Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend,
sagte hurtig: »Keusche Männer sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts
gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.«
»Heißt er Tobias?«
»Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hündlein hat und
einen Engel in Bogner.«
»Und keusch ist wie Tobias,« lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut,
»oder betete Tobias nicht drei Nächte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie
nahm?«
»Sarah, siehst du,« erwiderte Josef, »war keusch; sieben Männer mußten
Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und
>Azaria, mein Bruder< trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.«
»Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht
plätschern gehört!«
»Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.«
Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand:
»Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich
über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen
Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.«
»Oh, verblüffend!« staunte Josef, »wie das dumme Vieh!« und Renate
erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da
er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und
sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen,
hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und
Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:
»Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur
Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht,
denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen,
der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, -- ach Gott, jeden und
jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem
Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel,
aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als
ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!«
Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. -- _Mio marito_ ...
klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich
zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef
sagen hörte: »Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!«
»Rede weiter, Josef«, befahl sie, ihn anblitzend.
»Jedermann,« sagte Josef, »der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen,
Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben
beliebten Art: die keusche Dirne, -- denn wer, Bogner, hätte sich nicht
eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? -- sondern durchaus bis zu
einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer
Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die
sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit
beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau
Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle?
Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In
einem Lande --«
Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn,
wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste.
»In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas,
hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben.
Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht
blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich
schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es
sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an
Antlitz und Seele gleicherweis --«
»Du schweifst ab, Vetter!« unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die
alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes,
nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und
Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der
Achsel um die Arena trägt.
»Keuschheit«, erklärte Josef, »hat mit der Selbstzucht wie mit allen
übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt aufhören, Tugenden zu
sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der
einst so poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend,
wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen --« Ulrikas Züge
spannten sich aufhorchend --, »sie verfügt über die verblüffende Gabe
der Willkür, diese Gabe -- -- es giebt ein Augenleiden, das besteht in
sogenannten Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer
Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen will -- und
solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der
Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht
ihn wahrhaftig nicht, sie übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder
überfühlt, was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, von
Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es
ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es
nämlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern,
sondern: was jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist
genial, -- glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden
verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins
sind,« Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo
bleibt er nur den ganzen Tag? --
Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend weiter:
»Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann
Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles
eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie
ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu
treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber,
sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und
keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann muß all und jedes ganz von
vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung.
Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit
ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu
verschließen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, wer
wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein
halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die
stärksten Seelen gehn am längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es
kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu
gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, daß es
ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, nicht bloß ein Ebensoviel.
Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die
Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines
Hauptes, sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet
unser Gespräch.« Der Wagen hielt.