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und

wie er höher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch

nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen

Ruck ...

Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die

Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam und hatte ein wehendes

Haferfeld mit riesengroßen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich

langsam, die Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige,

braune Furche war davor, in der seine Füße standen, und er saß mit

vornüberhängendem Leibe in etwas Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm

waren Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden in

allen Tiefen lagerte die Ebene.

Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurück.

Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst

umkleiden mußte ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des

Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem

Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, daß Arena und

Tribünen in der Tiefe völlig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei

Viertel und eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit

rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der

Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen.

Georg fuhr zusammen, in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der

Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla-- -- Er sprang in rasender

Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Händen die

Verschlüsse der Decke, brachte mit unsäglicher Mühe eine nach der andern

der neuen, harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im Sattel.

Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, Georg zerrte ihm

wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, dann brach er durch Gestrüpp und

Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und

Buchenstämme. Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, dann

zwang er ihn in schräger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfuß

trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas

vorne nieder und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel zu

nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so kräftig

anknallend, daß er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen

Augenblick, halb gelähmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er

in tobendem Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. Betäubt nach Unkas

blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rücken liegen, kletterte etwas

tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich,

schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang auf und

schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen

und welken Blättern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch

Haselgesträuch ins Freie und saß auf.

Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. War dies wirklich?

fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er

schlafen können? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war

die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen,

Unnatur, Wahnsinn?

Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die

Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor würgender Angst, zu spät

zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend

vor Rührung empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, zwölf

Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was ich fühle ... da waren sie

in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg

der Landstraße. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden

Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bäume flogen vorüber, ach, es

ging längst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war,

über den Pferderücken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der

grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne

Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die

Straße so breit gemacht hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte,

schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du

sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... großer Gott,

das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den

Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich

schon, da kam er angestürzt, -- um Himmels willen, die ganze Straße war

versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die

dunklen Oberkörper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte

vor Wut, riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch in den

trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm

rissen, Unkas lag unter fortwährendem Stolpern fast mehr auf der Erde,

als er lief, endlich war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte

sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg

dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall

an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf

Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich

darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, die entsetzlich

langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam

umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig

auseinanderwichen, ebenso die nächsten, denn sie schrien hinter Georg

her: Achtung! der Großherzog! -- Großherzog, es war zum Totlachen und

die ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. Georg

wollte und mußte hindurch, schrie, so laut er konnte: »Platz! Platz für

den Großherzog!« Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die

Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab

eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm

im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: »Wie spät ist es?« Eine Stimme

schrie hinter ihm: »Gleich zwei!« dann noch mehrere durcheinander:

»Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei!« Georg hielt, riß die Uhr heraus, sie

zeigte unwandelbar drei Viertel eins.

Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten Nacht, murmelte Georg

fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen überall und sahn ihn an,

er bemerkte, daß er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter,

begriff, daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, -- also

dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? -- Nun waren da Häuser, er kam

nur noch im Schritt vorwärts, Gott sei gelobt, da glänzte der weiße

Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach

Zügeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig

das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er faßte, und fragte

ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen

Seiten Hände streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang

in den Wagen, keuchend: »Zum Rathaus, so schnell wie möglich, durch

leere Straßen!« Völlig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke

und schloß die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend

fühlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen

Gliedern, hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber er

fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, düsterrote

Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf

und stellte die Zeiger auf fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu

spät, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen und

Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen Schmuckplatz,

über eine Brücke, und wieder Straßen und Straßen. Er las alle Schilder

über den Läden, die Reklamen, Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie

stand da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von roten

Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao,

Schüsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand über einem

kleinen Weißzeugladen voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter

Langettenkanten und Anordnungen von Weißknöpfen auf blauen

Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen

Parterrefenstern zwischen Blumen und schwärzlichen Gardinen dunkel sein

Gesicht im Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, auch

die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich in der schwarzen Hälfte des

Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu

sehn, die Beule fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel

unter der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen in der

Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich

wieder in die Ecke und stützte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu

werden, in seinem Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte.

Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, aus einem

Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine

schmale, einsame Straße, ein Überdach war rechts, das Deutsche Theater,

Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer

Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen Lettern: Wählt

Plate! -- Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Eckläden voll von

Anzügen, alten Büchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten

Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber

die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon über zwei und zwölf,

ich komme nie hinein! stöhnte Georg, und sofort darauf sagte eine

Stimme: Sie kommen nicht hinein ...

Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte:

Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er

bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es

ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke,

Pferd und Kutscher wellig in den großen Spiegelscheiben des Warenhauses

dahinziehn, dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, nun

mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, nun mit Pyramiden

und Säulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke

geschüttelt und sah vor sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein

Stück noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte dem Kutscher

etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrängen.

Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im

Theaterkostüm, so mußte es kommen: -- Na, na! junger Mann! sagte jemand,

aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches

Aufsehn, aber er kam durch, plötzlich war da der leere Platz, Georg

zitterte und jauchzte, lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes

vorüber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen

Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf ihn eindringen und

prallten in der Luft zurück, er sprang die Stufen hinauf, und Renate

wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ...

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 23 / 240 题